Die Parochialkirche

400 Jahre jünger als die St. Marienkirche und nicht minder eindrucksvoll: Die barocke Parochialkirche in der Klosterstraße mit ihrer großen Gruftanlage und dem umgebenden Kirchhof ist ebenfalls ein bedeutsames Denkmal unserer Stadt. Mit dem Wiederaufbau des Turms im Jahre 2016 ist ihr Erscheinungsbild des 18. Jahrhunderts neu erstanden. Seitdem tönen auch die Glocken des Carillons im Turm wieder regelmäßig durch Berlins Mitte und rufen zum Gebet.

Den Bau der Kirche hatten wohlhabende Bürger veranlasst. Es waren Reformierte (Calvinisten), die sich damit ein eigenes Gotteshaus im lutherisch geprägten Berlin schufen. Der 36-jährige Oberbaudirektor Johann Arnold Nering hatte einen großen repräsentativen Kuppelbau mit aufwendigem Bauschmuck entworfen. Dieser musste jedoch zur Kostenersparnis deutlich verkleinert und vereinfacht werden. 1695 war Grundsteinlegung, 1703 wurde die Kirche eingeweiht. Über dem Portal steht „PERFECT MDCCV [1705]“. Ein kleiner Turm war damals noch unvollendet. 1713 erhielt die Gemeinde überraschend ein königliches Geschenk: Die in Holland erworbene Mechanik für ein Glockenspiel mit den zugehörigen, in Berlin gegossenen 37 Glocken. Daraufhin wurde ein neuer Turm nun dringend notwendig. Am 1. Januar 1715 war das Glockenspiel erstmals zu hören. Der Klang war leider unbefriedigend. Ersatz wurde 1717 durch einen Import aus Holland geschaffen. Dieses Glockenspiel – es war das erste in Preußen – war bei den Berlinern sehr beliebt. Der Volksmund sprach von „Singuhrkirche“.

Das heutige Spiel stammt ebenfalls aus Holland. Es besitzt 52 Glocken und kann von einem Glockenspieler an einem Spieltisch oder mittels einer Automatik gespielt werden. Zu den Gebetszeiten um 9, 12, 15 und 18 Uhr intonieren die Glocken ein zum Kirchenjahr passendes Lied.

Im Mai 1944 wurde die Kirche durch Brandbomben zerstört. Im Innenraum sind die Spuren des Feuers bis heute sichtbar geblieben. Noch nicht wiederhergestellt sind der Fußboden und die Heizungsanlage. Es ist geplant, mit der Stiftung „Kirchliches Kulturerbe“ in der Kirche ein Zentrum für kirchliche Kunst aus der gesamten Landeskirche einzurichten. Die Möglichkeiten zur Nutzung für Andachten, Trauungen und die Feier von Gottesdiensten sollen dabei erhalten bleiben.

Das gesamte Bauwerk ist vollständig unterkellert zur Aufnahme von 30 Gruftkammern. Eine ausreichende natürliche Durchlüftung ist noch heute wirksam. Die Kammern wurden einzeln an wohlhabende Gemeindeglieder verkauft. Von 1700 bis 1878 fanden hier 570 Verstorbene ihre Ruhestätte. Zum großen Teil handelte es sich um Angehörige der gesellschaftlichen Oberschicht. Einige Tote sind mumifiziert. Durch die wissenschaftliche Bearbeitung des Inventars ist ein vielfältiger Einblick in das 18. Jahrhundert möglich. Leider führte Vandalismus in der Nachkriegszeit zu schlimmen Zerstörungen. Die Wiederherstellung einer angemessenen Würde der Bestattungsanlage war kompliziert und langwierig. Es sind mehr als hundert Särge bzw. Sargfragmente erhalten, davon sind dreißig noch original verschlossen. Zur Wahrung der Totenruhe ist die Gruft nur in Ausnahmefällen, z. B. am Tag des offenen Denkmals, für Besucherinnen und Besucher zugänglich.

Auf dem um die Kirche im Jahre 1706 angelegten Kirchhof fanden über 5.000 Tote ihre letzte Ruhestätte. 1854 wurde er auf staatliche Weisung geschlossen. Seine Grundstruktur hat sich erhalten. Alle Bestandteile sind umfassend saniert. Beeindruckend sind die vielen eisernen Grabkreuze. Die Gesamtanlage ist ein idyllischer Ort der Ruhe im Berliner Stadtzentrum.

 

Das Tetragramm über dem Portal der Parochialkirche

Tetragramm. Vier Buchstaben, ein Gott: „Ich bin, der ich bin“ (Exodus 3,14) sagt dieser auf die Frage nach seinem Namen. Vier hebräische Schriftzeichen stehen an dieser Stelle, von rechts nach links gelesen: Jod, He, Waw, He. Der Name JHWH kommt über 6.800 Mal in der Hebräischen Bibel, dem Ersten Testament vor. Aus Ehrfurcht, um den Namen Gottes nicht zu missbrauchen (Exodus 20,7), wird das Tetragramm nicht gelesen und ausgesprochen, sondern umschrieben. „Ha-Schem“: Der Name. „Adonaj“: HERR, wie Luther übersetzt. „Ha-Quadosch“: Der Heilige.

Das Tetragramm war fast 240 Jahre lang sichtbares Zeichen der Verwurzelung des Christentums im Judentum – so lange prägte die hebräische Inschrift des Gottesnamens das Portal der Parochialkirche zur Klosterstraße. Im Tympanon, dem dreieckigen Giebelfeld des von Säulen umgebenen Hauptportals, prangte das Tetragramm, aus Sandstein geformt, inmitten der Strahlen und zeigte damit das Bekenntnis zum Gott des Volkes Israel. Am 22. Februar 1939 entschied der Gemeindekirchenrat der Parochialkirche, diese Inschrift in „eine zeitgemäße und künstlerisch angemessene Form“ zu bringen, d.h. sie zu entfernen. Schon seit 1933 hatte die Parochialgemeinde, wie es in ihrem Gemeindeblatt 1937 heißt, „ihre gesamte Arbeit in den Gedanken und in den Dienst am Führer gestellt.“

Am 21. Februar 2020 wurde die Leerstelle wieder gefüllt werden. Nicht aus historischer Reminiszenz, sondern aus tiefer theologischer Überzeugung. Das Tetragramm wird, gefördert aus Mitteln der Stiftung Kirchliches Kulturerbe, als vergoldete Metallrekonstruktion an seinen ursprünglichen Ort zurückkehren. Über 80 Jahre nach der Entfernung wird sein Name, DER Name, wieder an Parochial zu sehen sein.