Predigttext: Matthäus 21, 1-11

Als sie nun in die Nähe von Berlin Mitte kamen, sandte Jesus zwei Jünger mit der S-Bahn voraus und sagte: „Fahrt hin an den Ort, der Alexanderplatz heißt. Und gleich, wenn ihr aus der S-Bahn kommt, werdet ihr einen Fahrradverleih sehen. Nehmt eines der Fahrräder, bis ich komme, damit weiterzufahren. Und wenn euch jemand fragt, was ihr da tut, dann sagt: Der Herr bedarf dieses Fahrrades. Sogleich wird er es euch überlassen.“
Das soll geschehen, damit auch nach zweitausend Jahren die alte Prophezeiung erfüllt würde: „Sagt der Tochter Zion, sagt den Menschen, die nicht ohne Gott leben wollen, siehe, dein König kommt zu dir, sanftmütig, und reitet auf einem Esel oder eben auf einem Drahtesel.“
Denn dieser etwas andere König kommt auch heute nicht mit einem Stern auf der Kühlerhaube, weil er selber der Morgenstern ist, der allen Menschen leuchtet.
Und so kamen die Jünger, wie Jesus ihnen gesagt hatte, und stiegen aus der S-Bahn und fanden den Fahrradverleih. Aber als sie eines der Räder nehmen wollten, kam der Händler angelaufen und rief entsetzt: „Was macht ihr denn da? Das ist mein Fahrrad!“. Die Jünger erinnerten sich an das Wort Jesu: „Beschafft mir einen Drahtesel – und wenn euch einer fragt, warum, dann sagt: Der Herr bedarf seiner.“
Also versuchten sie es mit Eigenbedarf des Herrn.
Aber den Händler brachte das noch mehr auf: „Wie – der Herr bedarf des Fahrrades? Welcher Herr? Ick kenn keen’ Herrn, und wenn schon: Ick bin mein eigener Herr.“
Einige S-Bahnen später kam Jesus an. Sanftmütig und  ohne Drahtesel. „Gehen wir eben zu Fuß“, dachte er bei sich. Und als er aus der S-Bahn Alexanderplatz ausstieg, sah er, wie bei ihm nicht anders zu erwarten, zuerst die, welche die anderen Passanten schon gar nicht mehr wahrnahmen.
Eine ganze Reihe Menschen, gar nicht so alte Männer vor allem, die saßen oder standen, ohne auf irgendetwas oder irgendjemanden zu warten. Wohl auch nicht auf seine Ankunft – obwohl doch Advent war. Verwahrlost, verwelkt sahen sie aus.
Wie welche, die schon lange kein Blick mehr gestreift hat. Schon gar keiner, der etwas Schönes an ihnen finden wollte.
Was er sah, stimmte ihn traurig. Ob er bei ihnen mit seiner Frage, die er in solchen Momenten gern stellte, etwas erreichen könnte: „Was willst Du, das ich für dich tun soll?“ Er war unsicher, ob diese Männer überhaupt bereit wären, mit ihm zu sprechen. Wie sie darauf reagieren würden, wenn jemand Fremdes sie anspräche. Vielleicht sogar freundlich auf sie zukäme. Und er ging weiter, nicht ohne den Himmel darum zu bitten, dass Gott weiß woher eine Perspektive sich auftun möge für diese Menschen.
Ein kurzer Blick fiel auf die auf den weiten Platz, wo früher einmal Wohnhäuser gestanden hatten, in denen sich das Leben abgespielt hatte. Tür an Tür.
Jetzt erinnerte der Platz eher an das gelangweilt gähnende Maul eines Molochs: viel Leere und hier da eckige Zähne, die sich bei näherer Betrachtung als Betonklötze herausstellten.
Und am Ende des Platzes rollte der Moloch mit seinem riesigen funkelnden Auge und drehte dem Himmel eine lange spitze Nase.
Überhaupt – zu beiden Seiten fiel ihm das viele Funkeln auf. Überall Licht. Und Musik und Sirenen und vielsprachiges Stimmengewirr. Ein bisschen erinnerte ihn das an Pfingsten in Jerusalem, aber das war eine andere Geschichte.  Jetzt ging es schließlich erst einmal um seine Ankunft. Ob der ganze Trubel ihm galt?

Der ein König sein soll, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird?

