Der eine oder die andere von ihnen mag es vielleicht schon einmal gesehen haben, das Licht in der Grabeskirche in Jerusalem. Es ist berückend schön und wenn Sie in die Kuppel hinaufblicken, in der sich vermutlich gerade eine Taube auf einem Sims fest flattert, könnten Sie zu dem Glauben kommen, dass sich Himmel und Erde genau hier, vor Ihren Augen, durchdringen. An einem Dezembertag im vergangenen Jahr stand ich dort, blickte hinauf und es schien mir, als löste sich etwas Schweres in dieses Licht hinein auf. Es war einer der ruhigsten, schönsten und zuversichtlichsten Momente, die ich je erlebt habe.
Bevor sie nun meinen, ich hätte womöglich den Feiertag verwechselt, die Karwoche ist vorbei und wir feiern heute nicht das Wunder der Auferstehung, sondern bereits den vierzigsten Tag der Osterzeit, bevor Sie sich fragen, warum Ihnen von der Grabeskirche erzählt wird, nicht von der Himmelfahrtskapelle, die etwa Tausend Meter entfernt, auf dem Ölberg vor den Toren der Jerusalemer Altstadt liegt – bevor Sie sich das fragen, möchte ich noch etwas anderes erzählen.
An jenem Tag – aber das wusste ich in dem Moment noch nicht – als ich dort stand und alles ganz leicht wurde mit einem Mal, starb der Vater eines guten Freundes von mir. Als ich davon erfuhr, dachte ich, dass ich ihm erzählen müsste, was ich an eben jenem Tag gesehen und erlebt hatte, von diesem alles Schwere aufhebendem Licht. Und dann wieder dachte ich, nein, das kann ich doch nicht machen, wie übergriffig wäre das, mich derart einzumischen und dann auch noch mit einer Geschichte vom Grab Jesu, an den er als Moslem zwar glaubt, auch an Jesu Himmelfahrt, aber nicht an seine Kreuzigung und Auferstehung. Was soll ich ihm da mit meinen Glaubensinhalten kommen?
„Ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und in Samarien und bis an die Grenzen der Welt“, sagt Jesus in der Apostelgeschichte zu seinen Jüngern. „Als er das gesagt hatte, wurde er vor ihren Augen emporgehoben und eine Wolke nahm ihn auf und entzog ihn ihren Blicken.“
Das ist die Geschichte der Himmelfahrt: Christus geht, die Welt aber bleibt zurück. Gottes Sohn wird uns entzogen und die Menschen bleiben mit seinem Sendungsauftrag allein. Es liegt nun an ihnen, an uns, zu verkünden, beim Menschen, beim gewöhnlichen Menschen. Es ist der Moment, in dem wir vor eine der größten Aufgaben gestellt werden: Allein zu sein mit der Botschaft, ihre Zeugen zu werden, selbst dann noch, wenn wir keine Augenzeugen gewesen sind. Was wir haben sind die Symbole, ist die Heilige Schrift, ist die Geschichte, ist der Glaube. Und das Versprechen: Ich bin bei euch alle Tage – es kommt uns wohl mitunter eher wie ein leeres Versprechen vor, dem wir entgegen wollen: Ja, aber wo denn?
Dieser Sendungsauftrag ist nicht nur ein schwieriger, er ist zudem, wenn wir ihn ernst nehmen, ein hochproblematischer. Bis an die Grenzen der Welt – dieser Universalismus, der formuliert wird, kann leicht in Überheblichkeit kippen. Oder, lassen wir einmal diesen Gedanken zu, vielleicht braucht er gar nicht erst zu kippen. Der universale Sendungsauftrag ist ein Alleinstellungsmerkmal des Christentums, und in ihm gründet wohl auch der Furor der Aufklärung, der Universalitätsanspruch der Menschenrechte ebenso wie der mitunter überhebliche Export westlicher Wertvorstellung: Wir bringen euch die einzig richtige Lebensweise bei.
Gefährlich wird es dann, wenn, wie in der Geschichte immer wieder geschehen, der Missionsauftrag politisch missbraucht wird. Dies geschah aus meiner Sicht etwa während des Kolonialismus, als die Missionierung vielfach der geografischen Besitznahme eine Besitznahme der Köpfe und Hoffnungen hat folgen lassen, der Lebensweisen und Werte und somit viel tiefer drang als die militärische Besetzung eines Kontinents es je erreichen könnte. Oder in der Zeit der Kreuzzüge, keine Missionierung im eigentlichen Sinne, aber doch ein Kriegszug in der Überzeugung, den besseren, richtigen Glauben zu besitzen und durch diesen Glauben ein Anrecht auf bestimmte Gegenden und Orte zu haben, sie zu „befreien“. Deus lo vult, Gott will es, hatte es zu Beginn des ersten Kreuzzugs im Jahr 1095 geheißen, auch wenn man annehmen darf, dass eher ein weltlicher als ein göttlicher Wille dahinterstecke. Papst Urban der Zweite war im Exil gewählt worden, denn Rom lag in der Hand des Gegenpapstes Clemens des Dritten, und was gab es da Günstigeres, als die politische Schwäche daheim mit Territorien andernorts auszugleichen, mit Orten im Heiligen Land gar, die man von den Türken erobern, also eben „befreien“ wollte?
