Was ist der Mensch – Geist oder Maschine? Aufklärung in Berlin
Propst Johann Joachim Spalding und Julien Offray de La Mettrie

 

Johann Joachim Spalding (1714-1804) entstammt schottischen Vorfahren.

Der Bedeutung seines Namens, der aus den altgermanischen Worten spal/spel (sprechen) und ding/thing zusammengesetzt ist, hat er als berühmter Prediger in besonderer Weise Rechnung getragen.

Als Propst von Berlin hatte Johann Joachim Spalding seit 1764 eine Predigtverpflichtung an St. Nikolai und St. Marien. Die Theologie seiner Zeit präsentierte sich in einer komplexen, heterogenen, von keinem vorausgehenden Zeitalter jemals erreichten und geduldeten Pluralität. Im Rahmen der beachtlichen Liste von Kirchenvertretern, die in Berlin die Neologie, also die Hauptströmung der deutschen Aufklärungstheologie repräsentierten, genoss Spalding unangefochten die höchste Verehrung.

Kennzeichen der Neologie waren die Erhebung der religiösen Erfahrung zum maßgeblichen Kriterium theologischer Urteilsbildung, die Einführung einer konsequenten historisch-kritischen Bibelwissenschaft sowie das Bemühen um eine sowohl traditions- als auch zeitgemäße Verbindung von Glaubensüberlieferung und modernem Bewusstsein.

Als Vertreter der Neologie war Spalding von der Überzeugung durchdrungen, der Mensch sei zu einer unaufhörlichen moralischen Verbesserung bzw. Vervollkommnung fähig.

Entgegen der Gefahr einer religiös moralisierenden Enge im Pietismus meint „moralisch“ im Sprachgebrauch der Neologie in einem ganz umfassenden Sinn alle Selbst-, Welt- und Gottesbezüge der Menschen. Die schonungslose Vergegenwärtigung der eigenen inneren Antriebe, Neigungen und Leidenschaften sind für Spalding von entscheidender Bedeutung für die Erkenntnis Gottes, der Natur und des Guten.

Programmatisch wiederkehrend nennt er als Ziel der Selbstbildung und –erkenntnis reine Glückseligkeit, die sich darin äußert, mit sich selbst im Reinen zu sein und Gott zum Freund zu haben.

In seiner weit über die Kanzel hinausstrahlenden auch religionspublizistischen Wirksamkeit verstand Spalding es wie kein anderer, die Glaubensüberlieferung zu vereinfachen und lebenspraktisch zu plausibilisieren. Die von ihm erhaltenen Predigten umspannen einen Zeitraum von mehr als 30 Jahren. Den Anfang setzt die Abschiedspredigt aus seiner ersten Gemeinde in Lassan (Vorpommern) aus dem Jahr 1757. Die letzte erhaltene Predigt aus Berlin stammt aus dem Jahr 1788.

Das jähe Ende seines öffentlichen Verkündigungsdienstes hängt wohl mit dem Woellnerschen Religionsedikt zusammen. Unter dessen Eindruck hatte Spalding 1788 seine aktive Predigertätigkeit aufgegeben. Mit dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms II. im Jahre 1786 änderte sich nämlich das religionspolitische Klima in Berlin / Brandenburg. Die unter Friedrich II. jahrzehntelang gepflegte Kultur und Lehrart der Aufklärung wurde zunehmend als Bedrohung der Grundsäulen christlichen Glaubens angesehen. Mit scharf formulierten Anweisungen von Seiten des Konsistoriums wurden die Geistlichen unter Androhung schwerer Strafen strikt auf die Inhalte der Bekenntnisschriften ihrer jeweiligen Konfession verpflichtet. Spalding befürchtete eine „verketzerungssüchtige“ Bespitzelung seiner Predigten und betrat die Kanzel hinfort nicht mehr.

In vier Predigtsammlungen erschienen, sind knapp 75 seiner Predigten enthalten. In Einzelveröffentlichungen sind darüber hinaus ca. 20 weitere Predigten Spaldings als Literatur zur Erbauung nachzulesen.

 
Skript der Lesung am 11. Mai 2017 in der St. Marienkirche
im Rahmen der Reihe „Reformation(en) – Aufbrüche in der Mitte der Stadt. Beiträge als Dialog zwischen Theologie und Kunst“
anlässlich des Reformationsjubiläums 2017
Textauswahl aus „Die Bestimmung des Menschen“ und den Predigten Spaldings sowie Kommentar: Pfarrerin Cordula Machoni

Johann Joachim Spalding – Einführung

Es kann nur verwundern, dass der Name Johann Joachim Spalding nicht in einem Atemzug genannt wird mit Lessing und Mendelssohn. Evangelischer Nathan wird er schließlich vielfach genannt. Dieser stets um Vermittlung bemühte Aufklärer, der nie mit dem autoritären Gestus des akademischen Gelehrten begegnet sondern vielmehr als unprätentiöser, heiterer Menschenfreund. Mit dem erklärten Ziel, den Menschen Glück zu verschaffen, nämlich durch Selbsterkenntnis und Selbstbildung auf dem Boden des Evangeliums.

Doch, beginnen wir am Anfang.
Johann Joachim Spalding wird 1714 in Mecklenburg geboren.
Die Empfindungen des Gewissens auf Gott hin sieht er durch einen einfühlsamen Religionsunterricht schon früh und stark in sein Herz eingepflanzt. Die streng lutherisch geprägte theologische Fakultät in Rostock, an der er sein Studium beginnt, erlebt er dagegen als enttäuschend.
Kaltsinnig seien die Dozenten und außerstande, ihre eigene Frömmigkeit auch bei den Zuhörern zu wecken. Sie werde vermittelt als „trockenes Werk des Verstandes und noch mehr des Gedächtnisses“. Theologische Urteilssicherheit und Orientierung seien auf diese Weise nicht zu erlangen. Nach fünf Semestern beendet Spalding sein Studium.

