Die Entdeckung der Innerlichkeit und die Suche nach dem wahren Christen. Pietismus in Berlin – Propst Philipp Jakob Spener und Johann Kaspar Schade

Skript der Lesung am 20. April 2017 in der St. Marienkirche
im Rahmen der Reihe „Reformation(en) – Aufbrüche in der Mitte der Stadt. Beiträge als Dialog zwischen Theologie und Kunst“
anlässlich des Reformationsjubiläums 2017

Philipp Jacob Spener (1635-1705) war ab 1691 Propst an der Nikolaikirche in Berlin. Er gilt als eine zentrale Stimme des Pietismus in Deutschland. Die Reformbewegung des Pietismus innerhalb der evangelischen Kirchen und der evangelischen Theologie des 17. Jahrhunderts suchte nach Wegen zur Rückbesinnung auf zentrale Anliegen der Reformation des 16. Jahrhunderts.
Oft unter- bzw. geringgeschätzt prägt diese Form der Besinnung auf grundlegende Quellen des Glaubens und im Besonderen auf die Praxis des Glaubens bis heute evangelische Frömmigkeit. Dem persönlichen religiösen Leben des einzelnen Menschen galt die Aufmerksamkeit der pietistischen Glaubenspraxis. Damals wie heute führen die Gedanken und Anstöße der pietistischen Bewegung Menschen zu einer vertieften individuellen Glaubenspraxis, einem gemeinschaftlichen Studium der Bibel und zu den Fragen, welche Form ein christlich geprägtes Leben haben kann und soll. Damals wie heute steht pietistische Glaubenspraxis unter dem Verdacht vereinfachende Frömmelei und eine gruppenbezogene Absonderungserscheinung innerhalb der Kirchen zu sein. Sowohl in der Überhöhung als auch in der radikalen Ablehnung spiegeln sich verschiedene Auffassungen von Frömmigkeiten innerhalb der christlichen und im Besonderen in der evangelischen Glaubenstradition und Lebenspraxis.
Der Pietismus ist eine Reformbewegung, die sich in allen evangelischen Konfessionen wiederfand und über mehrere Jahrhunderte in Kirchen und Gemeinden zu Hause ist. Zentral – wie bei den meisten Reformbewegungen seit dem ersten Jahrhundert und auch seit der Reformation – ist die Besinnung auf die Quellen des christlichen Glaubens und die Frage danach, welche Konsequenzen dies für das Leben und Wirken jeder und jedes einzelnen hat. Dieses Fragen und dieses Suchen führt zwangsläufig immer auch zur Systemfrage, welche Form Kirchen und Gemeinden haben, wer sich in ihnen versammelt und wie ein tiefer Glaube sich in tätige Nächstenliebe übersetzen lässt. Kritisch wurde immer wieder angefragt, ob die teilweise wörtliche Besinnung auf die biblischen Schriften bis hin zu einem widerspruchsfreien Verständnis dieser Überlieferungen einer vertieften Analyse und einer fundierten Theologie standhalten können. Zugleich entwickelte sich aus der pietistischen Bewegung heraus eine starke Prägung kirchlichen und individuellen Handelns der Nächstenliebe und der Fürsorge für andere Menschen. Die Bibelanstalten, die die biblischen Texte in großer Anzahl zu erschwinglichen Preisen zur Verfügung stellen, entspringen ebenfalls dem Grundgedanken der pietistischen Bewegung.
Als Spener nach Berlin kam, war er bereits ein bedeutender Vertreter des Pietismus in den deutschen Ländern. Er predigte und wirkte vorher in Straßburg, Frankfurt am Main und Dresden. 1694 wirkte er mit bei der Gründung der Universität Halle, die die pietistische Praxis im Rahmen des universitären Studiums verankerte.
Sein Hauptwerk, Pia Desideria oder Herzliches Verlangen nach gottgefälliger Besserung der wahren evangelischen Kirche, erschien erstmals 1675. Dieses Werk stellt eine umfangreiche Analyse der christlichen und kirchlichen Umwelt Speners dar. Er deutet seine Zeit als eine Zeit des Verfalls und der Entfremdung der Christenmenschen von ihren biblischen Quellen, die es durch intensiviertes Studium zu beheben gilt. In den Pia Desideria entwickelt Spener neben aller Anklage der Missstände seiner Zeit ein umfangreiches praktisch orientiertes Reformprogramm, um den von ihm benannten Fehlentwicklungen Abhilfe zu schaffen, eine verstärkte religiöse Praxis und die tätige Nächstenliebe zu fördern. Dabei entwickelt er die Vorstellung, dass sich eine Besserung der Zustände durch die Formung kleiner Kreise – Konventikel genannt – ergibt, die positiv in die Gesamtheit von Kirche und Gesellschaft wirken.