Er hatte gehört, dass die Menschen sich hier danach sehnten und einige seltsame Gestalten sich laut krakeelend bereits als Solche aufführten. Während Jesus noch darüber nachdachte, merkte er aber, dass niemand von ihm Notiz nahm. Die ganzen Gesänge, das Stimmengewirr und das Lichtermeer galten nicht ihm. Aber wem dann? Gern wäre er pünktlich zum Gottesdienst gekommen, aber er hatte den Ruf der Glocken vor lauter Trubel und Ablenkung nicht gehört – und sich jetzt einen kleinen Augenblick verspätet. Er war positiv überrascht. Keine vorwurfsvollen Blicke an der Tür. Und deutlich mehr als zwei oder drei in seinem Namen versammelt. „Ein König aller Königreich, ein Heiland aller Welt zugleich…“, erklang gerade und Jesus staunte über den Engelschor, der da aus vielen Pfeifen über ihm sang und klang.
Und dann begann die Pfarrerin ihre Predigt: „Es ist  Advent“, sagte sie, „Jesus kommt. Seine Ankunft damals in der Stadt Jerusalem deutet an, wie ungewöhnlich Jesus ist. Sanftmut und Barmherzigkeit sind seine königlichen Insignien. Sein Reich will er in die Herzen der Menschen säen. Hilfsbedürftig, als Kind, geboren an einem unbedeutenden Ort beginnt er seinen Weg auf der Seite der Schwachen; verschafft ihnen Recht: Den Kindern, auch dem Zöllner, den Frauen, den Armen und Übersehenen.
Am Ende geht er in den Tod – dem Spott und der Gewalt der Menschen ausgeliefert. Auf diese Weise zeigt er seine wahre Vollmacht. Er führt Gott und Mensch durch seine Liebe zusammen. Das ist sein Reich. Er überwindet den Tod und damit alles, was das Leben zerstören und behindern will. Das ist der Friede, den er bringt. Sanftmütig, barmherzig, gerecht, demütig heilt er, was zerbrochen ist. Macht hoch die Tür! Hosianna! Amen.“
Jesus wird unruhig in seiner Bank. Er schaut sich um. Betrachtet die Regungen der Menschen neben sich. Sie scheint das nicht sonderlich zu berühren. Jedenfalls nicht sichtbar. Er bekommt plötzlich richtig Lust, den schweren Tisch hinter sich mit dem ganzen Krimskrams darauf umzuwerfen, um zu zeigen, dass Sanftmütigkeit bei weitem nicht der einzige Gefährte ist, mit dem er kommt und er keineswegs für alle Freud und Wonn mit sich bringt! Sondern mächtig ist im Streit! Das hatte er schließlich gleich nach seinem Einzug in Jerusalem genau so getan in Tempel. Und gezeigt, was von seiner Herrschaft zu erwarten ist.

Hosianna! Das zu rufen wurde niemandem verordnet damals! Das war auch kein Jubelruf, sondern eine Bitte. Hilf doch! Es ist damals einfach geschehen. Er war gekommen und die Menschen konnten nicht anders als sich freuen. Klingen die da vorn mit ihrem „Macht hoch die Tür!“ und „Hosianna!“ dagegen nicht ein bisschen wie Ansager eines Stars auf der Bühne, die in regelmäßigen Abständen Applaus fordern für den, der einstweilen in der Nachbarschaft auftritt? Oder klingt darin auch das klägliche und unästhetische Schreien der Ungesehenen und Unwürdigen an? Oder die unvermittelte Freude von Menschen, die berührt wurden? Und Jesus wünschte, er würde sie hören. Alle. All die Geschichten von einem Herrn, der unverhofft auftaucht. Und von Menschen, deren Freude darüber ansteckend ist. Und die Herzen verändert. Und die Selbstbilder. Und die Verhältnisse. Und er stellt sich vor, wie gleichzeitig hier drinnen und da draußen in dem bunten Treiben Menschen einander von dem erzählen, was ihnen geholfen hat aufzustehen und Hoffnung zu schöpfen und Scham zu überwinden, der eigenen Erfahrung zu vertrauen und einen Schritt in die Freiheit zu gehen. In dem Moment beginnt der Engelschor aus unzähligen Pfeifen über ihm zu singen und die Menschen stimmen ein: „…Als mir das Reich genommen, da Fried und Freude lacht, da bist du, mein Heil, kommen und hast mich froh gemacht.“ Und Jesus verspürt für einen Augenblick die Freude, die sich einstellt, wenn ein so großer, unwahrscheinlicher Wunsch sich plötzlich erfüllt.

Wie konnte es auch anders sein. Er war da.

Es ist Advent.
Amen.

Es gilt das gesprochene Wort.