Bis zur ersten Pfarrstelle sollte ein 16 jähriger mühsamer Weg vor ihm liegen.
Interimsstellen als Hauslehrer und Gesellschafter und längere Aufenthalte im Elternhaus nutzt Spalding zu autodidaktischer Aneignung und Vertiefung von Wissen sowie zur Übersetzung von Werken englischer Moralphilosophen.
Im Rückblick auf diese frühen Lebensjahre beteuert Spalding immer wieder, er habe sich niemals in leichtfertige eitle Fröhlichkeit und Zerstreuung oder ein lasterhaftes Leben verloren.
1742 kommt Spalding im Rahmen seiner Tätigkeit als Hauslehrer und Gesellschafter erstmals nach Berlin. Hier begegnet er August Friedrich Wilhelm Sack. Der Domprediger des Hauses Hohenzollern verfasst das Gründungsdokument der Neologie, also der Hauptströmung der deutschen Aufklärungstheologie.
Kurz zusammengefasst ist Neologie die Freiheit, selbst zu denken und auf diese Weise Glaubensüberlieferung und modernes Bewusstsein miteinander in Verbindung zu bringen.
Während er seinen Vater im Sterben begleitet verfasst Spalding 1748 als Resultat seiner im Selbststudium gewonnenen Einsichten und unter dem Einfluss der Begegnung mit den intellektuellen Vordenkern in Berlin seine erste Schrift „Die Bestimmung des Menschen“. Dieses schmale Heft begründet Spaldings Ruhm und wird zu einer der erfolgreichsten Publikationen des 18. Jahrhunderts.
Für Spalding selbst liegt das Geheimnis der Schrift in der ganz natürlichen „Einfalt und Wahrheit der Gesinnungen und des Ausdrucks“. Diese Schrift wendet sich nicht an Christen, sondern an den Menschen schlechthin.

Die Bestimmung des Menschen I

Ich sehe, dass ich die kurze Zeit, die ich auf der Welt zu leben habe, nach ganz verschiedenen Grundregeln zubringen kann, deren Wert und Folgen daher auch unmöglich einerlei sein können. Da ich nun unleugbar eine Fähigkeit zu wählen und in meinen Entschließungen eines dem anderen vorzuziehen an mir finde, so muss ich auch hierbei nicht blindlings zufahren, sondern vorher nach meinem besten Vermögen auszumachen suchen, welcher Weg für mich der sicherste, anständigste und vorteilhafteste sei.
Es ist doch einmal der Mühe wert, zu wissen, warum ich da bin, und was ich vernünftigerweise sein soll?
Die Beispiele der Menschen neben mir sind mir in diesem Stücke keine gültigen Gewährleistungen, und wenn sie es auch sein könnten, so sondern sie sich doch selbst hierin so unendlich weit voneinander ab, dass ich in viel größerer Verwirrung und Verlegenheit sein würde, mir unter denen, die ich um mich sehe, einen Führer auszusuchen, als für mich selbst nach dem richtigen Wege zu forschen.
Wenn ich dem einen Schwarme folge, so bin ich allemal sicher, von dem anderen entweder verlacht oder verdammt zu werden. Ich weiß dieser Ungelegenheit nichts stärkeres, als eine aus Untersuchung entspringende Gewissheit entgegen zu setzen. Allein, um auch diese Gewissheit, in einer Sache von solcher Erheblichkeit, einleuchtender und wirksamer zu machen, ist mir sehr daran gelegen, dass weder eine erhitzte Einbildungskraft mich mit glänzenden poetischen Bildern täusche; noch eine trockene Spitzfindigkeit mich von der Wahrheit weg, in philosophische Labyrinthe verleite. Die bloße einfältige Natur mag bei mir reden; ihre Entscheidungen sind ohne Zweifel die zuverlässigsten.

Hier gebe ich also auf mich selbst Acht; und das Nächste, was mich rühret; ist ohne Zweifel das Vergnügen der Sinne.
Ich gestehe es: dies wirkt auf mich mit einem gewaltigen Reize. Sollte ich wohl nicht dazu da sein, es zu suchen und zu genießen? Der Trieb zum Vergnügen, der so tief in meiner Seele lieget, scheint es völlig zu rechtfertigen, wenn ich mich dieser Gattung von Begierden ganz überlasse. Was will ich mehr als Vergnügen? Was mangelt jenen von Wollust trunkenen Menschen? Die Natur und die Gesellschaft sind unerschöpfliche Quellen der Lust, die meine Sinne nicht müßig lassen werden, wenn ich sie ihnen nur widmen will.
Diese Überredungen sind stark; aber mich dünkt, ihre Stärke hat etwas Wildes und Übertäubendes an sich, welches meiner Seele noch nicht Stille genug verstattet; darum muss ich sie nochmals gelassener untersuchen.

So manche Beispiele derer, die nach den bisherigen Grundregeln verfahren, sind schon sehr Vermögende, Misstrauen gegen diese meine Folgerungen zu erwecken. Ich habe ihre Lust gesehen; ich habe gesehen, mit welcher Schnelligkeit sie von einer Ergötzung zur anderen geeilt, mit welcher Wachsamkeit sie auf allen Seiten das Vergnügen gehaschet; mit welcher triumphierenden Gewalt sie den schwermütigen und grübelnden Teil ihrer Seele in den Schranken gehalten. Das war ein Meer von Wollust, darinnen sie schwammen.
Aber dieser Zustand ist nicht mehr, und die Veränderung ist traurig. Es fehlet unendlich viel, dass das Andenken der Wollüste, die sie genossen, oder der Bemühungen, womit sie danach getrachtet haben, ihnen so einige hinlängliche Beruhigung geben sollte. Dieses erschreckt mich.
Sollte ich denn wohl dazu auf der Welt sein, alles zu tun, was den Empfindungen meiner Seele schmeichelt? Und dann  alles zu leiden, was aus der Befriedigung derselben entsteht? Ich muss das Vergnügen der Sinne so genießen, dass ich vor seinen üblen Früchten sicher bleibe. Die Kunst ist freilich nicht wenig wert, die mich lehret, das Süße aus der Wollust heraus zu ziehen, ohne von ihrem Stachel getroffen zu werden; und wenn dies gleich vermittelst einer Mäßigung und Enthaltsamkeit geschehen muss, die mich etwas kostet. Ich genieße vielleicht dann weniger lebhafte und hinreißende Lust, aber sie ist dafür um so reiner und dauerhafter.

Nach diesem meinem neuen System genieße ich nun eine Zeit lang die Ergötzungen des Lebens mit aller Vorsicht und Sorgfalt. Und nichts desto weniger finden sich Augenblicke, da mir ist, als wenn mir etwas fehlet. Ich werde unzufrieden; alles wird mir zur Last, und ich selbst, ich zerstreue mich; allein, ich spüre bald, dass ich meinen Unmut zwar auf eine kleine Zeit vergesse, aber nicht hebe. Ich nehme meine Zuflucht zu meinen gewöhnlichen Vergnügungen, zu den unschädlichsten und einnehmendsten, die ich kenne; jedoch, sie sind itzo das nicht, was mich befriedigen kann, meine Seele bleibt in ihrer trostlosen Verwirrung.
Es ist ein dunkles Gefühl von Sehnsucht mit einem geheimen Leeren in mir, das ich nicht ausstehen kann, das mich verzehret. Ich Unglückseliger! Was will ich denn? Und wie wird mir geholfen? Wo finde ich diese unbekannte Sättigung, nach welcher mein Geist mit Angst und Unruhe schmachtet?

Die Bestimmung des Menschen II

Ich mache bei einer genauen Aufmerksamkeit die Entdeckung, dass mir sehr oft, mitten unter den sinnlichen Vergnügungen selbst, eine Art von höherer und edlerer Lust vorkommt, bei welcher meine Überlegungen länger aushalten können, welche ich noch nachher mit Wohlgefallen in meine Vorstellungen zurück hole, und bei welcher meine Seele sich nie so klein und so beschämt findet. Ich suche die eigentliche Quelle dieser besseren Lust ausfindig zu machen, und mir ihren Ursprung zu erklären, und ich werde gewahr, dass es damit auf eine Empfindung der Ordnung, der Harmonie, der Proportion, des Neuen und Großen, und alles dessen, was Schönheit und Vollkommenheit heißt, ankommt. Mein Geist ist augenscheinlich dazu ausgelegt und eingerichtet, von diesen Eindrücken angenehm berührt zu werden; und sie vergnügen mich so viel ruhiger und anhaltender, je ungestörter sie der Vernunft und dem richtigen Nachdenken ihre völlige Tätigkeit lassen.

Indem ich mein Auge und Ohr öffne, so strömen durch diese Eingänge die Vergnügungen von tausend Seiten meiner betrachtenden Seele zu. Die Blume von der Hand der Natur gemalet, der melodiereiche Wald, das heitere Licht des Tages, und dann besonders der Bau, das Angesicht, das seelenvolle Auge des denkenden Menschen: diese Ankündigungen einer noch weit höheren Klasse von Schönheiten; dies alles gießt mir viel reinere Entzückungen, als das ich, in der Knechtschaft des körperlichen Gefühls, das einzige und größte Vergnügen des Lebens nannte. Darüber vergesse ich auch dieses letztere so viel leichter, weil meine Empfindung mir sagt, dass Jenes noch weit mehr zu meiner Natur gehöret.
Eben so offenbar spüre ich, dass überhaupt zur Erforschung des Wahren eine natürliche Anlage in meinem Geiste ist. Ein natürliches, unwiderstehliches Bestreben nach Erkenntnis ist stets in mir geschäftig.
Wenn ich der Wahrheit nachsuche; wenn ich die Welt der Ideen durchwandere und daher meinen Verstand bereichere; wenn ich das Schöne der Natur und der Kunst bemerke, und meine Seele zu einem richtigen Geschmacke an demselben gewöhne; so erfahre ich, dass ich damit einem meiner wichtigsten Bedürfnisse und geschäftigsten Triebe Genüge leiste. Ich vermehre damit augenscheinlich die Summe der wahren Lust in meinem Leben; und ich werde mir daher die eigene ruhige Billigung niemals versagen dürfen.
Das ist alles meiner Natur gemäß; aber es ist noch nicht genug.

Die Bestimmung des Menschen III

Ich gehe von Neuem in mich selbst; und ich merke, dass ich nicht zweifeln darf, meine Natur sei eigentlich zur teilnehmenden Geselligkeit aufgelegt und bestimmt. Ein jeder Schmerz, den ich irgendwo gewahr werde, tut auch mir wehe, eine jede natürliche Anzeige desselben, in Tränen, klagenden Stimmen, Zuckungen und dergleichen mehr schneidet auch in meine Seele Wunden; und das lehret mich genugsam, dass ich nicht für mich allein, sondern auch mit anderen fühlen soll. Eine Seele, die ohne Eigennutz Gutes stiftet, die mit Freuden geschäftig ist, alles um sich her glücklich zu machen, eine jede Absicht, Gesinnung und Tat, die darauf gerichtet wird, dass es andern wohl gehen soll, das ist für mich einer der reizendsten Anblicke, die ich jemals haben kann. Und das gießt mir eine so reine und so innerlich befriedigende Lust, dass ich daran genugsam erkenne, wie sehr solches meiner Natur gemäß ist. Da ich nun diese meine ursprüngliche Einrichtung nicht verleugnen kann, so würde ich derselben offenbar widersprechen, wenn ich meine Absichten auf nichts weiter, als auf die Annehmlichkeit meines sinnlichen Lebens richten wollte.
Solchergestalt habe ich die Grundregeln des Rechts und der moralischen Ordnung erkannt.
Hierdurch wird in meiner Seele ein Gleichgewicht, eine Heiterkeit und Ruhe zuwege gebracht werden, die über die Anfälle äußerlicher Widerwärtigkeiten weit hinaus ist. Ich bin freilich vor den beschwerlichen Zufällen nicht sicher, welche das menschliche Leben so vielfältig begleiten. Alles Übel, was mich etwa treffen mag, kann mich doch nie in der Hauptsache unglücklich machen, so lange ich in einer gelassenen Beschauung zur mir selbst sagen kann: Ich tue das, was ich tun soll; und ich bin das, was ich sein soll.
Indem ich aber diesen Gedanken, die mich so hoch führen, immer weiter folge, so gerate ich auf einen Begriff, der mich zu einer noch weit erhabeneren Bewunderung hinreißt.

