Predigt von Pfarrerin Corinna Zisselsberger über 1. Korinther 1,4-9 am 5. Sonntag vor der Passionszeit, 3. Februar 2019

Für E.

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist, der da war und der da kommt. Amen.

Am Anfang steht der Dank. Ich danke. Ich danke immer wieder, schreibt Paulus. Und ich denke: Dass der Dank ganz am Anfang steht, ist gar nicht so selbstverständlich. Oder warum werden kleine Menschen am Lebensanfang so oft von ihren Erziehungsberechtigten beim Erhalt von Gaben gefragt: „Wie sagt man?“ Man, also das Kind, würde wohl am liebsten gar nichts sagen, aber was soll man schon machen, wenn einem die Eltern im Nacken sitzen? Na schönen Dank auch!

Ich danke immer wieder, schreibt Paulus. Und ich denke: Dass der Dank ganz am Anfang steht, ist gar nicht so selbstverständlich. Unsere Kinder halten wir an, „danke“ zu sagen und uns selbst kommen Kritik und Ärger leichter über die Lippen als Lob und Dank. Warum rutscht uns das Danken so schnell weg?

Ich danke immer wieder, schreibt Paulus. Und ich denke: Dass der Dank ganz am Anfang steht, ist gar nicht so selbstverständlich. Schließlich wird’s noch heiß hergehen in den folgenden Kapiteln seines Briefes an die Gemeinde in Korinth. Einen Dankesbrief hat Paulus sicherlich nicht geschrieben. Dafür gibt’s zu viele Konflikte und Probleme.

„Heiß ist die Bitte und kalt ist der Dank“, sagt ein Sprichwort. Ist doch erstaunlich, dass Paulus das umdreht. Am Anfang steht der Dank.

„Wie sagt man?“, wie sagt man dieses „Danke“, also WIE? So, dass es mehr ist als leere Höflichkeit, als soziales Schmiermittel, als kühle taktische Scheinheiligkeit; so, dass es warm und immer wärmer wird wie die heißen Bitten? Ein bisschen ist es wie beim Topfschlagen: „Kalt… kalt… wärmer… noch wärmer…!“

Am Anfang steht der Dank. „Aller Dienst beginnt mit Dank“, sagt mein lieber Bruder und Kollege. Und ich denke oft an seinen Satz, der sich mir eingeprägt hat, weil er mir wahrer und schöner wird, je öfter ich nach ihm handle. Ich danke immer wieder, schreibt Paulus. Und ich schreibe: Ich danke Ihnen für Ihre Nachricht. Danke für diesen Hinweis, danke für all Ihre Mühen. Danke, dass Sie sich Zeit genommen haben. Ich danke dir, dass du mir zugehört hast. Danke für deine Liebe.

„Kalt… wärmer… warm…“ Am Anfang steht der Dank, am Anfang des Briefes, der Email, der Kurznachricht. Und es ist erstaunlich, wie viel sich verändert, wenn am Anfang gedankt wird. Am Anfang eines Gesprächs, einer Sitzung. Wenn der Dank mehr ist als eine bloße Floskel… „Warm… wärmer… noch wärmer…!“

Ich danke immer wieder meinem Gott, schreibt Paulus.

Und ich denke: Aller Dienst beginnt mit Dank, auch aller Gottes-Dienst. Ich danke immer wieder meinem Gott: Ich danke Gott für das Erwachen am Morgen und für guten Schlaf, für laue Sommerabende auf dem Balkon und den Wechsel der Jahreszeiten, für Appetit und Freude am Essen, für Bewegung an der frischen Luft, für ein warmes Dach über dem Kopf und noch mehr: ein Zuhause, für die Grundlagen dessen, was gelingendes Leben ermöglicht, für Liebesglück, für Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich gerne zusammen arbeite, für meine Familie und meine Freundinnen und Freunde, für Horizonterweiterung, für Lachanfälle, für unerwartete segensreiche Begegnungen, für das Gefühl der Dankbarkeit.

Ich danke immer wieder meinem Gott, schreibt Paulus. Und ich denke, jede und jeder von uns kann eine ganz eigene Liste schreiben mit Dingen, für die sie oder er Gott dankbar ist, in der Einsicht, dass diese nicht selbstverständlich sind. Dass diese Güter uns nicht gehören, sondern geschenkt sind.  Am Anfang steht der Dank an Gott, auch wenn nicht alles nur zum Danken ist. Unsere Bitten sind heiß, ist es auch unser Dank?

„Wie sagt man?“ – „Danke!“ Der Dank hat Gesichter. Ich danke immer wieder meinem Gott euretwegen, schreibt Paulus, und das ist beachtlich, schließlich könnte er sich auch mal schön bedanken für all die Anstrengung und Sorgen, die ihm die Korintherinnen und Korinther bereiten, diese uneinsichtigen Streithähne, die meinen, sie hätten schon alles erreicht: jede Sprache und Erkenntnis und alle gottgegebenen Fähigkeiten und die sich trotzdem aufführen wie ein Sauhaufen. Tja, was soll da noch kommen? Oder besser: wer? Selbstverständlich scheint der Dank in Korinth nicht mehr gewesen zu sein. Und trotzdem: Ich danke immer wieder meinem Gott euretwegen, schreibt Paulus. Und ich denke: Aller Dienst aneinander beginnt mit Dank. Hinter dem Dank steht die Anerkennung dessen, was Gott in den anderen gewirkt hat, auch wenn ich das von außen vielleicht nicht immer sehen oder wahrnehmen kann.

