Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus.

 

Auch ich, meine Brüder und Schwestern, als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten oder hoher Weisheit, euch das Geheimnis zu predigen.

Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, ihn, den Gekreuzigten. Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern

und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten der Weisheit, sondern im Erweis des Geistes und der Kraft, auf dass euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft.

Von Weisheit reden wir aber unter den Vollkommenen; doch nicht von einer Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen.

Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist,

die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit, die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat;

denn wenn sie die erkannt hätten, hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt.

Sondern wir reden, wie geschrieben steht: „Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.“

Uns aber hat es Gott offenbart durch den Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen Gottes.

[1. Korinther 2,1-10]

Eine alleinerziehende Henne hatte zwei Küken. Sie hatte beide lieb, auch wenn sie sich ihr Leben sicher auch anders hätte vorstellen können.

Alle drei lebten sie in einem großen Hühnerhaufen, teilten sich einen Stall mit großen Fenstern und einer kleinen Wiese, zu der sie jeden Tag die schmale Hühnersteige hinuntergackerten und die Löcher im Boden immer tiefer hackten. Wiese ist übertrieben. Es war ein brauner Flecken, auf dem die anderen Hühner kein Grün übriggelassen hatten. Rundherum ein Zaun, so dass sie nicht herauskonnten oder eben der Fuchs nicht herein. Alles eine Sache der Sichtweise.

Der Fuchs lauerte nachts hin und wieder am Zaun und stierte auf die Hühnersteige, warum auch immer. Die Henne und ihre zwei Küken hockten auf ihrer Stange hinter dem Fenster und gafften den Fuchs an, warum auch immer.

 „Denn Weisheit ist letztlich nichts anderes als das Maß unseres Geistes, womit dieser im Gleichgewicht gehalten wird, damit er weder ins Übermaß ausschweife, noch in die Unzulänglichkeit falle.“

[Augustinus, Über das Glück 4]

Im Stall gab es noch andere Hennen und hin und wieder einen Hahn.

Die Hähne hatten ein kurzes Leben. Wurden sie zu groß oder zu mächtig und führten sich auf wie Diktatoren, verschwanden sie auf unerklärliche Weise über Nacht und man fand nur noch ihre abgehackten Köpfe auf dem Misthaufen am nächsten Morgen beraubt all ihrer beflügelten Weisheit.

Wurden sie zu übermütig und hielten sich für unbesiegbar, holte sie des Nachts einfach der Fuchs, weil sie aus Übermut am Abend einfach draußen blieben. Ihnen würde schon nicht passieren dachten sie in all ihrer beflügelten Weisheit.

Und so kamen und gingen die Hähne und niemand fragt mehr nach ihnen.

„Verschwendung, Machtgier, Hochmut und ähnliches, womit ungefestigte und hilflose Menschen glauben, sich Lust und Macht zu verschaffen, lassen den Geist maßlos aufblähen.

Habgier, Furcht, Trauer, Neid und anderes, was ins Unglück führt – wie die Unglücklichen selbst gestehen – engen den Geist ein.“

 [Augustinus, Über das Glück 4]

 Im Angesicht des Fuchses und des Zaunes und der vielen Hähne, die kamen und gingen, hatten sich die Hennen schön eingerichtet. Sie bauten sich ihren kleinen Hofstaat selber aus in den ihnen gesetzten Grenzen und stierten gackernd tagein tagaus durch die großen Fenster ihres Stalls. Tagsüber von draußen nach innen und nachts von innen nach draußen in die den dunklen Sternenhimmel. Sie wussten, dass es hätte auch anders sein können, aber sie scherten sich alle nicht darum in all ihrer geflügelten Weisheit.

Alle? Nein, nicht alle!

Die alleinerziehende Henne mit den beiden Küken fühlte sich unwohl in ihrer Hühnerhaut. Sie kannte den Geist ihres Hühnerhaufens und sie kannte eine unerhörte Weisheit, von der sie nur ein einziges Mal erzählt hatte in ihrem Stall vor langer Zeit.

Unsere alleinerziehende Henne ist nicht in diesem Stall geboren. Sie kam aus einem anderen Stall vor langer Zeit. Ganz am Anfang hatte sie den anderen Hennen und dem damaligen Hahn von diesem, ihrem ersten Stall erzählt, wo sie einst aus dem Ei geschlüpft war.

Ein Stall, der nie verschlossen war.

Ein Stall, wo nicht nur gegackert und geglotzt wurde.

Ein Stall, wo alle Hennen und alle Hähne Flügel hatten und ein paar Meter dem Sternenhimmel entgegen fliegen konnten, bis sie wieder auf dem Boden landeten.

Ein Stall, wo nicht alle des nachts apathisch dem Fuchs in die leuchtenden Augen auf der anderen Seite der Scheibe starrten.