Wesen, die schon in ihren Einschränkungen so schön sind; Welten, die in ihren veränderlichen Teilen und in ihrer zufälligen Verbindung so viel Richtigkeit haben; ein Ganzes voll Ordnung: das gießt mir die Vorstellung von einem Urbilde der Vollkommenheiten, von einer ursprünglichen Schönheit, von einer ersten und allgemeinen Quelle der Ordnung ein. Welch ein Gedanke! Hier erweitert sich meine erstaunte Seele bis zum Unendlichen. Mich dünkt, ich empfinde, und mit einem entzückenden Schauder, die Wirklichkeit dieses obersten Geistes. Wahrlich, er belebt mich, er wirket in mir! Was würde ich sein, ohne ihn? Was würde ich können, ich, der ich aufs Klarste weiß, dass ich einmal nicht gewesen bin, und dass ich meine Tätigkeit mir nicht gegeben habe? Von jeder angenehmen Bewegung, die mich einnimmt, lasse ich bald meine Vorstellung zu demjenigen hinaufsteigen, der sie mir gönnet und gibt, der die Ströme der Lust in unzählbaren Kanälen von sich durch das Ganze fließen lässt, und der selbst ohne Zweifel in der Höhe seiner Selbstgenügsamkeit eine göttliche Lust daran findet, wenn alles, was lebet, in reger, ihm angemessener Freude, seiner beseelenden Güte lobsinget.
Hieben erkenne ich denn nun auch ungezweifelt, dass diese alles regierende Weisheit keine andere Absicht haben könne, als dass alle Dinge in ihrer Art und im Ganzen gut sein mögen. Die große Empfindung des Guten und Bösen, des Rechts und Unrechts, die ich in mir erkannt habe, rührt nicht weniger von demjenigen her, der seine mächtigen Einflüsse überall ausbreitet. Höher kann ich denn auch meine Ehrbegierde unmöglich erheben, als wenn ich dem gefalle, von dem alles Gute herfließt; wenn der, der alles sieht, der mit einem Blicke alle Empfindungen und Bewegungen in Millionen Welten durchschauet, wenn der mitten unter dieser Menge auch mich sieht und billiget.
(Nun sind mir die Urteile der ganzen Welt viel zu klein, als dass ich mich darum besonders bekümmern sollt. Lässt sich der Beifall anderer Menschen, die Gewogenheit der Großen sowohl, als die Achtung der Geringeren, nicht ohnedies auf der Straße der Wahrheit und Gerechtigkeit, der einzigen, die ich gehen muss, vor mir antreffen, so verdienen sie gewiss nicht, dass ich ihrethalben einen Schritt auf Nebenwegen tue.
Kein Mensch, mit allem Schwulst seines Gepränges und seines Stolzes, kann mir durch sein Gutheißen einen Wert geben, der mir nicht gebühret, weil er selbst keinen Wert hat, als insofern er rechtschaffen ist, und sich mit mir nach eben demselben ewigen Regelmaß des Rechts und der Ordnung richtet.)

Unsere Natur ist einmal so beschaffen, dass wir an dem Gegenwärtigen nicht genug haben, sondern schon zugleich zum Voraus im Zukünftigen leben. Unsere Gedanken und Hoffnungen fliegen gleichsam schneller vorwärts, als die natürlichen Veränderungen der Zeit ihnen folgen können: und es gibt Menschen genug, die sich in ihren Vorstellungen weit mehr mit demjenigen beschäftigen, was sie werden sollen, als mit dem, was sie wirklich sind.
Bloß für die Zukunft zu leben, in Erwartungen und Aussichten sein ganzes Vergnügen zu suchen, und das Gegenwärtige weder wahrzunehmen, noch zu genießen, das heißt, anstatt gesunder Speisen sich mit Arzneien nähren wollen. Wenn wir nun die Zeit und die Gedanken damit verschwenden, uns Freuden zu erträumen, die bloß möglich sind, oder ganze weitläufige Gebäude von Glückseligkeiten auf einem Grunde aufzuführen, der nur leichte Vermutungen tragen kann: so ist dies eine Verkehrtheit, bei welcher ein sehr beträchtlicher Schaden nicht ausbleibt. Wer kann mir sagen, dass meine Wünsche, die Wünsche der Natur, der Freundschaft und der herrlichen Wertschätzung mehr werden befriedigt werden?  So sehr das durch manche schwarze und schwermütige Stunde meines Lebens sich aufheitern würde, so viel tiefer würde auch hernach mein Geist wieder in trüben, überwältigenden Kummer versinken, wenn er plötzlich von der Höhe dieser Hoffnung herab stürzen sollte.
Ich weiß nichts Zuverlässiges, das für mich ausgemacht wäre. Was habe ich davon, dass ich meine Gedanken auf das, was noch erst kommen soll, erstrecke? Es würde also ohne Zweifel besser sein, dass ich, in Ansehung des Zukünftigen, meine guten Erwartungen, wenn es möglich wäre, ganz unterdrückte, da gar nichts erwartete, da ich doch an nichts mit der völligen Freiheit eines getrosten Vertrauens denken darf.

Ein ernsthafter und nachdenkender Mensch, der es einiger Mühe wert gehalten, seine eigene Natur und den Urheber derselben kennen zu lernen, kann an seiner Unsterblichkeit unmöglich zweifeln. Einmal folget auf die Labyrinthe dieser veränderlichen Wanderschaft
ein Ausgang in die offene Ewigkeit, in einem unwandelbaren, glückseligen Zustand, den der Tugendhafte mit aller Zuverlässigkeit erwarten kann. Wenn also unsere Vorstellungen von dem, was uns bevorsteht, sonst immer aufs Ungewisse hin und her schweifen müssen, so haben sie hier ein festes Ziel, das allein würdig ist, sich daran zu halten.