Noch von einem dritten mich befremdenden Missionsdrang will ich sprechen, von einer weiteren Spielart, in der sich politische Interessen mit religiösen Symbolen und Schlagworten vermischen oder vielmehr das Religiöse vollständig ausgehöhlt und ad absurdum geführt wird im Dienste einer behaupteten Vorherrschaft, zur Ausgrenzung und Deklassierung Andersgläubiger. Vermutlich ahnen Sie, worauf ich hinauswill.
Seit einiger Zeit können wir einen eigenwilligen Missionseifer beobachten, den Missionseifer von Menschen, denen das Schlagwort Christentum vor allem als Abgrenzung dient. Ich spreche hier bewusst vom Schlagwort, denn das Wort scheint mir zu hoch zu sein für diesen Zusammenhang. Es ist keine Bezugnahme auf das, wovon die Evangelien uns berichten. Es geht um eine Bezugnahme auf eine verknappte Tradition, auf Symbole, die nicht mehr religiös, sondern kulturell gedeutet werden, und nicht mehr kulturell gedeutet werden, um Anteil haben zu lassen, sondern um auszugrenzen.
Wären es nur die Bayerischen Amtsstuben, die der Ministerpräsident Markus Söder nun zwangsbekreuzen lassen will, ich würde vielleicht nicht in dieser Ausführlichkeit davon sprechen. Nicht nur Söder dürfte der heftige Protest überrascht haben, den es bereits gab gegen die Instrumentalisierung des christlichen Kreuzes als CSU-Wahlkampf-Accessoire. Kardinal Marx etwa warf Söder vor, das Kreuz im Namen des Staates zu enteignen und es als Zeichen gegen andere Menschen zu missbrauchen. Es scheint mir aber symptomatisch zu sein für eine neuerliche Inbesitznahme des Schlagwortes Christentum aus einer Angst vor dem Anderen heraus, die sich immer häufiger auch in einen Hass gegen das Andere ausweitet. Es ist nichts Neues, was ich Ihnen sage, aber ich meine, die Aufregung darüber könnte größer sein. Es ist ja nicht etwa das bekannte Wasser predigen und Wein trinken, es geht nicht um die paar Prozent Alkohol, von denen es im Laufe des heutigen Tages sicherlich genug geben wird, und ich möchte ihnen auch gar nicht Wasser predigen, trinken Sie meinetwegen so viel Wein, wie Sie wollen. Es ist eher: das Stillen zu behaupten und verdursten zu lassen. Es ist, Gastfreundschaft zu predigen und die Tür zuzuschlagen. Es ist, mir fällt gerade kein besseres Wort ein, Häresie. Häresie der Zweckentfremdung.
Was passiert, wenn Symbole leer werden? Entweder, sie werden vergessen oder sie werden mit etwas anderem aufgeladen, für etwas zweckentfremdet, das möglicherweise dem Ursprünglichen sogar entgegengesetzt ist. Sicher, im Namen des Christentums sind gewaltigere Verbrechen begangen worden als ein paar Kreuze in Amtsstuben aufhängen zu wollen. Und doch berührt dies eine so sensible Frage, die Frage der Religionsfreiheit, der Nichteinmischung, der Nichtinbesitznahme des Religiösen durch das Weltliche, durch politisches und ideologisches Machtstreben. Wer etwas bezeugt, doch damit eigentlich nur noch sich selbst bezeugen will, die Geschichte nicht mehr hört und jene nicht anschaut, denen erzählt wird, der nimmt das Zeugnis allein als Machtanspruch. Es ist ein Diktieren mehr als ein Erzählen. Ein Beherrschen der Geschichte nicht, weil sie einem am Herzen läge, sondern weil man durch sie herrschen will.