Johann Caspar Schade (1666-1698) versah seinen Dienst seit 1691 als Diakon an der Nikolaikirche. Auf Betreiben Speners hin wurde er nach Berlin berufen. Vor seiner Berliner Zeit erweckten seine Leipziger Vorlesungen bereits Aufsehen und waren Gegenstand von offiziellen Untersuchungen, da auch er seinen Glauben und seine Theologie aus den Gedanken der pietistischen Reformbewegung heraus formulierte. In Berlin war er als Prediger bekannt, dessen Predigten weit über sein Leben hinaus gedruckt und reproduziert worden sind. Eine gewisse Berühmtheit erlangte Schade, als über seinen Reformen der Berliner Beichtstuhlstreit sich entfachte. Eine formalisierte Privatbeichte – wie zur Zeit Schades üblich – lehnte er ab und geriet daraufhin in Konflikt mit den Vertretern der bisherigen kirchlichen Praxis. Daran entzündete sich in Berlin eine Auseinandersetzung über die christliche Glaubenspraxis, die stellvertretend am Beispiel der Beichtpraxis geführt wurde und sich zusehends verschärfte.
Der Streit konnte nur durch kurfürstliche Intervention beigelegt werden, die Schade in ihrer Entwicklung jedoch nicht mehr erlebte, da er 32jährig schwindsüchtig verstarb. Es wird berichtet, dass die Konfrontation in einer Form ausartete, die sogar die Totenruhe Johann Caspar Schades in Gefahr zu bringen drohte.

Eric Haußmann

Auszüge aus „Pia Desideria oder herzliches Verlangen nach gottgefälliger Besserung“

Auswahl: Eric Haußmann
Kommentartext: Dr. Johann Hinrich Claussen

 

Pia Desideria:
Oder
Hertzliches
Verlangen /
Nach Gottgefälliger Besserung der wahren Evangelischen Kirchen/
sampt einigen einfältig abzuzweckenden
Christlichen Vorschlägen
Philipp Jacob Speners D.
Predigers und Senioris zu Franck-
furt am Mayn;
Sampt angehengten Zweyer Christlichen Theologorum
darüber gestellt und zu mehrer Auff-
erbauung höchs-dienlichen
Bedencken.

Wünsche von dem Vater deß
Liechts und Geber alles guten

Erleuchtete Augen deß Verstandnuß / zu erkennen welche da seye die Hoffnung unsers Beruffs / und welcher sey der Reichthum seines herrlichen Erbes an seinen Heiligen / und welche da sey die überschwengliche grösse seiner Krafft in uns / die wir glauben nach Würckung seiner mächtigen stärke:
Fleiß und Eyffer / wacker zu sein / und zu stärcken / das andere das sterben will:
Krafft und Muth / durch die Waffen unserer Ritterschaft / die nicht fleischlich sind / sondern mächtig für Gott / zu verstören die befestigungen / zu verstören die Anschläge und alle Höhe / die sich erhebet wider der Erkantnuß Gottes / und gefangen zunehmen alle Vernunfft unter den Gehorsam Christi / auch bereit zu seyn zu rächen allen ungehorsam / wann der Glaubigen Gehorsam erfüllet ist:
Segen und Fortgang / mit Freuden wahrzunehmen / wie das Wort so auß Gottes Munde gehet / als der Regen und Schnee / so von Himmel fället / nicht wieder zu ihm lähr komme / sondern thue was im gefället / und ihm gelinge / worzu es gesendet wird: und zu’sehen/ wie die durch ihren Dienst gebaute Erde bringe / zum ersten das Graß / darnach die Aehren / darnach den vollen Weitzen in den Aehren;
Völlige Vergnügung in Erkanntnuß / wie Göttlicher Name durch ihren Dienst geheiliget / sein Reich erweitert / und sein Wille vollbracht werde / zu seinen heiligsten Ehren / vieler Seelen Heyl / ihres eigenen Gewissens Beruhigung und dermahlseins ewiger Herrlichkeit.

In dem geliebtesten geleibte Vätter und Brüdere.

