Predigt Palmsonntag ­- Pfarrerin Cordula Machoni - St.Marienkirche

Markus 14, 3-9

Heute beginnt die Woche der Erinnerung.

Wie Trauernde, die sich am Jahrestag des Abschieds die letzten Wege, die letzten Worte des Verlorenen in Erinnerung rufen, so schauen wir in dieser Woche auf Jesus.

Jeder Tag dieser Woche hat seine eigene, unverwechselbare und besondere Erinnerung.

Das Bild des Königs, der auf einem Esel in Jerusalem einzieht, dominiert den heutigen Tag. Menschen, die Palmzweige schwingen, Lärm und Treiben und Drängen, ein Durcheinander von Stimmen und Bewegungen.

Jedoch – die Erfahrung zeigt, dass nicht Bilder zuerst Erinnerungen hervorrufen sondern Gerüche.

Manchmal genügt der Duft eines Parfums, der Geruch von gemähtem Gras, das Aroma einer Tasse Tee, um in das Reich der Erinnerungen einzutauchen. Es sind rätselhafte und wundersame Momente, wenn einen so eine gespeicherte Sinnesempfindung erneut überwältigt.

Plötzlich verlässt man Raum und Zeit und reist zurück in die Vergangenheit.
Und darin meinst zu Menschen.
Wir machen uns das Erlebte selbst erneut zugänglich.
Wir erinnern.

Und erleben dabei – in einem Moment – die Fülle allen Menschseins: Gefühl, Verstand, Bewusstsein, Geist, Poesie.

Heute beginnt die Woche der Erinnerung.
Aber sie beginnt erst ein paar Stunden später in einer leisen, verborgenen Geschichte.

Schauplatz ist das Haus Simons in Betanien, ein Dorf, das nur durch ein Tal von Jerusalem getrennt ist. Er ist ein Aussätziger, erfahren wir. Mehr nicht. Eine Frau kommt herein. Ohne Umschweife geht sie zum Tisch, an dem Jesus zum Essen sitzt. Wenn zu Gastmählern eingeladen wird, sind Frauen in der Regel ausgeschlossen. Höchstens als Gastgeberin dürfen sie in Erscheinung treten.

Doch sie geht mitten hinein in diese Männerrunde. Im Haus eines Aussätzigen sind Berührungen tabu. Aber sie begibt sich ohne Umschweife in körperliche Nähe zu dem, der dem Tod entgegen sieht.

Sie spricht kein Wort. Sie handelt einfach. Stumm durchbricht sie gleich mehrere Tabus. Sie zerbricht ein Glas mit kostbarem Nardenöl. Harzig warme und süße Düfte durchströmen den  Raum. Sinnliche Aromen eines einzigartigen Öls, das in die Paläste der Könige gehört aber nicht in dieses einfache Haus eines geächteten Menschen. Der Wert wird mit 300 Silbergroschen angegeben. Das ist der Jahreslohn eines Landarbeiters, etwa 20.000 Euro. Spätestens jetzt verstummen auch die letzten Gespräche. Die Empörung der Anwesenden angesichts dieser Verschwendung ist laut und rüde.

Im Lukasevangelium wird geschildert, was Simon im Stillen denkt:  „Wenn dieser ein Prophet wäre, so würde er erkennen, wer und was für eine Frau das ist, die ihn berührt.“

Sie verstehen nicht, was sie da tut.

Aber Jesus versteht. Und lässt sie gewähren. Der Duft des Öls ist betörend. Nardenöl beruhigt das Herz, es verringert Angst und übermäßiges Grübeln und schenkt inneren Frieden.

Allen, die an diesem Tag im Haus des Simon zu Gast sind, wird dieser Duft sich einprägen. Bis in den letzten Winkel hinein transportiert er das Anliegen, mit dem die Unbekannte gekommen ist.

Der Duft des Öls wird ihnen diese unerhörte Szene unauslöschlich in Erinnerung rufen. Vielleicht wird sie sich angesichts der Ereignisse der kommenden Tage verwandeln, die Erinnerung an diesen Duft: in Scham, in Wärme, in Sehnsucht.

Sie gießt das Öl auf seinen Kopf. Sie salbt ihn. Eine Szene liebevoller Hingabe. In der Bibel kommt das Nardenöl nur im Hohelied vor. Der Duft drückt liebendes Verlangen aus. Im Hohelied macht sich die Braut mit Narde schön.

Und der Bräutigam preist seine Liebste wegen der Narde, die in ihrem verschlossenen Garten wächst.

Die Unbekannte übergießt Jesus geradezu mit Liebe. Behandelt ihn wie einen König. Schmückt den Körper dessen, der bald als der Allerverachtetste zu Tode gefoltert wird.

Sie feiert das Leben Jesu im Angesicht des Todes völlig bedenkenlos. Sie fragt nicht, was es kostet, was es einbringt, wie es wirkt und ob es ihr schaden könnte. All die normalen Fragen, die das Leben belanglos machen stellt sie sich nicht mehr.

Die Woche der Erinnerung beginnt mit der Geschichte eines Liebesspiels. Mit unbegründeter Zärtlichkeit. Sie beginnt mit einem unvergesslichen Duft, der überfließt von einem Menschen auf den anderen als Ausdruck wortloser Liebe.

Dieser Liebesduft ist die Grundsignatur der Erinnerung an Jesus.

Denn –  so spricht Jesus dann auch mit  großen nachdenklichen Worten: „Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat.“ ------

Es ist anders gekommen.  -------

Die Frau, deren Gedächtnis in die Mitte des Evangeliums gehört, hat nicht einmal einen Namen. Auch der feierliche Auftrag Jesu konnte ihre Namenlosigkeit nicht verhindern.

Die Erinnerung an das duftende Liebesspiel, welches sich in Raum und Zeit ereignet ist verborgen geblieben hinter den Namen und Geschichten und Worten Anderer.

Dabei liegt hier das Evangelium in seiner vollkommenen Schönheit und Verletzlichkeit vor uns. „Lasst sie in Frieden. Sie hat meinen Körper gesalbt für mein Begräbnis.“, sagt Jesus, „An ihr soll sichtbar werden, dass ich mit meinem Weg ans Kreuz die Geschichte auf euch gewendet habe.

Ihr seid fähig zu unbegründeter Zärtlichkeit und überfließender, wortloser Liebe.

So beginnt die Woche der Erinnerung.

Wir, die wir Palmzweige schwingen, die wir Brot und Wein teilen zu seinem Gedächtnis sollen hören und tun, was sie getan hat, zu ihrem Gedächtnis, wo und wann immer das Evangelium verkündigt wird.

 

Die Lyrikerin Dagmar Nick dichtet so:
Rechtzeitig habe ich
einbalsamiert, was ich liebte,
damit ich dich eines nachts,
wenn ich an nichts mehr glaube,
weil alle Wunder verbraucht sind,
wiederfinde,

 

die harzigen Binden
von meinem Gedächtnis löse,
Narde und Myrrhe noch einmal erinnere,
die Betäubung,
wann war das,
als wir uns trennten,
und wieder von Anfang an lerne
zu lieben,
was mir nicht gehört.
Amen.
 
Es gilt das gesprochene Wort.