I.
Dieser Sonntag hört auf einen schönen Namen und verbindet sich mit einer erfreulichen Tradition. Er heißt „Kantate“ und das bedeutet im Lateinischen „Singt!“. Kein Zufall also, dass er von alters her der Kirchenmusik gewidmet ist. So soll es in dieser Predigt darum gehen, mit Ihnen über die Kraft, den Zauber und den christlichen Charme der geistlichen Musik nachzudenken.

II.
Es ist erst wenige Wochen her, da stand ich bei schlimmstem Friedhofswetter an einem Grab. Es war eine wirklich traurige und zugleich sehr schöne Beerdigung. Traurig, weil die alte Dame von vielen Menschen sehr geliebt und nun schmerzlich betrauert wurde. Schön, weil so viele mit ihr eng Verbundene gekommen waren, sie ehrten, ihre Zuneigung zeigten und diesen Tag miteinander teilten. Dann aber – und das überraschte mich doch sehr – kamen nicht wenige nach dem Erdwurf am Grab mit einem Lächeln auf mich zu. Eine verblüffende Heiterkeit strahlten sie aus. Ich war zunächst einigermaßen verblüfft. Aber es hatte mit meiner Trauerpredigt zu tun.
Darin hatte ich von meinen Begegnung mit dieser wunderbaren alten Dame erzählt. Wie sie mit ihrem Mann regelmäßig – ich darf wohl sagen: rituell – zu den großen kirchenmusikalischen Konzerten in meine damalige Gemeinde gekommen waren. Auch gelegentlich zu Gottesdiensten an hohen Festtagen, wenn es Kantaten zu hören gab, war sie in meine Kirche gegangen. Vor allem aber zu Bachs Oratorien. So war sie, obwohl katholisch, für mich ein Gemeindemitglied, doch eines von besonderer Art. Es gibt eine spezielle Gruppe von Christen – man kann sie Bach-Christen nennen: gebildete Menschen, die weniger in die Kirche gehen, um eine Predigt zu hören, sondern eher, um Bachs geistliche Musik zu erleben. Das liegt an deren Schönheit, aber auch an ihrer geistlichen Kraft. Diese bietet eben großen Genuss, stellt aber auch eine Herausforderung dar. Es ja gar nicht leicht, als Hörer Bachs Musik gerecht zu werden, auch ihrer Frömmigkeit, ihren nicht selten „borstigen Versen“. Deshalb sind für mich bewusste Bach-Christen nicht nur bildungsselige Kunstgenießer, sondern auf ihre Weise auch Christen. Es gibt im Protestantismus eine legitime Form von Christlichkeit, die zur Kirche eine gewisse Distanz hält. Sie rückt aber erstaunlich nah im Hören geistlicher Musik. Denn hier eröffnet sich den Bach-Christen durch die herrliche Musik, aber auch durch die Inhalte die Ahnung einer anderen Welt, gewinnen sie einen Sinn und Geschmack von Gottes Unendlichkeit.
Das also hatte ich in meiner Beerdigungspredigt gesagt, und dies hatte einige Trauergäste so angesprochen, dass sie mit einem fast verschwörerischen Lächeln am Grab auf mich zukamen. Bach-Christen, flüsternd-lachten sie mir zu, seien sie übrigens ebenfalls. Es waren auch einige Mozart-Christen dabei, aber weniger und kein Wagner-Christ. Heiter waren diese Musik-Christen, so schien mir, weil sie sich endlich einmal von einem Pastor erkannt und anerkannt fanden. Ich weiß nicht, ob und wie wir Theologen diesen Menschen beständig den Eindruck vermitteln, sie wären nicht richtig, glaubten nicht ausreichend, gehörten nicht irgendwie dazu. Oder sie reden es sich selbst ein.
Deshalb sage ich es noch einmal: Es gibt eine legitime Form von Christlichkeit, die zur Kirche eine gewisse Distanz hält, rückt aber erstaunlich nah im Hören geistlicher Musik. Denn hier eröffnet sich den Musik-Christen durch die herrliche Klänge, aber auch durch die Inhalte die Ahnung einer anderen Welt, gewinnen sie einen Sinn und Geschmack von Gottes Unendlichkeit.