Johann Joachim Spalding – Beziehungen

1748 tritt Spalding seine erste Pfarrstelle in Vorpommern an.
Hier begegnet er Wilhelmine Gebhardi, einer Pfarrerstochter.
Die Heirat folgt bald und „die kleine Mina“, wie er sie nennt, versteht es, ihre Lebensphilosophie mit der ihres deutlich älteren Ehemannes in Einklang zu bringen. Sechs Kinder werden ihnen geboren.
Drei überleben die Kindertage. Wilhelmine stirbt 28jährig im Wochenbett des letztgeborenen Sohnes.
Spalding leidet entsetzlich unter dem Verlust.
1757 wechselt er an die Marienkirche nach Barth in der Nähe von Stralsund.
Sechs Jahre später erhält er dort den Brief aus Berlin, der ihn in das Amt des Propstes ruft. Die ehrenvolle Berufung lässt erkennen, welche Wertschätzung er schon zu diesem Zeitpunkt in der preußischen Hauptstadt und Kirche genießt.

Spalding aber setzt die Berufung zu. Die Bedächtigkeit in Barth gegen eine ungewisse und unruhige Zukunft eintauschen zu sollen bereitet ihm Sorge. Auch sieht er sich in seinen Kräften und Fähigkeiten weit überfordert, zumal ihn, nach eigener Aussage, die Gesellschaft fremder, vornehmer Menschen immer schüchtern und scheu werden lässt.

Angesichts der geistigen Atmosphäre, die in Berlin herrscht, hält er sich für unfähig, auf einen unvermuteten Einwurf eines frei denkenden Menschen eine richtige Antwort geben zu können.
Im Lichte dieser Bescheidenheit bleibt ein Geheimnis, wie Lessing Spalding ein stolzes, hochmütiges Wesen nachsagen konnte…

So gehen Tage und Wochen ins Land. Bald drängt ein Eilbrief aus Berlin auf rasche Entscheidung. Schließlich sagt Spalding zu.
Zuvor heiratet er Maria von Sodenstern, die sich der Erziehung der drei Kinder und des im Hause lebenden Sohnes seines verstorbenen Bruders annimmt.
Die Ankunft in Berlin erlebt Spalding als herbe Enttäuschung. Das Propsteigebäude an St.Nikolai erscheint ihm als eine elende Herberge. Auch die Berliner Geistlichkeit sei, so befindet Spalding, doch sehr ungezogen und pöbelhaft.
An jedem Sonntagvormittag um 9 Uhr feiert er nun Hauptgottesdienst an St.Nikolai. Doch die Predigtverpflichtung reicht darüber hinaus auch bis St.Marien und andere Kirchen Berlins.
In seiner Antrittspredigt teilt Spalding seine beinahe schüchterne Bescheidenheit mit der Gemeinde.

Wenn ihr mir nur meine Mängel und Schwachheiten nachseht und dem angezeigten Weg des Glaubens und der Glückseligkeit zu folgen bereit seid, dann wird sich mein Gefühl von Verlegenheit und Furcht schon erleichtern. Nehmt also mich, einen Fremdling unter euch, nehmt mein Herz und meine Bemühungen mit der Liebe an, womit ich an meinem Teile, mich euch und eurem Besten aufzuopfern, vor Gott bereit bin.

Johann Joachim Spalding – der Prediger I

Die Antrittspredigt Spaldings wird rasch publiziert. Das literarische Echo darauf ist erheblich.
Ein Jahr nach seinem Dienstantritt wird Spalding berufen, das höhere Berliner Schulwesen zu evaluieren und Verbesserungsvorschläge auszuarbeiten. Daneben engagiert er sich für eine Studienreform an den theologischen Fakultäten, die dem Bedürfnis nach einem breit geführten aufklärerischen Diskurs Rechnung trägt. Außerdem wirkt er an der Einführung von zwei Reformgesangbüchern mit.
Die andauernde berufliche Belastung, der Spalding ausgesetzt ist, führt zu ernsten Folgen. Kopfschmerzen, Schwindelanfälle und allgemeine geistige Lähmung zeigen ihm die Grenzen seiner Leistungskraft.
1774 stirbt seine zweite Frau, zeitlebens kränkelnd, von Schwermut und Traurigkeit geplagt. Es vergehen keine acht Monate bis zur dritten Eheschließung mit Maria Lieberkühn. Über dreißig Jahre trennen die Eheleute und so spricht Spalding selbst von der vertrautesten Freundschaft, „denn anders kann man doch eine Heirat in meinem Alter nicht nennen“.
Für Spalding, dem noch beinahe 30 umsorgte Lebensjahre geschenkt sein sollen, vollendet sich in dieser Ehe das irdische Glück.

Spalding befördert mit seiner weit über die Kanzel hinausstrahlenden auch publizistischen Wirksamkeit die Aufklärung in Berlin. Neben ihm machen Mendelssohn und Lessing Berlin zu ihrer Wahlheimat. Unter diesem geistigen Zuwachs wird Berlin zu einer Hochburg des deutschen Zeitungs- und Pressewesens. Die unangefochtene Schlüsselrolle kommt dabei dem Berliner Buchhändler und Verleger Friedrich Nikolai zu. Mit Mendelssohn begründet der 1757 die Bibliothek der schönen Wissenschaften und freien Künste und dazu mit Lessing die epochalen Briefe, die neueste Literatur betreffend.

Die Bibliothek wird zum einflussreichsten Medium öffentlicher Meinungsbildung. Spalding wird Teil der berühmten Berliner Mittwochsgesellschaften, einem Kreis von Freunden der Aufklärung.
Die Wortbeiträge aller sind sorgsam protokolliert worden. Eine der  seltenen Wortmeldungen Spaldings gibt Zeugnis von seiner Definition, was Aufklärung sei:

Nach der Metapher bezieht Auf-klärung sich auf vorhergehende Dunkelheit und ist überhaupt Mitteilung des Lichts oder der bisher fehlenden wahren Erkenntnis. Insofern kann ein Unterricht allein dann Aufklärung heißen, wenn er eigentlich in der Vertreibung derjenigen Dunkelheit besteht, die durch schon vorhandene unrichtige Meinungen verursacht wird. Dergestalt zielt Aufklärung, die den Namen verdient, stets darauf ab, die von Vorurteilen geblendeten Menschen vernunftmäßige Wahrheit in der Religion und Menschenrechte, auch allenfalls konstitutionsmäßige Bürgerrechte in Ansehung der gesellschaftlichen Verfassung, kennen lehren.

