Gnade sei mit euch und Friede von Gott und dem Herrn Jesus Christus.

Als Gott am achten Tag erwachte, tat ihm der Kopf weh.
Am ersten Tag hatte alles begonnen – Ihr kennt die Geschichte. Am sechsten Tag war alles vollendet. Alles?
Naja, die Grundlagen waren geschaffen. Wäre der Gott schon fertig gewesen an diesem sechsten Tag, er hätte sich und seinen Garten ja gleich wieder einebnen können.
Nicht fertig, aber weit gekommen. Am siebten Tag war Feiertag – Gottes erster Herrentag. Er ruhte sich aus und machte noch andere Dinge. Er war ja kein Gott von Traurigkeit. Davon soll jedoch heute nicht die Rede sein.
Als Gott am achten Tag erwachte, tat ihm der Kopf weh.
Es war das erste Mal seit Menschengedenken, dass Gott Kopfschmerzen hatte, und es sollte nicht das letzte Mal sein. Beständig wird er vom Anbeginn an von diesem pochenden Schmerz gleich unter der Schädeldecke geplagt werden. Er wird nimmer müde werden diesem Schmerz auf den Grund zu gehen. Er wird immer wieder ein Mittelchen oder Kraut aus seinem schier unendlichen Schöpfungsschatzkasten heraussuchen, das für einen Moment vom Schmerz erlöst, um doch schon wieder den nächsten heraufziehen zu sehen. Gott wird nicht fertig – weder mit dem, was er so macht, noch mit seinen Kopfschmerzen, noch mit den Mitteln dagegen. Er ist eben ewig.

Es gibt einen großen Schatzkasten. Im Mittelalter nannten sie diesen Schatzkasten den Gnadenschatz der Kirche – thesaurus ecclesiae. Dieser Schatzkasten war in positiver Weise ein Fass ohne Boden. Man muss sich das wie einen riesengroßen Topf voller Suppe vorstellen – kein Töpfchen, ein großer Topf und drinnen schwimmen nicht nur Kraut und Wasser, sondern eine richtig fette Suppe. Stell´ Dir Deine liebsten Lebensmittel und Zutaten vor; das Essen, wofür Du alles machen würdest. Auch das, was Du jetzt nicht zugeben würdest. Davon unendlich viel und alles in einem Topf. Dann hast Du das Prinzip Schatzkasten der Kirche verstanden. Aus diesem Topf wird nun mit einer großen Kelle geschöpft – noch größer als die Kellen, die wir hier in der Suppenküche haben. Es wird geschöpft und geschöpft und geschöpft und nie kommst am Topfboden an. Wie gesagt im Mittelalter nannten sie diesen Schatzkasten, den Gnadenschatz der Kirche. Und es wurde geschöpft und geschöpft und geschöpft aus diesem Schatz: Vergebung, Zuspruch, Trost, Ermunterung, Schönheit, Freude, Zuversicht, Liebe und so weiter und so fort. Was gerade von Nöten war, wurde ordentlich ausgeschenkt. Wie es so immer ist mit den Schätzen und den Schatzkästen, weckt so ein Reichtum auch Begehrlichkeiten. Ein paar ganz engagierte Christenmenschen meinten, sie müssten diesen Schatz rationieren.
Sie nannten das Verwalten. Ein Kriterium hier, eine Anforderung da und schon wurde nur noch mit der kleinen Kelle ausgeschenkt und die Teller nur noch halbvoll gemacht. Ein bisschen Vergebung, aber nicht ganz. Freude ja, aber lachen bitte im Keller. Trost natürlich, aber immer das schlechte Gewissensfeuer ein klein wenig glimmen lassen.
Als Gott das merkte, tat ihm gleich wieder der Kopf weh. Das war nicht der Plan. Er hat sich doch nicht sechs Tage abgemüht und seinen unendlichen Schöpfungszauberkasten aufgetan, dass gleich wieder jemand den Deckel zuschlägt und nur noch wohl portioniert durch die Lüftungsschlitze austeilt. Nein, wirklich nicht. Das war anders geplant.

