Predigt, Römer 7, 14-25a

  1. Sonntag nach Trinitatis

 

Denn wir wissen, dass das Gesetz geistlich ist; ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft.

Denn ich weiß nicht, was ich tue. Denn ich tue nicht, was ich will; sondern was ich hasse, das tue ich.

Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, stimme ich dem Gesetz zu, dass es gut ist.

So tue ich das nicht mehr selbst, sondern die Sünde, die in mir wohnt.

Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt. Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht.

 

Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.

Wenn ich aber tue, was ich nicht will, vollbringe nicht mehr ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt.

So finde ich nun das Gesetz: Mir, der ich das Gute tun will, hängt das Böse an. Denn ich habe Freude an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen.

Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz in meinem Verstand und hält mich gefangen im Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist.

Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem Leib des Todes?

Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn!

So diene ich nun mit dem Verstand dem Gesetz Gottes, aber mit dem Fleisch dem Gesetz der Sünde.

 

Was wäre, wenn ich mich nicht für Berlin entschieden hätte?
Was, wenn ich mit dem Rad eine Minute später die Straße überquert hätte, an der der LKW nach rechts abbog?
Was wäre, wenn ich meinen Freund nicht betrogen hätte?

Was, wenn ich früher zur Vorsorgeuntersuchung gegangen wäre?

Was wäre, wenn ich diese Kirche nie betreten hätte?

Und was, wenn ich die Mail nicht abgeschickt hätte?
Was wäre, wenn ich zu Hause geblieben wäre?

Was wäre, wenn…?
Ich lebe. Also entscheide ich. Ich trenne Optionen voneinander und handele. Unabhängig davon, wofür oder wogegen ich mich entscheide – ich handele.

Ich kann nicht nicht handeln.
Es gibt die kleinen Entscheidungen: Was esse ich heute Mittag? Welche Zeitung lese ich? Wann gehe ich zum Zahnarzt?
Und es gibt die großen, die Lebensentscheidungen.

Wo und wie und mit wem will ich leben? Womit verdiene ich mein Geld?

Was will ich meinen Kindern weitergeben? Will ich überhaupt Kinder?

Wofür engagiere ich mich? Und wem oder was widersetze ich mich?

Wer bekommt meine Stimme? Wer mein Gehör? Woran glaube ich?

 

Grundsatz jeder eigenen Entscheidung ist, zu überleben. Mehr noch, gut zu überleben. Oft genug unter Zeitdruck und ohne ausreichendes Wissen.

Ja, Paulus, ich weiß nicht, was ich tue. Denn ich tue nicht, was ich will; sondern was ich hasse, das tue ich.

Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht.

Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.

 

Ja, ich weiß doch. Und die Berliner Band „Rosenstolz“ singt dazu ihr Lied:

„Bin doch gestern erst geboren
Und seit kurzem kann ich gehen
Hab mein Gleichgewicht verloren
Doch kann trotzdem grade stehen

Das bin ich, das bin ich
Das allein ist meine Schuld

Ich bin jetzt
Ich bin hier
Ich bin ich
Das allein ist meine Schuld.“

Und ich höre zu. Und fühle mich schuldig. Und gehe weiter. Und treffe die nächsten Entscheidungen. Und beruhige kurz mein Gewissen. Und verstricke mich weiter in dem Netz aus Unverfügbarkeiten und Zerreißproben. Ich komme da nicht heraus. Ich elender Mensch. Ich richte mit meinem ökologischen Fußabdruck auf Schritt und Tritt Unheil an.

Ich habe mich hoffnungslos verirrt im Labyrinth meines schlechten Gewissens.

 

Die Gesetze guten Handelns sind aber auch unüberschaubar geworden.

Und das Weltgewissen kennt keine Gnade.

Kaufe ich Gemüse aus der Region, muss ich mir vorwerfen lassen, dass der heimische Anbau je nach Jahreszeit höhere Energiekosten verursacht als Importe aus warmen Regionen. Unterstütze ich hierzulande gefertigte Kleidung erinnert man mich daran, dass ich damit Arbeitsplätze in wirtschaftsschwachen Ländern gefährde.

