Evangelische Kirchengemeinde St. Petri - St. Marien

zurück zur Übersicht

Propst Dr. Christian Stäblein
Predigt am 12. März 2017 in der St. Marienkirche in Berlin,
Gottesdienst mit Fürbitte für verfolgte Christ*innen

gemeinsam mit der Koreanisch-Evangelischen Gemeinde Han-In

Reminiszere. Gedenke. Zwei, drei kleine Steine hat sie mitgenommen. Damals auf dem Weg in die Freiheit. Die hat sie immer irgendwo in der Nähe, die kleinen Steine, unbehauen. Kieselartig. Als Erinnerung. Dass alles gut gegangen ist. Ja, dafür. Und dass noch viele darauf warten, dass sie auch frei werden. Dass sie nicht vergessen sind. Die anderen. Ihre Sehnsucht nach Freiheit.
Zwei drei Steine, bevor sie losging in die Tasche. Und einen Stein, einen hat sie dort, weit weg von allem, umgedreht. Aufgestellt quasi. Auf einer kleinen Anhöhe. Unscheinbar fast. Ein Zeichen der Erinnerung. Gedenke. Der Anderen. Der Freiheit. Des Rechts auf Leben und Glauben. //
Reminiszere. Gedenke. Liebe Gemeinde, das ist ein urmenschlicher Impuls, Inbegriff der Humanität. Dass wir Menschen nicht einfach nur im Lauf der Zeit dahinvegetieren, dass uns etwas bindet und verbindet und das über die Grenzen der Zeit und des Lebens hinaus, das steckt in diesem ‚Gedenke‘. Halte vor Augen. Zeichen der Humanität. Dafür Stelen und Steine. //
Wir erinnern heute, liebe Gemeinde, In vielen Ländern der Welt werden Christinnen und Christen verfolgt. Man schätzt, ja wir müssen annehmen: über 100 Millionen. Eine unvorstellbare Zahl. In furchtbar vielen Ländern. In Ägypten kursieren derzeit Video-Aufrufe des sogenannten IS zur Ermordung der Christen dort. Namentliche Mordaufrufe, Drohbilder gegen die koptische Kirche, ihre Häuser, ihre Menschen, unsere Geschwister. Der sogenannte IS, sagen wir, denn es ist ein Missbrauch der großen Religion Islam. Wir halten das heute vor Augen, damit das nicht vergessen wird. Das Unrecht. Die Angst. Und der Mut, dabei Christen zu bleiben. Die Hoffnung auf uns, die damit verbunden ist. Wir setzen ein Zeichen mit diesem Sonntag: Erinnern ist nicht Theorie, Reminiszere ist Praxis, ist Eintreten für das Recht der anderen. Auf Leben. Auf nicht vergessen sein. Über 100 Millionen. Jeder Mensch einer mit seiner unverwechselbaren Würde. Bild der Schöpfung, Kinder des Schöpfers. 300 000 etwa wohl, 300 000 Christinnen und Christen in Nordkorea. An sie erinnern wir heute besonders. Gemeinsam mit der Han-In-Gemeinde hier aus Berlin, presbyterianische Tochterkirche der Mutterkirche in Südkorea, Danke, dass Sie hier sind, Danke, dass wir mit Ihnen verbunden sein dürfen im Wachhalten des Zeugnisses unserer Schwestern und Brüder in Nordkorea. Es ist ein Leben von Christen dort wie hinter einer für uns fast undurchdringlichen Steinwand, das berühmte Wort vom eisernen Vorhang, hier mag es mehr als irgendwo auf der Welt zutreffen. Diktatur pur, in brutaler Macht. Bibel lesen, öffentlich praktisch
unmöglich. Kirchliches Leben – bis auf einige Schaukirchen – faktisch unsichtbar gemacht.
