Gott segne dich und behüte dich.
Gottes Antlitz hülle dich in Licht, und sie sei dir zugeneigt.
Gottes Antlitz wende sich dir zu, und sie schenke dir heilsame Ruhe.

Liebe Gemeinde, wie fühlt sich Segen an?

Vielleicht ein bisschen irritierend, an dieser Stelle von der Kanzel herab, mit dieser Übersetzung. Die Abfolge der Worte und Wünsche klingt vertraut und doch anders. Und eigentlich, so sind wir es gewohnt, kommt der Segen am Schluss. Er ist der letzte gesprochene Teil im evangelischen Gottesdienst, ein Abschiedsgruß, ein kraftvoller Wunsch des Wohlergehens, Gottes frommer Rausschmeißer. Segen und dann adé, raus in die Welt, Ihr Lieben! Oder ab in den Himmel. Denn das letzte, was Jesus tut auf Erden, ist genau dieses: „Er führte sie hinaus und erhob seine Hände und segnete sie. Während er sie noch segnete, entschwand er ihnen und wurde in den Himmel emporgehoben. (Lukas 24,50f). Der Segen als erinnerndes Vermächtnis.

Und der HERR redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne. (4. Mose 6,22-27)

So sind wir es gewohnt, seit Martin Luther. Sein Vermächtnis. So ist es richtig, würden manche vielleicht sagen. Gott ist schließlich der HERR, mit Großbuchstaben geschrieben. So sollt ihr das sagen und so sollt ihr das machen. Wie fühlt sich das an? Gut und nicht so gut gleichermaßen, ist meine Antwort. Segen fühlt sich gut an, weil für mich darin der Wunsch steckt, dass es dir wohlergehe. „Benedicere“ heißt segnen auf Latein. Wörtlich: „Gut sprechen“. Segen ist der Wunsch nach Lebenskraft und Wohlergehen, nach Gottes Begleitung. Ganz elementar und primitiv: nach Schutz, nach Erbarmen, nach Frieden. Ein zutiefst menschliches Begehren. Segen, das heißt zur Zeit Mose und Aarons:

So will ich euch Regen geben zur rechten Zeit und das Land soll seinen Ertrag geben und die Bäume auf dem Felde ihre Früchte bringen. Und ihr sollt Brot die Fülle haben und sollt sicher in eurem Lande wohnen. Ich will Frieden geben in eurem Lande, dass ihr schlaft und euch niemand aufschrecke. Ich will die wilden Tiere aus eurem Lande wegschaffen, und kein Schwert soll durch euer Land gehen. Und ich will mich zu euch wenden und will euch fruchtbar machen und euch mehren und will meinen Bund mit euch halten. Und ich will unter euch wandeln und will euer Gott sein, und ihr sollt mein Volk sein. (3. Mose 26)

Fruchtbarkeit von Land und Mensch, Schutz und Frieden, Gottes Nähe. Echt gute Wünsche. Damals und heute. In Palästina, Berlin und Minneapolis. Mein Leben liegt nicht in meiner Hand, dieses befreiende und gleichzeitig verletzliche Eingeständnis liegt darin. So sollt ihr das sagen und so sollt ihr das machen. Der Segen lebt von der Wiederholung, vom immer wieder geäußerten Wunsch nach Wohlergehen und Gottes „Ja“ zum Leben. Zu meinem Leben. Und zum Leben derer, die mir anvertraut sind. Und das wünschen sich ja vermutlich auch die meisten von uns, obwohl das, was wir dann jeweils konkret unter Segen und Wohlergehen in unserem Leben individueller denn je verstehen. In Umfragen jedenfalls ist „Segen“ eine der Top-Antworten auf die Frage nach dem Grund des Gottesdienstbesuches und dem Wunsch nach Amtshandlungen. Ich komme in den Gottesdienst, um am Ende gesegnet zu werden. Ich lasse mich taufen, um den Segen zugesprochen zu bekommen. In Licht gehüllt, von Gott angeschaut, behütet, getröstet, getragen – wunderbar. Der Segen ist sicher, auch wenn es keine Garantie auf ihn gibt. Ein performativer Sprechakt mit erhobenen oder aufgelegten Händen. Zuspruch und Nähe, Licht und Wärme. Gott wirkt durch die Segnenden zu den Gesegneten. Allein darin liegt schon so viel Kraft und Glück.