Ich danke immer wieder meinem Gott euretwegen, weil euch in Jesus Christus die Gnade Gottes geschenkt worden ist, schreibt Paulus. Aus dieser Gnade kommt der immer wärmer werdende Dank. Aus der Gnade Gottes, geschenkt in Jesus Christus. Geschenkt der Gemeinde in Korinth. Geschenkt den christlichen Gemeinden an vielen Orten und zu vielen Zeiten. Geschenkt auch unserer Gemeinde, unserer Gemeinschaft, hier an diesem Morgen in St. Marien, mitten in Berlin.

Die Gnade Gottes eröffnet einen Lebensraum, in dem sich warme Dankbarkeit ausbreiten will. Denn Gnade, das Herabneigen Gottes zu uns Menschen, schafft eine Wechselseitigkeit. Wir tun an Gott in Dankbarkeit, was Gott zuvor an uns in Gnade getan hat. Und wir tun aneinander in Dankbarkeit, was Gott uns zuvor in Gnade getan hat. Bestenfalls ereignet sich ein freies unerzwingbares, glückhaft geschenktes dankbares Offensein füreinander. Und daher, liebe Gemeinde, bitte ich euch: Blickt euch einmal links und rechts von euch um und schaut eure Banknachbarin, euren Banknachbarn oder die Menschen vor oder hinter euch an. Und nun probiert, Gott genau für diesen einen Menschen, den ihr vielleicht schon lange kennt oder vielleicht noch nie gesehen habt, zu danken. Und spürt, wie sich hoffentlich ein warmes Gefühl in euch ausbreitet…

Ich danke immer wieder meinem Gott euretwegen, weil euch in Jesus Christus die Gnade Gottes geschenkt worden ist. […]während ihr darauf wartet, dass unser Herr Jesus Christus offenbar wird, schreibt Paulus.

Reich und beschenkt durch die Gnade Gottes. Und gleichzeitig wartend und hoffend, dass noch etwas aussteht – so spricht Paulus die Korintherinnen und Korinther an. Als Menschen, die also offen bleiben und nicht meinen sollen, schon alles zu haben und alles zu wissen. Dass mein Leben reich ist, erfahre ich vielleicht gerade im Mangel, im Warten auf Gott, im Lob des Entbehrten, im Dank für vermeintlich Undankenswertes oder Selbstverständliches.

Eine solche Haltung kann schützen vor eigener Überheblichkeit. Und sie führt zu einem generelleren Wohlbefinden. Psychologische Studien belegen, dass Menschen, die eine dankbare Haltung zum Leben haben, insgesamt glücklicher, stressresistenter und weniger gefährdet für bestimmte Erkrankungen sind. Und sie haben ein größeres Netz von sozialen Beziehungen.

Gott ist treu. Durch Gott seid ihr in die Gemeinschaft seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn, gerufen, schreibt Paulus.

Gemeinschaft, das ist das Stichwort. „Wärmer… heiß… heißer… am heißesten!“ Die Gemeinschaft Christi, also seine Gemeinde, das sind die, die trotz allem, was sie aneinander befremdlich finden und was sie füreinander schwer erträglich macht, verbunden bleiben. Die zuerst füreinander danken, obwohl es mitunter heiß her geht und Konflikte gibt, weil sie wissen, dass das die Grundlage für eine konstruktive Streitkultur bildet. Die die anderen als diejenigen sehen, die auch Gottes Gnade geschenkt bekommen haben. Die sich von Gottes Gnade beschenken lassen und gleichzeitig auf Christus warten, weil sie nicht meinen, schon am Ziel zu sein. Die Gott mehr zutrauen als sich selbst. Die der Gnade Raum geben in ihrem Leben und mit einer Haltung der Dankbarkeit antworten. Die die leeren Hände aufhalten, miteinander Brot und Wein teilen und sich anschließend die Hände reichen und sich Gottes Frieden wünschen.

Paulus schreibt: Ich danke immer wieder meinem Gott euretwegen, weil euch in Jesus Christus die Gnade Gottes geschenkt worden ist. Denn in Christus seid ihr an allem reich geworden, begabt zu jeder Sprache und zu jeder Erkenntnis. Ihr bezeugt den Christus und darin beweist ihr zunehmend Stärke. Daher fehlt bei euch keine gottgegebene Fähigkeit, während ihr darauf wartet, dass unser Herr Jesus Christus offenbar wird. Bis zur Vollendung wird er euch festigen, so dass ihr am Tag unseres Herrn Jesus Christus nicht angeklagt werdet. Gott ist treu. Durch Gott seid ihr in die Gemeinschaft seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn, gerufen.

„Wie sagt man?“ – Am Anfang: „Danke!“

Und am Ende? Amen!

Es gilt das gesprochene Wort!