Predigt in der St. Marien Kirche, Berlin, gehalten am 11. November 2018, dem hundertsten Jahrestag des Waffenstillstands im Ersten Weltkrieg

Liebe Gemeinde!

Mir ist von Ihrem Pfarrer Eric Haußmann aufgegeben worden, über die Verse 1–6, Kapitel 14 des Buches Hiob zu predigen, und das mit Blick auf die Zeitenwende, genauer: auf den Waffenstillstand vom 11. November 1918. Während unsere französischen, polnischen und tschechischen Nachbarn das Ende des Ersten Weltkriegs bereits seit Tagen begehen und feiern und mit unterschiedlichen Akzenten in der kommenden Woche weiter feiern werden, blieb dieser Tag für uns Deutsche ein Untag – ein Hiobstag, und das seit genau hundert Jahren.

Statt an den Frieden pflegen wir, auch das nicht gerade begeistert, die Erinnerung an die Revolution, die zwei Tage zuvor, am 9. November 1918, stattgefunden hatte. Sie führte zum unvorbereiteten, von den Kriegsleiden und -wirren erzwungenen Bruch mit der vorangegangenen Ordnung des Zweiten Deutschen Kaiserreiches. Diese halbkonstitutionelle Ordnung war keinesfalls nur schlecht gewesen, jedoch nicht hinreichend reformfähig.

Die unter den Umständen eines militärischen Zusammenbruchs geschaffene Demokratie brach nach nur 14 Jahren ebenfalls zusammen und mündete in die massengestützte, rechtsbrecherische und populistische Herrschaft des Nationalsozialismus – und genau das macht uns auch an diesem Tag bis heute sprachlos: die nationalsozialistische Revolution. Hitler erklärte den unklugen und demütigenden Versailler Friedensvertrag von 1919 für nichtig und bezog sich immer wieder auf den Waffenstillstand vom 11. November 1918. Wie viele Deutsche verstand ihn auch Hitler nur als Atempause bis zum nächsten, dann siegreichen Waffengang. Diese von so vielen Deutschen begrüßte Politik endete im Höllenschlund des Zweiten Weltkriegs.

Bleiben wir beim biblischen Hiob. Das ist jener überaus wohlhabende, glückliche und gottesfürchtige Mann des Alten Testaments, den der Satan – mit Genehmigung Gottes – schwersten Leiden unterwarf, um ihn an die Grenze seines Gott- und Zukunftsvertrauens zu treiben. Hiob verliert alles, sein Haus, sein Vermögen, seine Kinder, er wird unheilbar krank, von anderen geschlagen und getreten. Halb verhungert, räudig, mehr tot als lebendig wankt er am Bettelstab dahin. Seine Frau ist ihm gram, seine Freunde spenden ihm weder Trost noch Hilfe, sondern überhäufen ihn mit Vorwürfen, Hohn und Spott. Hiobs Lage kennzeichnen Trübsal, Schmerz, Kummer, Elend, Pein und schier endlose Qualen.

In dieser Lage entstand jenes Selbstgespräch Hiobs, das im Mittelpunkt unserer heutigen Predigt steht. Zusammengefasst murmelt der vom Schicksal geschlagene Hiob vor sich hin: Der Mensch lebt kurze Zeit, ist voller Unrast, neigt zur Wildheit, ja zum Toben; er blüht auf wie eine Blume und welkt dahin wie der Klatschmohn. Die Anzahl seiner Tage ist im Vorhinein gezählt, nur weiß er nicht, wann und wie ihm die Stunde schlägt. Während seines kurzen, schattenhaften irdischen Daseins bleibt er unrein, aber er ahnt, dass er dereinst von Gott zur Rechenschaft aufgefordert werden könnte.

Obwohl Hiob all das schwere Leid völlig unverdient widerfährt, hält er, trotz mancher Schwankung, an seinen moralischen Prinzipien fest. Das zahlt sich schließlich aus. Am Ende beschenkt Gott sein glaubensfestes, derart in schwerste Zweifel gestürztes Menschenkind reichlich: Der 70-jährige Hiob gesundet, lebt noch weitere 140 Jahre in höchstem Glück, sieht eine reiche Schar von Kindern und Kindeskindern heranwachsen. Kurzum: Alles wird schön.

