Predigt zum 1. Sonntag der Passionszeit Invokavit, 18. Februar 2018, 10.30 Uhr
Text: 2. Kor 6,1-10

„Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes, sie seien mit uns allen.“ Amen.

„Lieber Paulus, Du willst Dich mit Deinem Brief der Gemeinde in Korinth selber empfehlen. Du machst zu viele Worte. Du verspielst die Gnade Gottes, von der Du schreibst.“ (sinngemäß nach Göttinger Predigtmeditationen) – So das Fazit eines Kommentars zu unserem Predigttext heute.

Ich sitze mit acht Kolleginnen und Kollegen am Tisch und wir diskutieren über diese Stelle. In einem sind wir uns alle einig: Auch wir können uns nicht mit der Selbstbeschreibung von Paulus identifizieren. „Und wir geben in nichts irgendeinen Anstoß, damit dieser Dienst nicht verlästert werde; sondern in allem erweisen wir uns als Diener Gottes.“ In nichts irgendeinen Anstoß geben, in allem Diener Gottes sein – wer kann denn so etwas von sich behaupten?!

Und dann wird Paulus auch noch konkret: „Mit großer Geduld ertrage ich Sorgen, Nöte und Schwierigkeiten. Ich werde geschlagen, ich werde eingesperrt, sie hetzen das Volk gegen mich auf. Ich arbeite mich ab, ich verzichte auf Schlaf und Nahrung. Ich empfehle mich weiter durch ein einwandfreies Leben, (…). Es macht mir nichts aus, ob ich geehrt oder beleidigt werde, ob man Gutes über mich redet oder Schlechtes. Ich werde als Betrüger verdächtigt und bin doch ehrlich. Ich werde verkannt und bin doch anerkannt. Ich bin ein Sterbender und doch lebe ich. Ich werde misshandelt und doch komme ich nicht um. Ich erlebe Kummer und bin doch immer fröhlich. Ich bin arm wie ein Bettler und mache doch viele reich. Ich besitze nichts und habe doch alles.“ (Übersetzung: Gute Nachricht) Wie geht es Ihnen dabei, wenn Sie diese Sätze hören? Fällt Ihnen irgendein Mensch ein, dem es nichts ausmacht, ob er geehrt oder beleidigt wird? Kennen Sie irgendeinen Menschen, der Kummer erlebt und doch immer fröhlich ist? Immer! Mir fällt keiner ein.

Und doch merke ich, dass ich bei der Diskussion mit meinen Kolleginnen und Kollegen nicht so leidenschaftlich auf Paulus drauf haue wie sonst bei anderen schwierigen Stellen von ihm. Ich merke langsam, dass mich das Bewerbungsschreiben von Paulus irgendwie fasziniert.

Er schreibt diese Passage, damit die Leute aus Korinth ihn als Apostel – also als Gesandten Gottes – anerkennen. Mir kommt der Gedanke: Ich bin doch auch ein Gesandter Gottes. Was würde ich denn schreiben, damit mir die Leute das glauben würden? So, und damit das hier nicht nur eine einsame Selbstbetrachtung wird, erinnere ich an das Priestertum aller Gläubigen: Sie alle heute Morgen hier in der St. Marienkirche sind Apostel, Sie sind Gesandte von Gott. Was würde jede und jeder von Ihnen sagen, wenn Sie gefragt werden würden: „Warum soll ich denn gerade Dir das abnehmen, dass Du ein Apostel bist?!“ – „Hm, ähm, ich glaub’ an Gott.“ Nee, das langt nicht, das nehme ich Dir nicht ab. Das kann ja jeder behaupten! Dass Du Apostel Gottes bist und den Fußstapfen von Jesus nachgehst, das muss doch irgendwie auch noch anders zu erkennen sein – das musst Du doch leben! Das muss ich doch leben!

Meine Einstellung zum Predigttext dreht sich: Die Einsprüche gegen Paulus, die ich am Anfang hatte, ärgern  mich mehr und mehr. Na klar, auch ich bin nicht perfekt, auch mich nimmt Gott mit meinen Ecken und Kanten an. Aber ich merke, wie ich das gerade nicht mehr hören kann. „Gott hat dich lieb, so wie du bist.“ Ja, das stimmt. Aber was ist denn, wenn ich mich gerade nicht so liebe, wie ich bin. Was, wenn ich mich gerade für das größte Arschloch halte?! Was, wenn ich gute Gründe hätte, anders zu werden, als ich bin? Ja, und vielleicht sogar mit dem Ziel „in nichts mehr irgendeinen Anstoß geben“ zu wollen. Das ist doch eine legitime Zielvorstellung.

Wir haben den ersten Sonntag nach Aschermittwoch. Fastenzeit. Wir holen unseren Kompass raus und gucken, ob der noch richtig ausgerichtet ist. Gehen wir noch einen guten Weg? Da können wir Paulus nicht einfach sagen: „Du, Paulus, da hast Du in Deinem Brief ein bisschen zu dick aufgetragen. Ich jedenfalls lebe kein einwandfreies Leben so wie Du und ich weiß, dass mich Gott trotzdem liebt, wie ich bin.“ So kommen wir aus der Sache nicht raus.

