Corinna Zisselsberger, Pfarrerin im Entsedungsdienst in St. Petri-St.Marien Berlin
Corinna Zisselsberger, Pfarrerin im Entsedungsdienst in St. Petri-St.Marien Berlin

 

Predigttext: Offenbarung 1,9-18

 

Schlüsselgewalt

Am Ende, ganz zum Schluss, da musste ich sie abgeben.

Zwei Jahre lang hatte ich sie mit mir herumgetragen.

In Rucksäcken und Manteltaschen,

nah bei mir – immer griffbereit.

Und meistens mit der leisen Angst, sie irgendwo liegen zu lassen.

Aus Unachtsamkeit zu verlieren.

Mit ihrer Hilfe kam ich in Häuser und zu Menschen.

Sie öffneten mir Räume, Schränke und Gestaltungsmöglichkeiten.

Am letzten Tag meines Vikariats gab ich sie meiner Mentorin zurück:

Die Schlüssel der Weißenseer Gemeinde.

Mein Schlüsselbund war auf einmal so leicht.

Und ich fühlte mich irgendwie nackt

und auch ein bisschen schwermütig und ausgeschlossen.

Wer die Schlüssel hat, der hat die Macht.

Macht darüber, etwas zu öffnen oder abzuriegeln.

Klein und handlich hängen unsere heutigen Schlüssel an unserem Bund oder Band.

Sie schließen uns Haus- und Wohnungstüren,

Auto- und Fahrradschlösser, Briefkästen und Tresore auf.

Die modernsten Schlüssel besitzen keinen Halm und Bart mehr,

sondern sind elektronische Chips.

Mit Funkkontakt und einem Piep öffnen sie das Schloss.

Wer die Schlüssel hat, der hat die Macht.

Und umgekehrt: wer die Schlüssel nicht hat, ist machtlos, bleibt draußen.

Das weiß jede und jeder, der sich schon mal zuhause ausgesperrt hat.

Denn so ein herbei gerufener Schlüsseldienst ist machtvoll, aber auch sehr teuer…

Der passende Schlüssel gewährt Zutritt zu einem abgetrennten Areal:

Zu unserem Eigentum,

und zu unserem intimsten Lebensbereich wie der eigenen Wohnung oder dem Tagebuch.

 

Die Macht des Menschensohns

Wer die Schlüssel hat, der hat die Macht.

Das wusste auch Johannes, der sogenannte Seher,

der auf der Insel Patmos Gottes Offenbarung empfing und aufschrieb.

Schlüssel schließen ja nicht nur Schlösser auf.

Sie dienen im übertragenen Sinne auch dem Verständnis.

„Dieser Gedanke erschließt sich mir nicht“, sagen wir,

wenn wir etwas nicht verstehen.

Und vielleicht erschließt sich auch Ihnen und Euch, liebe Gemeinde,

der heutige Predigttext nicht auf Anhieb.

Denn die Offenbarung bedient sich alter Bilder und verschlüsselter Symbole,

um erlebte Geschichte zu deuten.

So auch in der Erzählung von Johannes‘ Beauftragung.

Johannes wird vom Geist ergriffen und hat eine Vision.

Eine Gestalt erscheint ihm.

Sie ähnelt einem Menschen und sie ähnelt auch Erscheinungen im Daniel- und Ezechielbuch.

Strahlend wie die Sonne ist die Gestalt,

gekleidet mit einem weißen Gewand und goldenen Gürtel,

sie hat feurige Augen, schneeweißes Haar, metallene Füße,

eine dröhnende Stimme und aus ihrem Mund ragt ein Schwert.

Wie wirkt diese Erscheinung auf Sie und Euch?

Auf mich wirkt sie furchteinflößend und befremdlich.

Gar nicht weihnachtlich.

Kein Vergleich zum zarten Kind in der Krippe,

dessen Geburt wir noch vor kurzem gefeiert haben.

Johannes ist sich sicher:

Die Gestalt, die ihm erschienen ist, ist der Auferstandene und Erhöhte.

Dieser tritt auf als Pantokrator, als richtender Weltenherrscher.

So mächtig ist er, dass er die Gestirne in seiner Hand hält.

Die Zeitgenossinnen und Zeitgenossen des Johannes kannten eine solche machtvolle Gestalt

aus ihrem alltäglichen Leben.

