Proben zu FREI UND NIEMAND UNTERTAN
Proben zu FREI UND NIEMAND UNTERTAN, Oratorische Collage über das Leben Martin Krauß´ (UA 21.1.2017)

Kann eine Kantorei, deren Existenz bis ins Mittelalter zurückzuverfolgen ist, Spuren der Reformationszeit in ihrer eigenen Geschichte wiederfinden?
In der Regel verlieren sich die Erzählungen über Menschen ‚aus dem Volk‘ im Grundrauschen der Zeit. Doch manchmal bleibt etwas für die Nachwelt erhalten. So zu Martin Krauß (1490—1554), den wir als Kantor in Berlin nachweisen konnten und der die gesamte Zeit von Reformation und Gegen-reformation miterlebt und durchlitten hat. Sein Sohn Martin Crusius (1526 - 1607), Professor an der Universität Tübingen, hat in seiner „Chronologia Krausorum“ (1604) und in den „Annales suevi“ (Die Schwäbische Chronik; 1595/96) das Leben seines Vaters detailreich nachgezeichnet.
Krauß wird in dieselbe Umbruchzeit hineingeboren, wie Martin Luther. Die allmächtige Kirche war in der Krise, die Osmanen bedrohten Europa, Spanier und Portugiesen eroberten die Weltmeere und entdeckten neue Kontinente, eine neue Weltsicht keimte auf. Altes, lange gültig Gewesenes, zerbrach und Kommendes kündigte sich an. Noch waren Hölle, Tod und Teufel, der Satan und die Engel ebenso Bestandteil des täglichen Lebens wie die Angst vor ewiger Verdammnis. Die großen Altargemälde des Mittelalters zeigen furchterregend, was dem sündigen Menschen passieren wird: SATAN wird ihn verschlingen! Doch die Menschheit war im Aufbruch in eine andere Zeit. Das Zeitalter der Wissenschaft begann. Überall wurden Universitäten gegründet und wer etwas auf sich hielt und es sich leisten konnte, schickte seine Söhne dorthin.

So auch Peter Krauß (1460-1515), Schneider, Bierbrauer und Gemeindevorsteher in Pottenstein/Oberfranken, verheiratet mit Margarete Schaller (†17.11. 1536). Sein Sohn Martin bekommt eine gute Schulbildung, zunächst in Franken, dann ab 1505 in Leipzig an der Thomasschule. Viel-leicht dort, unter Thomaskantor Johannes Conradi, entsteht seine Liebe zur Musik. Martin Crusius beschreibt seinen Vater später als ausgezeichneten Musiker, der komponiert und ihm selbst die Liebe zur Musik beigebracht hat. 1509 immatrikuliert sich Krauß zum Studium der Theologie und beendet dies 1511 als Magister. 1513-1515 finden wir ihn als Kantor, d.h. Kirchenmusiker und Mu-siklehrer, an St. Nikolai in Berlin. Zur gleichen Zeit ist sein Bruder nebenan an St. Marien Pfarrer. Nach der Priesterweihe durch Kardinal Albrecht von Brandenburg immatrikuliert sich Martin Krauß im Juni 1516 an der Universität Wittenberg - in Berlin herrscht derzeit die Pest - wird aber schon im September 1516 als Schlosskaplan und Kantor am Hof in Berlin nachgewiesen. Hier regiert seit 1499 Joachim I., Nestor, (1484-1535), ein beim Kaiser und bei den adligen Eliten hochangesehener Kur-fürst, wie sein Zwillingsbruder Kardinal Albrecht von Brandenburg aber ein strikter Gegner der Re-formation. In den Eheskandal zwischen Joachim I. nebst seiner Mätresse Katharina Hornung ei-nerseits und deren Ehemann, Rüstmeister Wolf Hornung, andererseits hat sich Luther, auch auf Wunsch der protestantisch gesinnten Kurfürstin Elisabeth von Dänemark, lautstark eingemischt.

Wie eng der Kontakt zwischen Krauß und Luther in Wittenberg war, ist genauso wenig überliefert wie die Gründe für Krauß´ Rückkehr 1517 in die Diözese Bamberg. 1518 ist er katholischer Prediger in Kirchbach bei Nürnberg und übernimmt 1521 die Pfarrstelle in Walkersbrunn/Oberfranken. Mit Einführung der Reformation 1522 im Gebiet Nürnberg, zu dem auch Walkersbrunn gehört, wird Krauß jedenfalls evangelisch-lutherisch und bleibt es bis zu seinem Tod. 1525, fast zeitgleich mit Luther, heiratet Krauß, die Gastwirtstochter Magdalena Maria Trummer. Crusius beschreibt den erfolglosen Versuch von Reitern des Bischofs von Bamberg, die Hochzeit im Nürnberger Gebiet zu verhindern.
Ab 1527 gibt es Streitereien und Widerstände mit Bauern und Widertäufern bei der Durchsetzung der Reformation und Krauß stellt einen Antrag auf Versetzung. In den Folgejahren von Reformati-on und Gegenreformation finden wir das Ehepaar ständig an neuen Orten. Ab 1543 ist Krauß Super-intendent in Luitzhausen bei Ulm.
Luther war gerade gestorben, da zetteln protestantische Fürsten den ersten Glaubenskrieg zwischen Katholiken und Protestanten an. Er endet für die protestantische Seite mit einer katastro-phalen Niederlage. Nach dem Sieg der kaiserlichen Truppen muss die Familie Krauß im Januar 1547 aus Ulm fliehen, verfolgt durch Spanische Reiter des Kaisers. Plastisch beschreibt Crusius, wie sich das Ehepaar eine lange Winternacht in einer Gruft unter Särgen versteckt. Als Karl V. dann das In-terim verkündet – alle protestantischen Pfarrer müssen sich zum katholischen Glauben bekennen und können dann vorerst im Amt bleiben – entscheidet sich Krauß für Luther und beantragt im Oktober 1548 die Entlassung aus dem Pfarrdienst. Doch schon bald holt ihn ein protestantischer Adliger als Prediger in das Gebiet um Nürnberg. Als er im Herbst 1553, nach erneuter Not und Ver-treibung, eine gut dotierte Pfarrstelle in Schlicht/Oberpfalz bekommt und die Familie endlich zur Ruhe kommen kann, stirbt Martin Krauß am 7. März 1554 ganz überraschend.

Das sind, grob gezeichnet, die überlieferten historischen Fakten der Lebensgeschichte eines Mannes, der zur Reformationszeit Kantor in Berlins historischer Mitte war und der für seine lutherische Überzeugung und für seine Ideale in einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs mit seinem Leben eingestanden ist. Er gehört zu den vielen Unbekannten, ohne die die Vordenker der Reformation ihre Ideen nicht hätten umsetzen können.

Die Oratorische Collage FREI UND NIEMAND UNTERTAN, uraufgeführt zum Reformationsjubiläum 2017  am 21.1.2017, zeichnet den die Wirren der Reformationszeit am Beispiel des Martin Krauß nach.