Vortrag von Peter Teicher anlässlich der Enthüllung der Erinnerungsplatte für Wilhelm Caspar Wegely auf dem Parochialkirchhof am 15. November 2014

Liebe Gäste hier im alten Parochial-Pfarrhaus!
Ich gehöre seit etlichen Jahren zu dieser Gemeinde. Mein Herz hängt ganz besonders an der geschichtsträchtigen Parochialkirche und ihrem schönen eindrucksvollen Kirchhof.

Als ich 1968 zur Gemeinde fand, wurde mir gleich deren außerordentliche Bedeutung klar gemacht. Hatte der Brandenburgische Kurfürst ihr doch ganz besondere Privilegien verliehen und in alten Zeiten konnte sie sich mit bedeutenden Persönlichkeiten schmücken. Und zur Gemeinde gehörte man damals nicht, - wie üblich - weil man in der Nähe der Kirche wohnte, sondern „durch Geburt“.

Ja, es ist wahr, in der Parochialgemeinde sammelten sich einflussreiche hochgestellte und erfolgreiche Personen. Unterschied sie sich damit von den benachbarten Kirchengemeinden, von St. Nikolai oder St. Marien? Und wieso kamen Ausländer – die Wegelys – ausgerechnet zur Parochialgemeinde? Zur Erklärung ist ein kleiner historischer Ausflug angebracht.

1539 hatte die Reformation in Brandenburg Einzug gehalten, die Lutherische Lehre wurde Staatsreligion. Das war relativ ruhig abgelaufen, viele alte Gewohnheiten wurden beibehalten, etwas überspitzt galten die Berliner als „Kryptokatholiken“.

Reichlich 70 Jahre später kam es zu einem Umbruch. Der Landesherr, Kurfürst Johann Sigismund, erklärte 1613 seinen Übertritt zum Reformierten Bekenntnis, zum Calvinismus. Zwischen den Anhängern Luthers und Calvins gab es schwerwiegende theologische Differenzen, man bezichtigte sich gegenseitig der Irrlehre, von den Kanzeln herab wurden hitzige Auseinandersetzungen geführt. Der Kurfürst wünschte aber keine Konfrontation, er verlangte von seinen Landsleuten nicht, seinem Schritt zu folgen, „die werden schon noch erkennen, dass bei den Reformierten der wahre Fortschritt zu finden ist.“ Bemerkenswert tolerant und politisch klug!

So traten mit ihm buchstäblich nur eine Handvoll Personen, nicht mal die Kurfürstin, zum anderen Glauben über und alle Kirchen in Brandenburg blieben lutherisch – lediglich die Hofkirche – der alte Dom – wurde „reformiert“. Ein Reformierter wagte sich natürlich kaum in eine lutherische Kirche, dort wurden ja falsche Lehren verbreitet.

Die Kurfürsten, in ihrem Amt auch Kirchenoberhaupt, verkündeten Toleranz und versuchten, die Streitigkeiten der Theologen zu schlichten. Kein Bürger sollte wegen seines Bekenntnisses bevorzugt oder benachteiligt werden. Offenbar war es aber nicht gerade von Nachteil, wenn man der gleichen „Religion“ angehörte wie der Landesherr. So sammelten sich im Umfeld des Hofes, also im damaligen Cölln und Berlin, fähige und ehrgeizige Zugereiste aus calvinistisch geprägten Ländern. Die meisten ausgezeichnet durch ein hohes Arbeitsethos, dessen Wurzeln im Calvinismus begründet waren . Viele von ihnen kamen zu Ämtern und Besitz.

Für ihre Gottesdienste hatten sie jedoch nur den Dom zur Verfügung. Und was wäre, wenn der Landesherr aus politischen Gründen vielleicht zum Katholizismus überträte? Dann hätte man für sich gar keine Kirche weit und breit.
So kam es 1695 in Berlin zum Bau einer eigenen Parochialkirche – einer Gemeindekirche wie der Name besagt - für die inzwischen gewachsene Zahl der Reformierten. Dieser Kirchenbau wurde mit allen damals zur Verfügung stehenden Mitteln publik gemacht. Der Kurfürst legte persönlich den Grundstein im Beisein seiner Familie und des gesamten Hofstaats. In großer Stückzahl wurde eine Medaille geschlagen mit dem Bild der geplanten Kirche. Ein Kupferstich mit dem Entwurf des Architekten wurde verbreitet und eine Broschüre gedruckt, mit allen Einzelheiten der Grundsteinlegung.

Und jetzt meine vielleicht nicht ganz unwahrscheinliche These:
Wir versetzen uns in die damalige Schweiz. Ein ehrgeiziger junger Mann aus einer alteingesessenen Familie will der eidgenössischen Enge entfliehen. Er hatte schon viele Erfolgsgeschichten ausgewanderter Landsleute vernommen. Jetzt erreicht ihn die Kunde von der eindrucksvollen repräsentativen Kirche, die sich seine Glaubensgenossen in der fernen Residenzstadt Berlin mit huldreicher Unterstützung des Landesherrn erbauen. Damit schaffen sie sich eine anerkannte sichere Grundlage für eine dauerhafte Existenz in der Stadt. Und dann erfährt der junge Mann auch noch, dass als erster Prediger der neuen Kirche ein Landsmann wirken soll: der Professor Jeremias Sterky aus dem Kanton Bern. Jetzt gibt es kein Halten mehr. Der 22jährige Johann Georg Wegely aus dem Kanton Thurgau – der Vater „unseres“ Manufakturgründers - macht sich auf nach Berlin. Es liegt auf der Hand:
Ohne Parochialkirche keine Auswanderung aus der Schweiz und damit letztlich auch keine Porzellanmanufaktur in Berlin!

