Predigttext Amos 5,21-24

Der Prophet Amos war ein Schäfer aus Tekoa. Der Ort liegt nahe bei Bethlehem. Tekoa habe ich als Kind sehr oft besucht, weil meine Mutter dort an einer Mädchenschule unterrichtete. Zugleich kamen oft Hirten aus Tekoa in meine Heimatstadt Beit Sahour auf der Suche nach grünen Weiden. Mehr als alles andere findet aber die Botschaft des Amos heute Widerhall bei mir als einem Bethlehemiten und Palästinenser.

Amos war ein Prophet aus dem Süden, der zu dem Nordreich – Israel oder Samaria genannt – sprach. Zu seinen Lebzeiten erfreute sich das Nordreich der besten Tage: Es herrschte kein Krieg und es fehlte an politischen Spannungen. Es bestand Friede zwischen den Königreichen Juda und Israel. Das Nordreich war reich geworden und genoss eine gewisse Sicherheit, weil die umliegenden Großreiche Ägypten und Assyrien schwach erschienen. Es sollte sich aber herausstellen, dass dies eine falsche Sicherheit war.

Die Leute wogen sich auch in falscher Sicherheit, weil er zur Unabhängigkeit von Gott führte – dies kennen wir als Phänomen der Moderne unter dem Begriff „Säkularismus“. Gott wird „irrelevant“. Wenn Nationen an Wohlstand und Macht wachsen, gerät oft Gott aus dem Blick. „Wir haben dies geschafft!“, sagen wir.

Die Situation der Israeliten, wie sie im Buch Amos beschrieben wird, möchte ich als die eines „Mini-“ oder „Pseudo-Imperiums“ bezeichnen. Sehen Sie, das biblische Israel wurde als eine Gesellschaft erschaffen, die man als „Gegen-Imperium“ beschreiben könnte. Eine Alternative zu den bestehenden Großreichen. Eine Gesellschaft, in der zuerst und vor allem Gott gehuldigt wird. Darüber hinaus und ebenso wichtig war, dass von Israel, dem Volk Gottes und dem Volk des Bundes, erwartet wurde, eine Gemeinschaft zu sein, die sich durch Gerechtigkeit und Sorge um die Schwachen auszeichnet. Dies ist es, worin sich Israel von den anderen Nationen unterscheidet!

In den prophetischen Texten wird Gerechtigkeit direkt bezogen und gemessen daran, wie die schwächeren Glieder der Gesellschaft behandelt werden. Insbesondere die Unterdrückten, die Fremden, die Waisen, die Armen und die Witwen. Denn dies sind die Menschen, die von niemandem sonst beschützt werden! Gerechtigkeit und Recht kümmert sich um die Bedürfnisse derer, die schutzlos sind.

Jedenfalls wurde aus dem biblischen Israel ein Mini-Imperium, anstatt dass es die Großreiche als Alternative herausforderte. Anstatt die schwächeren Gesellschaftsmitglieder zu schützen, nutzten die Könige Israels die Schwachen aus, um ihr eigenes Großreich zu errichten, ihren Reichtum zu vergrößern und ihren Einfluss zu mehren. Daher wurde für Amos und die anderen Propheten die sozio-ökonomische Ungerechtigkeit zu einem zentralen Thema und eine Sache tiefster Überzeugungen und Gefühle.

Amos spricht im heutigen Predigttext die wahre Bedeutung von Religiosität und Spiritualität an. Einfach gesagt: Was bedeutet es, an Gott zu glauben? Was bedeutet es, mit Gott einen Bund geschlossen zu haben? Was ist wahre Spiritualität? Wahre Religion?

Amos spricht die Wesenszüge wahrer und falscher Spiritualität an. Falsche Spiritualität – ich denke nicht, dass Rituale und Melodien, Feste und Opfer das Problem sind. Ist es denn nicht Gott selbst, der die Israeliten aufforderte, entsprechend zu zelebrieren? Widerspricht Amos hier dem Buch Leviticus?! Ich denke, nicht. Wenn jedoch die Rituale sinnentleert sind, wenn sie nicht mehr die Herzen der Menschen verändern, bzgl. Sünden sensibel machen und hin zum Heiligen ausrichten – dann werden Rituale zum Problem, ja zu einem Hindernis.

Deutlich gesagt: Wenn es an Mitgefühl mangelt, wenn wir Rituale mechanisch wie eine Formel – wie bei einem Zauberstück – behandeln, dann haben wir ein Problem. Wir denken, wir brauchen nur bestimmt Worte auszusprechen und bestimmte Handlungen zu vollziehen, um Gott freundlich zu stimmen. Das ist aber eine gefährliche Lebensweise! Denn es ist die schlimmste Form von Religiosität: zu Legalismus. Da gibt es dann „reine“ und „unreine“ Speisen und Zeiten – und schließlich sogar „reine“ und „unreine“ Menschen!

Amos teilt uns mit, dass Gott dies hasst! In der Bibel gibt es nur wenige Stellen, denen man entnehmen kann, dass Gott etwas wirklich hasst. Solche Sprache ist uns fremd, „Gott“ und „Hass“ gehen meist nicht Hand in Hand. Wenn dies dann doch mal der Fall ist, sollten wir umso aufmerksamer sein und die Warnung ernst nehmen.

