Römerbrief, Kapitel 13, Verse 8-10

Bleibt niemandem etwas schuldig – nur die Liebe schuldet ihr einander immer. Wer den Nächsten liebt, der hat das Gesetz erfüllt. Denn was da gesagt ist: „Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren“, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.

Liebe und Friede sei mit euch von dem, der da war, der ist und der kommt: Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,
Advent heute mal anders – nicht zuerst Ankunft, sondern Abschied feiern. Abschied von unserer langjährigen Marienorganistin.

Liebe Frau Kürschner,
heute an ihrem letzten Arbeitstag sitzen sie auf der Orgelbank, genau wie am ersten Tag vor über 26 Jahren. Eine Ära. Ein Vierteljahrhundert lang haben sie die Kirchenmusik an St. Marien geprägt. Zuerst mit der Leitung der Kantorei und an der Orgel, später als Organistin. Das komplexe Miteinander hier in der Kirche, das Ringen um Schwerpunkte und Zeiten hat Kraft gekostet. Aber hunderte von Konzerten, tausende von Gottesdiensten haben so viel Kraft gegeben. Wir sind ihnen sehr dankbar für ihre Musik. Wir haben uns an ihren Orgelstil und ihre wirklich tragende Liedbegleitung gewöhnt und werden sie vermissen. Wir feiern heute ihren Abschied und die Ankunft Jesu. Sein Kommen möge sie im Gehen trösten und beflügeln. Und ihr Abschied lenkt unsere Blicke auf andere notwendige Abschiede im Advent.

