(I. Es geht heiß her in diesen Tagen…)

Es geht heiß her in diesen Tagen.

Die Sonne scheint erbarmungslos vom Himmel.

Die Stadt hat erhöhte Temperatur: Bäume verdursten, Felder vertrocknen, Wälder fangen Feuer, Körper schwitzen, Köpfe rauchen, an Schlaf ist nicht zu denken, die Gemüter sind erhitzter als sonst, ein Wort gibt das andere, Vorsicht: Brandgefahr Stufe 4! Eine unachtsame Bewegung und alles steht in Flammen.

Es geht heiß her in diesen Tagen.

Alle sind sie urlaubsreif. Die Stimmung lädt sich auf, bis es nur so knistert und kracht.

Hitzig sind die Debatten, das Sommerloch gibt es nicht mehr, es geht nun um Leben und Tod, um fundamentale humanitäre Werte und das Erschrecken darüber, wie fragil, wie zerbrechlich diese sind.

„Oder soll man es lassen?“, fragt eine Zeitung, meint damit die private Seenotrettung und es knallen die Meinungen aufeinander: Journalistische Hetzkampagne gegen unwerte Menschenleben? Oder ein legitimer Diskussionsbeitrag?

Heftig wird gebrüllt, in Dresden: „Lasst sie absaufen!“ und heftig dagegen andemonstriert.

Meine Augen füllen sich mit heißen Tränen, meine Zunge klebt mir am trockenen Gaumen, ich bin wie gelähmt.

Reibung erzeugt Hitze.

Wann kommt endlich die ersehnte Abkühlung?

 

(II. Ein moderner Jeremia?)

Es geht heiß her in diesen Tagen.

Mit einem Paukenschlag meldet sich ein lange schweigsamer Fußballspieler zurück, den viele einen „Taugenichts“ nannten, ihm gar die Schuld für das Ausscheiden der Nationalmannschaft gaben.

Er beklagt Rassismus und Respektlosigkeit, tritt zurück.

Mesut Özil legt den Finger in eine offene Stelle unserer Gesellschaft:

Deutschland liebt seine Einwander*innen nicht, es gebraucht sie dafür gerne als Projektionsfläche, für das, was sie alles sein könnten, wenn sie sich nur mehr anstrengen, härter arbeiten, besser integrieren und dankbarer verhalten würden. Und gleichzeitig sendet dieses Land die Botschaft: „Ihr taugt nichts! Ihr gehört hier nicht her, wenn ihr nicht deutscher als die Deutschen werdet.“ (als ob es sowas gäbe…)

Wie soll man sich verhalten in dieser Spannung, die zum Zerreißen ist? Man kann es wohl nur falsch machen.

Viel lässt sich kritisieren an Özils Wortmeldung, aber seine Stimme ist wichtig, weil sie insgesamt auf eine komplexe Problemlage aufmerksam macht. Seine Worte sind unangenehm und scharf im Ton, aber vermutlich sind sie nötig an dieser Stelle, damit sich an den Missständen im Fußball und in der Gesellschaft etwas ändert, damit Neues daraus erwachsen kann.

Ist Özil ein moderner Prophet – berufen nicht nur zum Fußballspielen?

 

(III. Ich tauge nichts)

Es ging auch heiß her in jenen Tagen, als Gott Jeremia berufen hat.

Ein Volk gegen das andere, jeder gegen jeden, bis es knallt. Reibung erzeugt Hitze.

Politische Spielchen, um die eigene Macht zu sichern. Betrügereien, um über andere zu gewinnen.

Jeremias Berufung, wie sie im ersten Kapitel des Prophetenbuches geschildert wird, macht deutlich: Von Anfang an ist eine Berufung in ein öffentliches Amt nichts Einfaches, sondern eine echte Aufgabe.

Denn Jeremias Berufung bringt ihn an die Grenze seiner Existenz, so wird es später berichtet. Quer zur Mehrheitsgesellschaft, zur Mehrheitsmeinung wird er liegen, wenn er Solidarität, Rechtschaffenheit und Treue zu Gott verkündigt. Das will niemand hören.

Wahrscheinlich ist es Jeremia heiß den Nacken hochgekrochen und kalt den Rücken runter gelaufen, als ihn Gottes Ruf ereilte.

Und so schwingt schon von Beginn an eine Ahnung mit von dem, was folgt: Von der Bürde, dem Schmerz, der Last und Erschöpfung. Zweifel melden sich und die damit verbundenen Ausflüchte werden laut: „Ich tauge dazu nicht.“ Danke, lieber nicht. Das ist eine Nummer zu groß für mich. Such dir jemand anderen! Ich bin ein Taugenichts.

