I. Schlangen
Schritt für Schritt geht es über sandigen Boden, der Weg führt auf sanfte Höhen und in Täler, die Landschaft ändert sich gemächlich. Einen Fuß vor den anderen setzen – kilometerlang. Eine angenehme Entspannung ergibt sich aus der immer gleichen Schrittabfolge…
Doch plötzlich bewegt sich etwas im Unterholz, blaugrau blitzt es hervor und windet sich rasend schnell über den Weg. Der Atem stockt, kurze Schockstarre und die heiß den Nacken hochkriechende Erkenntnis: Eine Ringelnatter!

Nicht nur einer Ringelnatter, sondern gleich mehreren dieser Schlangen bin ich vor einiger Zeit auf einer Wanderung in Brandenburg begegnet. Es war Mai und die Nattern trafen sich zur Paarung in Wassernähe.
Jedes Aufeinandertreffen war ein kurzes Entsetzen: Unerwartet zischt die Schlange über den Weg.
Und Urängste werden wach: Ängste von Angegriffen- und Gebissenwerden, von Gift und Lähmung und Tod.

Hat die Schlange das verdient?
Eigentlich ist sie ja ein faszinierendes Tier: Bedrohlich und rettend zugleich.
Sie ist blitzschnell unterwegs, taucht überraschend aus dem Nichts auf und in vielen Fällen ist ihr Biss giftig. Als „kleiner Drachen“ symbolisiert sie im Alten Orient aber auch Macht und Schutz.  Und als Seraphim, als geflügelte schlangengleiche Engel, umschwirrt sie Gottes Thron und singt ihm „Heilig, heilig, heilig“ zu. Sie steht zudem für Fruchtbarkeit und ihre Häutung wird als Zeichen für Lebenserneuerung gedeutet. Und ihr Gift kann als wirksames Gegengift auch Heilkräfte entfalten: Nicht umsonst schmückt die Schlange den Asklepiosstab – das Berufszeichen von Medizinerinnen und Apothekern.
Die Schlange ist ein schillerndes und vieldeutiges Wesen – auch in der Bibel. Ursprünglich galt sie als Trägerin von Weisheit und Erkenntnis. Wie die Bibel in gerechter Sprache so treffend formuliert: „Die Schlange hatte weniger an, aber mehr drauf als alle anderen Tiere.“ Ihre Rolle in der Schöpfungsgeschichte hat in der Tradition des Christentums jedoch dazu geführt, dass die Schlange mit dem Bösen und Teuflischen in Verbindung gebracht wird.
Die Schlange ist aber beides: Bedrohlich und rettend zugleich. So begegnet sie uns auch in der Erzählung aus dem 4. Buch Mose:

Da brachen sie auf von dem Berge Hor in Richtung auf das Schilfmeer, um das Land der Edomiter zu umgehen. Und das Volk wurde verdrossen auf dem Wege und redete wider Gott und wider Mose: „Warum habt ihr uns aus Ägypten geführt, dass wir sterben in der Wüste? Denn es ist kein Brot noch Wasser hier, und uns ekelt vor dieser mageren Speise.“
Da sandte der Herr feurige Schlangen unter das Volk; die bissen das Volk, dass viele aus Israel starben.

II. Kurzatmig und brennend
„Verdrossen“ waren sie, die Männer und Frauen, man könnte auch sagen: „mit kurzem Atem“.  Eng wurde es ihnen im Herzen, trotz der Weite der Landschaft. Immer noch nicht am Ziel angekommen – nach so langer Zeit! Freiheit hat ihnen Gott versprochen und ein Land, in dem Milch und Honig fließen. So verheißungsvoll war der Aufbruch gewesen und jetzt, viele Jahre später, werden die Beine schwer und der Atem kurz und die Haut dünn. Die Erinnerung an Gottes Heilstaten verblasst, Zweifel und Misstrauen machen sich breit, heißer Zorn steigt in ihnen hoch. Sie beschweren sich:
Warum sind wir immer noch hier, keinen Schritt weiter? Wir treten auf der Stelle! Und müssen immer noch dieses Manna essen.
Die Stimmung verzweifelt, die Hoffnung vergiftet, die Probleme drängend. Und es wird noch schlimmer: Feurige Schlangen bringen den Tod. Wahrscheinlich waren diese schon immer da.  Sie gehören zum Lebensraum der Wüste. Zum tödlichen Problem werden sie erst, als die Verdrossenheit zunimmt. Auf einmal bricht das Entsetzen ins Leben.

