Predigt am 17. Sonntag nach Trinitatis – Jesaja 49,1-6

 

Gnade sei mit euch, und Friede, von dem der da ist, und der da war, und der da kommt. Amen.

Ich habe eine Freundin, die – mit ihren eigenen Worten – oft ziemlich missionarisch drauf ist.

Für sie ist es undenkbar etwas Schönes zu entdecken, sei es eine Creme, die Wunder wirkt, ein Deodorant, das einhält, was es verspricht, sei es ein wunderschönes Buch oder Film – sie kann solche Schätze nicht für sich behalten, sondern erzählt uns allen davon, erzählt uns viel davon!

Das Wort Mission hat für manche einen etwas schlechten Beigeschmack. Bilder von der Zeit der Kolonialismus drängen sich auf. Mission durch Zwang, eine klare Hiercharie, oben und unten. Das sind keine schönen Bilder und ich erlebe es – verständlicherweise – auch oft so, dass viele etwas zurückschrecken und betonen, dass sie doch nicht missionieren möchten. Man möchte ja nicht zu denen gehören, die zwanghaft anderen eine bestimmte Weltsicht auferlegen wollen. Aber muss es so sein, dass wir von der Mission zurückschrecken?

Mission bedeutet in erster Linie: Sendung. Du bist unterwegs mit einem Auftrag. Und ich verstehe Mission, den Auftrag der Mission so, dass man von dem erzählt, was man liebt. So wie meine Freundin es tut. Wenn ich etwas Schönes entdeckt habe, etwas oder jemanden liebe, möchte ich darüber erzählen. Es liegt im Wesen der Liebe: das Bedürfnis sich mitzuteilen. Nicht dass man immer darüber erzählen muss, natürlich nicht, aber eine Liebe, die sich nicht mitteilen will oder die es nicht kann, hat schlechte Bedingungen.

Die Bibel ist voller Erzählungen davon, wie Gott sich den Menschen mitteilt. Wie Gott den Menschen von seiner Liebe erzählt. Eine davon ist der Predigttext von heute:

Hört mir zu, ihr Inseln, und ihr Völker in der Ferne, merkt auf!

Der Herr hat mich berufen von Mutterleibe an; er hat meines Namens gedacht, als ich noch im Schoß der Mutter war.

Er hat meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht, mit dem Schatten seiner Hand hat er mich bedeckt. Er hat mich zum spitzen Pfeil gemacht und mich in seinem Köcher verwahrt.

Und er sprach zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, durch den ich mich verherrlichen will.

Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz. Doch mein Recht ist bei dem Herrn und mein Lohn bei meinem Gott.

Und nun spricht der Herr, der mich von Mutterleib an zu seinem Knecht bereitet hat, dass ich Jakob zu ihm zurückbringen soll und Israel zu ihm gesammelt werde – und ich bin vor dem Herrn wert geachtet und mein Gott ist meine Stärke –,

er spricht: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels wiederzubringen, sondern ich habe dich auch zum Licht der Völker gemacht, dass mein Heil reiche bis an die Enden der Erde.

Gut, es fallen im Text schon einige Wörter, die nicht so sehr nach Liebe klingen, Schwert, Pfeil und Köcher, z.B. Aber beim nochmaligen Lesen des Textes wird es klar: Es geht nicht um Waffen.

Er hat meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht.

Mit dem Wort soll ich in die Welt gehen. Nicht mit Waffen, ohne Zwang, Gott hat mich auserwählt, weiß der Prophet. Bevor ich von mir selbst wusste, kannte mich Gott. Und nun will er, dass ich in die Welt gehe und von ihm erzähle. Er geht mit. Hilft mir. Meinen Mund hat er bereitet, er fordert nicht mehr von mir, als dass ich geben kann. Als das, was er mir gegeben hat. Gott wendet sich an den Propheten. Und der Prophet wendet sich dann an alle Welt mit dem Auftrag, der Mission, von Gott zu erzählen. Ein „Licht der Völker“, wird er sein.

Wer ist heute gesandt?