Derzeit berufen sich manche auch gerne auf die jüdisch-christliche Tradition des Abendlands, allerdings geschieht das vor allem in Kontexten, die nicht etwa für eine engagierte Erinnerungskultur oder für religiöse Toleranz stehen, sondern für eine Ausgrenzung aller, die nicht christlich oder jüdisch geprägt sind. Das ist blanker Hohn. In einem Land, in dem vor wenigen Jahrzehnten Menschen jüdischen Glaubens oder jüdischer Wurzeln millionenfach ermordet wurden, ein Land, in dem man diesen Menschen nicht nur das Leben nahm, sondern sogar noch den eigenen Tod, in diesem Land von einem ach so harmonischen jüdisch-christlichen Abendland zu sprechen, ist, um es nett zu sagen, ein geschichtsvergessener Zynismus. Es ist die Instrumentalisierung religiöser Zugehörigkeit für politische oder ideologische Zwecke und es ist das Gegenteil von dem, was wir heute, da Antisemitismus in unserer Gesellschaft von Neuem Fuß fasst, brauchen, nämlich einen aufrichtigen Dialog. Das ist es gerade nicht; es ist das Aufhetzen einer Religion gegen die andere. Es ist das Ausspielen behaupteter Traditionen gegen andere. Es ist nichts Neues was, ich Ihnen sage, aber ich meine, dass der Protest dagegen doch noch sehr still ist.
„Und während er sie segnete, verließ er sie und wurde zum Himmel emporgehoben; sie aber fielen vor ihm nieder. Dann kehrten sie in großer Freude nach Jerusalem zurück“, so berichtet der Evangelist Lukas von der Himmelfahrt Jesu. In großer Freude seien die Jünger gewesen, freudig trotz des Abschieds, der eben kein Abschied, sondern der Beginn von etwas Neuem war. Freudig aber kann ich mir jene Mission nicht vorstellen, die aufhetzt und instrumentalisiert. Das ist keine Freude, das ist allenfalls Schadenfreude, wenn überhaupt.
Letzte Woche, als ich darüber nachdachte, worüber ich an diesem Tag zu Ihnen sprechen könnte, telefonierte ich mit dem bereits erwähnten Freund, wir unterhielten uns über die Frage des Missionsauftrags und wie er zu sehen, wie sich dazu zu verhalten sei. Und dann erzählte ich ihm doch von jenem Moment im Dezember, als sich etwas Schweres in das berückende, weltlich-unweltliche Licht hinein aufgelöst hatte vor meinen Augen und ohne, dass ich es bewusst beabsichtigt hätte, tat ich eben das, worüber wir uns zuvor unterhalten hatten. Ich missionierte wohl, womit ich meine, dass ich ihm von etwas berichtete, das mir als unglaublich schön erschienen war – nein, eben nicht als unglaublich, sondern gerade als glauben machend und aufnehmend, uns umfangend und bergend. Es lag mir fern, den Freund von der Konvertierung zum Christentum zu überzeugen, ich wollte ihm nur etwas Tröstendes sagen, etwas Hoffnungsfrohes, etwas, das die Schwere von uns nimmt, von der Trauer, die jeden weltlichen Abschied begleitet. Vermutlich ist eben das der Missionszwang, also nicht eine Zwangsmissionierung, sondern das Bedürfnis, zu erzählen, zu bezeugen, man kann eben nicht anders, man kann nicht davon schweigen, man möchte das Schöne, das man empfunden hat, teilen.
Nachdem ich an jenem Dezembertag in der Grabeskirche gestanden hatte, war ich noch weiter durch die Altstadt Jerusalems gegangen, ich sah die Klagemauer und die al-Aqsa-Moschee und auch die Himmelfahrtskapelle auf dem Ölberg sah ich, die weiße Kuppel gleißend im Sonnenlicht, überwölbend jenen Ort, an dem Jesus in den Himmel gefahren ist. Ich sah sie nur aus der Ferne, sah eher den Himmel darüber als die Erde, in der noch immer ein Fussabdruck Jesu zu sehen sein soll. Ich stand auf dem Tempelberg, hinter mir der Felsendom, jener Ort, von dem aus Mohammed auf seinem Pferd Buraq in den Himmel gereist ist. Frauen hatten sich vor der Moschee zusammengesetzt, Katzen liefen durch den hellen Mittag, und Soldaten drängten zur Eile, in wenigen Minuten würde der Tempelberg für uns geschlossen werden. Noch einmal blickte ich hinauf. Was für ein Ort höchster Glückseligkeit oder Freude müsste dieses Blau dort oben sein, als würden sich die Himmel überlagern, die Hoffnungen sich potenzieren. Und man wünscht sich in so einem Moment, dass die uns so vertrauten Worte „Wie im Himmel so auf Erden“ nicht nur Sache des Glaubens, sondern manchmal auch Teil der Wirklichkeit wären.  (Es gilt das gesprochene Wort.)

Nora Bossong ist Schriftstellerin und Lyrikerin aus Berlin.