Evangelium nach Johannes, Kapitel 1

Im Anfang war das Wort.

Irgendwann haben wir es verloren – das Wort.
Gottes Wort. Haben es eingeschnürt in Heiligkeit, entfernt vom Leben. Kamen nicht mehr heran. Haben es überzogen mit einem Netz aus Traditionen und Dogmen. Haben ihm nicht mehr vertraut. Es nicht mehr übersetzt in unsere Sprache. Nicht mehr verstanden. Nicht mehr gefühlt. Verloren.
Das Wort, unseren Anfang.

Im Anfang war das Wort und das Wort ward Fleisch.

Worte formen und bewegen uns mehr als alles andere.
Das ist von Anfang an so. Die Art, wie wir angesprochen werden bestimmt unser Leben. Worte sind das gewaltige Netz, in das wir hineingeboren werden. In tausend Generationen gewebt, beladen mit allen Irrtümern und Vorurteilen und Ängsten der Menschen vor uns. Gehalten von ihren Träumen, Visionen, Hoffnungen. Sie können orientieren, halten, verletzen, zerreißen. Die Worte. Wir halten uns an ihnen fest. Manche tragen lange und weit. Zum Beispiel, wenn jemand sagt: Ich liebe dich. Manche schnüren uns ein. Zum Beispiel, wenn jemand sagt: Ich traue dir das nicht zu. Manche Worte halten unser Vertrauen nicht aus. Zu Anderen haben wir das Vertrauen verloren.

Im Anfang war das Wort und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns. Und wir sahen seine Herrlichkeit. Eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

Worte bilden. Worte bilden zum Menschen. Nicht eingesponnen in Heiligkeit und theologische Richtigkeiten, nicht entfernt vom Leben. Sondern mittendrin. Ganz alltäglich.
Martin Luther nennt es Evangelium, die gute Botschaft. Gottes Wort ist gutes, schöpferisches Wort. Keine bloße Aneinanderreihung von Buchstaben. Wenn es gesagt ist, dann geschieht es. Wird Wirklichkeit. In allen Farben und Formen und Möglichkeiten. Hat die Kraft, ins Leben zu rufen, was vorher nicht war. Um das zu vermögen müssen Worte Hände und Füße haben, sagt Luther. Hände und Füße wie wir.
Denn das Wort will von uns gehört werden.Von uns. Menschen aus Fleisch und Blut. Worte müssen Hände und Füße haben, sagt Luther. Hände und Füße wie das Wort selbst. Denn es ist selbst Fleisch und Blut geworden in Jesus Christus.
Verwickelt, verwoben will es sein mit uns. Das Wort. Und wir mit ihm. Mit Händen und Füßen will es uns zu verstehen geben, wer wir sind. Was die Wahrheit über uns ist in den vielen Bildern, die wir von uns und die andere von uns haben. Und wie sehr Gott darin uns und sein Leben zu verwickeln sucht.
Allein aus Gnade. Gnade? Wie fühlt sich das an, dieses Wort Gnade? Wie sieht es aus? Welche Melodien lässt es erklingen? Und welche Bilder malt es in mir und dir? Können wir es übersetzen in unsere Sprache? So dass wir es verstehen.
Und fühlen. Gewinnen. Nicht verlieren. Das Wort, unseren Anfang. Gnade?

Im Anfang war das Wort und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns. Und wir sahen seine Herrlichkeit. Voller Gnade und Wahrheit.

Gnade? Das, was ich nicht erklären, nicht fassen kann.
Das, was ich vielleicht fühle. Ich stehe hier und spüre die Faszination, die von Shiotas Netz ausgeht. Wenn ich meinen dunklen Gefühlen freien Lauf lasse, dann ist es, als ob das Netz um mich herum sich langsam zuzieht, mich einschnürt. Zunehmende Verstrickungen – bis ich mich nicht mehr frei bewegen, nicht mehr atmen kann. Das macht mir Angst. Unsere Gesellschaft steht unter dem Diktat von Leistung. Viele von uns stehen unter gewaltigem Erwartungsdruck. Haben gesellschaftlich honoriertes Leistungsbewusstsein verinnerlicht.
Arbeiten bis an den Rand ihrer Kräfte – oder darüber hinaus, um den Anforderungen der Arbeitswelt, auch denen des Umfeldes, der Familie, ja, um den eigenen hohen Maßstäben gerecht werden zu können.