Zum Segnen braucht es nämlich mindestens zwei. Eine Segnende, ein Gesegneter. Ich kann mich nicht selber segnen. Beten, Bibellesen, Singen geht auch alleine. Aber den Segen kann ich mir nicht selbst zusprechen. Segen ist also ein Beziehungsgeschehen. Und damit ein Wagnis. Und da komme ich zurück zu dem, was sich für mich in Bezug auf den Aaronitischen Segen, der auch Priestersegen genannt wird, nicht so gut anfühlt. Aaronitisch heißt dieser, weil er Aaron, dem Bruder von Mose, sozusagen dem ersten Priester des Volkes Israel, von Gott anvertraut wird. Segnen, so finde ich, ist keine ausschließliche Priesteraufgabe. Die Kirche hat kein Segensmonopol, auch wenn es manchmal so wirkt. Segen ist im Kern etwas zutiefst Demokratisches, Egalitäres. Zum Segnen braucht es zwei. Ein Segnender, eine Gesegnete. Zwei Menschen. Eine Begegnung. Ein Wagnis. Jede und jeder kann und darf segnen. Ohne Einschränkungen. In Gottes Auftrag. Das haben wir in zwei Segensworkshops hier in St. Marien in den vergangenen Jahren ausprobiert und geübt. Beglückende Erfahrungen. Berührung und Ermutigung. Segnen und gesegnet werden. Denn so verstehe ich die Trinität, die Dreieinigkeit Gottes, die wir heute feiern. Gott wirkt durch Jesus Christus als Geistkraft in uns Menschen. Gott ist Beziehung. In sich, in uns. In aller Vielfalt. Und daher glaube ich fest, dass wir uns Gottes Geheimnis der Liebe nähern, wenn wir uns in Beziehung setzen. Zu uns selbst, zu anderen, zu ihm oder ihr. Jede und jeder erlebt Gott in ganz verschiedenen Erscheinungsweisen. Als Quelle und Schöpfer, Vater und Mutter. Als menschliches Anlitz in Jesus von Nazareth, so schwarz und weiß und unterschiedlich wie unsere Haut Farben hat. In Leid und Schmerz. Oder in der größten Freude. Als Geistkraft, die weht, wo sie will. Die das Hirn vernebelt wie süßer Wein. Oder endlich mal die Dinge nüchtern betrachten lässt. Alle diese Erfahrungen sind ein Teil des Bildes von Gott. Ein Teil von Gottes Dreieinigkeit. Und Beziehung lebt ja auch vom Widerspruch, vom Gegensatz, vom Hinterfragen und Korrigieren und Neu-Aushandeln. Von nie dagewesenen Erkenntnissen. Von durchwachten Nächten, wo etwas neu geboren wird aus Wasser und Geistkraft. Von Abschieden, die als segensreiches Glück erlebt werden. Vom liebevollen Blick auf mein Gegenüber. Segnend und gesegnet. Wagen wir es, unser Bild von Gott und das, was wir als Segen erleben, zu öffnen und zu erweitern? Gott ist Beziehung. Gottes Namen ist größer als der HERR. Gott findet sich in Bachs Musik und im Negro-Spiritual. Gott ist die EWIGE und Allah und Ha-Schem und noch viel mehr.

Und Gott segne dich und behüte dich.
Gottes Antlitz hülle dich in Licht, und sie sei dir zugeneigt.
Gottes Antlitz wende sich dir zu, und sie schenke dir heilsame Ruhe.

So könntet ihr, so könnten wir das auch sagen und machen. Amen