Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus.

Oh, welch eine Schönheit bist du – Freiheit!
Oden und Hymnen werden auf dich gesungen.
Du wirst beschworen, erkämpft und behütet.
Du wirst gebeugt, bekämpft und vergessen.
Oh, welch eine Schönheit bist du – Freiheit!

Es ist Sonntag, kurz vor zehn.
Heute ist er zu Hause geblieben.
Heute hat er lange geschlafen.
Heute darf er es.
Kurz vor zehn kramt er sein Handy unter dem Kopfkissen hervor, dass schon seit einer halben Stunde alle 8 Minuten dieselbe schräge Melodie zum Wecken vermeldet, die auf den Namen „Seidenweich“ getauft wurde, was es nicht besser macht.

Es ist Sonntag kurz vor zehn.
Heute ist er zu Hause geblieben.
Er kramt die Radio App hervor, klickt sie an und schon geht’s los:
Es ist Sonntag, der 11. September 2016, 10 Uhr. Die Nachrichten.
Es folgen endlose Berichte von den Kriegen, von den Flüchtlingen, von den Wahlen, die waren und von den Wahlen, die kommen,
von der Kanzlerin, vom Mann von Bosporus, den Parolen auf irgendeinem Platz in Ostdeutschland, ein bisschen Ostukraine am Ende und ganz zum Schluss das Wetter.
Ja das Wetter, das ist wichtig.
Und zum Schluss dann das allerwichtigste:
Staus ab zwei Kilometer. Und es gibt schon einige um diese Uhrzeit am Sonntag und sie klingen bedrohlich, auch wenn sie sich 500 km weit weg in der hessischen Provinz ereignen.
„Wie schön, dann nicht dort zu sein, sondern im Bett!“, denkt er sich.

Es ist Sonntag kurz nach zehn.
Nach den Staumeldungen bimmeln im Radio die Glocken.
Am 16. Sonntag nach Trinitatis übertragen wir einen evangelischen Gottesdienst aus der St.Marienkirche in Berlin. Die Predigt u.s.w., tönt es aus dem Minilautsprecher.
Nach all den Staus und den Kriegen, dem Wetter und den Wahlen kommt jetzt noch ein Gottesdienst, der gleich bei den Nachrichten weitermacht, weil die Frau am Anfang fragt:
Ist Religion gefährlich?

„Bestimmt!“ sagt er sich, döst vor sich hin am Sonntag dieses 11. Septembers, und feiert Gottesdienst in Boxershorts, ganz frei und ungeniert.

Oh, welch eine Schönheit bist du – Freiheit!

Was nun folgt, mag irritieren an einem 16. Sonntag nach Trinitatis oder auch nicht. Wer kennt schon diese Nummern.
Was nun folgt, mag irritieren, denn er hört einen Pfarrer, einen Rabbiner und einen Imam davon reden, als wären sie sich keiner Grenze bewusst, als stünde der Himmel über ihnen offen. Sie reden deutsch und singen Hebräisch. Sie reden Tacheles und singen auf Arabisch, als kennten sie keine Grenze,
als wären sie frei von den Vorurteilen und kruden Gedankenspielchen, die andere sich über ihre Religionen machen.
Sie reden frei von der Hoffnung des Friedens und lassen die Notwendigkeiten der Selbstverteidigung der eigenen Wichtigkeit bei Seite. Einfach so.
Und sie rechtfertigen sich nicht einmal dafür.
Sie machen es einfach, seidenweich und selbstverständlich und frei.

Oh, welch eine Schönheit bist du – Freiheit!
Du hast viele Gesichter, trägst viele Kleider.
Menschen suchen dich und Menschen verstecken dich.
Menschen lieben dich, fast als wärest du ein Gott.
Menschen fürchten dich, ob deiner Macht.
Bleib schön, du meine Freundin, bleib stark.
Wir brauchen dich. Oder doch nicht?

Zur Freiheit hat uns Christus befreit!

Ich weiß es nicht, was es heißt, an Leib und Seele, an Geist und in Gedanken unfrei zu sein.
Ich musste diese Erfahrung, die andere viel zu gut kennen, nicht selbst erleben.
Das ist der Segen der Spätgeborenen in unserer Stadt und in unserem Land. Das ist mein Segen, der mich manchmal im Bett vor mich hindösen und die Staus ab zwei Kilometer irgendwo in Deutschland verfolgen lässt.
Das ist eine kleine Freiheit, die ich habe. Vielleicht nicht die, zu der mich Christus befreit hat, aber sicherlich die, die mir geschenkt ist und die sich so selbstverständlich anfühlt, dass es mir ganz normal scheint, sie zu haben.

Zur Freiheit hat uns Christus befreit!
rief Paulus einst und viele hören es bis heute mit offenen Ohren, da sie wissen, dass es sie gibt, sie aber noch nicht persönlich kennengelernt haben.

Zur Freiheit hat uns Christus befreit!
ruft Paulus zu einer jungen gefährdeten Kirche, deren Anfang in den Untiefen des schwarzen Freitags und im Jubel des Ostermorgens, der Auferstehung des Lebens, lag.

Paulus ruft es ihnen zu,
deren Euphorie verflogen ist,
die hohem Druck von außen ausgesetzt sind,
Er ruft es denen zu,
deren Zuversicht unter einer inneren Bedrohung leidet:

Angst, Unsicherheit und Verzagtheit sind unter ihre Haut gekrochen wie der erste Winterfrost.

Zur Freiheit hat uns Christus befreit!
Wir sind nicht wie jene frühen Christinnen und Christen an Leib und Leben bedroht, zumindest hier.
Aber wir kennen die Dämonen unserer Zeit, unserer Stadt, unserer Gemeinde und vielleicht sind es auch unsere eigenen.
Sie heißen Angst, Unsicherheit und Verzagtheit.

Und was passiert dann?

Dann wird aus Angst schwarze Trauer und aus Unsicherheit und Verzagtheit graue Nostalgie.
Die gute alte Zeit. Mein gutes altes Leben. Die Vergangenheit strudelt hinein in die pausenlose Verschönerung und ich erschöpfe mich in Beweinung und zu guter Letzt in die Angst vor hier und heute. Dann tröstet kein Trost mehr und die Hoffnung der Freiheit wird wie eine Verbrecherin in den Kerker geworfen.

Muss aber nicht!
Was passiert können wir selbst frei entscheiden.

Mit unserem Gott kann aus der Angst auch Demut werden und mit unserem Gott verwandeln wir Unsicherheit und Verzagtheit Stolz.

Mit unserem Gott verwandeln wir die Unsicherheit und Verzagtheit in den Stolz darauf, dass wir seit 2000 Jahren die Bergpredigt im Gepäck haben, die schon so viele Menschen befreit hat.
Den Stolz darauf, dass den Armen – woran auch immer arm – Gottes erste Aufmerksamkeit gehört.
Den Stolz darauf, dass die Geschichten von Verzeihen, Gnade und Vergebung das Grundrauschen unseres Glaubens und unserer Freiheit sind.
Und den Stolz darauf, dass nach jedem Tod ein neues Leben folgt.
Mit unserem Gott und dem Vertrauen in ihn wird aus unserer Angst Demut.
Demut davor, dass wir nicht die einzigen sind, die von Gott erzählen, ihn verehren, und von seiner Freiheit schwärmen.
Demut davor, dass unser Haus nicht das einzige ist, in dem frei heraus gebetet wird, und Demut davor, dass wir nicht die einzigen sind, die für den Frieden und die Freiheit eintreten.

Aus der Angst wird Demut, die anderen zugesteht, was unser eigenes Leben trägt: Die Freiheit, zu der uns Christus befreit hat und nicht die Angst, denn diese ist nur ein trauriger Dämon.

Und nun,
nun geht hin und wählt die Freiheit,
denn zur Freiheit hat uns Christus befreit!

Amen