Gnade sei mit Euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der kommt.

Als ich 410 Tage alt war, stellt der 21jährige Chinese Zhu Jianhua einen neuen Weltrekord im Hochsprung auf.
Als ich 410 Tage alt war, gewinnt die Armeesportgemeinschaft Vorwärts Dessau gegen die SG Dynamo Schwerin mit 6:0 in der Aufstiegsrunde der Oberliga der DDR.
Als ich 410 Tage alt war, war das Lied „Send me an Angel“ von Real Life auf Platz Eins der westdeutschen Charts.
Als ich 410 Tage alt war, band sich mein Vater seinen Lederschlips um den Hals und meine Mutter föhnte sich den Bubikopf zurecht. Sie nahmen mich – das Kind, das zur Überraschung aller irgendwie ein bisschen zu groß geraten war – und schleppten es in die Kirche.
Es war Pfingstsonntag und drei oder fünf der evangelischen Damen in der Kirche freuten sich, dass der Geist nicht nur über sie ausgegossen wird, sondern gleich noch eine ganze Familie mit dabei ist. Man sagt sich, dass an diesem Tag der Gottesdienst später begann, weil das Moped vom Pfarrer streikte, aber wen stört das schon an einem Pfingstsonntag, an dem „Send me an angel“ – „Schick mir einen Engel“ auf der anderen Seite der Mauer auf Platz eins der Charts hoch und runter läuft.
Also tauften sie mich am 410. Tag meines Lebens mit Wasser, segneten mich und hofften das Beste für das zu groß geratene Kind.

Meinen Taufspruch habe ich erst vor fünf Jahren herausgefunden, da die Urkunde irgendwie immer nicht aufzufinden war und dass der 10.6.1984 ein Pfingstsonntag war, weiß ich auch erst seit ein paar Tagen.

Der eigentliche Tag meiner Taufe ist mir so fern wie der Hochsprungweltrekord, der an eben jenem diesem Tag aufgestellt wurde.

Ich wuchs heran und fand nichts Schlimmes im Leben, außer wenn ich zu früh ins Bett musste. 1990 fand ich spannend als Kind, weil es neues Geld und Überraschungseier gab und da der Planet mit dem Jahrtausendwechsel 1999/2000 nicht untergangen war, lag die Welt wie ein weites Land von Milch und Honig vor mir.

So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus sind.
Das steht in meiner Taufurkunde und ich gebe zu, ohne es zu wissen, habe ich das auch voll und ganz umgesetzt: furchtlos, keine Angst vor irgendeiner Verdammnis und kein Kind von Traurigkeit, trotz all der Dinge und Menschen, die mich bedrückt haben.
Ein Kind von Traurigkeit bin ich immer noch nicht, aber inzwischen suche ich nach den Anknüpfungspunkten in meinem Leben, um zu verstehen, wer ich wirklich bin und was dieses Leben mit unserem Gott und seinem Sohn und seinem Heiligen Geist zu tun hat.
Ich will die Zeit nicht zurückdrehen, aber ich will verstehen und sehen und begreifen, wie ich wurde, wer ich bin.
Ich schaue im selben Moment zurück, nach vorn und auf das Hier und Jetzt.
Und ich habe vor nicht allzu langer Zeit verstanden, dass all die Blicke – seien sie nach vorn, zurück oder auf jetzt – sehr viel mit meiner Taufe zu tun haben, an die ich mich nicht erinnere.

Ich gebe ganz unverhohlen zu, dass mich dieses Leben und unser Gott mit Gnade geküsst haben und der Schlüssel hierzu ist für mich das, was ganz unscheinbar mit drei Händen voll Wasser in einer romanischen Dorfkirche begonnen hat, die ihre besten Jahre damals schon lange hinter sich hatte.
Ich war wie Jona. In meinem Leben war ich wie der Jona, der vor Gott weggelaufen ist, weil Gott ihm zu unverständlich und angsteinflößend erschien.
Ich war wie der Jona, dem alles im Leben zu groß, unüberwindbar, manchmal sogar grausam erschien.
Ich war wie Jona und bin gelaufen. Ich habe fremde Schiffe bestiegen, um möglichst weit wegzukommen von diesem Gott und er hat mich immer wieder eingeholt.
Ich habe diesen Gott und seinen Sohn immer wieder losgelassen und wollte fort von ihm. Und immer, wenn ich losgelassen habe, ist er noch näher an mich herangerückt. Er hat mir einen großen Fisch gesandt, in dessen Bauch ich das nächste Stück meines Weges mitgeschwommen bin und ich hatte das Gefühl verschluckt zu sein.

Wie blöd war ich, zu glauben, dass der große Fisch mich auffressen würde. Nein, er hat mich weitergetragen, zum nächsten Ufer, zum nächsten Strand und er hat mich wieder ausgespuckt.

Dort lag ich dann nackend und einsam und bloß und ich habe immer erst lange danach verstanden, dass es genau so sein sollte.
Wie in meinem Taufspruch gesagt, wartete nie Verdammnis auf mich, auch wenn ich Zeiten, Orte und Menschen oft verdammt habe. Nicht weil sie hart oder ungerecht zu mir waren, sondern weil ich nicht einverstanden war mit diesen Zeiten und Orten und den Menschen.

So wie sie vielleicht auch mit mir nie einverstanden waren, haben sie mich aufgewühlt, an meiner Seele gekratzt, meinen Glauben ins Wanken gebracht.
Und sie tun es immer noch.
Mich lässt nicht los, was um mich herum passiert. Wie sie reden, wie sie schreien, wie sie glauben. Sie meinen es gut mit mir. Ich bin glücklich unglücklich zugleich.