Gleich in der Nachbarschaft dieser Kirche liegt St. Nikolai, ein einmaliger protestantischer Erinnerungsort. Denn hier sind – und das ist sehr selten – alle drei Grundströmungen des Protestantismus mit jeweils einem Hauptprotagonisten vertreten: die altprotestantische Orthodoxie mit Paul Gerhardt, der Pietismus mit Philipp Jacob Spener und die evangelische Aufklärung mit Johann Joachim Spalding (der unbekannteste der drei, aber mein Lieblingsheld der Kirchengeschichte: ein evangelischer Nathan und eine Parallelgestalt zu Mendelssohn, einem anderen Marien-Nachbarn). Zu Spener, dem Kirchenvater des Pietismus, hatte ich bisher eine gewisse Distanz, deshalb nehme ich diesen Vortrag als Herausforderung, ihm unbefangen zu begegnen. Leitend ist dafür mich eine Grundaufgabe des Reformationsjubiläums, dass es nämlich nicht genügt, nur der Reformation von 1517ff zu gedenken, sondern dass man auch die beiden Folgetransformationen miterinnern muss: den Pietismus und die Aufklärung. Beide haben sich als Überwinder der Orthodoxie und Fortsetzer der Reformation verstanden. Dieser Aspekt mag dazu helfen, gegen heutige Klischees vom Pietismus als einer frommen Reaktion anzugehen.
Philipp Jacob Spener wurde am 13. Januar 1635 geboren und starb am 5. Februar 1705. Im Unterschied zu anderen Pietisten war er kein Außenseiter und Einzelgänger, sondern ein Vertreter des kirchlichen Establishments. Er hatte schon eine beeindruckende Karriere in Straßburg und Frankfurt am Main hinter sich, als er 1691 Propst und Konsistorialrat an der Nikolaikirche in Berlin wurde. Schon 1675 hatte er sein Hauptwerk „Pia Desideria oder Herzliches Verlangen nach gottgefälliger Besserung der wahren evangelischen Kirche“ vorgelegt, eine grundlegende Reformschrift für die lutherische Kirche. Dabei ging es ihm nicht um progressive Strukturmaßnahmen, sondern um eine Reformation der Frömmigkeit – für den einzelnen, die kleinen Gemeinschaften, dann die Kirche und schließlich die ganze Welt. Damit dies kein papierenes Konzept blieb, verschaffte er sich eine soziale Basis: die seit 1670 sich entwickelnden collegia pietatis, die Hauskreise. Gegen heutige Klischees über das, was als Frömmigkeit gilt, muss betont werden, dass Spener hochgebildet und wissenschaftlich ausgewiesen, Mitbegründer der Reformuniversität Halle an der Saale, wo seinem Schüler August Hermann Francke eine herausragende Rolle zukommen sollte. Der ursprüngliche Pietismus war also alles andere als anti-intellektuell. Zudem war er sozial hochengagiert. Er gab der tätigen Nächstenliebe einen ungeahnten Aufschwung und begründete die soziale Arbeit der Neuzeit.
Speners Reformprogramm setzt ein mit einer dramatischen Krisendiagnose: Die Kirche ist völlig verderbt, es gibt keinen lebendigen Glauben mehr, vor allem bei den Pastoren nicht. Entsprechend zu dieser Diagnose werden sodann große Erwartung geschürt: die Kirche und die Welt müssten verbessert werden. Darin äußert sich ein euphorischer Fortschrittsglaube, die überschwängliche „Hoffnung besserer Zeiten“. Als praktische Reformschritte werden dann empfohlen eine neue Bekanntmachung der Bibel und eine neue Bibelfrömmigkeit, eine Aktivierung der Laien, um gegen die klerikale Hierarchie das Priestertum aller Gläubigen durchzusetzen, sodann neue missionarische Anstrengungen, eine Reform der Predigt, die nicht mehr theologische Richtigkeiten vorführen, sondern der Erbauung dienen solle, dazu eine Reform der Ausbildung, bei der darauf Wert gelegt wird, die Studenten der Theologie vor allem in ihrem eigenen Glauben zu fördern, und schließlich die Bildung von Konventikeln, also außergottesdienstlichen Versammlungen zur persönlichen Erbauung in kleinem Kreis.

