Predigt am Karfreitag 2017

Bischof Dr. Dr. h.c. Markus Dröge, 14. April 2017, St. Marien Berlin, Johannes 19, 16-30.

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.
I.
Stille. – Nach der Geschichte des Leidens. Wir haben die Worte aus dem Johannesevangelium noch im Ohr. Von der Gefangennahme bis zum Tod Jesu am Kreuz. Die Choräle aus Bachs Johannespassion haben die Erzählung vertieft, gedeutet und verstärkt. Den Weg Jesu, den wir in jedem Jahr aufs Neue bedenken und dem wir nachgehen, der Passionsweg Jesu, der heute – am Karfreitag –
zu einem Ende kommt. Und gleichwohl nicht das Ende ist! „Es ist vollbracht! Und neigte das Haupt und verschied.“ Und dann: Stille.
Stille? – Weil es angesichts des Todes nichts mehr zu sagen gibt? Es stimmt, der Tod ist eine Grenze, die wir nicht überschreiten und nicht verstehen können. Da bleibt nur Schweigen, wenn Jesus diese Grenze überschreitet. Es gibt so etwas wie eine heilsame Stille. Eine Ruhe, die dem Unsagbaren Raum gibt, ohne das Unbegreifliche gleich wieder mit Worten zähmen oder den Schmerz wegerklären zu wollen. Es gibt auch die andere Stille. Das betretene Weggucken, wenn man jemanden trifft, der um einen verstorbenen Menschen trauert. Eine Stille, die „schnell das Thema wechselt“, weil man nicht weiß, wie man mit dem Tod
umgehen soll, wie man darüber reden soll.
II.
Stille. Nach der Geschichte des Leidens, das sich bis ins Unerträgliche steigert im Tod am Kreuz. Jesus wird durch die Instanzen gereicht: Er wird zu Hannas gebracht, dann zu Kaiphas, dann ins Prätorium zu Pilatus, der ihn wegschicken will, der nicht entscheiden will und Jesus dem Volk ausliefert. Schließlich entscheidet er doch, und Jesus gerät in die Hände der Soldaten. Ein Weg durch die Instanzen, und jede Instanz will ihre Hände in Unschuld waschen und letztlich nicht verantwortlich sein. Jede Instanz schaut nach dem eigenen politischen Kalkül und nach den eigenen Interessen, da spielt ein Menschenleben im Grunde keine große Rolle.
Die Instanzen des Leidens, sie sind so gegenwärtig in der heutigen Welt. Menschen werden durchgereicht, geraten in die Fänge von Schlepperbanden, ertrinken, einige kommen an, aber werden weggeschickt, weitergereicht, weil keiner auf Dauer zuständig sein will.
Instanzen des Leidens im Leben auch bei uns, vielleicht in der Nachbarschaft: Zuerst hatte sie ihren Job verloren, weil sie das Kind nicht so lange alleine lassen kann, dann findet sie keine neue Arbeit, weil sie ja „so lange raus“ sei und nichts gemacht habe – als ob ein Kind erziehen nichts wäre – dann zieht sie sich zurück, weil sie sich die Dinge nicht mehr leisten kann, die ihre Freunde machen, und dann wird ihr gesagt: „Du musst vorsorgen für deine Rente, sonst stehst du am Ende mit Nichts da.“ Durchgereicht durch die Instanzen.
Und dann: Stille. Bedrückende Stille; weil wir alle das Gefühl haben, das kann doch nicht sein, das ist doch ungerecht, wie kann die Welt so unmenschlich sein; und gleichzeitig sind wir selbst genau Teil dieser Welt und wissen es meist auch nicht besser. Stille.
III.
„Es ist vollbracht!“ Hören wir bei Johannes. Ja, wenn es doch so wäre. Dass irgendwann auch mal alles gut ist und Ruhe herrscht. Wenn es wahr wäre, dass irgendwann einmal alles „vollbracht“ ist. Das wäre eine erfüllte Stille. Aber es will nicht still werden in dieser Welt. Jahr um Jahr erinnern wir neu an das Leiden, an die Gewalt, die Jesus widerfahren ist: Und damit an das Leiden und die Gewalt, die Menschen in dieser Welt tagtäglich widerfahren. Es will nicht still werden. Der Lärm des Terrors durchdringt die Stille; Terror in den Kirchen unserer koptischen Geschwister in Ägypten. Ich habe Papst Tawadros II. selbst einige Male persönlich getroffen, immer wieder erinnert er die Christenheit und die Welt an das Leiden seiner Kirche. Nichts kommt zur Ruhe. Auch in diesem Jahr ist das Osterfest weltweit überschattet von einem gewaltigen Karfreitag der Trauer und der Leere, der Wut und der Hilflosigkeit. Keine erfüllte Stille. Schreie durchbrechen die Stille. Menschen, die vor Lastwagen fliehen; Orte der Freude, die in Orte des Leidens verwandelt werden. Wird diese Welt denn nicht irgendwann zur Ruhe kommen? So dass wir einstimmen können: Es ist vollbracht.
IV.
Jesus stirbt in genau dieser Welt, aber er gibt die Welt nicht verloren. Er hinterlässt ihr die Leidenschaft zur Liebe. Das ist das Letzte, was im Johannesevangelium vor dem Tod Jesu berichtet wird: dass er die Seinen zur Liebe ermutigt. Und damit die Welt verändert. Es stimmt, die Welt bleibt zweideutig. Da sind auf der einen Seite die Menschen, die so weitermachen wie bisher. Die Soldaten unter dem Kreuz, die die
Kleider Jesu unter sich aufteilen. Die haltlos in ihrer Gier, abgestumpft durch Gewalt und Tod, das rausholen, was geht und dafür über Leichen gehen. Sie leben weiter in den Dimensionen von Gewalt, Herrschaft und Unterdrückung. Aber es gibt auch die anderen, die sich von dem Leben Jesu haben anrühren lassen. Es sind die Frauen unter dem Kreuz und der Lieblingsjünger. Sie erfüllen das Vermächtnis Jesu, einander zu lieben. Sie werden zu Zeugen seiner Verkündigung. Sie stehen einander bei in der Not und helfen sich.