Johann Joachim Spalding – der Prediger II

Spaldings Gottesdienste in den beiden Hauptkirchen St.Nikolai und St.Marien gelten unangefochten als gesellschaftliche und kirchliche Höhepunkte.
Seine unprätentiöse, vollkommen unpolemische und klare Sprache zieht selbst Goethe bei dessen einzigem Berlin-Besuch im Jahre 1778 in den Gottesdienst.
Theologie und Religion gilt es zu unterscheiden, sagt Spalding. Pastorale Wirksamkeit habe sich – anders als theologischer Unterricht – auf die Vermittlung der Erkenntnisse zu beschränken, die den Menschen zu Gott zieht und glücklich macht.
Es geht um nicht weniger als die Elementarisierung des Glaubens.

Das klingt mitreißend, revolutionär. Dennoch wirken Spaldings Predigten, gelesen, eher langatmig, wenn nicht sogar langweilig.
Spalding äußert sich zurückhaltend, wiederholt gebetsmühlenartig Ideen und Gedanken. Er verzichtet auf Anspielungen und setzt auf Überzeugung statt auf Überwältigung.
Spalding sucht nach Konsens und Lösung und verzichtet dabei auf jede spannungsreiche Provokation.
Widerspruch zur Predigtlehre Spaldings gibt es auch zu seiner Zeit.  Am heftigsten von Johann Gottfried Herder.
Der kritisiert den „langkriechenden Schlangenstil“ und die „Blindschleichenberedsamkeit“ Spaldings. Dessen Predigt sei „dröhnendes Mittelmaß“ und bleibe im „bloßen Wolken- und Nebelzug allgemeiner Wahrheiten stecken und könne daher keine Leidenschaften erregen und keine Wahrheit aufzeigen“. Spalding wiederum mahnt zu Anstand und Fairness, ihm doch aufzuzeigen, woran er, Herder, seine Kritik festmache. Statt ihm nur mit Unwillen und Verachtung zu begegnen. In einem Brief entschuldigt sich Herder später für seine Polemik. Spalding, akzeptiert. Die Distanz beider jedoch bleibt zeitlebens unüberwunden.
Spaldings Bedeutung als Prediger gründet wohl in der Gabe, in seiner Kanzelrede den Ton des ungekünstelten, vertraulichen Gesprächs zu treffen, der Verstand und Herz gleichermaßen trifft.

Der Einklang von Ernsthaftigkeit und Humor, der sein Wesen ausmacht mündet in das Urteil, dass – ich zitiere einen Zeitgenossen – „man ihn nicht verlassen konnte, ohne in irgendeinem Stücke besser geworden zu sein.“
Spalding steht damit exemplarisch für einen tiefgreifenden Schritt in der evangelischen Predigtgeschichte.
Ein Folgeschritt fehlt mir aber. Einer, der nach reformatorischem Verständnis unverzichtbar ist. Spaldings Predigten nehmen den individuellen Glauben ernst, bleiben aber dabei an zentralen Ideen der Aufklärungszeit hängen. Denn sie gehen immer von dem Drang nach Vervollkommnung und Glückseligkeit durch Erkenntnisgewinn aus.
Dass Individualität sich in gebrochenen, fragmentarischen Bildern von Leben äußert und darin dennoch vollkommen ist vor Gott klingt in Spaldings Predigten nicht an.

Nun muss auch von unserer Seite das geschehen, was uns zukommt, und darüber ist itzt noch etwas zu sagen. Bei alldem, was Gott hierin an uns tut, bei all den Kräften, Mitteln und Erweckungen, die er uns darreicht zu Verstand und Einsicht zu gelangen, bleibt doch immer unsere Aufmerksamkeit notwendig.  Darum ist müßige Trägheit, Vernachlässigung und eitle Zerstreuung des Gemüts, die offenbar das Aufkommen und Zunehmen der Erkenntnis hindern, doppelt strafbar, teils als Widersetzlichkeit gegen die Absichten Gottes, die dadurch insofern vereitelt werden, teils als Störung unsres eigenen Bestehens, welches aus einer nützlichen Aufklärung entstehen würde.
Desto unverantwortlicher aber ist es auch, wenn ein ehrwürdiger Gebrauch der Wissenschaften gerade umgekehret wird.
Ein Mensch, der seine vorzüglichen Erkenntnisse dazu braucht, das Recht zu verdrehen, die Unschuld zu unterdrücken, seinem Betruge eine scheinbare Farbe zu geben, überhaupt, geheimer, allgemeiner und sicherer zu schaden, ein solcher Mensch ist eben so sehr die Pest gemeinschaftlichen Leben, als die Schande der Wissenschaften.  So kann freilich das Edelste in der menschlichen Natur gemißbrauchet, das heilsamste Mittel menschlicher Wohlfahrt in verderbliches Gift verwandelt werden. Aber dennoch behält die Wohltat selbst immer ihren unschätzbaren Wert, da sie bei einer richtigen, ihrem Zwecke gemäßen Anwendung so viel Gutes schafft; und Gott bleibt ewig unsres Preises und unsrer Anbetung würdig, der die Menschen lehret, was sie wissen.