Gnade, Licht und Heil von Gott, dem himmlischen Vater durch Christum Jesum in dem heiligen Geist, allen denen, die den Herrn suchen.
Wenn wir den gegenwärtigen Zustand der gesammten Christenheit ansehen, so möchten wir billig mit Jeremia 9,1 in die kläglichen Worte ausbrechen: „Ach, daß wir Wassers genug hätten in unsern Häuptern, und unsere Augen Thränenquellen wären, daß wir Tag und Nacht beweinen möchten den Jammer unsers Volks.“
Und hat zu den noch goldnen Zeiten jener liebe alte Vater sprechen mögen:
Ah in quae nos tempora reservasti, Domine! so haben wir heut zu Tage weit mehr Ursach, es nicht nachzusprechen, sondern, da die größte Betrübniß kaum Worte herauszubringen vermag, nachzuseufzen.
Ich will jetzt nicht reden von dem Elend der Glieder der christlichen Kirche, welche in dem babylonischen Gefängniß der römischen Kirche, in den, unter der schweren türkischen Tyrannei liegenden, von unglaublicher Unwissenheit, Irrthümern und schrecklichen Aergernissen verderbten griechischen und morgenländischen Kirchen, und in vielen andern, von dem Papst zwar abgetretenen, aber zur Reinigkeit der Lehre nicht gekommenen Gemeinen verborgen sind, und in höchster Gefahr mit Furcht und Zittern ihre Seligkeit wirken müssen, obwohl an ihren Jammer ohne einige Bewegung von einer gottseligen Seele nicht gedacht werden kann;
sondern wenn wir allein bei unserer evangelischen Kirche bleiben, die das theure und reine Evangelium dem äußerlichen Bekenntniß nach annimmt, und die wir deshalb als die wahre sichtbare Kirche anerkennen müssen, so können wir doch auch auf diese die Augen nicht wenden, ohne sie aus Betrübniß und Scham sobald wieder niederschlagen zu müssen. Sehen wir den äußern Zustand an, so müssen wir bekennen, daß seit geraumer Zeit die dieser Kirche angehörigen Reiche und Länder, obwohl in verschiedenen Graden und Zeiträumen, alle die Plagen oft haben erfahren müssen, womit nach der Schrift der gerechte Gott seinen Zorn zu bezeugen und anzudeuten pflegt, nämlich ansteckende Krankheiten, schlechte Zeiten und Kriege.
Ich halte aber gleichwohl diese Trübsale für die geringsten, ja für eine Wohlthat, wodurch Gott noch Viele der Seinigen erhalten, und dem Schaden, der durch stetes leibliches Wohlergehen noch verzweifelter werden würde, etwas gewehret hat.
Aber, obwohl fleischlichen Augen unkenntlicher, so doch weit schwerer und gefährlicher ist das geistliche Elend unsrer armen Kirche und zwar vornehmlich aus zwei Ursachen: Die Eine bestehet in den Verfolgungen, welche die wahre Lehre, sonderlich von der römischen Kirche leiden muß.

[…]

Die andere und vornehmste Ursache des Jammers unserer Kirche ist die, daß sie innerlich fast durch und durch zerrüttet ist, ausgenommen, daß uns Gott doch nach seiner überschwenglichen Güte sein Wort und heilige Sakramente gelassen hat. Wo ist ein Stand, von dem wir rühmen könnten, daß es in ihm stehe, wie die Vorschriften des Wortes Gottes erfordern?

Dieses Reformprogramm führte zu heftigen Konflikten, kirchlich wie politisch. Ein Beispiel dafür ist der Beichtstreit um Johann Kaspar Schade. Dieser lutherische Prediger, Autor und Dichter wurde am 13. Januar 1666 geboren und starb am 25. Juli 1698. 1691 wurde er auf Betreiben Philipp Jakob Speners zum Diaconus der Berliner Nikolaikirche berufen. Schade lehnte die damals noch obligatorische Privatbeichte ab. Sie war für ihn eine bloße Förmlichkeit ohne rechten Sinn, „da jedem bürgerlich Unbescholtenen die Absolution nach gesetzlicher Vorschrift ertheilt werden mußte“. Der Beichtstuhl galt ihm als „Satansstuhl, Feuerpfuhl“. Das führte zu intensiven Streitigkeiten. Am Ende entschied Kurfürst Friedrich III. im Juni 1698, dass die Privatbeichte zugunsten der Allgemeinen Beichte aufgegeben werden solle, ordnete gleichzeitig aber auch die Versetzung Schades an. Zu der kam es nicht mehr, da Schade an Schwindsucht erkrankte und nach fünfwöchiger Krankheit starb: „Der aufgeregte Pöbel gönnte ihm nicht einmal die Ruhe des Todes; nach seinem Begräbniß sammelte sich eine große Volksmenge auf dem Kirchhofe, die den Leichnam aus dem Grabe zu reißen versuchte und unter gotteslästerlichen Aeußerungen den größten Unfug verübte“. Bedenkt man heute aus weitem Abstand diesen Berliner Beichtstuhlstreit, fragt man sich unwillkürlich, ob es nicht auch möglich sein müsste, eine Verbesserung von Kirche und Frömmigkeit ohne solch verletzende Eskalation vorzunehmen. Oder ist das ein zu frommer Wunsch?

