Predigt im ökumenischen Versöhnungsgottesdienst „Healing of Memories“

Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Bischof Dr. Dr. h.c. Markus Dröge,
30. März 2017, St. Marien Berlin, 2. Korinther 5, 17-21.

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.
I.
„Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung:
Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden.“
Was für ein Wechsel, wenn wir nicht uns selbst zum Maß aller Dinge machen müssen, sondern unser Leben von Jesus Christus her verstehen können! Ein radikaler Perspektivwechsel ist das. Die ganze Welt und unser Miteinander werden in ein neues Licht gestellt.
Martin Luther machte diesen „fröhlichen Wechsel“ zu seinem Lebensthema. In seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ beschreibt er, wie Christus die menschliche Schuld auf sich nimmt. Der Mensch bekommt die Gnade geschenkt. Luther hatte deshalb kein Problem damit, offen über Schuld und Versäumnisse zu reden, ohne den Einzelnen zu verurteilen. Wir sind Sünder und Gerechte zugleich, in ständigem Wechsel begriffen, denn ansonsten stünden wir wieder in der Gefahr der Selbstgerechtigkeit.
Unser Leben ist ein fröhlicher Wechsel. Da steckt Freiheit drin!
Wir brauchen nicht krampfhaft an der eigenen Unanfechtbarkeit festzuhalten und sie mit allen Mitteln zu verteidigen. Wir können getrost damit leben, nicht alles richtig gemacht zu haben. Wir können zugeben, wo wir andere verletzt haben. Wir können ausdrücken, wo wir einander brauchen, weil wir nicht alleine für alles einstehen können.
So kann Erinnerung zu einer heilenden Erinnerung werden: Nicht immer weiter rechtfertigen, was man getan und nicht getan hat – während doch viele andere schon sehen, dass es nicht gut war –, sondern anerkennen, was gewesen ist.
Damit kann Heilung beginnen.
Ein fröhlicher Wechsel! Den feiern wir auch in diesem Gottesdienst.
Wir bleiben angesichts unserer Geschichte nicht bei Selbstverteidigung stehen, aber auch nicht bei Zerknirschung und Selbstverurteilungen. Im Gegenteil: In Buße und Versöhnung atmet bereits der neue Geist Christi, der Wechsel vollzieht sich bereits, Neues kann werden, da, wo wir die Perspektive wechseln, wo wir nicht uns selbst in die Mitte und das Zentrum stellen, sondern Christus –so wie wir es symbolisch getan haben, als wir vorhin das Kreuz aufgestellt haben. Das ist unsere gemeinsame Mitte, von der her wir glauben und zu der hin wir leben. Was für eine Befreiung, wenn wir vom Kreuz her gemeinsam auf uns und unser Leben schauen können und uns nicht nur in uns selbst verlieren!

II.
Christus in die Mitte stellen.
Nach einem längeren Prozess des Dialogs und des Ringens, hat sich diese Erkenntnis durchgesetzt, als es um die Frage ging, was wir zum 500-jährigen Reformationsjubiläum eigentlich feiern. Wir feiern ein Christusfest! Wir fokussieren gemeinsam den dynamischen Urgrund der Kirche, Jesus Christus, der sich in seiner Liebe an alle Menschen wandte.
Im Rahmen des Reformationsjubiläums schauen wir dankbar zurück auf all die Errungen-schaften, die zwischen den Konfessionen in der versöhnenden Kraft Jesu Christi erreicht werden konnten. Wir heben die Erkenntnis hervor, dass die gegenseitigen Lehrverurteilungen, so wie sie in der reformatorischen und Erfahrung gemeinsamer Bibellektüre; das Zusammenwachsen in den Fragen der nachreformatorischen Zeit ausgesprochen wurden, nicht mehr die aktuellen Kirchen treffen können; die Besinnung auf die gemeinsame Taufe; die bereichernde ethischen Verantwortung für die eine, sich weiter globalisierende Welt: all das zeichnet die Ökumene heute aus.
Gleichzeitig lassen wir nicht aus dem Blick geraten, dass es natürlich noch Unterschiede und ungelöste Probleme gibt. Die Basis aber stimmt:
In allem gilt das solus Christus! Christus allen! Und das heißt: Den jeweils anderen in seiner Christuserkenntnis ernst nehmen, respektieren und auf diese Weise die versöhnende Kraft des Evangeliums bezeugen.
In einer Zeit, in der Konfessionen und Religionen mit fundamentalistischen Wahrheitsverständnissen gegeneinander in Stellung gebracht werden, ist das Zeugnis einer Einheit in versöhnter Verschiedenheit, ja womöglich auch in partiell bleibender Verschie-denheit, ein starkes Zeugnis für Versöhnung und Frieden in dieser Welt.