Ganz am Ende, nachdem Jesus alle Instanzen des Leidens hinter sich gelassen hat, lenkt Jesus den Blick noch einmal auf die Menschen, die ihm nahe waren. Noch einmal zeigt sich seine Liebe zu den Menschen, seine Fürsorge und Nähe. Die Mutter, Verwandte und Freunde stehen dort, bleiben bei ihm in der Todesstunde. Ihnen wendet Jesus sich zu. Was die Soldaten in seiner Nähe trieben, hat ihm kein Wort entlockt. Er übergeht es schweigend. Aber der Anblick derer, die ihm nahe stehen, weckt ein letztes Mal seine fürsorgende Kraft. Er weist sie aneinander:
„Passt aufeinander auf, nehmt einander an wie Mutter und Sohn. Lasst durch den Tod keine Lücke entstehen; tragt die Liebe weiter, die ich euch gegeben habe. Gebt dem Tod nicht das letzte Wort, sondern haltet euch an meine Worte und liebt, wie ich euch geliebt habe.“
Noch in den letzten Lebenszügen richtet Jesus ein Zeichen der Liebe auf. Und so wird das Kreuz selbst zum Zeichen der Liebe Gottes in dieser Welt. Zeichen der Liebe in einer zweideutigen Welt. Zeichen der Menschlichkeit und der Versöhnung, angesichts von Gewalt und Hass. Es gibt sie auch heute diese Zeichen der Menschlichkeit. Es ist gut zu hören, dass sich der Großsheikh der Al-Azhar Universität in Kairo
gleich nach den Anschlägen auf die koptischen Christen in Ägypten deutlich von jeder angeblichen muslimischen Motivation solcher Verbrechen distanziert hat. Es ist gut zu sehen, dass muslimische Nachbarn in Tanta zu den Christen gehen und mittrauern. Es ist gut zu lesen, dass immer wieder Muslime daran erinnern, dass im Qur’an auch Kirchen als Gotteshäuser unter besonderem Schutz stehen.
Zeichen der Menschlichkeit mögen uns davor bewahren, in die Falle zu tappen, die uns die Extremisten und Terroristen stellen: Sie wollen die Gesellschaft spalten, die staatliche Ordnung schwächen, von Chaos und Angst profitieren. Ich vermag mir kaum vorzustellen, wie nach den erneuten Attentaten die koptischen Gemeinden weltweit, besonders aber in Ägypten selbst, Gründonnerstag und Karfreitag begehen. Welcher Schmerz, welche Angst, welche Wut mögen präsent sein!
Ich kann nur für sie beten und ihnen wünschen, dass die Hoffnung in ihren Herzen nicht erlischt! Die Hoffnung, dass Menschen miteinander auf dem Weg bleiben, verbunden durch die Menschlichkeit, wie Jesus sie noch vom Kreuz herab zusagt. Angesichts der Gewalt darf es nicht still werden. So drücke ich allen koptischen Glaubensgeschwistern das tiefe Beileid unserer Kirche aus. Wir trauern mit Ihnen. Und ganz gewiss werden in diesen Tagen die ägyptischen Christen einen Platz in den vielen Gebeten unserer Gemeinden haben.
V.
Stille. Nach der Geschichte des Leidens. Uns ist das Kreuz nicht fremd. Auch das Kreuz mit den Instanzen der Unmenschlichkeit. Es ist Realität in unserer Welt. Realität, vor der wir die Augen nicht verschließen dürfen. Deswegen tragen wir das Kreuz in der Karfreitagsprozession gleich durch die Straßen Berlins. Wir lassen es uns nicht nehmen, das Kreuz öffentlich zu machen. Wir folgen dem gekreuzigten Jesus Christus, wenn wir mit dem Kreuz darauf hinweisen, dass Sterben, Leiden und Gewalt bittere Realität sind in dieser Welt. Wir tragen das Kreuz gemeinsam. Und mit uns gehen in diesem Jahr viele mit. Erzbischof Koch genauso wie orthodoxe Geschwister aus Deutschland; bei uns lebende Christen aus Auslandsgemeinden nehmen teil. Erstmals wird auch mit Seyran Ates eine Muslimin an einen Leidenden erinnern. Und von Rabbiner Professor Nachama wird ein Text verlesen. Wir sind der Realität des Todes nicht ohnmächtig ausgeliefert. In den Worten „Es ist vollbracht“ liegt Widerständigkeit und Hoffnung. Wir können uns der
Realität stellen, wenn wir zusammenhalten. Ich bete darum, dass das Leiden alle Menschen guten Willens zu einer Gemeinschaft verbindet, in der Menschen füreinander sorgen und täglich neu Zeichen der Menschlichkeit zeigen. Wir können Gottes Liebe in dieser Welt erfahrbar werden lassen, wenn wir uns einsetzen für die, die Hilfe brauchen und die in Not sind. Das verändert unseren Blick.
Und unser Miteinander. Es lässt uns erahnen, was Jesus uns verheißt und welcher Friede am Horizont aufscheint, wenn Jesus mitten in der Realität des Kreuzes schon sagt: „Es ist vollbracht!“ Und dann: Stille. Erfüllte Stille.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft,
bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.