Menschen inhaftiert. Flucht nur selten und wenn über China möglich. Auch das in größter Gefahr, im Zerrieben-Werden der politischen Interessen. Danke, dass Sie hier sind von der Han-In Gemeinde. Ein Zeichen setzen, Kollekte sammeln für nordkoreanische Flüchtlingshilfe. Reminiszere. Gedenken ganz konkret. Hoffentlich nicht unscheinbar, hoffentlich sichtbar. //
Liebe Gemeinde, einen Stein aufstellen zum Zeichen. Das ist in der Regel der Anfang einer jeden Kirche. Zur Markierung. Hier ist der Ort, an dem wir alles Leben mit dem Schöpfer verbinden. Hier ist der Ort, an dem wir darum bitten, dass Gott sich unser erinnert. Nicht nur wir Menschen zwischen und miteinander erinnern. Nicht nur im Namen der Humanität. Nein, im Namen Gottes.
Dass er unserer gedenkt. Einen Stein aufstellen. Unbehauen, kieselartig womöglich oder eben kunstvoll, ein Stein als Zeichen von Klage und Rettung. Das ist der Altar. So beginnt Religion. Stelenbau im Namen Gottes, ein Haus der Erinnerung Gottes. Wir treten heute an den Altar, weil wir wissen: unser menschliches Gedenken ist begrenzt, fragmentarisch. Unsere Hilfe ist auf Gottes
Hilfe angewiesen. Wir bitten Gott. Für die Menschen, die verfolgt werden. Im Sudan. In Somalia. In Syrien. Im Irak. Wir bitten Gott für die Geschwister, die unter Gefahr und Angst an ihm festhalten in Nordkorea. Ein Gang zum Altar für sie. Das ist das Zeichen heute. Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind. Der 25. Psalm.
Nach ihm, nach seinem ersten Wort hat dieser Sonntag seinen Namen. Das ist die Richtschnur an diesem Tag, an dem wir ein Zeichen setzen und doch wissen, wie begrenzt wir sind. Wir Menschen sind so vergesslich. Unsere Herzen so schnell zugemauert. Da sind Geflohene unter uns. In dieser Stadt. In diesem Land. Geschwister. Christinnen und Christen. Wie schnell vergessen wir. – Dank an alle, die unermüdlich helfen. Die da sind. – Und doch ist es schnell so. Ein paar
Steine mitgenommen auf dem Weg, aber dann fallen sie uns aus der Tasche und die kleine Erinnerungstele wächst zu und unser Gedächtnis vermoost und verwittert wie mein Herz vermoost und verwittert. Ja, deshalb bitte ich Gott um Erinnerung. Um Zeichen. Setze ins Recht. Erinnere uns. Setze das Zeichen, das uns so oft entgleitet. Reminiszere, Gott.
So weit, liebe Gemeinde heute, und wenn auch das Gesagte nicht einfach, so doch klar, fast schlicht. Auf dass wir ein paar Worte mitnehmen, zwei oder drei, aufrichten, nah oder weit weg von hier. Weitergeformt oder unbehauen. Als Bitte für die Verfolgten. Als Zeichen. So weit.
Und nun der Predigttext, das biblische Wort für diesen Sonntag. Es mag auf den ersten Blick so gar nicht zu all dem passen. Aber nun: biblische Worte passen wir uns nicht einfach hin. Sie sind da. Aufgerichtet aus der Erfahrung mit Gott. Wie ein Steinmal zu unserer Erinnerung. Also, Matthäus, 12. Kapitel, ab Vers 38:
Da antworteten ihm einige von den Schriftgelehrten und Pharisäern und sprachen: Meister, wir wollen ein Zeichen von dir sehen. Er aber antwortete und sprach zu ihnen: ein böses und ehebrecherisches Geschlecht fordert ein Zeichen und es wird ihm kein Zeichen gegeben werden außer dem Zeichen des Propheten Jona. Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Herzen der Erde sein.
