I. Ich wiege 22.330 Tonnen
Ich wiege 22.330 Tonnen.
Mein Körper besteht aus drei Millionen Einzelteilen.
Viele Jahre lang bin ich mühsam zusammengesetzt worden und auch jetzt wird weiter an mir gebaut.
Ich bin 750 Jahre alt. Und trage eine ewige Geschichte in mir.
Von außen bin ich hart, aber das täuscht: Ich bin sehr verletzlich und ich leide mit, wenn andere leiden.
Ich bin gefüllt mit Lebensgeschichten,
ich wurde gefeiert, besungen, bespielt, aber auch bedrängt, missbraucht, verachtet;
ich stand im Fokus und wurde an den Rand gedrängt.
Ich habe nicht vergessen! Mein Gedächtnis bin ich selbst. Meine Erinnerung lebt in mir fort.
Mein Körper hat Narben, manche Teile von mir wurden ausgetauscht und verändert.
Ich habe viel gesehen über die Jahrhunderte: Kriegstreiben und Friedensschlüsse, Krankheiten und Hungersnöte, Prunk und Feste, Freudentränen und traurige Verzweiflung.
Die Geschichte dieser Stadt zog an und in mir vorüber.
Ich habe Schüsse gehört und Marktgeschrei, Fliegerlärm und Kutschengeklapper, Liebeserklärungen und Träume von Befreiung, Gebete und Gesänge, Musik und Stille.
Ich habe Feuersbrände gerochen und schweres Parfum, Weihrauch und Leichengeruch.
Habe Menschen von ihrer Geburt bis zu ihrem Tod begleitet.
Andere habe ich nur ein einziges Mal in mir beherbergt.
Um mich herum ist viel kaputt gegangen: Häuser, Ideologien und politische Systeme, Beziehungen und Gewissheiten.
Und Neues entstanden: Gebäude und Plätze, Netzwerke, Freiheit.
Ich bleibe.
Ich bin lebendiger Stein.
Ich wiege 22.330 Tonnen.

II. Der Stein des Anstoßes
Du bist ein lebendiger Stein.
Du bist sogar der Eckstein, Jesus.
Der alles Entscheidende, der die anderen trägt und stützt.
Der alles zusammenhält: Himmel und Erde, Zeit und Ewigkeit, die Dogmatik und das Leben.
Du bist gewichtig. Aber nicht starr, nein, sondern sehr lebendig.
Spitz und anstößig und rau.
Du stößt uns auf das, was tot ist in uns und unseren Gebäuden.
Du sagst uns: Schmeißt es raus!
Richtet euch nicht zu gemütlich ein in euren Gotteshäusern,
verwechselt nicht das Gebäude mit Gottes Wohnung.
Aber kümmert euch darum, dass diese Räume einem guten Zweck dienen:
der Begegnung mit Gott statt den Geldgeschäften.
Dem Aufatmen und Luftholen,
der Konzentration, der Erinnerung, der Zuwendung.
Kein Stein wird auf dem anderen bleiben.
Du bist ein lebendiger Stein, Jesus.
Du erinnerst uns an unseren Auftrag.
Du hältst uns zusammen, trägst und gründest uns.
Du verbindest uns über Grenzen hinweg.

III. Die Brüchigkeit des Lebens
Können Steine lebendig sein?
Hart, starr und kalt sind sie meist; zurechtgestutzt um zu passen; möglichst gleichförmig.
Nicht auszudenken, wenn sie sich bewegen würden,
wenn sie ein Gebäude zum Wanken und Schwanken bringen würden!…
Können Steine lebendig sein?
Lebendig sind die Steine, weil sich an und in ihnen Leben ereignet,
weil sie Lebens- und Stadtgeschichten erzählen,
weil sie einen Raum schaffen, der der Zeit enthoben ist.
Lebendig sind die Steine, weil sie ein Zuhause geben,
Vertrautheit und Verbundenheit schenken,
mich konzentrieren und mit mir selbst und Gott in Beziehung bringen.
Lebendig sind die Steine, weil sie an unsere Verantwortung für dieses Gebäude erinnern.
Lebendig sind die Steine schließlich, weil sie um die Brüchigkeit des Lebens wissen.
Denn: Leben ereignet sich zwischen dem, was in Stein gemeißelt ist.

IV. Wir sind lebendige Steine
Wir sind lebendige Steine.
Jede und jeder von uns ist ein Baustein von Gottes Kirche.
Da gibt es keine Einheitsgröße, keine Deutsche Industrienorm, sondern individuelle Formen, Farben und Größen.
Du bist ein lebendiger Stein.
Du hast Gewicht, kannst hart in der Sache sein, aber weich im Herzen.
Denn es ist wichtig, nicht zu erstarren:
„Du, lass dich nicht verhärten in dieser harten Zeit.
Die allzu hart sind, brechen; die allzu spitz sind, stechen und brechen ab sogleich“ (Wolf Biermann, Ermutigung).
Aber sei auch nicht zu glatt und angepasst!
Du bist mit allen Ecken und Kanten und Bruchstücken in dir genau richtig.
Du bist in Bewegung.
Du gibst anderen ein Zuhause.
Du bist lebendig.
Wir sind lebendige Steine.
Wir bauen mit an Gottes Kirche, an unserer Kirche.
Die sichtbar und erlebbar wird in St. Marien, in Parochial, im House of One.
Sichtbar und erlebbar in jeder und jedem von uns.
Amen.

Pfarrer Eric Haußmann & Pfarrerin Corinna Zisselsberger

Predigttexte: 1Petr 2,4-10 & Joh 2,14-22

Es gilt das gesprochene Wort!