Gott spricht an dieser Stelle über das, was ich als „falsche Spiritualität“ bezeichnen würde: „Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“

Wir werden heute daran erinnert, wie wichtig Gott Gerechtigkeit ist! Wahre Spiritualität bemisst sich nach dem Hunger nach Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit. Orthodoxie – richtiger Glaube – und Orthopraxie – richtiges Handeln – hängen zusammen. Hat nicht letztendlich auch Jesus gepredigt: „Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.“. Ich bevorzuge die Alternativübersetzung „Seelig sind, die nach Recht hungern und dürsten.“. Wir sollten nach Recht und Gerechtigkeit strebe. Denn dies bedeutet es, im Reich, also im Herrschaftsbereich Gottes zu sein.

Jesu Leben war gekennzeichnet durch Recht. Denn er schloss die Ausgeschlossenen gesellschaftlich ein. Er stärkte Frauen. Er wies Rassismus zurück, indem er Samaritaner und Menschen aus anderen Völkern einbezog. Wenn nötig, stellte er sich Steuereintreibern und religiösen Anführern entgegen. Er gab den Armen Speise. Jesus hat darüber viel mehr geredet als darüber, wie man in den Himmel kommt.

Schwestern und Brüder, Recht und Gerechtigkeit – zwei Bestandteile, die in unserer Welt heute fehlen. Die Worte des Amos hallen in unserer gebrochenen Welt auch heute: „Lass das Recht strömen!“. Prophetische Stimmen werden gebraucht. Die Kirche wird gebraucht. Oft frage ich mich: steht Gerechtigkeit im Zentrum unserer heutigen Spiritualität? Sind wir so engagiert und leidenschaftlich, eine gerechte Welt zu erreichen, wie sich Gott dies von uns wünscht?

Der jüdische Theologe Heschel sagt: „Das Gegenteil von Gut ist nicht Böse, sondern das Gegenteil von Gut ist Gleichgültigkeit.“. Jesus thematisiert das im Gleichnis vom barmherzigen Samariter. In ihm fordert Jesus falsche Spiritualität heraus. Nicht vergessen: Sowohl der Mann, der die Frage „Wer ist denn mein Nächster?“ stellt, wie auch die beiden Männer, die in der Geschichte am Opfer tatenlos vorbeigehen, sind „religiös“! Sie gehen vorbei, senken den Blick – und tun nichts. Vielleicht waren sie beschäftigt. Vielleicht waren sie auf dem Weg zu einer christlichen Konferenz über Gottesdienst und Wohlfahrt. Wie oft treffen wir Christen, die sich um die richtige Theologie und die rechte Auslegung sorgen – und zugleich gleichgültig erscheinen hinsichtlich des Leidens der sie umgebenden Menschen!?

Heute machen es sich viele Christen bequem, indem sie für die Armen spenden und wohltätige Organisationen fördern. Wir fühlen uns dann besser und weniger schuldig. Und auch die Kirche zeigt sich heute oft gleichgültig! Denn der Einsatz für Gerechtigkeit ist mehr als Gaben an die Armen. Es geht nicht um Mildtätigkeit, sondern um Gerechtigkeit. Wohltätigkeit kann niemals Gerechtigkeit ersetzen! Die, die unter Ungerechtigkeit leiden, wünschen sich kein Pflaster auf ihre Wunden, sondern sie wünschen sich, dass der Grund ihrer Wunden verschwindet. Wunden zu überdecken ist leicht. Es fühlt sich gut an. Und es belässt in Sicherheit, weil man nicht das System herausfordert. Man muss sich weder Politikern noch Extremisten entgegen stellen.

Leider zieht es auch die Kirche vor, lieber Wunden zu verbinden, statt die Ursachen des Schmerzes herauszufordern. Die Kirche ist Meister darin, Wunden zu verbinden! Dietrich Bonhoeffer wollte nicht nur „die Opfer unter dem Rad verbinden“, sondern „dem Rad selbst in die Speichen fallen“.

Angesichts der Tragödien, die sich heute in unserer Welt abspielen, fragen sich viele: „Wo ist Gott?“. Aber ich denke, vielerorts sollte die Frage gestellt werden: „Wo war die Kirche?“. Mich irritiert nicht, dass Gott still bleibt. Aber mich irritiert das Schweigen der Kirche. Wir sind mit uns selbst beschäftigt. Wir sind voll belegt mit unseren Festivals und Versammlungen, mit unseren Sammelaktionen, mit unseren Harfen-Melodien und Liedern. Und Gott sagt, dass er all dies hasst!

Eine der Besonderheiten Bethlehems ist, dass wir dort tagtäglich viele christliche Pilger willkommen heißen. Menschen aus aller Welt reisen an, um zu gehen, wo einst Jesus ging! Sie wollen die Geburtsstelle Jesu besuchen – und das ist gut so. Aber ist das Pilgerschaft? Bedeutet dies, in den Spuren Jesu zu wandeln? Um Bethlehem zu besuchen, muss man einen Kontrollpunkt passieren, entlang einer scheußlichen Trennmauer fahren und man kommt an einem Flüchtlingslager vorbei. Wenn ich einen Bus nach dem anderen zur Kirche fahren sehe, frage ich mich: Kümmert diese Menschen die Lage der Palästinenser? Machen sie sich über Besatzung Gedanken? Über das Leid? Gehen wir sie etwas an? Martin Luther King betonte einst, dass die größte Tragödie nicht die Unterdrückung oder die Grausamkeit seitens der bösen Menschen ist, sondern das Schweigen der guten Menschen.

Die Worte des Amos erschallen heute wieder. Lasst Recht strömen – und möge es durch uns strömen! Amen!

 

Pfarrer Munther Isaac ist Pfarrer an der Weihnachtskirche in Bethlehem.
Die Predigt wurde in Englisch gehalten. Hier lesen Sie die im Gottesdienst verteilte deutsche Übersetzung.