Auf Münzen war sie abgebildet, umrandet mit sieben Sternen:

Der römische Kaiser erschuf sich selbst zum Weltenherrscher, gottgleich.

Johannes‘ Erscheinung entwirft dazu ein Gegenbild:

Weltenherrscher ist nicht der Kaiser, sondern der Menschensohn.

Hinter diesem Bild von Jesus als mächtigem Weltenherrscher liegt eine apokalyptische Sehnsucht.

Die Sehnsucht danach, dass die Machtfrage endlich geklärt wird.

In der dualistischen Perspektive der Offenbarung heißt die Machtfrage:

Gott oder Kaiser? Gut oder böse? Licht oder Dunkel? Leben oder Tod?

Zu Johannes‘ Zeiten stellte sich die Machtfrage den Christinnen und Christen

mit unvergleichlich größerer Dringlichkeit und Konsequenz.

Aber auch heute spüre ich eine Sehnsucht nach der Klärung der Machtfrage.

Wenn das Leid der Menschen mein Herz umklammert,

wenn mir die Zukunft finster und hoffnungslos erscheint,

dann wünsche auch ich mir einen dröhnend-feuer-blitzenden Gottesauftritt,

der Ungerechtigkeit und weltliche Macht hinwegfegt.

Mit Superheldenpower und Gewalt,

mit „fire & fury“, Feuer und Zorn.

Aber Moment… ist das nicht genau die Logik der weltlichen Herrschenden?

So sehr ich die Sehnsucht nach Gottes machtvollem Eingreifen in die Welt verstehe,

so wenig glaube ich, dass Gott sich genau diesen Mitteln bedient.

Das Bild bleibt mir daher erstmal verschlossen,

bis zum Ende.

Johannes vergeht Hören und Sehen vor lauter Sinneseindrücken und Gottesnähe.

Er fällt um und auf einmal ist der strahlende Auferstandene ganz seelsorgerlich nah:

„Fürchte dich nicht“, sagt er, begleitet mit einer sanften Berührung.

Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige.

Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit

und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“

Die Macht des Menschensohns liegt im Besitz der Schlüssel von Tod und Unterwelt.

Er ist durch sie hindurchgegangen.

Er kennt Krisen, Schmerzen, Tod und Schattenreich.

Und hat sie über-lebt.

Nun weist er sie in ihre Schranken.

 

Schlüsselerlebnisse

Wer die Schlüssel hat, der hat die Macht.

Manchmal wünsche ich mir auch so einen Schlüssel,

um mein eigenes Leben aufzuschließen.

Vor allem die Bereiche, die im Dunkeln liegen und schmerzhaft sind.

Manches, was mir und anderen geschieht, erschließt sich mir nicht.

Von Johannes lerne ich, dass es helfen kann, sich umzudrehen.

Der Blick zurück, hinter mich, auf das Gewesene erzeugt Klärung und Klarheit.

Und das Umdrehen, der Blick zurück, hilft vielleicht, etwas über sich selbst zu lernen.

Einen Lebensabschnitt abzuschließen oder in neuem Licht zu sehen.

Und damit den Schlüssel zur Deutung des eigenen Lebens in der Hand zu halten.

Denn: „Im Blick zurück entstehen die Dinge.“

Und sie ordnen sich dann neu besehen anders an.

Eine Krise, Trennung, eine schlimme Krankheit, eine Trauerphase kann möglicherweise auch dazu führen, dem Leben eine andere Richtung zu geben.

Und noch etwas lehrt mich das Umdrehen, der Blick zurück:

Was mich durch dunkle und harte Zeiten trägt, das sind Schlüsselerlebnisse,

Momente der Gotteserfahrung und -nähe.

Vielleicht gibt es auch in Eurem und Ihrem Leben solche Schlüsselerlebnisse.

Ehrfurchtsvolle und strahlende Gottesbegegnungen wie sie Johannes hatte,

die umwerfend und erschütternd waren.

Oder eine sanfte Hand auf der Schulter.

Eine leise Stimme, die sagt: „Hab keine Angst, ich bin da.“

Diese Schlüsselmomente begleiten uns, geben uns Kraft und Trost in den Durststrecken.

So war es auch beim Bild aus Johannes‘ Vision.

Der strahlende Weltenherrscher, der Johannes erscheint,

bringt Licht in die politisch finstere Zeit.