Sehen wir den weltlichen Stand an, und in demselben diejenigen, welche nach göttlicher Verheißung, Jes. 49,23 Pfleger und Säugammen der Kirche sein sollten, ach, wie Wenige sind unter denselben, welche sich erinnern, daß ihnen Gott ihr Scepter und Regiment dazu gegeben, um ihre Macht zur Förderung seines Reiches zu gebrauchen, sondern die meisten großen Herren leben in den Sünden und weltlichen Lüsten, welche das Hofleben gewöhnlich mit sich führt, ja die fast als unzertrennlich davon geachtet werden, während andere Obrigkeiten ihren eigenen Nutzen suchen, so daß man aus solchem Leben mit Seufzen abnehmen muß, daß Wenige unter denselben nur wissen, was das Christenthum sei, geschweige daß sie selbst solches haben und üben sollten! […]

Wie es nun in dem weltlichen Stande betrübt genug aussieht, ach, so mögen wir Prediger in dem geistlichen Stande nicht läugnen, daß auch dieser Stand ganz verderbet sei, und also von den beiden oberen Ständen das meiste Verderben in die Gemeinden übergehe. Jener alte Kirchenvater hat also zu schließen befohlen: „Gleichwie Du, wenn Du einen verdorreten Baum mit abgestorbenen Blättern siehst, schließest, es müsse ein Mangel an der Wurzel sein, also kannst Du, wenn Du das Volk zuchtlos siehest, mit Recht schließen, daß es ihm an einer heiligen Priesterschaft fehle.“ Ich erkenne gern unsers göttlichen Berufes Heiligkeit, auch weiß ich, daß Gott in unserm Stande die Seinen übrig behalten hat, die das Werk des Herrn treulich meinen; auch möchte ich nicht mit Elias Prätorius auf der an-dern Seite zu weit gehen, und das Kind mit dem Bade ausschütten; sondern der allsehende Herzenskündiger siehet, mit welcher Betrübniß meiner Seele ich es schreibe: Daß wir Prediger in unserm Stande so viele Reformation bedürfen, als irgend ein anderer Stand bedürfen mag.

[…]

Siehet es nun also in den beiden obern Ständen aus, welche den dritten Stand sollten regieren und zu der wahren Gottseligkeit führen, so kann man leicht denken, wie es in diesem Letztern nicht besser gehe, und die Regeln Christi überall hintangesetzt werden, wie der Augenschein lehret.
Unser lieber Heiland hat uns längst das Merkmal seiner Jüngerschaft gegeben, Joh. 13,35: „Dabei wird Jedermann erkennen, daß ihr meine Jünger seid, so ihr Liebe unter einander habt.“ Hier wird die Liebe zum Kennzeichen gemacht, und zwar eine Liebe, die sich öffentlich hervorthue nach 1 Joh. 3,18: „Meine Kindlein, lasset uns nicht lieben mit Worten, noch mit der Zunge, sondern mit der That und mit der Wahrheit.“ Urtheilen wir nun nach diesem Kennzeichen, wie schwer wird es unter dem großen Haufen derer, die den Namen „Christen“ führen, nur eine geringe Anzahl wahrer Jünger Christi zu finden? Und gleichwohl trügt des Herrn Wort nicht, sondern wird wahr bleiben nun und in Ewigkeit.

[…]

So hat die leidige Gewohnheit die Regeln unsers Christenthums verdunkelt, daß es uns ungereimt erscheinen will, wenn man in den einzelnen Fällen das verlangt, was im Allgemeinen von Allen zugestanden wird, den Nächsten zu lieben, wie uns selbst; denn die Kraft dieser Worte wird wenig erwogen.
Zwar ist die Gemeinschaft der Güter, welche in der ersten Jerusalemitischen Kirche gewesen, unter den Christen nicht geboten, aber wer denket wohl daran, daß eine andre Gemeinschaft der Güter durchaus nothwendig sei?
Muß ich nämlich erkennen, ich habe nichts Eignes, sondern es sei Alles meines Gottes Eigenthum, ich aber nur ein darüber bestellter Haushal-ter, so steht mir keinesweges frei, das Meinige für mich zu behalten, wie und so lange ich will, sondern wo ich sehe, daß die Liebe erfordert, das Meinige zu Eh-ren des Hausvaters und meiner Mitknechte Nothdurft anzuwenden, darf mich alsdann kein Bedenken zurückhalten, alsbald dasselbe als ein gemeinschaftliches Gut hinzugeben, welches mein Nebenmensch zwar nach weltlichem Recht nicht fordern, ich ihm aber ohne Verletzung des göttlichen Rechts der Liebe nicht vor-enthalten darf, sobald ihm dadurch wirklich geholfen werden kann. Sind das nicht fast fremde Lehren, wenn man davon redet?