III.
Dieses Musik-Christentum ist ein modernes Phänomen, etwa vor 150 Jahren ist es entstanden. Aber übersehen wir nicht, dass es tiefe Wurzeln hat. Denn schon für die allerersten Christen war die Musik das entscheidende Lebenselement ihres Glaubens. Das hat diejenigen, die diese neue religiöse Gemeinschaft überhaupt zur Kenntnis nahmen, sehr überrascht.
In einer der historisch ersten Äußerungen über das Urchristentum, wird nämlich das Singen herausgestellt. Um 110 schrieb Plinius der Jüngere, Statthalter von Kleinasien, nach Rom an seinen Kaiser Trajan von den merkwürdigen Umtrieben der ersten Christen: „Sie sind gewohnt, sich an einem bestimmten Tag vor der Dämmerung zu treffen und wechselweise miteinander Christus als einem Gott Lieder zu singen.“ Man hört noch heute das Erstaunen aus dieser brieflichen Äußerung heraus. Da kommen Menschen zusammen, zu einer Zeit, da gewöhnliche Leute noch schlafen, und was machen sie? Gar nichts Besonderes eigentlich. Sie zelebrieren keine komplizierten Rituale, bringen keine prächtigen und blutigen Opfer, versenken sich nicht in mystische oder magische Geheimnisse, sondern sie singen einfach. Aber genau dies ist das Erstaunliche: Christen singen gemeinsam und im Wechsel ihrem Erlöser Lieder. Das war in der damaligen Religionswelt gar nicht vorgesehen. Denn damals war es üblich, dass die Priester in ihren Tempeln die Opfer vollzogen, während das Glaubensvolk im Vorhof wartete. Dazu wurde wohl auch sakrale Musik gespielt. Die ersten Christen jedoch, die keine Opfer mehr und noch keine Priester kannten, feierten einen Gottesdienst ganz anderer Art: Sie kamen zum gemeinsamen Singen zusammen.
Und dieses Singen muss für sie eine überweltliche, überwältigende Kraft besessen haben. Es löste sie aus den Fesseln ihres armen Lebens, befreite sie von den Lasten ihrer Bedrückung, verband sie mit dem Schöpfer und Erlöser, schenkte ihnen das Glück des Glaubens, verlieh ihnen Schönheit. Von dieser wunderbaren Kraft des geistlichen Singens erzählt die Lesung aus der Apostelgeschichte.
Auf einer seiner Reisen durch Griechenland war der Apostel Paulus mit seinem Begleiter Silas in der Stadt Philippi aufgegriffen und festgenommen worden. Hart wurden sie geschlagen hatte, dann ins Gefängnis geworfen. Dem Kerkermeister wurde eingeschärft, sie nur ja gut zu bewachen. Also brachte er sie in den tiefsten Kerker und legte ihre Füße in den Block. Doch um Mitternacht begannen Paulus und Silas zu beten und Gott zu loben. Das taten sie nicht leise flüsternd, still und heimlich. Sondern sie sangen Hymen und Psalmen. Und sie müssen laut und deutlich, aus voller Brust und mit ganzem Herzen gesungen haben. So dass die anderen Gefangenen es hörten und sich wunderten. Was sind das für wunderliche Sänger? Und was sind das für Lieder? Da begann plötzlich die Erde zu beben. Ob Paulus und Silas das mit ihrem Gesang ausgelöst hatten? Die Grundmauern des Gefängnisses wankten, alle Türen sprangen auf, von allen fielen die Fesseln ab. Den Kerkermeister überkam schreckliche Angst. Wenn seine Gefangenen geflohen wären, wäre es für ihn schlimm ausgegangen. Doch Paulus nahm ihm die Angst, und erzählte ihm von seinem Glauben. Da bekehrte sich der Kerkermeister zu Christus, lud seine beiden singenden Gefangenen zu sich nach Hause ein, wusch und verband ihre Verletzungen, ließ sich von ihnen taufen und bereitete für sie einen großen Tisch.
Kann es eine schöne Geschichte über die Wunderkraft geistlicher Musik geben? Bildhaft stellt sie einen der wichtigsten Grundsätze des christlichen Glaubens vor Augen, der im Brief an die Epheser so formuliert wurde: „Lebt als Kinder des Lichts. Erfreut einander und macht euch gegenseitig Mut mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern, singt und spielt dem Herrn in eurem Herzen und mit euren Mündern.“

IV.
Was verbindet das spätmoderne Musikhören der Bach-Christen mit dem urchristlichen Hymnensingen von Paulus und seinen Gemeinden? Liegt das nicht sehr weit auseinander: das passive Hören im schönen Konzert heute und das aktive Singen in Todesnot damals? Natürlich gibt es da große Unterschiede. Der größte von ihnen ist für mich zusammengefasst in einem Ausspruch der großen Gospelsängerin Mahalia Jackson. Auf die Frage, was ein großes christliches Lied ausmache, sagte sie: „Nur zwei Dinge: Schmerz und Überzeugung.“ Für mich ein Stachel-Satz: Haben wir genug davon – Schmerz und Überzeugung -, um auch heute große christliche Lieder zu schaffen oder auch nur zu singen.
Es gibt aber auch verheißungsvolle Verbindungen. Ernstes, intensives Musikerleben, das konzentrierte Sich-Hineinhören, mit Kopf und Körper, in Klang und Wort kann viele Glaubenstüren öffnen. Ein Musikwissenschaftler hat mir kürzlich erklärt, man habe es nachgemessen: Die Gehirnströme sind bei Menschen, die konzentriert Musik hören, in etwa die gleichen wie bei Menschen, die selbst musizieren. Beide erleben intensive Schönheit, nehmen außeralltägliche Klänge und Worte in sich auf, geben sich einem erfüllten Augenblick hin, sind ganz im Moment da – und wissen zugleich doch, dass sie dieser Musik nie ganz gerecht werden, dass sie sie nicht vollkommen erfassen, dass ihnen diese Musik immer „über“ sein wird. Und in beidem – dem Genuss der Schönheit und dem Bewusstseins der eigenen Begrenztheit, der Hingabe und dem Ungenügen, wachsen sie hörend oder singend über sich hinaus, strecken sie sich aus zu Gott, der Grund und Quelle all dessen ist, was klingt.
Also, liebe Brüder und Schwestern: „Lebt als Kinder des Klangs. Erfreut einander und macht euch gegenseitig Mut mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern, singt und spielt dem Herrn in eurem Herzen und mit euren Mündern.“

 

Dr. Johann Hinrich Claussen ist seit dem 1. Februar 2016 Kulturbeauftragter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland.