Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus.

Seid nüchtern und setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch dargeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi.

Das ist mir aufgetragen, heute vorzulesen.

Seid nüchtern und setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade!

Aber beginnen wir mit dem Anfang unseres Textes:

Darum umgürtet eure Lenden

und stärkt euren Verstand,

seid nüchtern

und setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch dargeboten wird in der Offenbarung Jesus Christi.

Als gehorsame Kinder gebt euch nicht den Begierden hin, in denen ihr früher in eurer Ungewissheit lebtet;

sondern wie der, der euch berufen hat, heilig ist,

sollt auch ihr heilig sein in eurem ganzen Wandel.

Denn es steht geschrieben: „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.“

Ich ende hier, auch wenn wir noch weiterlesen könnten. Wir fasten heute einen Teil des Predigttextes.

Das soll genug sein für heute.

Lasst uns nun einen Moment nüchtern still sein und uns stärken an der Ruhe.

[Stille]

Habt Ihr schon einmal daran gezweifelt, dass am nächsten Tag die Sonne wieder aufgeht?

Ist Euch schon einmal in den Sinn gekommen, dass am nächsten Morgen das Sonnenlicht ausfallen wird?

Nüchtern betrachtet ist das für die Spanne unseres Lebens vollkommen ausgeschlossen, dass die Sonne am nächsten Tag nicht aufgeht.

Sicher, unter einem grauen Berliner Himmel mag der Zweifel an der Sonne manchmal da sein. Das hat aber meteorologische Gründe. Sie scheint trotzdem immer irgendwo hinter diesem märkisch grauen Himmel.

Nüchtern betrachtet geht auch in Berlin jeden Tag die Sonne auf und es ist absurd, daran zu zweifeln.

Seid nüchtern und setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch dargeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi.

Habt ihr schon einmal, daran gezweifelt, dass Ihr morgen noch Hoffnung habt?

Ist es euch schon einmal in den Sinn gekommen, dass am nächsten Morgen die Hoffnung ausfallen wird?

Nüchtern betrachtet ist das für die Spanne unseres Lebens vollkommen ausgeschlossen, dass die Hoffnung am nächsten Tag nicht mehr da ist.

Wie gesagt, das gilt, wenn wir das Leben, unser Leben, nüchtern betrachten. Aber wer ist schon Tag und Nacht nüchtern?

Nicht, dass Ihr mich falsch versteht.

Ich rede nicht von der Überdosis Alkohol oder einem sich täglich wiederholenden Weihnachtsessen, das einen so aufbläht, dass man sich nur noch den Bauch hält vor Völlegefühl.

Ich meine die Nüchternheit der Seele und des Geistes. Ich meine die Nüchternheit unserer Gefühle und unseres Glaubens. Und diese Nüchternheit hat nichts mit Abgeklärtheit oder gefühlsmäßiger Kälte zu tun.

Nüchtern in der Seele und im Geist bin ich dann, wenn ich frei von Angst bin und das bin ich selten.

Nüchtern in der Seele und im Geist bin ich dann, wenn mein Kopf und mein Herz wahrhaftig für einen kurzen oder längeren Moment all ihre Schutzschichten abgelegt haben und ich mich frei und unverletzlich fühle.

Christlich ausgenüchtert bin ich in dem Moment, wenn ich selbstbewusst in mich hineinschauen kann und dort nur das warme endlose Meer des Geliebtseins finde.

Dann bin ich nüchtern. Ein Moment, den ich oft suche und der mir zugleich immer wieder entgleitet – Hoffnung.

Nüchtern betrachtet ist die Hoffnung immer da.

Habt ihr schon einmal, daran gezweifelt, dass morgen die Gnade noch da ist?

Ist es euch schon einmal in den Sinn gekommen, dass am nächsten Morgen die Gnade verschwunden ist?

Nüchtern betrachtet ist das für die Spanne unseres Lebens vollkommen ausgeschlossen, dass die Gnade am nächsten Tag uns nicht mehr geschenkt wird.

Wie gesagt, das gilt, wenn wir das Leben, unser Leben mit unserem Gott, nüchtern betrachten. Aber wer ist schon Tag und Nacht nüchtern?

Täglich ziehen Nebelschwaden um und durch die Herzen. Der blaue Himmel meiner heiligen Seele trübt sich minuten-, stunden-, manchmal tageweise ein und dieser Nebel scheint übermächtig. Kein Wille und kein Kraut kommen dann dagegen an. Die Trunkenheit der Trauer und das Völlegefühl der Sorge machen aus der Gnade der Freiheit ein abstraktes unverständliches Wort.

Ich will sie fühlen, fühle aber nichts.

Nüchtern betrachtet ist da – die Gnade –  und doch versinkt sie im Dunst wie die Kugel des Fernsehturms an einem feucht-kalten Frühlingsmorgen.

Seid nüchtern und setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch dargeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi.

Seid nüchtern!

Wenn das so einfach wäre in dieser Fremde mit ihren Begierden der Verzweiflung.

Und nichts anderes ist unser Nomadenleben in dieser Welt.

Es ist Fremde, Fremde, Fremde.

Und wir sind für eine Weile unterwegs in dieser Fremde.

Wir zimmern uns Heimeligkeit und Heimat, sind aber nie vollkommen zu Hause.

Zu Hause sind wir erst, wenn wir ewig leben. Zu Hause angekommen sind die, die wir entlassen haben in alle Ewigkeit und doch nie endgültig vergessen.

Setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade!

Setzt jeden Schritt Eurer Füße auf den freien Raum, den Gott uns geebnet hat und den wir erst vollkommen fühlen, wenn wir unseren Weg zu Ende gegangen sind.

Bis dass wir dort angekommen sind, dauert es und wir müssen – ja, auch wenn wir sonst nichts müssen – müssen wir uns diesen freien Raum unter unseren Füßen täglich neu erkämpfen.

Wir müssen ihn uns nehmen, ihn mit den Händen greifen, festhalten, ihn deftig an uns drücken und ihn nüchtern trunken umschließen, als gäbe es nur uns und unsere Hoffnung und seine Gnade.

Ihr seid nicht fertig. Niemals. Egal wie alt oder jung Ihr seid. Jeden Tag geht die Sonne über euch auf und Ihr habt es in der Hand und im Herzen, wie hell sie euch scheint.

Nüchtern betrachtet sind das sonnige und hoffnungsvolle Aussichten hier und in unserer zukünftigen Heimat.

So seid also nüchtern und setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade und lebt so frei Ihr nur könnt.

Christus schenke euch allen heiligen Mut dazu, Euch, die Ihr schon heilig seid, weil er es ist.

Amen