Liebe Gemeinde,
mich hat zum Glück noch nie eine echte Schlange gebissen. (Vielleicht hat jemand von Ihnen diese Erfahrung schon gemacht? Ich stelle mir das sehr unangenehm vor.) Dafür glaube ich, das vergiftende Gefühl von Verdrossenheit, von Kurzatmigkeit zu kennen, von dem die Geschichte erzählt:
Ich erkenne es in meinem Zweifeln an Gottes Versprechen, das sich langsam einschleicht wie eine Schlange, und mich unzufrieden macht. Mich fragen lässt: Gings mir früher nicht besser? Ich erkenne es in meiner Lähmung und Taubheit angesichts der Herausforderungen dieser Welt. In meiner Niedergeschlagenheit, die den Blick nach unten zieht.  In meinem gelegentlichen Vergessen von allem, was ich an Gutem erfahren habe.
Dann und wann fühle ich mich umzingelt von brennenden Schlangen. Sie tauchen aus dem Nichts auf und kommen meistens nicht allein: Sie machen mir schmerzhaft bewusst, was in meinem Leben nicht gelingt, wo ich mich schuldig gemacht habe, wofür ich mich brennend heiß schäme. Sie verbeißen sich von neuem in meinen alten Narben, öffnen sie wieder, reißen neue Wunden, und sie machen mich ängstlich und einsam, immer auf der Lauer, den Kopf gesenkt zum Boden, zu Stillstand verdammt.

III. Form und Gestalt
Da kamen sie zu Mose und sprachen: Wir haben gesündigt, dass wir wider den Herrn und wider dich geredet haben. Bitte den Herrn, dass er die Schlangen von uns nehme. Und Mose bat für das Volk. Da sprach der Herr zu Mose: Mache dir eine eherne Schlange und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben. Da machte Mose eine eherne Schlange und richtete sie hoch auf. Und wenn jemanden eine Schlange biss, so sah er die eherne Schlange an und blieb leben.

Die schlechte Nachricht zuerst: Die Schlangen werden wir nicht los. Sie bleiben da.  Aber hier wird ein Ausweg, ein Umgang mit ihnen aufgezeigt. Das Bedrohliche, das Unfassbare und Sich-Windende wird in eine feste Form gebracht. Es bekommt eine neue Gestalt und wird dadurch zu einem Heilszeichen. Die Schlangen beißen weiter, aber sie werden durch die „eherne Schlange“ ihrer tödlichen Gewalt beraubt. Wer sie anblickt, wird leben. Wer sich nicht schämt, auf die Schmerzen und Abgründe zu schauen, kann befreit weitergehen. Die „eherne Schlange“ erinnert an Leid und Tod, und sie erinnert zugleich an Gottes Rettung.

Vielleicht lässt sich diese merkwürdige Geschichte ja so deuten: Das, was mich beißt, darf ich nicht verdrängen, sondern muss es mir bewusst machen, weil ich sonst von ihm beherrscht werde. Ich muss es mir mutig anschauen, mich mit ihm auseinandersetzen und kriege es so in den Griff. In ganz kleiner Form kann das heißen, z.B. Gedanken, die mich nachts nicht schlafen lassen, aufzuschreiben – ihnen eine Gestalt zu geben und sie so festzuhalten. In einem größeren Rahmen kann es heißen, mich mit meinen eigenen Verletzungen und Narben zu beschäftigen, mich nicht meiner Ängste und Unzulänglichkeiten zu schämen, sondern sie anzusehen, und das Dunkle und Schreckliche, das ich auch in mir trage, anzunehmen. Und offen auszusprechen, was mich lähmt und mich vergiftet. Denn die Geschichte sagt mir: Die Konfrontation mit meinen Abgründen ist möglich – und heilsam.
Ich lerne, mit meinen feurigen Schlangen zu leben, sie zu domestizierten Haustieren zu machen, die ich ohne Furcht anschauen kann. Dadurch kann ich wieder Luft holen, habe einen längeren Atem, werde unverdrossener. Und erinnere mich wieder daran, was Gott mir versprochen hat. Ich kann loslaufen, aufbrechen aus meiner Gelähmtheit.