Liebe Gemeinde,
gemeinhin erinnern wir im Advent daran, dass Jesus, dass der Heiland da war und dass er irgendwann wiederkommt und zwischendrin in unseren Herzen wohnen möchte. Die Kantate singt davon – und so beginnen Glaubensgeschichten – der Heiland zieht ein ins Herz. Aber ist denn überhaupt Platz in meinem Herzen? Ist meines Herzens Tür offen? Bin ich sortiert und aufgeräumt? Habe ich Zeit, den Liebesboten zu empfangen? Oder sind nicht doch zuvor Abschiede nötig? Um Gottes Liebe aufnehmen und spüren zu können?
Advent mal anders – ganz anders – alles umdrehen. Erst sich verabschieden und dann etwas kommen lassen. Eine Jesuanische Wende. Ach, leben wie Jesus es konnte… nicht getrieben fühlen, in sich ruhend voll Vertrauen und Liebe. Jedes Jahr wird gerade im Advent der Wunsch so stark, dass nun eine besonders schöne und besinnliche Zeit anbreche. Zeit zum Ausruhen, Dösen und Genießen. Kuscheln bei Kerzenschein, Lesen, Meditieren und Beten, entspannt Musik hören, tatsächlich Liebe üben. Und jedes Jahr wieder gerät gerade die Adventszeit unter Druck. Schon Wochen vorher steigt der Stresspegel – so vieles muss besorgt und vorbereitet werden – Adventskalender füllen, Kerzen kaufen und Kranz und Weihnachtsstern. Tannenbaum, Lebkuchen, Plätzchen – Kleinigkeiten zum Nikolaus, Karten fürs Weihnachtsoratorium, die Listen werden lang und länger und die Zeit eng und enger. Geschenke für Weihnachten – wer da alles bedacht sein will. Und dann noch Weihnachtskarten schreiben, wenigstens an die, die mir jedes Jahr Grüße schicken. Ich darf niemanden vergessen, will doch zeigen, dass ich ein Lieber bin. Bei ihm mich bedanken, hier etwas gutmachen und dort eine kleine Freude bereiten. Und ich ahne: Die Liebe schulden wir einander immer! Besonders in der Advents- und Weihnachtszeit springt mich diese Ahnung an und sie treibt mich in den Kauf- und Geschenkerummel. Was ist zuviel? Und wieviel ist genug? Und die Liebe?
Zeige ich mit meinen Karten, Geschenken und Besuchen, dass ich in der Liebe bleiben möchte? Oder versuche ich die Liebe aufzurechnen und Schuldgefühle abzuzahlen? Bin ich bei all dem, was ich tue glücklich und zufrieden oder am Ende verausgabt und erschlafft? Bin ich empfänglich und offen für die Liebe, für den Einzug der Gnade, das Kommen des Heilandes oder ist mein Herz von Adventsanforderungen umstellt und abgelenkt von Weihnachtspflichten? Falls Letzteres für mich gilt, dann ist es Zeit für Abschiede. Abschied vom sich Aufopfern. es allen recht machen wollen. Abschied von der Perfektion – Weihnachten muss es doch schön sein. Abschied von der Angst zu enttäuschen oder nicht zu genügen. Abschied vom Kampf geliebt und anerkannt zu werden. Abschied von Traditionen, die überfordern. Abschied vom Schenken und Bedenken aus Pflichterfüllung. Abschied von Schuldgefühlen – denn sie zermürben die Liebe.
Solche Abschiede sind natürlich nicht nur in der Adventszeit hilfreich und lebensdienlich. Vielmehr auch in Lebenskrisen, wenn man nicht mehr kann oder die Welt nicht mehr versteht. In Zeiten des Umbruchs und Neuanfangs – am Ende des Berufslebens, wenn sich die Wohnsituation verändert oder wenn ich krank werde. Zeit für Abschiede. Zeit etwas zu verändern. In der Adventszeit könnte ich das üben und ausprobieren: Mal keine Karten schreiben, nicht den perfekten Geschenk nachjagen, am besten im Advent außer Lebensmitteln gar nichts kaufen. Keine Plätzchen backen, kein Menü zaubern und nicht alle versäumten Besuche an den Feiertagen nachholen. Das entlastet ungemein. Advent mal ganz anders. Advent im Zeichen der Abschiede. Lockern lassen. Überhaupt mehr lassen und sich neu finden. Zur Ruhe kommen, deine Bedürfnisse wahrnehmen, deine natürlichen Grenzen sehen, zufrieden sein, auch auf halber Strecke. Es reicht wie ich bin. Gott liebt dich und du darfst dich auch lieben. Das Herz geht auf – wird empfänglich für das Heil des Heilands. Wenn ein unerwarteter Anruf kommt, habe ich Zeit. Große Geschenke habe ich nicht, aber Achtsamkeit beim Zuhören, Muße zum Spielen und Lust zum Küssen. Adventsgottesdienste und Christvesper besuche ich entspannt, genieße die Lieder und höre Worte, die berühren.
Ein anderer Advent, gegen bisherige Gewohnheiten und gegen den Strom – aber warum nicht? Das ist doch das, was uns verheißen ist, das was wir predigen und das was im heutigen Predigttext anklingt. Pflichtgefühl und Schuldigkeit sind keine Türöffner ins Land der Liebe. Sicher – Schulden und Steuern sind zu zahlen – das ist Recht und richtig. Aber in der Liebe gelten andere Maßstäbe – keine mathematischen, juristischen oder ökonomischen. Es gibt nichts zu verrechnen. Immer ist in der Liebe mehr möglich. Nie wird sie weniger, wenn ich sie weitergebe oder sie annehme. Sie ist die Fülle, für die nichts erfüllt werden muss. Nie geht sie unter uns auf. Nur die Liebe schulden wir einander immer. Das meint eben nicht, dass da etwas abzuzahlen wäre, sondern dass die Liebe unbezahlbar ist und niemals  aufhört. In der Liebe sind wir in Gott und er ist in ihr mit uns verbunden. Im Glauben an Gottes Liebe fühle ich mich frei und spüre, dass Gott mir schon alles gegeben hat. – Wenn ich es spüre – Das ist nicht immer so. Es gibt Tage, da ertrinke ich im Strudel der äußeren Anforderungen. Es gibt Nächte, da kreisen meine Gedanken um mich und mein Leben, da empfinde ich mich als Unzulänglich, schuldpflichtig und müde – es fühlt sich an wie aus der Liebe gefallen. Dann, ja in solchen Momenten, dann wird es Zeit für den anderen Advent. Übungszeit für ein anderes Lebensmodell. Eines, in dem die Liebe zählt und vieles Andere verabschiedet wird. Liebe ohne Listen – ohne Schuldgefühle. Liebe und alles andere ergibt sich wie von selbst. Dann wird das Gesetz wie von allein erfüllt. Niemand, der voller Liebe ist, käme auf die Idee jemandem etwas Böses anzutun, zu betrügen, zu stehlen oder zu töten.
Lieben und dann findet sich ein schönes Geschenk. Eines, das passt. Dann schreibe ich eben SMS zum Fest und verzeihe mir die fehlenden Karten. Ich gebe so gut und viel ich kann, aber nicht mehr als ich kann. Das muss ich nicht. Denn die Liebe Gottes ist immer schon da, sie umgibt Dich, sie sucht Dich, sie will in deinem Herzen sein und sie nähert sich indem du dich lieben lässt und liebst. Alles kann und nichts muss in der Liebe. Niemand fällt aus der Liebe Gottes heraus, denn jedes Menschenkind ist von Gott geliebt. Gott liebt dich. Alle Schuld, alle Schuldgefühle und alle Opfer lösen sich für dich auf ins Nichts in dem Moment, in dem du darauf vertrauen kannst.
Nach all den Abschieden bin ich vielleicht, dieses Gefühl zu spüren, diesen Glauben in mir ankommen zu lassen. Bereit aufzustehen wie ein Kind es tut am 1. Dezember. Voll Neugier auf das Päckchen Liebe, das dieser Tag für mich bereithält. Leben wie Jesus es konnte. Abschiede wagen. Wesentlich werden und empfänglich für den Heiland. Die Adventszeit genießen. Liebe genießen. Ja, du Gott der Liebe – das schenke uns. Amen!