Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. Auf ihm wird ruhen der Geist des HERRN, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN. Und Wohlgefallen wird er haben an der Furcht des HERRN. Er wird nicht richten nach dem, was seine Augen sehen, noch Urteil sprechen nach dem, was seine Ohren hören, sondern wird mit Gerechtigkeit richten die Armen und rechtes Urteil sprechen den Elenden im Lande.

aus dem Buch des Propheten Jesaja, 11. Kapitel, Verse 1-4a

Sie springt einem sofort ins Auge. Von den Kränen, den Bauzäunen und Schildern herunter, von den orangefarbenen Schutzwesten, die hier im Gottesdienst überall aufleuchten – zu jeder Jahreszeit blüht sie in Gelb und Weiß, überall in dieser Stadt – die Margerite von Implenia. Wussten Sie, dass sie schon in der Bibel benannt ist? Von ihr hat Jesus einmal gesagt: „Seht sie euch an; denn an dieser Blume auf dem Feld könnt ihr etwas über euch selbst lernen. Diese Blumen auf dem Feld; sie sind, wie ihr seid.
Wie sind sie denn, diese Margeriten von Implenia? Die Blumen auf dem Feld, das ist soviel wie Unkraut. Margeriten, Kornblumen, Mohn, das sind die Blumen auf dem Feld, die sich allein aussäen. Sie rufen Gefallen hervor. Oft halten Autos aus der Stadt am Feldrand und jemand zückt ein Handy angesichts der herrlichen Pracht. Und einer pflückt einen Strauß, der so besonders ist und anders als die angeberischen Rosen und die schwelgenden Tulpen. All dies ändert jedoch nichts daran, dass die Margeriten auf dem Feld überflüssig sind. Jesus sagt: Zuletzt werden sie eingesammelt und verbrannt. Sie sind nicht zu gebrauchen. Und doch sagt er: Seht die Margeriten auf dem Feld. An ihnen erfahrt ihr etwas über euch selbst; denn sie sind, wie ihr seid. Warum werden wir nicht mit dem Korn oder der Frucht auf dem Feld verglichen? Mit einer Nutzpflanze, die geerntet wird, die Keller und Scheune und Magen füllt, dem Menschen zugute? Warum wird gesagt, dass die Menschen wie die Margerite sind, wie die Blume auf dem Feld, im Prinzip überflüssig, wie wichtig er sich auch vorkommen mag? Warum heißt es stattdessen: Ihr seid die letzten, die auf diese Erde, in diese Schöpfung gekommen sind. Wozu braucht die Erde euch? Worin liegt euer Nutzen? Und das ist ja wahr. Der Mensch kann zwar nicht ohne die Schöpfung sein. Die Schöpfung aber kommt ganz gut ohne den Menschen aus. Die Margerite kann nicht ohne das Kornfeld sein, umgekehrt geht das sehr wohl.

Für das Leben müssen viele Pflanzen und Tiere sein. Ich selbst aber muss nicht sein. Wenn die Bienen und das Korn nicht mehr sind, dann würde sich das verheerend auf das Gleichgewicht des Lebens auswirken. Wenn ich nicht mehr bin, sieht die Welt zwar ganz anders aus, aber allem Leben in ihr würde es nichts ausmachen. Das ist das eine an diesem heutigen Barbaratag. Wie gut es ist, dass die Welt so ist, wie sie ist. Auch ohne unser Zutun. Der Wechsel der Jahreszeiten, Wärme wie Kälte, die Aussaat der Margerite samt der anderen Blumen auf dem Feld –  alles ist und geschieht von selbst und kein Mensch hat etwas dazu getan. Das andere ist: Jesus sagt, ihr Menschen seid wie Blumen in meinen Augen. Seht sie euch an. Denkt daran, jedes Mal wenn ihr die Margerite von Implenia irgendwo in Berlin oder anderswo blühen seht. Der Wert menschlichen Lebens ist kein Nutzwert. Alles Leben auf dieser Erde ist irgendwie nützlich; nur das Leben des Menschen nicht. Der Wert eures Lebens kommt woanders her. Es ist das Bild der Liebe, das uns vor Augen gestellt wird. Gott kleidet die nutzlosen Blumen. Er macht sie schön. Er schenkt ihnen die Gabe zu denken und zu empfinden, zu hoffen, zu lieben und zu leiden, zu scheitern und neu anzufangen. Und Gott fragt nicht nach dem Nutzen. Er will ganz einfach, dass der Mensch ist, weil er ihn liebt und braucht, um sich in ihm selbst zu erkennen. Das macht den Wert menschlichen Lebens aus. Der Mensch ist nicht aus Notwendigkeit, sondern aus Liebe.

Wie die Liebe menschliches Denken und Handeln verwandeln kann, bedenken wir heute. Seit 1700 Jahren bleibt die Barbara in Erinnerung. Eine junge Frau, die sich nicht abbringen ließ, an einen zu glauben, der jeden Menschen ohne Eigennutz mit Würde und Einzigartigkeit gekleidet hat. Eben jenes Kleid der Barbara verfing sich im Gestrüpp. Und sie schenkte ihm Beachtung, dem Zweig, der sie aufhielt auf dem Weg zu ihrer Hinrichtung. Der ihre Gedanken umlenkte. Und schließlich in ihrer Zelle zu blühen begann. Sein Grün hat ihr gezeigt, dass ihre Hoffnung, ihr Sehnen einen Sinn hat. Auch wenn dieses Grün ihr Leben nicht retten konnte, so bedeutet es doch heute Hoffnung und Rettung für Viele. Über den Tod hinaus.

In diesen Adventstagen warten wir wieder auf dieses hoffnungsvolle Grün. Auf Hoffnung in unruhigen Zeiten. Wir haben es eben aus den Worten Jesajas gehört: Es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. Auf diesem Zweig wird der Geist des HERRN ruhen, der Geist der Weisheit und des Verstandes und der Stärke und der Furcht des HERRN. Das ist die Hoffnung. Inmitten einer zerstörten und unruhigen Welt bringt Gott neues Leben hervor. Bei ihm ist nichts unmöglich. Er schenkt allem die gleiche Liebe. Auch den vermeintlich nutzlosen Blumen auf dem Feld. Der kleine Zweig, er vermag zu blühen. Dieses hilflose, schreiende Baby, das in der Krippe liegen wird, es tut zärtliche Wunder. Er möchte, dass wir alle so leben können, wie wir gemeint und gemacht sind. Geliebt, geachtet, achtsam. Mit einer Kraft, die erst in den Schwachen mächtig wird. Dafür wird er in die Welt kommen. Mögen wir ihm begegnen. In jedem Zweig, der unerwartet zu blühen beginnt. In der Margerite von Implenia, die schon blüht und etwas davon erzählt, wie Menschen Risiko und Gefahr auf sich nehmen, Gutes für Andere zu schaffen.In jedem Unkraut, das auf dem Asphalt blüht und etwas davon erzählt, zu leben, wie wir gewollt und gemeint sind. Geliebt, liebenswert, liebevoll.

Hätt’ ich Geduld.
Vielleicht schon gleich, jetzt auf dem Weg,
könnt’ ich sehen
nicht nur glauben
wie es einem Mitgeschöpf gelingt
am Straßenrand zum blühen zu kommen
(nach Dorothee Sölle)

Amen