IV. Der Blick zu den anderen
Das gibt mir Kraft, mich nicht nur mit meinen eigenen brennenden Schlangen zu beschäftigen, und ständig auf meine eigenen Füße zu gucken, sondern mich auch anderen zuzuwenden. Wie der Theologe und Psychoanalytiker Eugen Drewermann schreibt: „Aus der eigenen Verwundung, aus der eigenen Betroffenheit, erwächst die Fähigkeit zur ‚magischen‘ Identifikation mit der seelischen und körperlichen Not anderer. […] Es ist stets die Überwindung des eigenen Traumas, die zum Heilen befähigt.“
Wer leben will, muss den Blick heben – weg von den eigenen Schlangen, von den eigenen Schmerzen, hin zu den Nächsten, die ebenfalls leiden. Und hin zu dem Zeichen, das die tödliche Macht bannt, weil es beides enthält: Die Erinnerung an Leid und Tod, und die Rettung davon. Durch Gott ist ein Symbol der Todesangst zu einem Zeichen des Heils geworden: Nicht die Schlange heilt auf magische Weise, sondern der Mut, zu ihr und zu dem, wofür sie steht, hinzublicken.

V. Judika
Die eherne Schlange gibt es nicht mehr. Sie wurde zerstört. Wir blicken heute, am Sonntag Judika, der uns das Leiden von Gottes Lamm vor Augen führt, auf ein anderes Symbol der Todesangst: Das Kreuz, an dem Jesus stirbt, ist entsetzlich, eine Zumutung. Ein Folterwerkzeug und Todesinstrument. Der Blick darauf ist schamhaft und schmerzlich. Und er führt uns in unsere Abgründe: dorthin, wo es uns weh tut. Wo unsere feurigen Schlangen sitzen und die großen dunklen Fragen wohnen:
Wie kann Gott das zulassen? Warum greift er nicht ein?
Wo ist er, wenn ich ihn brauche?
Warum schickt Gott dem Volk Israel die tödlichen Schlangen?
Warum lässt Gott einen Menschen auf fürchterliche Weise sterben, damit andere leben?
Die Fragen bleiben, an manchen Tagen brennender als an anderen. Aber der Blick auf das Kreuz hilft dabei, die Fragen zu domestizieren, wie unsere Schlangen. Denn: Diesem Zeichen des Todes wohnt auch die Rettung inne – Freiheit von dem, was uns beißt und vergiftet. Ein Blick, der über uns hinausgeht.

Der Evangelist Johannes erzählt von einem Gespräch zwischen Jesus und Nikodemus, einem Pharisäer, über Glauben und das ewige Leben. Auch Nikodemus hat brennende Fragen und er fragt: Wie mag das zugehen? Darauf antwortet Jesus:
Wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden,
auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. (Johannes 3,14f)

Ja, wie mag das zugehen?, frage ich mit Nikodemus. Wie mag das zugehen, dass das Zeichen des Todes zu einem heilsamen Zeichen der Rettung wird?
Vielleicht, indem wir unter dem Kreuz unsere Lebensgeschichte ehrlich anschauen und den Schmerz in ihr aushalten, ohne davon gelähmt und vergiftet zu werden. Indem wir nicht aufhören, auch in Wüstenzeiten auf Gottes Führung zu vertrauen. Indem wir das, was uns beißt und brennt, anpacken und ihm eine Form geben, die wir gestalten können. Indem wir hoffnungsvoll anglauben, gegen alle Entsetzlichkeiten unseres Lebens und dieser Welt. Befreit aufbrechen, mit langem Atem.
Den Blick heben und leben.

Amen.