„Gnade sei mit euch und Friede, von dem der da ist, und der da war und der da kommt!“ Amen.

„Erklären Sie mir den Grund, warum Sie sich für diese Juden einsetzen. Sie haben keine jüdische Verwandtschaft. Sie haben es nicht nötig, für diese Menschen einzutreten. Niemand wird es Ihnen danken! Ich begreife nicht, warum Sie es tun!“

Das Jahr: 1939. Der Fragende: Adolf Eichmann. Der Befragte: Propst Heinrich Grüber.

„Sie haben keine jüdische Verwandtschaft. Warum dann helfen? Ich begreife es nicht“, fragt Eichmann.

Das für Eichmann unbegreifliche, erklärt Propst Grüber mit Verweis auf Jesus.

Grüber antwortet: „Sie kennen die Straße von Jerusalem nach Jericho! Auf dieser Straße lag einmal ein überfallener und ausgeplünderter Jude. Ein Mann, der durch Rasse und Religion von ihm getrennt war, ein Samariter kam und half ihm. Der Herr, auf dessen Befehle ich allein höre, sagt mir: Gehe du hin und tue desgleichen.“

Donnerstag Abend wurde hier in der Kirche ein Film, „Erinnerungen an Propst Heinrich Grüber“, gezeigt. Danach gab es ein Gespräch mit einem ehemaligen Angestellten des Propstes Grüber, Walter Sylten. Im Laufe des Gesprächs hieß es: „Ich habe viele Predigten von Grüber gehört. Er predigte fast immer vom barmherzigen Samariter. Das war eine sehr wichtige Erzählung für ihn.“

Das Gleichnis hörten wir als Evangeliumslesung. Nicht nur für Heinrich Grüber war das eine wichtige Erzählung. Es gibt, glaube ich, wenige Texte in der Bibel, die so beliebt und berühmt sind, wie das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Ein sehr eindrucksvoller Text ist das. Schön, aber auch sehr herausfordernd, einerseits leicht zu verstehen aber zugleich eine Geschichte mit so viel Tiefe und Einsicht – ein wahrer Klassiker!

Daneben gibt es andere Texte. Kleine Textstücke, die weniger bekannt und beliebt sind. Die vielleicht auch schwerer zugänglich sind. Textstücke, die ein eher zurückgezogenes Dasein fristen.

„Und es kamen seine Mutter und seine Brüder und standen draußen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen. Und das Volk saß um ihn. Und sie sprachen zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir.

Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und meine Brüder?

Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“

Manche Texte sind sofort einleuchtend. Andere haben eher befremdliche Teile.

Manche Texte sind sehr berühmt und werden oft in Diskussionen – auch außerhalb vom kirchlichen Kontext angeführt. Andere sind viel unbekannter.

Beide Texte, das Gleichnis vom barmherzigen Samariter und die Erzählung von den wahren Verwandten Jesu, sind für den heutigen Gottesdienst ausgesucht worden. Das sind sie, weil sie einander ergänzen, und im Zusammenspiel uns etwas zu sagen haben.

Und so viel vorweg: Beide Texte sind in ihrer Botschaft grenzüberschreitend!

„Deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir.“

Und Jesus? Er lässt sie offensichtlich draußen stehen.

Diese Reaktion ist für mich immer schwer nachvollziehbar gewesen. Ich empfinde sie nicht ganz so grenzüberschreitend wie die Aussage, dass nur der, der seine Familie hasst, Jünger Jesu sein kann, aber immerhin: Seine Mutter lässt er vor der Tür stehen! Als Kind fand ich das unvorstellbar. Und als Mutter… noch schlimmer!

Die Familie Jesu wurde auch früher im Markusevangelium erwähnt, wenige Verse vor dem heutigen Predigttext steht:

„Und er – Jesus ist hier gemeint – ging in ein Haus. Und da kam abermals das Volk zusammen, sodass sie nicht einmal essen konnten. Und als es die Seinen hörten, machten sie sich auf und wollten ihn ergreifen; denn sie sprachen: Er ist von Sinnen.“

Die Seinen, d.h. seine Familie hat von seinem Wirken, von seiner Rede gehört. Und sie meint, dass er wahnsinnig geworden ist.

Er lässt sie draußen stehen.

Das ist klare Kante.

