Evangelische Kirchengemeinde St. Petri - St. Marien

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Juni 2016

Luther 3.0

Beinahe 30 Jahre lang stand die Lutherfigur unbeachtet an der Nordseite der Marienkirche. Nun sollte sie auf ihren ursprünglichen Platz auf dem „Neuen Markt“ zwischen Marienkirche und Spandauer Straße zurückkehren. Dort war sie Teil einer 1895 geschaffenen Denkmalanlage, zu der neben Luther neun Begleitfiguren aus dem Umfeld der Reformation gehörten. Sie wurden im II. Weltkrieg eingeschmolzen – allein Luther blieb übrig.
Vor über drei Jahren haben Vertreter*innen aus der der Berliner Stadtgesellschaft und der Kirche im Zusammenwirken mit Bezirk und Senat begonnen, einen Ideenwettbewerb vorzubereiten mit dem Ziel, ein neues Denkmal am historischen Standort unter Einbeziehung der erhalten gebliebenen Elemente des ursprünglichen Denkmals zu errichten. Eine Rekonstruktion des Denkmals von 1895 war nicht geplant,
Jede Zeit hat ihre je eigenen Kriterien dafür entwickelt, was sie mit Blick auf Luther und die Reformation für erinnerungswürdig hält.
Immer waren die öffentlichen Inszenierungen Projektionsflächen für die je eigenen Vorstellungen und standen auf diese Weise in der Gefahr der gedanklichen Engführung und theologischen Vereinnahmung oder Relativierung.
So ist auch die dem Denkmalkonzept von 1895 zugrunde liegende Haltung einer nationalen Inanspruchnahme längst überholt.

Die Luther- und Reformationsgeschichtsforschung der vergangenen Jahrzehnte macht deutlich, dass es keinen Zugriff auf den inneren Kern der Reformation gibt.
Die Herausforderung für die Teilnehmer*innen des Wettbewerbs bestand daher darin, sich mit der Widersprüchlichkeit Luthers auseinanderzusetzen.
Und mit der Neugestaltung aus dem Erinnern an die Grundaussagen der Reformation zu einer Auseinandersetzung mit den Fragen und Herausforderungen unserer Zeit anzuregen.
Die Aufgabe ist so komplex wie außergewöhnlich.

52 Künstler*innen und Architekt*innen haben Entwürfe eingereicht. Davon sind im abschließenden Preisgericht am 22. Juni vier Entwürfe prämiert worden. Der Siegerentwurf stammt von dem Berliner Künstler Albert Weis, der mit dem deutsch-mexikanischen Architektenbüro Zeller & Moye zusammengearbeitet hat.
In dem Entwurf wird der auf dem Sockel wieder aufgestellten Lutherfigur ein Pendant aus poliertem Stahl gegenübergestellt. LED-Lichter in den Bodenflächen präsentieren wechselnde Texte.
Bei aller Würdigung des kreativen Potenzials sind von Seiten aller Gutachter starke Bedenken geäußert worden.
Aus Sicht historischer und theologischer Forschung reicht (auch im Licht der Widersprüchlichkeit Luthers) der Eindruck einer glänzenden Lichtgestalt nicht aus, zu einer zeitgemäßen Luther-Interpretation anzuregen.
Auch die im Stahlmantel sich entfaltende Selbstbespiegelung des Betrachters / der Betrachterin oder der Stadt schafft kaum neue Zugänge zu Luther oder zu reformatorischen Potenzialen wie Gewissensbindung, Freiheit, Rechtfertigung, Umgang mit Bildern etc. Die Selbstbespiegelung entspricht zwar gegenwärtigem Empfinden führt aber auf diese Weise in die Leere und steht damit im Widerspruch zum Anliegen der Reformation, die in Beziehung zu Gott und zu den Menschen führen wollte.

Aus historischer und theologischer Sicht kann aufgrund der Bedenken die Umsetzung des Entwurfs nicht unterstützt werden.
Vielmehr wird angeregt, die Frage nach einer zukunftsfähigen Deutung Luthers und der Reformation mithilfe der vier prämierten Entwürfe in einer größeren Öffentlichkeit zu diskutieren.
Dazu soll noch in diesem Jahr in der Marienkirche ein Symposion veranstaltet werden. Denn ein neues Denkmal kann – in Analogie zur Entstehung des Denkmals von 1895 – nur im Konsens mit den Bürger*innen der Stadt entstehen.
Unabhängig vom Wettbewerb laufen Überlegungen, für das Jubiläum 2017 ein Provisorium am historischen Ort zu errichten.