Ein Stall vor dem Gras wuchs und nicht eine Schlammwüste vor sich hindämmerte.

Ganz am Anfang hatte sie den anderen Hennen und dem damaligen Hahn von diesem Stall erzählt, wo sie einst aus dem Ei geschlüpft ist.

Nur einmal hatte sie es erzählt und dann wurde es ihr Geheimnis. Noch heute zieht sie ein Hühnerbein hinterher, weil damals alle auf sie losgegangen waren. Gepickt und gehackt hatten sie sie, bis sie blutig in der Ecke lag.

Nestbeschmutzerin hatten die anderen Hennen sie gerufen. Hühner können nicht fliegen! Elendes Stück und dummes Huhn hatte der Hahn sie damals angeherrscht.

Und so wurde die Erinnerung an ihren Ursprung zu einem Geheimnis, an das bald nur noch sie sich erinnerte. Und aus dem Schweigen über das Geheimnis wurde eine tiefe Weisheit – ihre tiefe Weisheit, die sie überleben ließ inmitten ihres Hühnerstalls. Für lange Zeit. Für eine sehr lange Zeit.

„Hat der Geist jedoch Weisheit gefunden, hält er dann den Blick fest auf sie gerichtet…dann brauchte er weder Unmaß noch Mangel, noch Unglück zu fürchten. Dann hat er sein Maß, nämlich die Weisheit, und ist immer glücklich.“

 [Augustinus, Über das Glück 4]

 Eine alleinerziehende Henne hatte zwei Küken. Sie hatte beide sehr lieb, auch wenn sie sich ihr Leben sicher auch anders hätte vorstellen können.

Einmal im Monat war die Hölle los im Hühnerstall. Alles schrie und gackerte und flog durcheinander. Einmal im Monat kamen finstere Gestalten mit Scheren. Und allen Hennen wurden die Flügel gestutzt. Es tat nicht weh, aber schön war es nicht. Den Hennen wurden ein Flügel gestutzt, so dass sie am Boden blieben und nicht zu hoch fliegen konnten.

Immer, wenn es so weit war, nahm unsere alleinerziehende Henne ihre beiden Küken, versteckte sie ganz hinten im Stall und bedeckte sie mit allem was sie finden konnte. Sie sagte keiner anderen Henne davon. Es blieb ihr weises Geheimnis.

Sie versteckte sie, denn sie sollten Flügel haben. Flügel, die sie jenseits des Zaunes tragen. Und mit Schwachheit und Furcht und mit großem Zittern versteckte die alleinerziehende weise Henne ihre Küken immer wieder.

Und die beiden Küken wuchsen heran. Eines wurde eine Henne und das andere ein Hahn. Und so kam es, dass die Zeit erfüllt war und die Gestalten mit den Scheren wiederkamen. Alles schrie und gackerte durcheinander. Und die Henne nahm ihre Küken, die keine Küken mehr waren, sondern ein kleiner Hahn und eine kleine Henne und sie trieb sie hinaus, die Hühnersteige herunter auf den braunen Flecken, der irgendwann einmal eine Wiese war. Und sie gackerte. Sie pickte ihre beiden Kinder und flatterte mit ihrem gestutzten Flügel und schrie: „Fliegt, fliegt so hoch ihr könnt.“

Keine hohen Worte, keine hohe Weisheit. Immer nur: „Fliegt, fliegt, fliegt so hoch ihr könnt. Ich bin schwach und voller Furcht. Ihr aber, fliegt davon!“

Und der kleine Hahn und kleine Henne breiteten die Flügel aus. Sie plusterten sich und prusteten sich und sie schwangen ihre Flügel, die nie jemand gestutzt hatte.

Sie schwangen ihre Flügel und ein Wind fuhr ihnen unter die Flügel. Und sie hoben ab und in die Höhe, viel höher als der Zaun um sie herum.

Den Adlern gleich flogen sie über den Zaun hinaus und landeten auf der anderen Seite, dort wo die Wiese grün war und nicht mehr brauner Matsch.

Und sie liefen und liefen und liefen, bis sie keine Henne mehr sah, als wäre es ihnen vorherbestimmt vor aller Zeit zur Herrlichkeit.

Im Stall war großes Geschrei: „Wie konnten sie nur, das dumme Huhn und der blöde Hahn.“

Doch sie waren davon und kehrten nimmer mehr zurück. Und die Hühner forschten und suchten danach, wie den beiden das gelungen war und verstanden doch nicht, dass die Weisheit des Geistes der Freiheit, dass die Weisheit der Erinnerung an den Ursprung sie hinausgetragen hatte in die Freiheit, wo sie weiter Hühner blieben und doch wie Adler lebten – von Gott vorherbestimmt.

Amen