An den letzten zwei Sonntagen konnten wir uns hier in der Marienkirche über zwei Taufen freuen. Über die Liebe Gottes an die Kinder, seine Zusage immer da zu sein. Hier in der Kirche ist es üblich nach der Wassertaufe den Täufling mit Öl zu salben. Das ist eine uralte Tradition. Im Alten Testament wird berichtet, dass die Könige, die Priester und die Propheten gesalbt wurden. Und „Christus“, der Beiname Jesu, bedeutet „der Gesalbte“.Die Salbung bei der Taufe weist darauf hin, dass jede und jeder Getaufte als Priester, König und Prophet eingesetzt ist. So zu verstehen, dass wir alle vor den Augen Gottes denselben Wert wie ein König, ein Priester und ein Prophet haben. Das gilt für alle Getauften. Auch für die vielen von uns, die bei der Taufe nicht symbolisch gesalbt wurden. Denn die Salbung weist nur darauf hin und verdeutlicht, was ohnehin für alle Getauften gilt: durch die Taufe gehören wir dem Gesalbten, dem gekreuzigten und auferstandenen Christus zu.

Das ist eine große Gabe. Und zugleich eine Aufgabe. Wir sind alle gefragt.

Ich schätze mal, im Alltag sind viele von uns missionarisch tätig, in der Weise wie meine Freundin missioniert. Wenn es um Alltagsgegenstände, Bücher und Filme geht, fällt es irgendwie leichter. Aber wann haben Sie das letzte Mal mit jemanden über das, was Ihnen wirklich wichtig ist, gesprochen? Ich denke, viele von uns zögern da, an der Stelle, wenn es um das Wichtigste geht. Um das, was uns durch das Leben trägt. Der Grund der Hoffnung, der Liebe.

„Geht in die Welt!“, sagt Gott. Erzählt von dem, was ihr liebt. Erzählt von der Schönheit. Von der Liebe. Von dem tragenden Grund. Durch euch will ich mich verherrlichen, sagt Gott. Das ist unser Auftrag.

Heute treffen sich deutschlandweit etwa 20.000 Menschen, die sich vorher nicht kannten, und die aufgrund ihrer Unterschiede, also nicht ihrer Gemeinsamkeiten wegen in Gesprächspaare eingeteilt worden sind. Wahrscheinlich werden sie nicht in erster Linie über Liebe reden, oder über den Glauben. Aber sie treffen sich, weil sie daran glauben, dass wir durch Gespräche uns gegenseitig bereichern können, und mehr Verständnis füreinander gewinnen können.

Das Dialogprojekt heißt „Deutschland spricht“. Durch die Gespräche werden womöglich Gemeinsamkeiten entdeckt, die nicht zu erwarten wären. Aber auch zutiefst unterschiedliche Wahrnehmungen der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation. Das Ziel ist Verständnis für einander zu gewinnen, Vorurteile zu überwinden, im Gespräch zu bleiben, trotz vielerlei bestehender und bleibender Unterschiede. Im Vorfeld wird dazu geraten viele Fragen zu stellen, an der oder dem anderen interessiert zu sein. Das heißt nicht, dass man einander von der eigenen Meinung überzeugen kann. Oder überzeugen muss. Aber man wird dazu gezwungen, den Menschen, den man vor sich hat, im Gespräch kennenzulernen.

Und das ist auch unser Auftrag als Christen, denke ich. Das Gespräch aufzunehmen. Im Gespräch zu bleiben. Interesse an unseren Mitmenschen zu zeigen. Fragen zu stellen, und nicht gleich annehmen, die anderen würden es ja sowieso nicht verstehen, oder möchten nicht über das, was mir wichtig ist, reden. Mission sollte nichts mit Zwang, Druck oder eingeübter Überzeugungskraft zu tun haben. Sondern soll aus dem Interesse an dem Gegenüber entstehen. Aus Liebe. Eine Liebe, die sich mitteilen will und muss.

Eine Liebe, die bekanntlich Grenzen überschreitet, wie wir es vorher im Evangelium hörten.

Gott sei Lob und Dank.

Amen.