Und doch ist es eine nothwendige Folge der christlichen Liebe, und in der ersten Kirche durch und durch gewesen, so daß weder die Gemeinschaft, da Niemand etwas Eigenes hatte, die Gelegenheit der Tugend und christlichen Liebe aufhob, noch das weltliche Eigenthum ein Hinderniß der brüderlichen Liebe wurde. Daher hatten bei den ersten Christen die Reichen keinen andern Vortheil, als, weil sie auch reich sein mußten in guten Werken, 1 Tim. 6,18, die Sorge und Mühe, ihr Eigenthum recht zu verwalten, indem sie alle Augenblicke bereit waren, es da anzuwenden, wo sie ihre Liebe gegen Gott und den Nächsten bezeugen konnten, und des Letztern Nothdurft sahen.

[…]

Es ist der Ort nicht, Alles auszuführen; aus diesen Exempeln aber erhellet genugsam, daß solche Sünden unter uns herrschen, die ungeachtet des deutlichen Zeugnisses der Schrift nicht für Sünden gehalten wer-den, und deren Aergerniß desto mehr schadet.

[…]
Ach wie redet unser theurer Luther sogar anders von dem Glauben, wenn er in der Vorrede über die Epistel an die Römer spricht: „Glaube ist nicht der menschliche Wahn und Traum, den Etliche für Glauben halten; und wenn sie dann sehen, daß keine Besserung des Lebens und gute Werke folgen, und doch vom Glauben viel hören und reden können, fallen sie dann in den Irrthum und sprechen, der Glaube sei nicht genug, man müsse Werke thun, soll man fromm und selig werden. Das macht, wenn sie das Evangelium hören, so fallen sie dahin, und machen ihnen aus eigenen Kräften einen Gedanken im Herzen, der spricht: ich glaube, das halten sie dann für einen rechten Glauben; aber wie es ein menschliches Gedicht und Gedanken ist, den des Her zens Grund nimmer erfähret, also thut er auch nichts und folget keine Besserung hernach. Aber der Glaube ist ein göttlich Werk in uns, das uns wandelt und neu gebieret aus Gott, Joh. 1,13, und tödtet den alten Adam; machet aus uns ganz andre Menschen von Herzen, Muth, Sinn und allen Kräften, und bringet den heiligen Geist mit sich. O es ist ein lebendig, geschäftig, thätig Ding um den
Glauben, daß unmöglich ist, daß er nicht ohne Unterlaß sollte Gutes wirken. Er fragt auch nicht, ob gute Werke zu thun sind, sondern ehe man fraget, hat er sie gethan, und ist immer im Thun.“ Andre Orte führen wir nicht an, wo er eben so redet, […]

Die leere Einbildung des Glaubens, dieses von unsrer Seite einzigen Mittels zur Seligkeit, thut also großen Schaden, dazu kommt in Beziehung auf die von Gott verordneten Gnadenmittel des Worts und Sakraments eine andere schädliche Einbildung, als genügte schon der bloße äußerliche Gebrauch derselben, wodurch die Kirche nicht weniger verwüstet wird, viele Menschen zur Verdammniß geführt, und in der falschen Einbildung des wahren Glaubens gestärket werden. Denn wir können nicht läugnen, sondern werden durch die tägliche Erfahrung davon überzeugt, daß nicht Wenige meinen, ihr ganzes Christenthum bestehe darinnen, und alsdann hätten sie dem Gottesdienst übrig genug gethan, wenn sie eben getauft wären, das Wort Gottes in der Kirche hörten, beichteten, die Absolution empfingen und zu dem heiligen Abendmahl gingen, mag nun das Herz dabei sein oder nicht, mögen Früchte folgen oder nicht; wenn’s hoch kommt, bemühen sie sich etwa dabei ein solches Leben zu führen, darin eben die Obrigkeit nichts Strafbares findet.

[…]
Dies ist leider der betrübte Zustand der äußerlichen Gestalt (S. 32) unserer evangelischen Kirche, obwohl dieselbe die wahre und in der Lehre rein ist.

[.. ]

aber die Klagen gottseliger Gemüther kommen, wie der Herzenskündiger selbst sieht, aus einer gar andern Absicht, nämlich aus inniger Liebe und Eifer für Gottes Ehre, deren Schmälerung wir beseufzen und Verlangen tragen, ob dadurch der Eine oder Andere bewogen werden möchte, sich der Sache ernstlicher anzunehmen. Es ist ja eitel Liebe, wenn ich gefährliche Schäden aufdecke, um sie denen zu zei-gen, die sie heilen sollen.
Wir decken auch nichts auf, was nicht leider ohnedies vor Augen liegt, und wollen der heimlichen Gebrechen im Einzelnen nicht gedenken, es ist also vergeblich, das Offenbare vor den Widersachern bedecken zu wollen; bilden wir uns das ein, so müssen wir uns sehr schmeicheln, wenn wir denken, als sähen sie unsre Gebrechen nicht viel schärfer, als wir selbst.

