Gnade sei mit euch und Frieden von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde, ich danke Ihnen, dass ich bei Ihnen zu Gast sein darf, und ich bringe Ihnen herzliche Grüße vom Berliner Dom mit. Ich bin in diesem Jahr besonders gerne zu Ihnen gekommen. Nicht nur, weil diese Kirche so besonders schön ist, sondern weil ich überzeugt bin, dass wir angesichts der Krisen, die wir erleben, und der Krisen, die auf uns zukommen, ein neues Gespür für den Zusammenhalt unserer Kirche brauchen. Der Gemeinden und kirchlichen Orte und diakonischen Aufgaben. Wir sind voneinander getrennt durch Rechts- und Strukturvorgaben, unterteilt in Ortsgemeinden und Personalgemeinden, in Zuständigkeitsbereiche und Hoheitsrechte. Aber wir alle sind Gemeinde Jesu Christi, Kirche Jesu Christi, verbunden durch einen Geist, dem solche Zuordnungen herzlich egal sind. Der weht wo er will und durcheinanderwirbelt, was wir so sorgfältig voneinander abgeriegelt haben möchten. Es ist dieser Geist, dessen Gegenwart wir zu Pfingsten gefeiert haben. Der Geist, der Unterschiedliches zueinander bringt, Getrenntes miteinander verbindet und mit Phantasie von Oben Neues schafft. Ein Geist, der nicht rechnet und besitzt, sondern etwas ins Fließen bringt und neue Verbindungen schafft. Und damit bin ich mitten drin im Predigttext, der für diesen Sonntag ausgewählt wurde.

Ich lese aus der Apostelgeschichte des Lukas, dem 4. Kapitel:

Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam. Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen. Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte. Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde – das heißt übersetzt: Sohn des Trostes –, ein Levit, aus Zypern gebürtig, der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.

Tja, liebe. Gemeinde, da muss man erstmal tief durchatmen. Und danach gibt es die typischen Abwehrreflexe: und die lauten dann in etwa so:  ja, in der Urgemeinde, da mag es so gewesen sein, dass alles allen gemeinsam gehörte, aber wir leben 2000 Jahre später. Da ist die Welt halt eine andere. Oder ein typischer Abwehrreflex der Biblischen Wissenschaft lautet so: Alle haben alles gemeinsam? das gab es nie. Das hat sich Lukas so ausgedacht, dass es schön gewesen wäre, wenn alle in Eintracht gelebt hätten und ihren Besitz geteilt hätten. Konjunktiv reiht sich dabei an Konjunktiv. Und am Ende ist das Ergebnis klar: Es ist reines Wunschdenken. So war es nie, so wird es auf dieser Welt niemals sein, und als Maxime für das Handeln darf es schon gar nicht verstanden werden. Es gibt Strategien der Immunisierung gegen solche biblischen Texte, die dem normalen Alltag auf die Pelle rücken und ihn infrage stellen. Und diese Immunisierung hat immer nur ein Ziel und das lautet: man soll das alles nicht so ernst nehmen. Nun, in der Tat, wenn man aus solchen biblischen Texten einen hypermoralischen Anspruch formuliert, gerät man schnell auf eine gefährliche Bahn. Und die Erinnerung an die sozialistische Zwangswirtschaft ist auch nicht dazu angetan, mit Überzeugung das Privateigentum  abzuschaffen. Andererseits: was haben uns die die Priester des Neoliberalismus im hohen Ton der letzten Wahrheiten alles verkündet. Ihre Heiligung von Privateigentum, freien Märkten und Wettbewerb. Angeblich alternativlos … Die Ergebnisse sehen wir. Ein geistloser Markt, der den Abstand zwischen den Ultrareichen und den Bettelarmen immer weiter vergrößert, ein Wachstumsdiktat, das aus dem Planten noch das letzte herausholen muss, solange, bis er nicht mehr mitspielt. Und die Sonne blickt böse. Da lass ich mir das doch gerne gefallen, biblische Verse, die uns inspirieren wollen, unser Leben doch noch einmal neu und anders zu denken.

Die Menge der Gläubigen war ein Herz und eine Seele.
Was für eine Vorstellung! Ein Herz und eine Seele sein – das verbindet sich mit tiefen Wünschen nach Einverständnis und Harmonie, nach Vertrauen und gemeinsamen Zielen. Die Sehnsucht danach ist groß. In Familien, in der Liebe, in all den Beziehungen, in denen wir leben und an denen wir leiden. Auch in der Kirche ist diese Sehnsucht groß, in den Gemeinden, die darum ringen, welcher Weg der richtige ist. Was zukunftsfähig ist und was nicht. Da bringt man sich gegeneinander in Stellung im Kampf um Ressourcen und Anerkennung. Und das alles wird sich in der Krise noch verschärfen, und der Ton wird rauer werden und zu Verletzungen führen. Ein Herz und eine Seele? Frommer Wunsch?
Doch lesen wir genauer, was bei Lukas steht. Er spricht nicht von der Gemeinde, sondern von der „Menge der Gläubigen“. Die Menge der Gläubigen war ein Herz und eine Seele. Die Menge. Viele. Das umfasst Bekannte und Unbekannte, Nahe und Ferne. Umfasst die, die mir lieb sind, und die, die mir fremd sind. Umfasst Menschen verschiedener Kulturen und Sprachen. Umfasst alle, die von der heiligen Geisteskraft ergriffen wurden. Und denen der Geist die Ohren geöffnet hat. Und sie hörten von der Auferstehung Christi von den Toten. Der Tote lebt, hörten sie. Und du sollst auch leben. Der Tote lebt, du brauchst keine Angst mehr zu haben vor Tod und Vergehen. Der Tote lebt und hat einen neuen Lebensraum  aufgespannt. Ein Geist und Seele Raum ist das, in dem du atmen kannst. In dem du neu sehen kannst. Eine andere Wahrnehmung der Welt öffnet sich. In diesem Raum werden uns die Augen neu geöffnet. Und unser Blick wird schärfer und das Gewissen empfindsamer. Ein Herz und eine Seele sein, das hat nicht viel mit Sympathie zu tun. das hat damit zu tun, dass alle sich neu ausrichten. Auf eine Mitte.

Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte.
Es ist diese Bewegung des Loslassens, die mir daran besonders auffällt. Land, Häuser – loslassen. Alles einem anderen übergeben. Einem anderen vor die Füße legen. Die Hände öffnen. Loslassen ist schwer. Loslassen ist riskant. Was weiß ich denn schon, wohin ich falle, wenn ich mich nicht mehr festhalte. Loslassen von mir als Hausbesitzerin, als Landbesitzer, mich selbst loslassen. Nicht mehr festhalten an Rollen, die ich spiele, und dem Bild, das ich mir von mir selbst gemacht habe. All die Wünsche und Pläne loslassen, die ich für mein Leben habe. Loslassen, freigeben, ganz selbstvergessen. Aber ich kann das nicht, mich selbst vergessen. Wir können zwar Gott und die Welt vergessen, aber uns selbst können wir nicht vergessen. Wenn uns auch alles entgleitet, an uns selbst halten wir fest. Und wenn wir schon gleiten und fallen, wir versuchen auch dann noch, uns selbst festzuhalten. Wir kommen von uns selbst nicht los. Wir halten fest und türmen um uns herum  auf, was uns dabei helfen soll. Und mauern unser Leben ein mit Ansprüchen und Erwartungen, was uns doch eigentlich zustünde. Was wir uns doch eigentlich verdient haben. Wir erwerben Objekte, Häuser, Autos, Fernreisen, die Kreuzfahrt oder die Ayurveda-Kur. All dies löst das erhoffte Versprechen auf Sicherheit und Erfüllung zwar nicht ein. Aber das führt nicht dazu, dass wir damit aufhören. Nein, wir begehren unersättlich und in endlosen Steigerungsspiralen aus Enttäuschung und Hoffnung immer neue, immer andere Objekte. Und wir finden den Halt doch nicht, den wir darin suchen. Und wir gehen in die Konkurrenz, mein oder dein, ich oder du, wir nennen es Wettbewerb und meinen Übertreffen. Meinen Siegen. Aber wo gesiegt wird, gibt es Verlierer. Und die Angst zu verlieren ist groß. Die Angst, zurückzubleiben, kein Ansehen zu haben, nicht mehr geachtet zu sein. Die Angst vor der Schwäche, die zunimmt, wenn ich alt werde oder krank. Die Angst, vor dem Verlust, wenn ich nicht mehr mithalten kann. Die Angst, nicht mehr geliebt zu werden. Die Angst vor dem Tod. Diese Angst, sie ist der Treiber hinter all dem.

Auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.
Ich glaube nicht, dass damit ein wirtschaftspolitisches Programm gemeint ist. Es ist viel mehr. Es ist, was geschieht, wenn Menschen keine Angst mehr haben. Keine Angst, zu versagen und keine Angst mehr, dafür bestraft zu werden. Wenn sie keine Angst vor dem Tod mehr haben. Denn „mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen.“ Die Gnade, glauben zu können, dass ich angesehen werde mit dem Blick der Liebe. Die Gnade, sich um sich selbst keine Sorgen mehr machen zu müssen, sich nicht abrackern zu müssen, um etwas aus meinem Leben zu machen. Und die Stimmen im Kopf, die mir ständig zuflüstern wollen, es reicht nicht, du reichst nicht, sie sind verstummt. Die Angst vor der Strafe, die mit einem scheinbar ungenügenden Leben einhergeht, sie ist verflogen. Ich bin wie in einem anderen Raum. Herz-Seele Raum. Resonanzraum. Der Raum, wo wir die Liebe Gottes spüren, die uns umfängt.
Und Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus. So haben wir es im 1. Johannesbrief gehört. Das ist der Grund, warum dein und mein, haben oder nicht haben keine Rolle mehr spielen. Und ich abgeben kann an den, der etwas benötigt. Und die Hände öffnen kann –  und loslassen kann. Ohne Angst, verloren zu gehen.

Liebe Gemeinde, wäre es nicht schön, so eine Kirche zu sein? Ein Raum für Herz und Seele, in dem die Gnade Gottes spürbar wird und seine Liebe uns durchströmt und umfängt? Ein Raum, in dem es heiter zugeht. Angstfrei. In dem die Lebensangst vergeht und die Phantasie blüht. In dem wir füreinander da sein können, in dem wir teilen – ohne Druck und schlechtem Gewissen. Einfach aus Freude. Einfach, weil wir so geliebt sind.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.