Die Leute von Ninive werden auftreten beim Gericht mit diesem Geschlecht und werden es verdammen; denn sie taten Buße nach der Predigt des Jona. Und siehe, hier ist mehr als Jona. Die Königin von Süden wird auftreten beim Gericht mit diesem Geschlecht und wird es verdammen; denn sie kam vom Ende der Erde, Salomos Weisheit zu hören. Und siehe, hier ist mehr als Salomo.
// Gott, segne Dein Wort an uns.
Liebe Gemeinde, wir gehen gleich mitten hinein in diese Worte. Sie wollen ein Zeichen von Jesus sehen. Ein Zeichen der Macht von Gottes Sohn. Ein Zeichen des mächtigen Gottes. Aber ja, das will ich auch sehen. Dass er tut, was wir bitten, wonach die Welt schreit, worum die Sehnsucht kreist. Dass er da ist für die Verfolgten. Für unsere Geschwister. Aber ja, dieses Zeichen will ich auch sehen. Mehr als einen aufgerichteten Stein will ich sehen: wahres Recht, endlich Gerechtigkeit.- Und Jesu Antwort? Kein Zeichen. Harte Worte gegen alle, die Zeichen fordern. Was ist das? Schreckliche Unempfindlichkeit, göttlich-ungöttlicher Zynismus gegenüber menschlichem Leid? Nimm Dir halt ein paar Steine mit, hast Du schon mal was, womit Du Dein Grab beschweren kannst? Hat sie sich deshalb damals Steine eingesteckt. Es gibt ja doch nicht das Zeichen, das Du willst? Sicher, liebe Gemeinde, Jesu Antwort hier bei Matthäus steht nicht in dem Kontext, den wir heute haben. Die Zeichenforderung der Umstehenden an Jesus ist eine ganz eigene Provokation – eine Art Test, eine Prüfung, ein Versuch sich diesen göttlich Gottnahen gefügig zu machen. Gib mir, gib uns ein Zeichen – der alte Versuch, Gott in die Hand zu bekommen. Ich
stelle einen Stein für Dich auf, Gott, und Du tust, worum ich bitte. Nein, unter diesem Wunsch und Zerrbild zerbröselt Gott unsere Altäre. So gerne ich diesen Handel hätte. Hier, Gott, mein schönster Stein für Dich, mein liebstes Wort. Und jetzt Du. Los, ein Zeichen. Ach, wär das … – Nein, liebe Gemeinde, kein Zeichen, sagt Jesus, außer eines: das Zeichen des Jona. Verschluckt werden. Untergehen. Neu werden. Gerettet im Verschluckt sein. Das Zeichen des Menschensohns. Sterben. Verloren sein. Drei Tage. Und auferstehen. Kein Zeichen, nur dieses. Ein Antizeichen im Grunde, eines, in dem alle Bilder zerbrechen. Alle. Ja, der Stein ist weg am Ende, weg vom Grab.
Das ist das Zeichen Jesu. Kreuz. Rettung im Tod. - - - Und doch, noch einmal gefragt, liebe Gemeinde, dieses heute zu sagen: furchtbarer Zynismus? Andemonstration am Leiden anderer? Gegenüber den Verfolgten – welche Hoffnung sollte darin stecken? Welcher Auftrag an uns? Welcher Zynismus am Ende das Kreuz, der Gehängte als Heil? Wie denn? Und wie denn anders,
liebe Gemeinde, gerade heute, wie anders, wenn nicht so. Gerade heute lernen doch wir, hier, in aller Freiheit unser Leben, fast schon Zuschauerbank, halt mal nach nem Zeichen gefragt, bei Gelegenheit, Gott, gib doch ein Zeichen, he, mach mal ein Wunder für die anderen – nein, nein, gerade heute lernen doch wir hier von den Verfolgten, von den Millionen, von den 300 000 in Nordkorea, lernen von Ihnen, was Christsein heißt. Unter harten Vorzeichen, im Zerbrechen, in Angst, unter Terror Kraft schöpfen durch den, der im Zerbrechen da ist, im Zerbrechen neu macht, der