Was waren nun die wichtigsten Wirkungen des Pietismus? Zu nennen wären: eine Intensivierung der Frömmigkeit, eine Förderung der evangelischen Vergemeinschaftung, eine Aktivierung der Laien, die Neubelebung des Bildungsengagements, die Stärkung von Diakonie und Mission, die größere Aufmerksamkeit auf die Ausbildung der Pastoren. Zugleich hat der Pietismus, vor allem in seinen radikaleren Ausprägungen, eine entschiedene radikale Innigkeit des Glaubens befördert und daraus auch ästhetische Funken geschlagen: die deutsche Literatur verdankt dem Pietismus viel (vgl. besonders Karl Philipp Moritz). Verbunden ist damit ein neuer Nonkonformismus im Protestantismus, die Entstehung von mystischen Gruppen und freikirchlichen Gemeinden, aber auch von frommen Einzelgängern (vgl. Sören Kierkegaard).
Es ist aber auch notwendig, kritische Rückfragen zu stellen. Dies haben schon damals aufgeklärte Zeitgenossen getan. Sie fragten, ob ein Übermaß an Frömmigkeit den Gläubigen nicht unglücklich macht und der Kirche schadet. So beklagten sie einen „Idiotism der Erbauung“ mit viel zu vielen Gottesdiensten, Andachten und Bibelstunden. Auch sei die Forderung, ein vollkommener Christ zu werden, eine unmenschliche Dauerüberforderung. Pietisten würden zu einer viel zu skrupulösen Selbstüberwachung erzogen und stünden unter dem beständigen Druck, sich fromme Gedanken und Gefühle anzuempfinden, die doch nicht die ihren wären. Damit verbindet sich eine aufdringliche Religionspädagogik und indiskrete Seelsorge, ein Bekehrungseifer als fromme Belästigung. Zusammen genommen führe das allzu leicht zur Ausbildung ekklesiogener Neurosen, einem unglücklichen Bewusstsein. Vielleicht ist es bei der Frömmigkeit genauso wie auch sonst im Leben: Es geht stets um das rechte Maß. Dieses aber geht verloren, wenn ein übersteigerter Reformeifer am Werk ist. Zu viel Frömmigkeit ist auch nicht gesund.

I. Man müßte darauf denken, das Wort Gottes reichlicher unter uns zu bringen. Wir wissen, daß wir von Natur nichts Gutes an uns haben, sondern soll etwas an uns sein, so muß es von Gott in uns gewirkt werden, und dazu ist das Wort Gottes das kräftige Mittel, indem der Glaube durch das Evangelium entzündet werden muß, das Gesetz aber die Regel der guten Werke und viel herrlichen Antrieb giebt, denselben nachzujagen. Je reichlicher also das Wort Gottes unter uns wohnen wird, je mehr werden wir Glauben und dessen Früchte entspringen sehen. Nun sollte es zwar scheinen, daß das Wort Gottes reichlich genug unter uns wohnte, indem an manchen Orten, (und zwar auch in hiesiger Stadt) täglich, anderswo doch öfters, von der Kanzel gepredigt wird.
Wo wir aber der Sache reiflich nachdenken, werden wir auch in diesem Stück Vieles finden, was noch weiter nöthig wäre. Ich verwerfe die Predigten nicht, wie sie gewöhnlich gehalten werden, wobei aus einem gewissen vorgelegten Text und dessen Erklärung die christliche Gemeine unterrichtet wird, indem ich ja selbst dergleichen vortrage und verrichte; aber ich finde, daß dieses nicht genug sei […].

II. Die Aufrichtung und fleißige Uebung des geistlichen Priesterthums.
Es wird Jeder, der etwas fleißig in Luthers Schriften gelesen, beobachtet haben, mit welchem Ernst der selige Mann solches geistliche Priesterthum getrieben habe, da nicht nur der Prediger, sondern alle Christen von ihrem Erlöser zu Priestern gemacht, mit dem heiligen Geist gesalbet, und zu geistlichen priesterlichen Verrichtungen berufen sind. Denn Petrus redet ja nicht mit den Predigern allein, wenn er sagt 1 Petr. 2,9: „Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, das königliche Priesterthum, das heilige Volk, das Volk des Eigenthums, daß Ihr verkündigen sollt die Tugenden deß, der Euch berufen hat von der Finsterniß zu seinem wunderbaren Licht.“

[…]

III. Zu diesen Stücken gehört auch, daß man den Leuten gut einpräge, und sie bald daran gewöhne, sich zu überzeugen, daß es mit dem Wissen im Christenthum durchaus nicht genug sei, sondern daß es vielmehr in der Ausübung bestehe. Besonders hat unser lieber Heiland öfters uns die Liebe als das rechte Kennzeichen seiner Jünger anbefohlen Joh. 13,34,35: „Ein neu Gebot gebe ich Euch, daß ihr euch unter einander liebet, wie ich euch geliebt habe, auf daß auch ihr einander lieb habt. Dabei wird Jedermann erkennen, daß ihr meine Jünger seid, so ihr Liebe unter einander habt.“

[…]

Damit wäre aber auch die Ausübung dieser Liebe zu verbinden, daß man die Gemeinglieder gewöhne, nicht leicht eine Gelegenheit aus der Acht zu lassen, wo sie dem Nächsten ihre Liebe thätig beweisen können, dabei aber allemal fleißig, das Herz zu untersuchen, ob es aus wahrer Liebe gehandelt, oder andere Absichten dabei gehabt.

[…]

IV. Endlich sollten wir auch genaue Achtung auf uns geben, wie man bei den Religionsstreitigkeiten und gegen Ungläubige oder Falschgläubige sich zu verhalten habe, daß wir uns nämlich vor allen Dingen befleißigen sollen, uns selbst und die Unsrigen, auch alle übrigen Glaubensbrüder in der erkannten Wahrheit zu bekräftigen, zu stärken, und hingegen vor aller Verführung mit großer Sorgfalt zu verwahren. Nächstdem aber haben wir uns auch unsrer Pflicht gegen die Irrenden zu erinnern.

[…]

[2.] Wir haben ihnen mit gutem Exempel vorzugehen, und uns auf’s Eifrigste zu hüten, daß wir ihnen in Nichts Aergerniß geben, denn sonst machen wir ihnen damit falsche und üble Begriffe von unsrer reinen Lehre, und erschweren somit ihre Bekehrung.

[…]

V. In allen diesen Dingen, die der Kirche Besserung betreffen, hängt von dem Predigtamt das Meiste ab, wie daher die Mängel, die sich an Predigern finden, am Meisten schaden, so ist um sovielmehr daran gelegen, daß man solche Leute habe, welche nicht nur zuerst wahre Christen sind, sondern auch sodann göttliche Weisheit haben, auch Andere auf den Weg des Herrn vorsichtig zu führen. Es würde also zu der Besserung der Kirche sehr wichtig, ja durchaus nöthig sein, daß man nur solche Männer zum Predigtamt beriefe, die dazu tüchtig wären; und überhaupt bei dem ganzen Berufungswerke nichts anders als die Ehre Gottes im Auge hätte, mit Hintansetzung aller fleischlichen Absichten und Rücksichtnehmen auf Gunst, Freundschaft, Geschenk und dergleichen unziemliche Dinge, wie denn die hiebei stattfindenden Mißbräuche nicht eine der geringsten Ursachen der Gebrechen unserer Kirche sind, was wir aber diesmal nicht ausführen wollen.

[…]

VI. Dies hänge ich endlich noch als das sechste Mittel an, wodurch der christlichen Kirche in einen bessern Zustand geholfen werden könnte, wenn nämlich die Predigten von Allen so eingerichtet würden, daß der Zweck derselben, nämlich Glauben und dessen Früchte hervorzubringen, bei den Zuhörern bestmöglichst erreicht werde.

[…]

Daher soll man auch fleißig nachweisen, wie die göttlichen Mittel des Wortes und der Sakramente es mit solchem innerlichen Menschen zu thun haben; es sei also nicht genug, daß wir das Wort mit dem äußerlichen Ohr hören, sondern wir müssen es auch in das Herz dringen lassen, daß wir daselbst den heiligen Geist reden hören, d. i. seine Versiegelung und Kraft des Wortes mit lebendiger Bewegung und Trost fühlen; es sei nicht genug, daß wir getauft sind, sondern unser innerlicher Mensch, welcher Christum in der Taufe angezogen, müsse auch mit ihm bekleidet bleiben, und das durch sein äußerliches Leben beweisen; es sey nicht genug, äußerlich das heilige Abendmahl empfangen zu haben, sondern unser inwendiger Mensch müsse auch durch solche selige Speise wahrhaftig genähret werden; es sei nicht genug, äußerlich mit dem Munde zu beten, sondern das rechte und wahre Gebet geschehe in unserm Herzen, und breche entweder dann erst in Worte aus, oder bleibe wohl auch gar in der Seele, wo es doch Gott finde und antreffe; es sei nicht genug, daß wir in dem äußerlichen Tempel Gott dienen, sondern unser innerlicher Mensch müsse vor allem Andern in seinem eigenen Tempel (im Herzen) Gott verehren, man sei äußerlich in der Kirche oder nicht, und was dergleichen mehr ist.