Mir wird heiß und kalt. Auch ich kenne diese Zweifel, das Gefühl, einer Aufgabe oder Problemlage nicht gewachsen zu sein, und die damit verbundenen Ausflüchte: „Ich tauge nicht dafür, das ist nichts für mich, danke, lieber nicht. Dafür bin ich doch zu jung bzw. zu alt!“ Ich will meine Ruhe, will nicht in die hitzigen Debatten hineingezogen werden, will mich raushalten aus dem brennenden Geschrei und den harten Fronten. Alles viel zu anstrengend bei der Wärme… Und überhaupt, was kann ich schon tun? Das Klima wandelt sich doch ohnehin, ohne dass ich es aufhalten kann…

 

(IV. Berufungsberatung)

Gleichzeitig kriecht es mir heiß den Nacken hoch und ich fühle mich ertappt, wenn ich Gottes Worte höre:

„Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende […]“

Keine Ausflüchte, kein Kneifen. Kein „Ich bin zu jung! Oder: Ich bin zu alt!“ Kein: Das geht mich nichts an, dazu tauge ich nicht. Gott hat Jeremia berufen in jenen heißen Tagen. Und er beruft auch heute dich und mich.

Es folgt eine kleine Berufungsberatung:

Ein Berufungserlebnis wie Jeremia hatte ich bisher noch nicht. Auf der einen Seite wäre es schön, so deutlich gesagt zu bekommen, was mein Auftrag ist, und nicht selbst danach suchen zu müssen. Und auf der anderen Seite bin ich dankbar, dass die Zeiten, in denen einem andere sagten, wie man zu leben hat und was man werden soll, vorbei sind.

Es ist also unsere Aufgabe, im Ringen mit Gott, im Gespräch mit anderen und im Hinterfragen unserer selbst herauszufinden, was unsere Berufung ist oder sein könnte. Dabei bewegen wir uns zwischen dem, was uns vorherbestimmt ist, Tradition und Vorgaben, und dem, was wir selbst bestimmen können, unserer Wahlfreiheit.

Ob ich meine Berufung gefunden habe, kann ich vermutlich erst im Nachhinein, in einer zurückblickenden Erzählung meiner Lebensgeschichte, beurteilen, weil es sich nach Stimmigkeit oder Fügung anfühlt. Aber ich kann mich im Hier und Jetzt, jeden Tag erneut, dafür bereit machen, mich von Gott rufen zu lassen, und auch das mitzutragen, was daran schwer und belastend ist.

Dafür hat mich Gott bereits mit Gaben, Fähigkeiten und Talenten ausgestattet. „Gott begabt nicht, ohne zu berufen – und er beruft nicht, ohne zu begaben,“ das hat der Theologe Karl Barth einmal gesagt. Von Mutterleibe an, wie es bei Jeremia heißt, hat Gott mich begabt und es liegt an mir und meinen Möglichkeiten, diese Gaben, Talente und Fähigkeiten zu fördern und auszubauen. Erzwingen lassen sich Gaben nicht, aber sie lassen sich trainieren und entwickeln, so wie die Gaben Mesut Özils zum Fußballspielen in einem Kompetenzzentrum gefördert wurden. Gott hat uns alle auf je eigene Weise begabt. Und wir tragen diese Fähigkeiten und Talente in uns, die wir fruchtbringend einsetzen können. Diese Gaben sind einzigartig und entziehen sich mitunter der ökonomischen Verwertbarkeit. Und das ist gut so!

Gott traut uns zu, unsere Berufung zu leben. Er sieht etwas in uns, wozu wir sehr gut taugen. Und er geht unseren Weg mit und begleitet unsere Berufung: „Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete und Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.

 

(V. Schwerstbegabt)

Gott empowert mich, könnte man neudeutsch sagen. Manchmal braucht es dafür einen kleinen Stoß, von Gott oder anderen, die mehr in mir sehen als ich selbst sehen kann: Gaben, Talent, Potential. Gottes Begabung zur Berufung ist nicht leicht, das ahnen und das erfahren wir.

 „Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern“, heißt es im Wochenspruch aus dem Lukas-Evangelium. Oder wie es Spider-Man ausdrückt: „With great power comes great responsibility.“ („Aus großer Kraft folgt große Verantwortung“).

Diese Kraft hat Gott uns allen gegeben und gibt sie uns weiterhin. Mit Gottes Kraft werden wir zu Hoffnungsträgerinnen und –trägern, die ihre individuellen Gaben in die Welt bringen und ihre Verantwortung wahrnehmen. Die persönliche und gesellschaftliche Hindernisse und Grenzen zu überwinden und den Sinn wecken für ein anderes Leben. Die mutig und deutlich sagen, was ist, und wie es anders sein könnte. (Und die für andere leuchten und brennen, wie es Bischöfin Rusudan so wunderbar am Freitagabend bei ihrer Predigt gesagt hat)

 

(VI. Kühlen Kopf bewahren)

Es geht heiß her in diesen Tagen.

Und wir alle sind aufgerufen, einen kühlen Kopf in den hitzigen Wortgefechten zu bewahren.

Für gegenseitiges Verständnis, für Solidarität, für Besonnenheit zu werben.

Die richtigen, vielleicht auch unangenehme Worte in den Mund zu nehmen, um auf Missstände hinzuweisen.

Verhindern, dass Menschen zu Taugenichtse erklärt werden.

Und unsere Ausflüchte und Ausreden sein zu lassen.

Wir haben etwas mitzuteilen von Gottes Kraft und Liebe.

Wir sind berufen und wir ahnen, dass es nicht immer leicht ist.

Aber Gott ist mit uns.

Bei Hitze, Kälte und jeden Tag.

Fürchte dich nicht; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR.

 

Amen.

 

Predigttext: Jeremia 1,4-10