Wem selbst an seinem Teil Tugend und Frömmigkeit im Ernst etwas wert ist, dem kann es unmöglich gleich sein, an sich sehen und merken zu lassen, dass es wirklich so ist. Es ist dabei zweierlei zu bedenken: Einmal, wie diese Äußerung und Bekanntmachung unsrer Religionsempfindungen geschehen könne, ohne dass daraus eine scheinheilige Prahlerei mit der Frömmigkeit werde; und dann, was für dringende Gründe uns dazu verpflichten. Es gibt Gründe und Gelegenheiten genug, die uns beinahe im ganzen Ernst auf die Gedanken bringen sollen, dass manchen Leuten vor nichts auf der Welt so bange sei, als vor der Gefahr, für wirkliche Christen und Verehrer Gottes gehalten zu werden; so sorgfältig sind sie, nie die geringste Anzeige von sich zu geben, woraus man schließen könnte, dass in der Tat die Religion bei ihnen etwas gelte.
Nie in ihrem Umgange ein christliches, frommes Wort ins Gespräch kommen lassen, es wäre denn etwa, um einem scherzhaften Einfall mehr Lustigkeit zu geben; nie unter den Bekannten und in ihren Familien es merklich machen, dass sie die Sorge, Gott zu gefallen, unter ihre hauptsächlichen Angelegenheiten rechnen; nie aus der vollen Empfindung ihres Herzens mit ihren Kindern von dem Glück und Vergnügen reden, welches Christentum, gutes Gewissen, Gnade Gottes und Hoffnung einer seligen Zukunft gibet; o wahrlich, das heißt, ihren Nebenmenschen und Angehörigen die größte Wohltat entziehen, die sie ihnen erweisen können, die Wohltat nämlich, sie tugendhafter und zufriedener machen zu helfen. Und so viel liegt daran, ob wir uns mit dem völligen Anschein der Gleichgültigkeit gegen die Religion vor den Augen Anderer darstellen, oder ob wir auf die rechte Art unser Licht leuchten lassen vor den Leuten, dass sie unsre guten Werke sehen und unsern Vater im Himmel preisen.
Scheut euch nicht, die Empfindung der Religion an euch blicken zu lassen, die in eurem Herzen ist. Ach, es ist eine sehr demütigende und betrübende Empfindung, wenn wir, die wir sonst im Ernste Christen sind und Gott fürchten, dennoch so oft uns der elenden Zaghaftigkeit bewusst sein müssen, die uns hie und da zurück hält, durch ein freimütiges Reden oder bedeutendes Schweigen unsere heilige Achtung gegen Wahrheit und Tugend, und unsre edle Verabscheuung gegen Ruchlosigkeit und Leichtsinn zu erkennen zu geben. Wider diese so beschämende Schwäche des Geistes wollen ja wir alle, die wir etwa bei uns selbst darüber zu seufzen Ursache haben, mit aller der Treue arbeiten, die zu ihrer Überwindung nötig ist.

Johann Joachim Spalding – der Prediger III

Zwei Begriffe aus der Tradition der Antike durchdringen unüberhörbar Spaldings Nachdenken und Predigen.
Sie gehören zu den zentralen Programmpunkten der Neologie.
Da ist zum einen das Glück.
Der Mensch ist auf Glück hin angelegt.
Das Glück, das alles umgreift, was man will ist aber bei Spalding nicht gemeint. Sondern ein eigentliches, höheres, inneres, wahres Glück, das darin besteht, Gott zum Freund zu haben, dankbar zu sein und ihm ähnlich zu werden, indem man mit sich selbst im Reinen ist.

Hierbei entdecke ich Spuren pietistischer Selbstbeobachtung als Ausgangspunkt der Reflexion.
Anders als im Pietismus aber legt Spalding den Glauben an Gott zugrunde, der Gutes schöpft und vom Bösen erlöst. Unter dieser Voraussetzung kann das Leben nur positiv, glückselig gedeutet werden.
Alle Empfindungen des Menschen müssen daher immer kritisch daraufhin geprüft werden, ob sie dem Ziel dienen, Gott zum Freund zu haben, und sich selbst und in der Folge Anderen Freund zu sein.

Zum Anderen ist da der Begriff der Freundschaft.
Das Ideal empfindsamer Freundschaft durchdringt Spaldings Umgang mit Menschen auf sämtlichen Ebenen und in dem dichten und weitläufigen Netz seiner Beziehungen.
Mitfühlende Anteilnahme, freundschaftlicher Austausch, unverstellte Offenheit, tugendhaftes Verhalten und empfindsame Sprache – all dies sind Kennzeichen einer inneren Haltung, die im Gedenken an Spaldings Wirken wachzuhalten und neu ins Leben zu rufen gilt.