Hier muss Johann Georg zwar feststellen, dass die fast fertige neue Kirche bei weitem nicht so prächtig ist, wie auf den vielen Publikationen dargestellt, inzwischen hatte der Rotstift leider umfangreiche Vereinfachungen erzwungen. Ihn stört das nicht, er schließt sich der immer noch vergleichsweise kleinen Reformierten Gemeinde an, unterstützt diese dann auch finanziell und wird schließlich Mitglied des Presbyteriums, der Gemeindeleitung.

Sein Sohn, der für unseren heutigen Tag wichtige Wilhelm Caspar, steigt zwar nicht bis zur Gemeindeleitung auf, aber auch er ist ein angesehenes Gemeindeglied. In der Chronik der Gemeinde werden die Wegelys als „wohltätig und freigiebig“ gepriesen. Schon eine oberflächliche Sichtung der Akten zeigt eine Summe der Zuwendungen von 1.750 Talern, das sind nach heutigem Wert mindestens 100.000 €.

Selbstverständlich wurde auch der Sohn „unseres“ Wilhelm Caspar, Carl Jacob Wegely freudig in der Gemeinde begrüßt. Er ist schon mit 29 Jahren Mitglied des Prebyteriums, ihm wurde die Verwaltung der Kirchenkasse übertragen.
Zitat: Dieser reiche Handelsmann erfreute sich des besten Rufes und war ein einfluss-reiches Mitglied des Presbyteriums. Leider wurde ihm bei der Führung der Kirchen-kasse zu großes Vertrauen geschenkt, so dass z. B. in den Jahren 1785 – 1789 die Rechnungslegung unterblieb. Nach der nun endlich an ihn gerichteten Aufforderung hierzu vergingen noch 9 Monate, ohne dass Wegely ihr entsprach. Er kam auch jetzt nicht zur Sitzung, in welcher er persönlich Rechenschaft ablegen sollte. Genug, die Firma hatte, wie schon gerüchteweise verlautete, Bankerott gemacht.
Wegely hatte 16.969 Taler unterschlagen. Eine gewaltige Summe – der Jahresetat der Gemeinde lag bei 4.000 Talern. Der Bestand der Gemeinde und der Kirche war in Frage gestellt. Durch nachfolgende Jahre strengster Sparsamkeit konnte die weitere Existenz ermöglicht werden. Der Name Wegely hatte in der Gemeinde seinen Glanz verloren.

Wer sich im Leben fest an eine Kirchengemeinde bindet, der möchte seine letzte Ruhestätte auch auf einem gemeindeeigenen Begräbnisplatz finden. So ermöglicht uns der Kirchhof an der Parochialkirche Einblicke in das Leben und Sterben der Familie Wegely.
In den Unterlagen der Gemeinde sind die Beisetzungen festgehalten:
_am 4. März 1755 Johann George Wegely berühmter Kauf- u. Handelsmann u. Kirchen-Mitältester der Parochialkirche,
_am 17. September 1764 Wilhelm Caspar Wegely Fabrikant, Kauf- und Handelsmann. Hier ist auch der Hinweis zu finden auf seinen Geburtstag am 15.11.1714. Andere Quellen nennen den 5.11.1714. Vielleicht erinnern wir heute mit 10 Tagen Verspätung an ihn, das ist bei 300 Jahren eine vertretbare Abweichung!
_am 30. September 1792 Carl Jacob Wegely, 1782: Kauf- und Handelsmann Ältester und Rendant der Parochialkirche, 1792: Kaufmann und Fabrikant, 1802: Kaufmann

Neben der Kirche fanden in fast hundert Jahren, von 1709 bis 1802 25 Wegelys aus vier Generationen ihre letzte Ruhestätte. Es sind 8 Erwachsene und 17 Kinder. Auch wohlhabende Familien wurden, wie auch hier deutlich wird, von der hohen Kindersterblichkeit nicht verschont. Vor allem handelt es sich um sehr kleine Kinder, von den 17 toten Kindern sind 13 unter zwei Jahre alt.
Tragisch ist auch der Tod der ersten Ehefrau „unseres“ Wilhelm Caspar – Jacoma – im Alter von 21 Jahren.
Das Lebensalter der hier bestatteten Erwachsenen ist durchweg nicht hoch. Während Johann Georg aus der ersten Generation noch ein Alter von 75 Jahren erreicht – vielleicht waren die ersten zwei Lebensjahrzehnte in der Schweiz eine gute Grundlage – wird Sohn Wilhelm Caspar nur 50 und dessen Bruder Johann Andreas Daniel nur 51 Jahre alt. Carl Jacob, „unser“ Kirchenkassenrendant verstirbt schon mit 48 Jahren.
In der Eintragung zu ihm, dem Gescheiterten und Hochverschuldeten, steht: Hinterlassene Witwe Margarethe Eleonore + 6 minorene Kinder. Das bei einer Schuldensumme von 375.616 Talern, 22 Groschen und 5 Pfennigen!

Leider ist heute keine der 25 Grabstellen mehr erhalten. Ein letzter Hinweis findet sich in einem Beitrag der „Parochialglocken“ , dem Gemeindeblatt, vom Juni 1933. Hier wird auf die Grabstelle von Wilhelm Caspar Wegely verwiesen „Mitinhaber der Wollmanufaktur J. G. Wegely und Söhne auf der Insel an der Fischerbrücke in Berlin, begründete 1751 die erste Berliner Porzellan-Manufaktur…“

Wir gehen davon aus, dass die letzten Spuren der Wegely-Gräber den Verwüstungen des Kirchhofs zum Kriegsende im April 1945 zum Opfer fielen.
Schön, dass ab heute ein Stück Erinnerung wieder wachgerufen wird.