III.
Das ist ein fröhlicher Wechsel! Und das gilt es herauszustellen.
Im Feiern des 500-jährigen Reformationsjubiläums ist es zu einem Wechsel gekommen: Von der Unsicherheit, ob es denn möglich sei ökumenisch zu feiern, oder ob es nicht angemessener sei, die Trennung (und die Trennungen und Spaltungen der Kirche in viele Konfessionen!) zu beklagen, sind wir in der Ökumene zu der Erkenntnis gekommen:
Ja, wir können gemeinsam feiern. Nicht um die Schmerzen der Vergangenheit zu verdrängen, und auch nicht, um die bestehenden aktuellen Probleme zu übergehen. Nein. Aber, um die versöhnende Kraft Christi zu feiern, neu bewusst zu machen, um Mut zu bekommen, den Weg hin zur Einheit weiter zu suchen und entschlossen zu gehen.
Als ich mit dem Rat der EKD an der Audienz bei Papst Franziskus teilgenommen habe, habe ich aufmerksam folgenden Satz gehört, den Franziskus zu uns gesagt hat:
„Wir wissen – in der Wirklichkeit der einen Taufe, die uns zu Brüdern und Schwestern macht, und im gemeinsamen Hören auf den Geist – in einer bereits versöhnten Verschiedenheit die geistlichen und theologischen Gaben zu schätzen, die wir von der Reformation empfangen haben.“
Ja, wir können uns heute schon in versöhnter Verschiedenheit gegenseitig schätzen und dafür danken, dass es die jeweils andere und die anderen Konfessionen gibt. Versöhnt in Christus! Diese Erkenntnis eint alle Kirchen. Christus ist der einende Grund, warum wir gar nicht anders können, als ökumenisch zu denken und in der bunten Gemeinschaft aller christlicher Konfessionen gemeinsam auf dem Weg zu bleiben.

IV.
Paulus hat das Wort von der Versöhnung theologisch in die Tiefe geführt, wie wir es in der Lesung gehört haben.
„Alles kommt von Gott, der uns durch Christus mit sich versöhnt und uns den Dienst der Versöhnung aufgetragen hat.“
Versöhnung ist für Paulus mehr als nur ein Begriff, es ist eine existentielle Haltung zum Leben. Versöhnung meint, dass der unüberwindliche Graben zwischen Welt und Gott – von Gott her – tatsächlich überwunden ist.
Und da ist er wieder! Der fröhliche Wechsel. Paulus führt uns damit eindringlichen vor Augen, dass wir nicht zuerst fragen sollen: „Was können wir in dieser Welt ausrichten?“ Sondern: „Was hat Gott für uns aus- und aufgerichtet?“
Er hat das Wort von der Versöhnung aufgerichtet! Die Versöhnung in Christus schenkt die Möglichkeit, in dieser Welt wieder die gute Schöpfung Gottes, das Menschsein und seine Sinnhaftigkeit erkennen zu können.
„Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung:
Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden.“
Ganz bewusst richtet Paulus dieses Wort nicht allein an die Gemeinden und die Christinnen und Christen. Paulus erkennt in Jesu Leben, in seinem Kreuz und seiner Auferstehung ein kosmisches Geschehen. Die Welt, der Kosmos, das ganze Universum wird versöhnt. Die gesamte Schöpfung wird neu.

V.
Das ist für mich ein entscheidender Punkt.
Im 500-jährigen Reformationsjubiläum ein Christusfest zu feiern heißt nicht nur, dass christliche Kirchen in ökumenischer Gemeinschaft miteinander feiern, sondern Christus zu feiern bedeutet, in die Welt hinauszugehen. Auch dafür steht das Kreuz, das wir vorhin aufgerichtet haben. Es ist ja genau das Kreuz, mit dem wir in jedem Jahr an Karfreitag auf die Straße gehen und es durch die Stadt tragen. Das Kreuz macht nicht an den Kirchentüren halt, sondern es ragt hinein in die Welt. Im Kreuz wird jedes menschliche Leben als gottebenbildlich deutbar. Jedem Menschen kommt eine ihm eigene Würde zu. Auch diese Erkenntnis gehört zu einem fröhlichen Wechsel!
Papst Franziskus hat dies in seinem Wort an uns während der Audienz in Rom auf treffende Weise in Anschluss an Johannes 17 hervorgehoben. „Damit sie eins seien“ – heißt es im Johannesevangelium. Franziskus hat diese Stelle nicht nur als Gebet für die Einheit der Christen ausgelegt, sondern hat den Blick auf die gesamte Menschheit ausgeweitet:
In einer Zeit, in der die Menschheit durch tiefe Risse verwundet ist und neue Formen von Ausschließung und Ausgrenzung erfährt, ruft die dringende Auf-forderung Jesu zur Einheit (vgl. Joh 17,21) uns wie auch die gesamte Mensch-heitsfamilie auf den Plan.
Es geht nicht nur um die Einheit der Kirche, sondern auch um die gefährdete Einheit der Menschenfamilie!

VI.
Nur in weltweiter ökumenischer Gemeinschaft können wir in Zeiten der Globalisierung unserem Auftrag gerecht werden, im Vertrauen auf Gott für die Freiheit und die Würde jedes Menschen und für Gerechtigkeit und Frieden einzutreten. Die Welt braucht die versöhnende Botschaft der Liebe Gottes in Jesus Christus. Und deshalb ist es genau richtig, miteinander ein Christusfest zu feiern!
Wo andere sich trennen, da wollen wir in Gemeinschaft bleiben und gemeinsam der Einheit der Menschheit dienen. Das ist unser Auftrag!
Und wir wollen es nicht nur – wir können es auch. Denn wir leben im Vertrauen auf Christus, mit dem wir Altes hinter uns lassen und Neues wagen können:
Ist jemand in Christus, „dann ist er eine neue Schöpfung:
Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden.“
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft,
bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.