Aus dem Workshop zum Abendmahl am 19. Oktober 2019:

Betrachtungen zu den Elementen Brot, Wein, Leib und Blut

Brot
Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Saat und Ernte bringen Korn hervor. Aus vielen Körnern entsteht Mehl. Und schließlich mit Wasser, gegebenenfalls Triebmittel und Hitze Brot. Aus vielen Körnern wird ein Laib. Schöpfungsgabe Gottes. Und menschliche Anstrengung, Errungenschaft. Brot braucht Zeit.
Brot ist Grundnahrungsmittel, elementar. In jeder Kultur gibt es Brot und brotähnliche Nahrungsmittel. Vielfalt der Sorten und Geschmäcker.
Ein altes Handwerk, vom Aussterben bedroht, massenindustrialisiert. Brotberge werden täglich vernichtet und andere haben nicht genug zu essen.
Brot ist nahrhaft. Es macht satt. ‚Low-carb‘ ist Brot nicht, deshalb wohl geächtet von Diäten.
Brot ist das Notwendige, das Alltägliche: Brotzeit, Vesper, Jausn. Morgens, mittags, abends: belegtes Brot mit Käse und Schinken. Brot ist schnell, kompakt: Auf die Hand, fertig los. Schon mal probiert, Brot ganz anders – langsam, Stück für Stück, Korn für Korn zu kauen und dabei die Schöpfung zu schmecken?
Brot ist das Verbindende – jede und jeder isst Brot, die Armen und die Reichen, die Jungen und die Alten. Es lässt sich teilen. 5 Brote für 5000 Menschen.
Ich bin das Brot, sagt Jesus.

Wein
…dass der Wein erfreue des Menschen Herz. Ja, Wein erfreut mich meistens. Ein Krug auf dem Tisch, mitten in gutem Essen, viele Gläser und dann ausschenken. Ausgelassen sein. Genießen. Den Augenblick und das Leben. „Le chaim!“
Wein ist eine Einladung: das Geschenkte dankbar zu genießen. Ohne Reue. Gastfreundschaft. Verschwesterung. Lass uns doch Du sagen.
Wein macht warme Wangen und fröhlich. Die Zunge locker. Und lockerer. Alles dreht sich.
Ekstase. Ein alter Gedanke: im Weingenuss Gott nahe sein. Hingabe, Feier, Berauscht-sein.
Doch Vorsicht: zu viel soll, darf es nicht sein. Sonst drohen Übelkeit und Abhängigkeit, Krankheiten.
Wein ist gefährlich. Und verlockend. Noch eine Zigarette und ein letztes Glas im Stehen?
Wein ist Kultur, ist Wissenschaft.
Statussymbol ist der Weinkeller und der Connaisseur aller Anbaugebieten und Sorten und Jahrgänge.
Öchsle-Grade und Tannine und natürlich der Abgang, nach Aprikosen und leicht mineralisch. Oder schließt sich das aus?
Wein ist Abschied. Am Ende des Mahls kommt der Wein. Der letzte Schluck schmeckt bitter und nach Verrat. Wer war es?
Wein ist Erinnerung. Ist Halt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.

Leib
Was so ein Leib kann ist schon erstaunlich. Essen, trinken, verdauen, schlafen, sich fortpflanzen. Und das sind nur die Grundbedürfnisse. Wärme, Sicherheit, Austausch.
Dazu kommt ja noch viel mehr! Lieben und hassen, Marathon laufen und Fahrrad fahren, Flugzeuge bauen und darin fliegen und ganz neue Technologien und Gedanken entwickeln und Gedichte schreiben und im Internet surfen.
Singen und tanzen!
Leib ist mehr als Körper, als Fleisch und Muskeln und Organe.
Leib ist umfassend: Körper und Seele oder Bewusstsein.
Der Leib kann verkümmern, innerlich oder äußerlich. Der Leib kann missbraucht werden, von sich selbst und anderen.
Massengräber voller Leiber, Menschen ins Gas, Vergewaltigungen, Schläge.
Der Leib ist verletzlich, empfindlich. Unfälle und Krankheiten können ihm schaden.
Der Leib ist im Fokus: dünn sein, jung sein, gut aussehen ist angesagt. Norm, Wertung.
Aber Leib ist Vielfalt, in Farben, Formen, Alter. Kein Leib soll über den anderen herrschen. Keine Hautfarbe ist besser als eine andere, kein Geschlecht, kein Alter.
Dies ist mein Leib. Darin ist alles enthalten: Die Freude und der Schmerz, Geburt, Tod, Sehen und Gesehenwerden, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen, Reden und Schweigen, Wütend sein und beseelt, Verletzlichkeit und Liebe.
Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib Tempel des Heiligen Geistes in euch ist?

Blut
Ich kann kein Blut sehen. Mir wird schummrig und übel und ich kriege Schweißhände vor Aufregung. Einmal wäre ich fast ohnmächtig geworden im Krankenhaus, als wir meinen Opa besuchten, der an der Dialyse hing. Blutwäsche, schon alleine der Begriff macht mir Probleme. Blut ist eklig! Blutspende ist mein persönliches Minenfeld. Ich schaffe es einfach nicht.
Man kann sich dran gewöhnen, sagen Menschen, die beruflich mit Blut zu tun haben.
Blut ist Lebenskraft, die durch unsere Adern fließt. Ohne Blut geht es nicht, das menschliche Leben. Und deshalb endet es ja auch, wenn zu viel Blut fließt, vergossen wird, wie wir sagen. Wir brauchen das Blut. Aus einem Tropfen Blut entsteht menschliches Leben, heißt es im Islam. Und in den babylonischen Mythen wird der Mensch geschaffen von einem weiblichen göttlichen Prinzip, geformt aus Erde und Menstruationsblut.
Blut ist aber Alarm, tief im Unterbewusstsein. Rotes Ausrufezeichen! Hier stimmt was nicht, bitte sofort stoppen. Verbinden, abkleben, zunähen. Das Leben soll weitergehen.
Blut ist Niederlage, ist Unfall, ist Opfer. Tränen, Trauer, Schmerz, Erschrecken.
Blut ist Geheimnis.
Dies ist der neue Bund in meinem Blut.

Pfarrerin Corinna Zisselsberger