Wie gesagt, es war nicht das erste Mal, dass Gott der Kopf wehtat. Das Pochen unter Gottes Schädeldecke kommt und geht seit dem achten Tage immer wieder.
Schon in der zweiten Woche nach dem ersten Tag hatte Gott seinen großen Schöpfungsschatzkasten mitten auf die Erde gestellt. Wer immer auf seiner Erde lebte und webte, konnte sich bedienen – quasi ein nimmer endender Selbstbedienungsladen, so verrückt das auch klingen mag. Aber schon in der zweiten Woche begannen die Menschen mit dem Schatz rumzukleckern. Die ersten beiden überfraßen sich sozusagen an dieser Erkenntnis des Schatzes, dass ihnen ganz blümerant wurde und Gott Notfallmaßnahmen einleiten musste. Die, die danach folgten, erschlugen einander, weil sie sich einfach nicht vorstellen konnten, dass dieser Schatz wirklich endlos ist. Und die, die nochmal danach folgten, hatten immer das Gefühl nie genug zu bekommen oder wollten immer genau das Gegenteil von dem, was in der Kiste war.
Es war schier zum Haareausraufen; und hätte Gott der Kopf nicht so wehgetan, er hätte bestimmt schon eine Glatze.
Aber Gott wäre ja nicht Gott, würde er einfach den schmerzenden Kopf in den Sand stecken.
Er fasste einen Plan.

Der Plan
Gott sah, dass seine Erde immer voller wurde und der Kleinglaube überhandnahm. Die Menschen stritten sich um den einen Schatz, als wäre er eine sich selbst verbrauchende Ressource wie Steinkohle oder Erdöl. Sie konnten nicht verstehen, dass dieser Schatz unendlich ist: Vergebung, Zuspruch, Trost, Ermunterung, Schönheit, Freude, Zuversicht, Liebe…sie haben kein Ende.
Irgendein Baustein in ihrem Denken fehlte ihnen zu dieser Erkenntnis. Also nahm Gott seinen unendlichen Schöpfungsschatzkasten und baute unendlich viele kleine Schatzkästchen daraus und verteilte sie über die Erde. Jeder Kasten sah ein bisschen anders aus und enthielt zugleich die unendliche Fülle des ersten großen Kastens. Das sagte Gott den Menschen jedoch nicht. Er hoffte einfach, jeder habe jetzt  seinen eigenen besonderen Kasten und ist nun glücklich und damit hätte sich auch Gottes Kopfweh erledigt. Aber wieder fehlte ein Gramm Verstand bis zur Erkenntnis der Menschen. Nun da jeder seinen eigenen unverwechselbaren und unendlichen Schatzkasten hatte, fingen sie an zu vergleichen.
„Meiner ist schöner!“
„Meiner ist der Kasten mit der Wahrheit!“
„Deinem Kasten fehlt dies oder das!“
„Mein Kasten enthält den größten Schatz. Deiner nur die Resterampe.“

Nun hatte jeder seinen Schatz, aber Gott immer noch Kopfschmerzen, denn dieses ganze Vergleiche und Überbietungsgehabe führte schlussendlich wieder dazu, dass sich die Menschen übereinander erhoben oder sich eben kleiner machten, als sie waren. Sie belehrten einander und wer die beste Tagesform hatte, ging als Sieger vom Platze.

Gottes erster Plan schrie förmlich nach einen zweiten Anschlussplan. Gott beruhigte seinen schmerzenden Kopf und ersann einen zweiten Plan.

Der zweite Plan
Über Nacht, als alle Menschen schliefen, sammelte Gott still und leise alle Schatzkästlein auf Erden ein. Aber nicht, um sie die Menschen wegzunehmen. Er wollte sie neu und anders verteilen. Er entwickelte sozusagen eine alternative Distributionsmethode. Ungewöhnliche Situationen erfordern eben ungewöhnliche Mittel. Also sammelte er unbemerkt alle Schatzkisten ein und sagte leise zu sich selbst:
Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein.
Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: „Erkenne den HERRN“, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

So legte Gott jedem einzelnen Menschen seinen Schatz tief in sein Herz und noch viel tiefer in seinen Sinn. All die unendliche Vergebung, den nimmer endenden Zuspruch und Trost, die nie versiegende Ermunterung, die ewige Schönheit, die grenzenlose Freude, die endlose Zuversicht und die vollkommene Liebe. Er schrieb sie fest in die DNA jedes einzelnen Menschen und dort im Herzen jedes Menschen sind sie fest eingebunden bis auf den heutigen Tag.

Und als die Nacht schwarz-blau davondämmerte und der Morgen graute, erwachten die Menschen. Jeder und jede trug nun Gottes unverwechselbaren Schatz im Herzen und im Sinn.
Gott hatte sie so gut eingepflanzt, dass es nun bei den Menschen blieb, diesen Schatz zu erkennen, ihn zu decodieren und ihn zu leben. Zuerst bei sich selbst und dann auch bei den anderen. Das klappt nun seitdem einmal mehr und einmal weniger gut, ändert aber nichts daran, dass dieser unendliche Schatz in jedem Menschen eingepflanzt darauf wartet, rausgelassen zu werden.
Auch du trägst diesen Schatz in Dir.
Daher viel Mut beim Suchen, beim Finden und Erkennen.
Er ist da.
Amen