Und die Gnade? Wo bin ich gnädig? Wo gnädig mit mir? Tage, die viel zu schnell vergehen, Schlaf, der zu kurz kommt, Essen, das ich gehetzt zu mir nehme, Luftholen – später. Wie eine riesige Krake kriecht das Internetz noch in die letzte freie Ecke meines Lebens und verstärkt das Gefühl des Zuviel. Das Netz schnürt mich ein!

So ähnlich, wenn auch aus anderen Gründen, muss es Luther und seinen Zeitgenossen ergangen sein. Sie fühlten sich umgeben von einem Netz aus Glaubenssätzen und Dogmen, die das Leben beschwerten und einengten. Gott ist ein zorniger, strafender Gott. Du musst ihm und der Kirche dienen – seine Gerechtigkeit verdienen. Ohne fromme Werke landest du im Fegefeuer. Dieses grausame Netz der Angst zerschnitt Luther! Das Werkzeug dazu fand er in den Worten der Bibel. Sie ließen ihn erkennen: Wir können uns Gottes Gerechtigkeit nicht verdienen. Er schenkt sie uns. Wir können nichts für Gott tun. Er tut alles für uns. Gott schenkt uns unser Leben, seine Liebe, seinen eigenen Sohn. Herrlichkeit voller Gnade. Wir können nur eines – dieses Geschenk annehmen. Glauben und darauf vertrauen: Du bist von Gott gewollt von Geburt an und alle Zeit. Die Kirche hatte geirrt. Seelenheil war nicht käuflich. Es war umsonst.

Vielleicht irrt sich die Kirche heute wieder. Ja, wir predigen die Gerechtigkeit Gottes, so wie Luther sie gelehrt hat. Aber gelingt es uns auch, so zu leben? Oder sind wir unter all den guten Worten von der Rechtfertigung doch wieder eingebunden in ein Netz aus Selbstbehauptung und Selbstrechtfertigung, das uns fragen lässt: Was kann ich tun? Wie durchhalten? Wie den Erwartungen gerecht werden? Und wenn es denn so ist, dass wir heute wieder irren, wie konnte es dazu kommen? Was haben wir übersehen? Verloren?

Im Anfang war das Wort.
Ja. Aber das Wort wurde Fleisch – wurde Mensch. Ein Mensch mit Herz und Sinn, mit Geist und Gefühlen, mit Haut und Haar. Mit den Worten muss sich ein Gefühl verbinden. So können sie lebendig werden. Ich spüre die Faszination, die von Shiotas Netz ausgeht. In meiner Fantasie umhüllt und schützt es mich. Fäden gehen von meinem Herzen zu meiner Seele, zu anderen Seelen, zu Gott. Es entsteht ein Netz, das mich verbindet mit meinen Gefühlen und Gedanken, das mich vielleicht mit allen, die Gott suchen, mit allen, die die Liebe suchen verbindet. Ein Netz, dessen unzählige Enden Gott in seiner Hand hält. Ich empfinde Verbundenheit und fühle mich dadurch gehalten und getröstet im Auf und Ab des Lebens.
Dieses Gefühl – eingebunden zu sein in ein Netz aus Zugewandtheit und Treue, umgeben, umhüllt von guten Worten, schenkt mir Freiheit. Freiheit wird möglich, wo ein Mensch seiner selbst gewiß ist. Seiner selbst gewiß ist ein Mensch, wenn ein Anderer ihn liebt, ihn annimmt, ihn bejaht. Dieses Wort der Liebe und der Bejahung wurde Mensch und wohnt unter uns. Jesus. Und herrlich ist, wie er für uns lebt, und was er uns sagt: Es ist gut so. Du bist gut so. Von Geburt an von Gott gewollt. Hole tief Luft. Ruhe dich aus. Ich halte dich – was auch geschieht. Lass dich tragen vom Netz der Liebe. Spüre die Faszination dieses Netzes.
Gottes Gnade Dir.
Amen

Es gilt das gesprochene Wort.

Cordula Machoni und Gregor Hohberg