darin hält und trägt und heilt. Kein anderes Zeichen. Wann, wenn nicht an diesem Tag, wie, wenn nicht von denen, die in Jesu Namen verfolgt werden, hören wir, was das heißt: kein anderes Zeichen als Jesu Kreuz, das ins Leben führt. In seines, voller und gefüllter, als von allen Zuschauerbänken der Welt vorstellbar. Zynismus? Nein, tiefe Hoffnung, aber auch Auftrag: Gott will nicht dieses Leid, er will im Zerbrechen heil machen. Er steht da ein für neues Leben. Das ist unser Auftrag. Dafür sind wir heute hier, liebe Gemeinde, glaube ich: um von der Königin von Süden, wie Jesus sagt, und also auch von den Kindern der Schöpfung in Somalia oder im Sudan, die als Kinder der Schöpfung genauso Kinder des Königs Gott sind, um von ihnen zu
begreifen, was das wahre Zeichen ist. Und so stellen wir auf jeden Stein, auf jeden Altar ein Kreuz. Malen es auf die Steine. Soll ich sagen, die Frau, mit der ich angefangen habe, hat ein Kreuz auf die kleinen Steine gemalt, die sie
mitgenommen hat. Weit weg und weit hinein in Gottes Trost – wie gemalt ein Kreuz. Es wäre eine schöne Vorstellung, wenn ich das sagte. Aber auch ein wenig kitschig. Es ist kein Tag für Kitsch. Es ist ein Tag für die Wahrheit im Zeichen des Kreuzes.
Das Zerbrechen der Zeichen. Das Kommen der Gnade. Unglaublich. Ungläubiges Staunen, so hat Navid Kermani seinen Blick auf das Christentum überschrieben. Ungläubiges Staunen – und darin ein berührender Blick des muslimischen Freundes auf das Kreuz, dieses Zeichen, das ja nicht seines ist, nicht seines sein kann. Er sagt das in weiser Ehrlichkeit, in berührendem Ernst und in herzlicher Verbundenheit. Und Kermani schildert schließlich, wie trotzdem ein spezielles Stahlkreuz, das er für eine Weile einfach so auf seinen Schreibtisch stellt, wie das den Raum verändert. Kermani schließt diese kleine Betrachtung mit den Sätzen: In einer guten halben Stunde beginnt meine Koranmeditation auf dem Kirchentag. So Gott will, werd‘ ich die Kirche von dem Kreuz überzeugen. An prominentem Ort soll es hoch in den Himmel ragen, damit es auf die Menschen strahlt, gleich welchen Glaubens. Gemeint ist ein spezielles Stahlkreuz mit Doppelhelix-Verstrebung von Karl Schlamminger. Auf dass wir uns nicht falsch verstehen, liebe Gemeinde, das ist keine heimliche Missionsgeschichte, die Kermani da erzählt oder ich Ihnen hier präsentiere,
es ist die wunderbare Erzählung des Nichtchristen, der mir – ungläubiges Staunen – der mir interreligiös dialogisch neu begreiflich macht, was das Kreuz ist. Zeichen des Zerbrechens. Und neu Werdens.
Da steht es. Und wir treten heran. Danken für die Christinnen und Christen auf dieser Welt. Danken für die Geschwister in Nordkorea. Danken für die Geschwister unter uns. Danken für die Geschwister, die im Zerbrechen den Weg ins Leben suchen. Auf der Flucht. Auf dem Weg. Unter uns. Wir sind für sie da. Beten für die Verfolgten. Bitten Gott um Beistand. Güte. Barmherzigkeit.
Tun das heute, an Reminiszere, als Praxis der Erinnerung. Beten für die, die – wir wissen nicht wo – aufbrechen, jetzt, ein paar Steine in der Tasche, einen aufgerichtet womöglich. Gedenke, Herr, Gott. An sie. Für uns. Im Zeichen Deines Kreuzes, das Leben verheißt. Leben in Ewigkeit.
Amen.