Der Erste Weltkrieg zerstörte die alten herrschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturen Mittel- und Osteuropas. Am Ende standen Hunger, Niedergang, Chaos und Not, Dumpfheit und Hass. Auf deutscher Seite waren zwei Millionen zumeist junge Männer gefallen, ein Viertel von ihnen während der letzten Kriegsmonate. Millionen Menschen fristeten ihr Leben als Kriegskrüppel, Witwen und Halbwaisen. Infolge der britischen Seeblockade waren 500.000 Deutsche verhungert. Hunderttausende starben an Tuberkulose, an Grippeepidemien und allgemeiner Entkräftung vor ihrer Zeit. Kinder litten an Unterernährung und Rachitis. Demobilisierte Soldaten, verzweifelte, ausgemergelte Frauen irrten durch ihr schwieriges Leben. 1917/18 standen je städtischem Einwohner durchschnittlich 1400 Kalorien pro Tag zur Verfügung. „Das Schlangestehen vor den Lebensmittelgeschäften der Städte hatte die Zermürbten wild und aufsässig und vor allem grimmig gegen die Reichen gemacht, die sich ‚hinten herum‘ besser ernährten.“ So beschrieb Friedrich Meinecke 1919 den Ausgangspunkt der Novemberrevolution.

Die deutschen Männer hatten umsonst gelitten. „Wie soll man weiterleben“, fragten sie sich, „wenn alles vergeblich war.“ Ihre Frauen und Kinder hatten umsonst gehungert. Mit den Kriegsanleihen, die das Bürgertum in vaterländischem Pflichtgefühl gezeichnet hatte, verloren die gehobenen Mittel- und Oberschichten erhebliche Teile ihres Vermögens. Das kaiserliche Feldheer war geschlagen. Folglich konnten die Schrecken der Front, konnten die schweren psychischen Verletzungen der elf Millionen heimkehrenden Soldaten nicht in Siegesfeiern gewürdigt, abgebaut und verarbeitet werden. Trommelfeuer, Giftgasalarm, Granatsplitter, Nahkampf mit aufgesetztem Bajonett, das ständige Verbluten, Verröcheln und die andauernde Todesangst der lebend Entronnenen, kurz: die Kriegstraumata fraßen in ihnen weiter. Voller Wut und Gram mochten die meisten der geschlagenen Soldaten die Sinnlosigkeit ihres Kampfes nicht einsehen und vergruben sich in dem Gefühl, ihr – seit dem 9. November 1918 demokratisch regiertes – Vaterland behandle sie mit „maßloser Undankbarkeit“. Anders als Hiob suchten die schwer Geschlagenen Schuldige: Schlagwörter wie Dolchstoß, Verräter, jüdische Verschwörung, bolschewistische Gefahr gruben sich in die Herzen und Köpfe vieler Deutscher ein. Sie vergifteten den inneren Frieden.

Mein 1912 geborener Vater erzählte immer wieder, wie grauenhaft es für ihn und seine Geschwister gewesen war, als sein Vater als geschlagener, verbitterter, ungeduldiger, jähzorniger, gewalttätiger Mann aus dem Krieg nach Hause kam. Der Artillerieoffizier Wolfgang Aly hatte vier lange Jahre als Batteriechef an der Westfront gedient. Mit verlängerten Haubitzrohren (Kaliber 10,5) erzielte er „fabelhafte“ Schussleistungen („In einer Nacht 1000 Granaten hinübergejagt!“) und lag dabei selbst unter gut sitzendem französischem Gegenfeuer – so bezeichneten Scheitelreißern – bei Verdun und in anderen hart umkämpften Abschnitten. Über einen zweiwöchigen Heimaturlaub, den er im Juli 1917 nach einem glimpflich überstandenen Gasangriff erhielt, notierte mein damals 36-jähriger Großvater: „Ich konnte den Kinderlärm nicht aushalten und musste weiter nichts als gepflegt werden.“ Vier Monate nach Kriegsende schrieb seine „erschreckend abgemagerte“ Frau, meine damals 35-jährige Großmutter, ihrer Mutter: „Wolfgang ist so angegriffen, dass er, wo er sitzt, auf jeder Bank einschläft.“ Über sich selbst berichtete sie: „Mit meinen Nerven ist es wieder schlimmer denn je. Ach, bete mit mir zu Gott, dass ich den Meinen kein Unglück bringe.“ Ihr Bruder Wilhelm, gleichfalls Offizier der Artillerie, war gefallen, seine Gebeine liegen irgendwo an einem unbekannten Ort in Flandern. Erst am Ende des Krieges sah meine Großmutter, was sie vier Jahre lang aus Vaterlandsliebe von sich fern gehalten hatte: „Wie schlecht es uns eigentlich geht. Wer kann absehen, ob unsere Jugend nicht einen dauerhaften Schaden fürs Leben behält.“ Die zitierten Briefe und Tagebucheinträge beschreiben die Nöte in einer bürgerlichen Familie. Wie verzweifelt sah es erst in den proletarischen Schichten des Volkes aus, denen damals noch die meisten angehörten?!