Es ist Fastenzeit. Geben wir diesem widerständigen Predigttext eine Chance. Vielleicht kann er uns ja doch helfen, uns neu auszurichten. Uns einen Gedanken mitzugeben, der uns bis Ostern begleitet – oder vielleicht auch nur bis nachher zum Mittagessen.

Ich will keinen moralischen Größenwahn predigen. „Seht her, wir Christen leben ein Leben, an dem niemand irgendein Anstoß nehmen kann.“ Das wäre Heuchelei. Unsere Geschichte ist voll von Anstößen. Nicht nur die des Christentums, sondern auch unsere eigene persönliche Geschichte. Wir sind Glaubende und gleichzeitig Schwache. Luther sagte: „Wir sind Gerechte und gleichzeitig Sünder“. Die Gefahr, bei dieser Erkenntnis in die billige Gnade abzurutschen, ist groß: „Ich kann ja gar nichts dafür, dass ich Mist baue, ich bin halt so angelegt. Aber zum Glück glaube ich ja an Gott, und der vergibt mir.“ Blödsinn! „Als Mitarbeiter aber ermahnen wir euch, dass ihr nicht vergeblich die Gnade Gottes empfangt. Denn er spricht (Jesaja 49,8): »Ich habe dich zur willkommenen Zeit erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen.« Siehe, jetzt ist die willkommene Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!“ Jetzt, jetzt, jetzt!

Wir reden also nicht darüber, wie Gott am Ende unseres Lebens unsere Bilanz anschaut und mit einer unvorstellbaren Großherzigkeit uns in seine Liebe mit einwebt. Wir reden darüber, dass jetzt schon die Tage des Heils angebrochen sind. Und die brechen nur an, wenn wir das auch wirklich ernst nehmen, und versuchen danach zu leben. Wenn unser Glaube auch eine Wirkung auf unsere Lebensführung hat.

Es ist wie bei den zehn Geboten. Da steht im Urtext nämlich nicht: „Du sollst nicht“, sondern „Du wirst nicht“. Also: „Du wirst nicht töten.“ „Du wirst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.“ Wenn ich in meinem Leben dem göttlichen Geheimnis Raum gebe, dann kann ich gar nicht anders, als kein Leben zu zerstören und nicht schlecht über jemanden zu reden. Wenn ich Anteil habe an der Liebe Gottes, dann setze ich die zehn Gebote ganz automatisch um. Da brauch es kein „Du sollst nicht“. Ich spreche hier vom Idealfall. Und das tut Paulus auch: „Siehe, jetzt ist die willkommene Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!“ Natürlich weiß er auch: „Jetzt ist der Tag, an dem ich das alles nicht erfüllen kann und zu schwach und unperfekt dafür bin.“ Ja, aber das ist nicht die Grundbestimmung unseres Glaubens, das ist nur die Grundbestimmung von uns als Glaubenden. Der Glaube selber ist größer. Und daraus gilt es fröhlich und mutig zu leben.

Deshalb schreibt Paulus nicht: „Ich versuche ein Leben zu leben, dass niemandem irgendeinen Anstoß gibt.“ Sondern vollmundig: „Ich gebe in nichts irgendeinen Anstoß, bei allem Kummer bin ich trotzdem fröhlich, mir ist es egal, ob ich geehrt oder beleidigt werde.“ „Siehe, jetzt ist die willkommene Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!“

So, das waren bis hier hin recht grundsätzliche Überlegungen, wie man den Worten von Paulus eine Chance geben kann, ohne in einen moralischen Perfektionismus zu verfallen.

Aber was heißt es ganz praktisch, wenn wir uns in den nächsten Wochen neu ausrichten? Ich kann es nur für mich persönlich sagen und vielleicht können Sie ja damit auch etwas anfangen: Ich fühle mich von etwas getragen, das größer ist als ich selber. Das gilt auch für meinen Glauben – er ist größer, als ich selber verantworten kann. Das gibt mir Kraft. Wenn jemand etwas Verletzendes über mich bei Facebook schreibt, ist es mir nicht egal, aber es zerstört mich nicht. Wenn ich Angst vor der Welt bekomme, weil in ihr gerade die bösen Mächte toben, dann rede ich es nicht klein, aber es zerstört mich nicht. Wenn ich traurig bin, weil ich einen lieben Menschen an den Tod verloren habe, dann bleibt dieser Knacks, aber er zerstört mich nicht.

Ich hatte Sie zu Beginn gefragt: Sie alle heute Morgen hier in der St. Marienkirche sind Apostel, Sie sind Gesandte von Gott. Was würde jede und jeder von Ihnen sagen, wenn Sie gefragt werden würden: „Warum soll ich denn gerade Dir das glauben, dass Du ein Apostel bist?!“ Auch wenn wir als Glaubende nicht perfekt sind und fragmentarisch durch unser Leben eiern, an unserem Glauben selber ist die Schönheit Gottes abzulesen. An der Größe des Glaubens zerbrechen wir nicht. Aber wir reden ihn auch nicht klein. Unser Glaube macht uns schön, schöner als wir uns je trauen würden, selber von uns und unserem Leben zu sprechen. Das ist unser Bewerbungsschreiben hier mitten in der Stadt Berlin. Amen.