Jesus weist die traditionellen Bindungen zurück, entscheidend ist nicht Blutsverwandtschaft, nicht Volk, nicht Sprache oder Kultur: das entscheidende Merkmal ist: „Wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester.“

Gottes Wille als Merkmal auf dieser Weise in Geltung zu bringen, lässt aber schon die eine oder andere Frage entstehen. Wie weiß ich, was Gottes Wille ist?

Grundsätzlich, glaube ich, ist Vorsicht geboten, wenn jemand behauptet gemäß Gottes Willen zu handeln..

Aber ein Blick in die Schrift, eine Befragung der anderen Texte, die wir im Gottesdienst gehört haben, lassen uns vielleicht etwas näher kommen.

Aus dem Alten Testament hörten wir die grausame Geschichte von Kain und Abel.

Was ist der Wille Gottes?

Sogar nach der furchtbaren Tat Kains, nachdem er seinen Bruder getötet hatte, gab ihm Gott das sog. Kainszeichen, damit niemand ihn töten würde.

Als Evangeliumslesung hörten wir das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Der Fremde wurde dem ausgeplünderten Juden zum Nächsten. Er rettete sein Leben.

Der Wochenspruch für diese Woche lautet: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Geschwistern, das habt ihr mir getan.

Gott will das Leben.

Gott will, dass wir das Leben schützen, dass wir, das Leben der anderen schützen.

Nun, könnte man dagegenhalten. Man hätte da auch schon andere Texte heranziehen können und zu einer ganz andere Botschaft kommen können. In der Bibel gibt es viele Texte.

Und so ist es. Und dem Kontext entrissen kann ich in der Bibel vieles finden, das in eine andere Richtung zeigt. Aber wir sind auf der Suche nach Gottes Willen nicht der bloßen Willkür überlassen. In der Erwählung des Volkes Israel und in Jesus Christus hat Gott gezeigt, wer er ist, und was er will.

Im heutigen Predigttext fordert Jesus nicht eine grundsätzliche Zurückweisung der Familie, gar nicht. Auch seine eigene Familie spielte weiterhin eine wichtige Rolle für ihn – und für das frühe Christentum.

Aber, die Familie, so der Predigttext, oder das Volk oder die Religionsgemeinschaft – so beim Gleichnis vom barmherzigen Samariter – ist nicht das entscheidende Kriterium, stellt nicht die Grenze unseres Verantwortungsbereich dar. Der Wille Gottes ist grenzüberschreitend.

Auch wenn ich durch meinen Beruf, meiner sozialen Stellung, als Mutter oder Vater eine besondere Verantwortung gegenüber bestimmten Menschen trage, dann kann meine Verantwortung für das Leben nicht an dieser Grenze enden. Nach Gottes Willen soll es keine Abgrenzung, keine Grenze zwischen Menschen geben, die das Leben lieben. Er ruft uns auf so zu handeln, dass kein Mensch aufgrund seiner Herkunft ausgeschlossen oder herabwürdigt wird.

Das wusste Propst Grüber.

„Ein Mann, der durch Rasse und Religion von ihm, vom überfallenen und ausgeplünderten Juden, getrennt war, ein Samariter kam und half ihm. Der Herr, auf dessen Befehle ich allein höre, sagt mir: Gehe du hin und tue desgleichen.“

So antwortete Grüber mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter.

Mit dem heutigen Predigttext hätte er auch antworten können:

„Sie meinen, ich habe keine jüdischen Verwandte? Der Herr, auf dem ich allein höre, sagt: Wer den Willen Gottes tut, der – oder die – ist mein Bruder, meine Schwester.“

Niemand von uns hat das alleine Patent auf den Willen Gottes. In Christus hat Gott sich der Welt gezeigt. Und die Liebe, die Jesus in seiner Verkündigung – in der Bergpredigt und im Gleichnis vom barmherzigen Samariter – die Liebe, die er fordert, ist grenzüberschreitend.

Wer sich eingrenzt und sich nur dem Eigenen verantwortlich zeigt, wer allein den Blick für das eigene Volk, die eigene Familie, die eigene Religionsgemeinschaft hat, der oder die kann sich für diese Abgrenzung nicht auf Christus berufen.

Denn, die Liebe Gottes ist grenzüberschreitend.

Amen.