Er trägt und tröstet die verfolgten Christinnen und Christen.

Wichtig ist nur, denke ich, nicht beim Blick zurück zu verharren.

Wo sich eine Tür schließt, da öffnet sich eine neue.

Denn wie die Band Tocotronic treffend singt:

„Im Blick zurück entstehen die Dinge, im Blick nach vorn entsteht das Glück.“

Unsere Schlüsselerlebnisse nehmen wir mit, in die Zukunft.

 

The silent evolution

Wer die Schlüssel hat, der hat die Macht.

Auch wir haben die Schlüssel und auch wir haben die Macht zu gestalten.

Gottes Wirklichkeit ist schon angebrochen,

leise, geduldig und verborgen.

Und von Zeit zu Zeit auch heilsam erschütternd.

Daran erinnert mich Johannes mit seinen eindrücklichen Visionen.

Visionen geben sich nicht mit dem Vorfindlichen ab,

sie entwerfen eine andere Wirklichkeit.

Johannes regt mich an, meine eigenen Visionen zu entwickeln.

Von einer gerechteren, bunteren, friedlicheren Welt.

Mit Mut und Kreativität daran mitzuwirken,

dass Gottes Zukunft kommt.

Und so blicke ich von einer Insel zur anderen,

von Patmos zur Isla Mujeres in Mexiko.

Und ich lade sie ein, meinem Blick zu folgen

und auf das Titelblatt des Gottesdienstheftes zu schauen.

„The silent evolution“ (die stille Entwicklung) heißt das Kunstwerk von Jason deCaires Taylor.

Im Jahr 2010 erschuf der Künstler 450 lebensgroße Menschenskulpturen.

Eine repräsentative Auswahl von Weltbürgerinnen und –bürgern,

aller Nationen und Hautfarben.

Jung und alt, groß und klein, Männer, Frauen und Kinder.

Sie stehen oder sitzen, knien oder liegen.

Manche heben die Arme, andere stützen ihren Kopf,

recken ihren Hals oder blicken nach oben.

Eine strahlende Sonne schickt ihre wärmenden Strahlen zu ihnen hinab in die blaue Tiefe.

Denn die Menschenskulpturen befinden sich auf dem Meeresgrund vor der Küste Cancuns.

Dort, wo der Meeresboden für den Tourismus bereinigt und abgeräumt wurde.

Damit die Strände postkartenweiß sind.

Acht Jahre nach ihrem Versenken bilden die Skulpturen heute ein neues Riff für Meerestiere und Pflanzen.

Sie sind über und über mit Algen und Korallen bewachsen,

mit Muscheln und Seesternen bedeckt,

Fischschwärme durchschwimmen sie.

Jede und jeder von ihnen ist unverwechselbar individuell

und – wie ich finde – wunderschön.

Bunt und auf interessante Weise lebendig und hoffnungsfroh.

„The silent evolution“ –

für mich ist sie ein Bild für die Vision von einer Weltgemeinschaft,

an der alle gleichermaßen beteiligt sind,

und die friedlich miteinander umgeht.

Ein Bild für das kreative Potential im achtsameren Umgang mit der Schöpfung.

Und schließlich auch ein Bild für Auferstehung.

Denn still und durch Geduld ist eine Wirklichkeit in die andere eingesickert,

belebt sie neu und anders,

und entwickelt sie kreativ weiter.

—-

Mit diesem anregenden und erfrischenden Bild

und mit den Schlüsseln der St.Petri-St. Marienkirche in der Tasche

stelle ich mich Ihnen und Euch heute vor.

Ich freue mich auf unsere gemeinsame Zeit hier!

Ich möchte mit Ihnen und Euch unsere Traditionen pflegen

und sie mit neuem Leben füllen.

Ich möchte mit Ihnen und Euch Visionen für unsere Gemeinde und unsere Kirche entwickeln

und sie mutig umsetzen.

Damit wir bunt und ausstrahlend und anziehend sind.

Fürchten wir uns nicht vor dem Blick nach vorne!

Der Erste und Letzte und Lebendige ist bereits da.

Er schließt uns die Zukunft auf mit seiner Macht.

Gehen wir dem Licht, der Sonne entgegen.

Die Schlüssel dazu tragen wir mit uns.

Amen.