Packe ich meine Einkäufe in eine Papiertüte, um den Plastikmüll zu mindern, höre ich, dass die Herstellung von Papiertüten umweltschädlich ist. An Urlaubsreisen darf ich überhaupt nicht denken. Fliegen ist kriminell, das Auto verbietet sich und die Bahn ist fast unerschwinglich. Also steige ich auf mein Rad und hoffe, dass ich nicht zur falschen Zeit am falschen Ort die Ampel überquere. Puh….

 

Paulus? Was sagst du? „Ich elender Mensch. Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe? Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn!“

 

Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn!

Ich lebe. Sagt Jesus Christus. Und darum sollt ihr auch leben.

Vor unseren Entscheidungen und Wahlen steht seine Wahl. Er hat uns gewählt.

Die angstvolle Sorge um uns selbst als Grund für ungute Beziehungen zu Anderen, zu den Dingen und zur Welt ist Ausdruck von Gottesferne.

Alle Versuche, die Welt als Spiegel meines Gutseins und meiner Daseinsberechtigung zu betrachten, lassen mich vergessen, auf Jesus Christus zu schauen.

Hätte sich Gott in Jesus Christus der Welt nicht zugewandt, wir wüssten nicht, wie es um uns und die Welt stünde.

 

Er ist uns nahe gekommen und hat selbst erlebt, was es heißt, in dem Netz aus Unverfügbarkeiten und Zerreißproben zu leben. Doch er hatte in seinem Leben immer eine Richtung, eine Perspektive, auf die hin er entschieden, gehandelt und sich neu ausgerichtet hat.

 

Ohne den Blick von außen und ohne ein Aufgestört-Werden kann es nicht gehen. Ohne den Bezug auf Jesus Christus ist alles Reden von Schuld und Rechtfertigung und Verzeihung ohne letzte Begründung und damit ideologisch.

Paulus macht im Licht seiner Worte – die jede und jeder daheim im Gottesdienstheft bitte in Ruhe nachlesen mag – deutlich, dass Jesus Christus selbst zeigt, welche Mächte uns gefangen halten.

Er bewahrt uns nicht vor unseren täglichen Zerreißproben im Ringen mit ihnen. Den Rückfall in die Ich-Zentriertheit wird es immer wieder geben. Der Versuchung, meine Daseinsberechtigung aus dem Echo meiner Umwelt zu ziehen, werde ich wieder und wieder erliegen.

Und den Götzen in Gestalt großer Verheißungen sowieso.

All diese Mächte müssen und werden aber nicht das letzte Wort haben. Jesus Christus gibt mich nicht auf. Er wird versuchen, sich in mir zu verankern. Ihn zu ergattern, den Blick auf sich und sein Vertrauen und seine Liebe.

„Was wäre, wenn“ zählt dann nicht mehr. Was ist, das ist wichtig. Und das sind eben nicht die großen gnadenlosen Endzeitphantasien, die an die Stelle der christlichen Heilserwartungen getreten sind.

Es ist die von Gott geschaffene Welt mit all ihren Kreaturen.  Sie ist trotz aller Kriege und Katastrophen eine schöne, eine zu bewundernde Welt. Sie ist froher und bunter, als sie sich Vielen darstellt und von Vielen dargestellt wird.

Dass wir Menschen an ihr schuldig werden ist die Kehrseite der Freiheit, sie gestalten zu dürfen.

Gott hat in Jesus Christus vor Augen geführt, was es heißt, in dem Netz aus Unverfügbarkeiten und Zerreißproben zu leben.

Er hat dieses  Netz zu einem Kreuz geknüpft.

Es ist ein Zeichen des Todes.

Und es ist Zeichen des Lebens.

Immer beides.

Jesus hat die Macht des Todes überwunden. Er lebt.

Und stellt mit Blick aufs Kreuz die Frage, wie die todbringenden Mächte im Leben überwunden werden können.

Bei ihm ist die Vergebung von Schuld. Wenn wir ihn darum bitten.  Gnädig und barmherzig ist der HERR,

geduldig und von großer Güte.

Er ist nahe allen, die ihn anrufen,

allen, die ihn mit Ernst anrufen.

Und die Berliner Band Rosenstolz klingt plötzlich neu, wenn sie singen:

Bin doch gestern erst geboren

Und seit Kurzem kann ich gehen

Hab mein Gleichgewicht verloren

Doch kann trotzdem gerade stehen.

Wir sind jetzt
Wir sind hier
Wir sind wir

Das allein ist unsere Schuld

Gehör ich hier denn noch dazu?
Amen