Wer den Unterricht Jesu mit Aufmerksamkeit ansiehet und überleget, der wird bald genug finden, dass das Gemüt und die Gesinnung des Menschen wirklich zum Guten gelenket, dass wahre Rechtschaffenheit des Herzens und des Lebens auf Seiten der Menschen die Hauptsache in der ganzen Religion sei. Es wird keiner langen Untersuchung bedürfen, was hiermit gemeint sei. Die ganze Vorstellung, womit dieser Ausspruch so genau zusammen hängt, führt uns gerade auf das, was Paulus sagt: Das ist der Wille Gottes, eure Heiligung.
Dass alles auf die Besserung des Gemüts und des Lebens, auf eine rechtschaffene gute Gesinnung und auf die Beweisung derselben in dem wirklichen Verhalten gegen Gott und Menschen gehet. Das ist die Absicht der ganzen heiligen Schrift.
Gott nun lehret die Menschen, was sie wissen; von ihm und durch seine Einrichtungen haben wir alle unsere Erkenntnisse, also auch die Aufklärung. Es soll also das Lob Gottes wegen seiner Fürsorge für die Wissenschaften der Inhalt und Zweck dieser Betrachtung sein.
Was tut Gott hierin an uns? Und was haben wir an unserem Teile dabei zu tun? Diese beiden Fragen wollen wir beantworten und auf die gegenwärtige Gelegenheit anwenden.
Alles Wissen setzet Verstand voraus, erfordert eine Fähigkeit unserer Seele, Vorstellungen zu fassen und zu behalten, zu urteilen, Begriffe zu verbinden, eines aus dem anderen zu schließen; und diese wunderbare Fähigkeit, diesen großen Vorzug denkender Geschöpfe, von wem wir den haben, das kann wohl keinen Augenblick Ungewissheit und Zweifel leiden.
Aber Fähigkeit zum Wissen macht noch nicht das Wissen selbst; sondern dazu ist Unterricht nötig; und auch dafür sorget Gott.
Er, unser Gott, hat die Veranstaltung in der menschlichen Natur gemacht, dass wir zu einem gesellschaftlichen Leben auferlegt sind, dass wir, eben vermittelst desselben, fähig sind, durch Umgang und Mitteilung der Begriffe voneinander zu lernen.
Wer hat überhaupt, durch die der Natur eingewebten gegenseitigen Zuneigungen und Bedürfnisse, die Menschen so untereinander verbunden, dass immer einer den anderen nötig hat, dass daher kleinere und größere Vereinigungen und Gesellschaften, Umgang, Verkehr und Dienstleistungen von mancherlei Art entstanden sind, dass dadurch also wechselhafte Mitteilung der Gedanken, folglich Aufklärung des Verstandes, Vermehrung der Vorstellungen, Erweiterung der Erkenntnisse, verursachet worden? Darin sind wir uns nun zugleich des größten Lobes, der tiefsten Verehrung und innigsten Dankbarkeit würdig.  Denn Wissenschaft und Erkenntnis ist eine der größten Wohltaten, die Gott dem menschlichen Geschlecht erweiset. Da öffnen sich mannigfaltige Quellen des edelsten Vergnügens, wo der aufgeklärte, geübte Geist frei um sich siehet, wo er das wissen darf, was zu seinem Besten dienet, wo er die Natur kennet, um ihre Güter nutzen zu können, wo ihm seine Befugnisse als auch seine Pflichten einleuchten, wo er begreift, was die Ordnung und das Glück der Gesellschaft erfordert, wo er aus dem Altertum und der Geschichte Klugheit und Mut lernt, überhaupt, wo Kenntnisse sich ausbreiten und die Seelen erheben.
In dem Maße, als wahrer Verstand unter den Menschen zunimmt, in dem Maße wird auch ihr Leben glücklicher. Mißbrauch und mutwillige Verderbung der Wissenschaft ist ganz was anders, als die Wissenschaft selbst.
Allein, es ist noch etwas, was uns hier weit näher angehet, als die irdischen Vorteile des Wissens und der Einsicht. Lasst uns ja den unbegründeten und schädlichen Gedanken verbannen, als wenn der Glaube und die Verehrung Gottes das Licht der Aufklärung scheuen müsse, und als wenn die wahre christliche Frömmigkeit Dunkelheit und Wolken um sich her nötig habe, um sich in ihrer Sicherheit und Ehrwürdigkeit zu erhalten. Es hat solche unglücklichen Zeiten gegeben, wo es Andacht hieß, unwissend zu sein; wo an einer Seite arglistige, eigennützige Herrschsucht sich am besten dabei befand, die leichtgläubige Einfalt der Menge nach seinen Absichten zu leiten; und wo an der andern Seite die Gemüter in der dicksten Nacht des Aberglaubens sich ein Verdienst daraus machten, den Gebrauch ihres Verstandes zu verleugnen, und die gröbsten Ungereimtheiten nicht allein zu glauben, sondern auch als heilig zu verehren.
Das Wesen der Religion bringt es mit sich, dass allemal ihr Wert desto einleuchtender, und ihre Kraft desto nützlicher wird, je mehr der Verstand den Umfang seiner Erkenntnisse erweitert.
Der Streit zwischen Glauben und Vernunft, welches nie anders ein wahrer Streit, als nur in den Einbildungen der Unwissenden und Abergläubigen sein kann, höret auf; und die Anweisungen Jesu rechtfertigen sich an den Verstand und das Gewissen eines jeden, den nur nicht die freiwillige Liebe des Lasters zu allen Empfindungen der Wahrheit unfähig gemacht hat. So gut ist es für uns Menschen, dass Gott uns Erkenntnis gibt, dass er durch seine weisen und gnädigen Veranstaltungen Wissenschaften unter uns erhält und vermehret. Amen.

 

Johann Joachim Spalding – Nachwirkungen

Johann-Joachim Spalding.
Berliner Reformator. Europäer in der Weite und Toleranz seines Denkens, Handelns und seiner Beziehung zu den Menschen.
Mit der Freiheit und dem Mut angetan, sich seines Verstandes zu bedienen.
Und Verstand und Empfindungen von Gott her und auf Gott hin zu lenken als Ursache und Ziel von Glück.
Was für ein Aufbruch in der Gesellschaft des 18. Jahrhunderts.
Was für ein Beitrag zur Neuformulierung und Stabilisierung eines Wertekanons, auf den eine Gesellschaft angewiesen ist, ohne ihn selbst hervorbringen zu können.
Und zuletzt – Spalding, mitten unter uns, wenn er sagt, der Mensch der Gegenwart sei von sich selbst entfremdet. Er sei auf die Welt fixiert, in der er sich erkennend und gestaltend und nicht selten ihr ausgesetzt und in sie hineingeworfen bewegt.
Darüber habe er seine Bestimmung aus dem Blick verloren, die weiter reicht als das irdische Leben. Wie kann es gelingen, die Religion neu zur Angelegenheit des Menschen zu machen?
Diese Frage ist eng mit der Frage des Menschen nach sich selbst verwoben. Sie kann nur selbstbestimmt angeeignet werden.

Spalding hat diese Einsicht schlicht verkörpert.
Und ist auf diese Weise für Manche das „Ideal eines Geistlichen, für den das Wort Geistlicher hätte erfunden werden sollen, wenn die Sprache es nicht gehabt hätte“.
Für Andere der, dessen Ernst, mit dem er sich von der Wichtigkeit religiöser Wahrheiten durchdrungen fühlt, seinen Worten eine unwiderstehliche Gewalt gibt. Seine Beredtsamkeit, so sagt einer, ist die einfache Sprache der Wahrheit, der ruhig prüfenden Vernunft und der Menschenliebe. Natürlicher und doch zugleich so ernst und würdevoll ist selten gepredigt worden.
Und was sagt Spalding am Ende seines jahrzehntelangen Verkündigungsdienstes?

Ich habe mit einer unverrückten gleichförmigen Richtung des Gemüts auf den großen Zweck der Gottseligkeit und Beruhigung das Christentum hin gepredigt. Eben darin besteht denn auch der göttliche Auftrag des Pfarrers; dass er bei den Menschen, die ihm anvertraut sind, authentische religiöse Gewissenserfahrung ermögliche und kultiviere. Vor dem Richterstuhl Gottes wird die einzige Frage an uns Prediger sein, ob unsere Zuhörer durch uns, vermittelst der Religion Jesu Christi, gebessert und zum Himmel tüchtig gemacht worden.