Und das, das ist der Clou meiner eigenen Geschichte mit Gott und diesem Leben. Dieser Clou enthüllt sich mir immer nur bruchstückhaft, doch jeden Splitter halte ich fest und weiß ihn im Taufbecken meines Lebens aufgehoben:
ER lässt mich einfach nicht los. Ich lasse ihn los, ich schiebe ihn weg, meinen Gott. Ich lasse ihn links liegen, als wäre er ein Stück Dreck auf dem Alexanderplatz, doch er lässt mich nicht los. Wie Jakob einst, kämpft er mit mir, fasst jeden noch so erdenklichen Zipfel meines Lebens und krallt sich an ihm fest, weil er gar nicht weiß, was loslassen ist.
Loslassen, das ist etwas, was Menschen tun und sie tun es immer wieder. Gott weiß überhaupt gar nicht, wie man dieses Wort buchstabiert – LOSLASSEN.
Wenn er überhaupt schreiben gelernt hat, dann weiß er, wie man FESTHALTEN schreibt.
Umso mehr ich loslasse, desto fester hält er mich. Es ist ein Gefühl, mein Gefühl und meine Überzeugung, dass er gar nicht anders kann.
Und das, das ist für mich Taufe, wenn ich nun, wo ich schon viel älter als 410 Tage bin immer wieder die Erfahrung mache: Gott lässt niemals los. Ihm geht nie die Kraft aus. Selbst in seinem schwächsten Moment umklammert er meinen kleinen Finger und zieht mich zu sich ran.
Und ich, ich drücke in die die entgegengesetzte Richtung, weil ich es einfach nicht glauben kann. Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben!

Das ist für mich Taufe, dass ich im selben Moment glauben kann und doch kein Vertrauen habe. Dass ich liebe und doch Wut und Enttäuschung aus mir herausströmt.
Das ist Taufe für mich, dass er mich nicht fallenlässt, auch wenn mir schon die Knie und das Herz bluten.

Das muss auch der Kämmerer aus Äthiopien geahnt haben, als er mit seinem Wägelchen irgendwo zwischen Jerusalem und Gaza angehalten hat, um sich taufen zu lassen, wie es im Predigttext heißt.
Lest seine Geschichte im Gottesdienstheft später an diesem Tag auf Eurem Weg oder zu Hause. Sie spricht Bände. Auch wenn Ihr nicht alles versteht, was Ihr da lest, es ist egal, weil Er euch nicht loslässt.
Der Kämmerer aus Äthiopien hat irgendwann in seinem Leben gesehen und verstanden, dass Gott ihn auf einer gottverlassenen staubigen Straße nie wieder loslassen wird, sondern ihn angefasst hat mit seinem Wasser und nie wieder alleine weiterziehen lässt, so verlassen er sich auch fühlt.

So wie unser Gott diesen kastrierten Kämmerer, der heute seine Reise bestimmt wegen irgendeines Transitverfahrens beenden müsste oder in einem gottverdammten Ankerzentrum steckenbleiben würde; so wie unser Gott diesen kastrierten Finanzbeamten auf der gottverlassenen staubigen Straße angefasst und festgehalten hat, genau so hält Euch unser fest, egal wie es euch geht.
Lauft in die entgegengesetzte Richtung und Gott wird Euch folgen. Lasst seine Hand los und er wir Eure Hand suchen.
Brecht Gott meinetwegen alle Finger und den Arm und er wird Euch trotzdem immer noch festhalten.

Einmal im Leben mit seinem Wasser übergossen, lässt er Euch nicht mehr los, egal was Ihr macht.
Ihr mögt es nicht immer spüren, Ihr mögt es ablehnen, recht so, aber er bleibt bei Euch bis ans Ende aller Tage.

Amen

Apostelgeschichte 8,26-39: Der Kämmerer aus Äthiopien

Aber der Engel des Herrn redete zu Philippus und sprach: Steh auf und geh nach Süden auf die Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt und öde ist.
Und er stand auf und ging hin. Und siehe, ein Mann aus Äthiopien, ein Kämmerer und Mächtiger am Hof der Kandake, der Königin von Äthiopien, ihr Schatzmeister, war nach Jerusalem gekommen, um anzubeten.
Nun zog er wieder heim und saß auf seinem Wagen und las den Propheten Jesaja.
Der Geist aber sprach zu Philippus: Geh hin und halte dich zu diesem Wagen!
Da lief Philippus hin und hörte, dass er den Propheten Jesaja las, und fragte: Verstehst du auch, was du liest?
Er aber sprach: Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet? Und er bat Philippus, aufzusteigen und sich zu ihm zu setzen.
Die Stelle aber der Schrift, die er las, war diese (Jesaja 53,7-8): »Wie ein Schaf, das zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Lamm, das vor seinem Scherer verstummt, so tut er seinen Mund nicht auf.
In seiner Erniedrigung wurde sein Urteil aufgehoben. Wer kann seine Nachkommen aufzählen? Denn sein Leben wird von der Erde weggenommen.«
Da antwortete der Kämmerer dem Philippus und sprach: Ich bitte dich, von wem redet der Prophet das, von sich selber oder von jemand anderem?
Philippus aber tat seinen Mund auf und fing mit diesem Schriftwort an und predigte ihm das Evangelium von Jesus.
Und als sie auf der Straße dahinfuhren, kamen sie an ein Wasser. Da sprach der Kämmerer: Siehe, da ist Wasser; was hindert’s, dass ich mich taufen lasse?
Und er ließ den Wagen halten und beide stiegen in das Wasser hinab, Philippus und der Kämmerer, und er taufte ihn.
Als sie aber aus dem Wasser heraufstiegen, entrückte der Geist des Herrn den Philippus und der Kämmerer sah ihn nicht mehr; er zog aber seine Straße fröhlich.