Subjektiv hatten die kaiserlichen Soldaten alles gegeben, sich ehrenhaft geschlagen. So hatte General Paul von Hindenburg unmittelbar nach der gewaltigen deutsch-russischen Schlacht von Tannenberg seine Soldaten und Offiziere zu einer Haltung ermahnt, die „in dem gefangenen Gegner den gewesenen Feind vergisst“, und die Kampfeswut wandelte sich „überraschend schnell zu rücksichtsvollem Mitgefühl“ mit den Unterlegenen. Die gefallenen deutschen und russischen Krieger dieser Schlacht und der nachfolgenden Gefechte in Masuren ließ Hindenburg stets zusammen und mit gemeinsamem Zeremoniell bestatten – eine humane soldatische Geste, die im anbrechenden Zeitalter der Weltanschauungskriege schon damals einmalig war. Sie bewirkte, dass viele dieser Friedhöfe bis heute erhalten blieben.

Erst am Ende unseres Bibelabschnitts, in Vers 6, erhält Hiobs Selbstgespräch eine versöhnliche Wendung. Hiob bekennt sich zur Geduld, zu Pragmatismus und Gelassenheit. Er bittet Gott, für eine Weile von ihm wegzusehen, damit er in Ruhe und im Rahmen des ihm Möglichen die Zeit gestalten könne, die ihm auf Erden gegeben ist. Hiobs Denken zielt nicht auf die Utopie vom ewig harmonischen Leben in einer Welt des Überflusses und der Selbstverwirklichung, nicht auf das totale Heil auf Erden, sondern auf das menschlich Mögliche in einer begrenzten Lebenszeit. Und im allerletzten Abschnitt des biblischen Buches Hiob, nachdem sich für den so hart Geprüften alles zum Guten gewendet hat, will Gott diejenigen bestrafen, die Hiob gedemütigt, verfolgt und gepeinigt hatten. Aber Hiob betet für seine Peiniger, vermittelt zwischen ihnen und Gott. Voller Güte plädiert er für Liebe und Gnade, um die – für sich genommen – gerechte Strafe abzuwenden. Hiob verzeiht. Er ist nicht nachtragend.

Im Alten und Neuen Testament finden sich viele Stellen zur Feindesliebe. So schrieb Paulus im Ersten Brief an die Korinther: „Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie blähet sich nicht.“ Lange vor Paulus plädierte die Antigone des Sophokles in einem wahrhaft dramatischen Krieg für Großherzigkeit, Versöhnung und Feindesliebe. Verzweifelt rief sie aus: „Nicht zum Mithassen – mitzulieben bin ich geboren!“

Nach all dem Hass, der Zerstörung und Selbstzerstörung verursacht, denken wir an diesem Tag über unsere eigene Geschichte nach, wir erinnern uns der verschiedenen Arten des Irrglaubens, der Verblendung und des schändlichen Götzendienstes so vieler unserer Vorväter und –mütter. Denn sie sind ein Teil von uns. Sie waren moralisch und geistig nicht schlechter ausgestattet als wir. Allerdings gingen sie noch sehr viel häufiger in die Kirche. Fühlen wir uns also nicht als bessere Menschen, sondern schließen sie liebevoll in unser Gedenken ein – gedenken wir auch ihrer, die es sehr viel schwerer im Leben hatten als wir, mit Liebe und Nachsicht.

Mit den Worten des Apostels Paulus sagen wir zu uns selbst: „Lass‘ dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Mit Hiob wollen wir versuchen, auch in schwierigeren Zeiten standhaft und großherzig zu bleiben. Schließlich wollen wir bedenken, wie Jesus die so vielfältigen Formen menschlicher Niedertracht, Missgunst und Bosheiten, die menschliche Bereitschaft zum Verdacht, zum Vorurteil und zur Demütigung des Schwachen erklärte: All dieses Böse kommt nicht von außen, sondern „von innen, aus dem Herzen der Menschen“ (Markus 7, 1-23).

Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen