Dialogische Predigt über Jeremia 20,7-11

(I. Aller Anfang ist blind)

Am Anfang war der Wunsch zu sehen. Danach, dass die Augen aufgetan würden und dass sie mehr erfassen könnten als bisher. Adam und Eva essen vom Baum der Erkenntnis. Sie vertrauen sich selbst mehr als Gott, genügen sich nicht, wie sie sind. Ihre Augen wurden aufgetan, heißt es. Und Gott verweist sie aus dem Paradiesgarten. Zuvor macht er ihnen Röcke aus Fellen und zieht sie ihnen an.

Das hebräische Wort für „Fell“ und für „blind“ ist mit den gleichen Buchstaben geschrieben. Das Fell, das Adam und Eva umgehängt wird, kann auch mit dem Wort für „blind“ gleichgesetzt werden. Mit dem Nehmen vom Baum der Erkenntnis geht eine Sichtweise verloren. Die Menschen werden blind. Da, wo sie nach dem Äußeren greifen, wie mit dem Griff nach dem Baum der Erkenntnis, da verlieren sie den Blick für das Wesentliche. Am Anfang ist der Wunsch zu sehen. Und zugleich die Blindheit. Wir tragen das Fell, das uns umgelegt wird.

(II. Die Sehnsucht, gesehen zu werden)

Jedoch die Sehnsucht danach, gesehen zu werden ist groß. Und die sozialen Medien bergen heute viele Möglichkeiten, sich sehen zu lassen. Der Blick der Anderen fällt auf mein Profil, auf die Bilder, die ich von meinem Leben zeichne. Ich entscheide, was ich sehen lasse, wie ich mich selbst gern sehe. Das Andere bleibt im Verborgenen. Glatt ist die Oberfläche des Smartphones und der Instagram-Tauglichkeit, so glatt wie Heidis Haut. Was bedeutet, gesehen zu werden? Womöglich bedeutet es, mich so sehen zu lassen, wie ich mich gern selbst sehe. Der Blick auf das, was ich zeigen will. Sorgfältig inszeniert.

(III. Ohne Warum)

Vielleicht bedeutet es auch, sich schön finden zu lassen im Blick der Anderen. Ohne Optimierungsgedanken. Ohne ein Bild von sich vorzugeben oder vorzutäuschen. Gesehen zu werden, wie ich wirklich bin. Mit dem Blick Gottes. Der Mystiker Meister Eckart hat dafür den Begriff „ohne warum“ geprägt. Er meint damit das Sehen ohne Zweck, ohne Berechnung, ohne Herrschaft. Ohne Aufwand und Erfolg, ohne Kalkulation von Wahrscheinlichkeit und Nutzen, ohne Rivalität und Konkurrenz. Es ist der der Blick der Liebe. Zu üben, wie Gott sieht, heißt, ohne warum zu sehen, was ist. Schönheit suchen im Vorfindlichen. Und vertrauen darauf, dass dahinter mehr liegt als wir erfassen können. Und dabei nicht angewiesen sein auf Augen, die sehen. Sondern auf jemanden, der fühlt, und lacht und weint, liebt und leidet und sehnt wie ich selbst. Ein Mensch aus Fleisch und Blut.

(IV. Ein Mensch wie Jeremia)

Ein Mensch wie Jeremia. Auf den ersten Blick ist nichts Schönes an ihm. Im Gegenteil. Es hat ihn offenbar besonders schlimm getroffen. Verflucht sei der Tag, an dem ich geboren wurde, sagt er, der Tag soll ungesegnet sein, an dem mich meine Mutter geboren hat. Gottes Blick ist auf Jeremia gefallen. Hat in ihm etwas erkannt, das Jeremia selbst nicht sehen konnte. Jeremia erzählt an anderer Stelle, wie das gewesen ist, als Gott ihn ansah, und er sich nicht entziehen konnte: Gottes Wort geschah zu mir und sagte: Dich habe ich ausersehen und ich bestelle dich zu einem Propheten für die Völker.

Jeremia wird von Gott beauftragt: Er soll dem Volk die Augen öffnen, die Menschen aufrütteln, die andere ausbeuten, niedermachen, die sich weit entfernt haben von Gottes lebensdienlicher Weisung und nur ihr eigenes Wohl im Blick haben. Aber: Niemand erkennt in Jeremia den liebevollen Blick, mit dem Gott sieht. Statt dessen hört er, wie viele heimlich reden: »Verklagt ihn!« Verlacht wird er, verhöhnt, verspottet. Hinter seinem Rücken tuscheln sie. Lauern, ob er nicht fällt.

(V. Damals und heute)

Cyber-Mobbing nennt sich das heute. Oder Shit-Storm. Wenn Menschen nicht den Maßstäben entsprechen, die sonst wer gemacht hat. Divergent sind. Defizitär sind in den Augen Anderer. Oder etwas sagen, das unbequem ist. Und schwer auszuhalten. Oder einfach sich selbst überlassen sind in dieser Stadt. Den vielen Barrieren ausgesetzt. Äußeren und inneren. Viele halten es nicht aus, nicht gesehen zu werden. So wie sie sind. Mit dem, was sie nicht haben. Sie können nicht mehr. Werden krank. Ziehen sich zurück. Treten zurück…

(VI. Auftragserfüllung trotz und mit Defiziten)

Das wollte Jeremia auch tun. Am Boden liegt er. Völlig entkräftet. Die Augen geschlossen. Nichts mehr sehen will er von dieser Welt, in der er verspottet, verhöhnt und bedroht wird. Nichts mehr wissen will er von Gott. Seinem Gott, der ihn überhaupt erst in diese Lage gebracht hat. Der ihn geschaffen hat im Mutterleib. Und später beauftragt.

Da dachte er: Ich will seiner nicht mehr gedenken und nicht mehr in seinem Namen predigen. Aber er konnte nicht: Es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, in meinen Gebeinen verschlossen, dass ich’s nicht ertragen konnte; ich wäre schier vergangen.

Nein, Jeremia bleibt bei Gottes Auftrag. Auch wenn er meint, er schaffe es nicht. Sei zu wenig, zu schwach, der Falsche. Von Gott beauftragt und in seinen Dienst gestellt: Trotz und gerade mit all den vermeintlichen Defiziten. An Jeremia können wir sehen: Gerade in unseren angeblichen Defiziten liegt eine Stärke, aus der Großartiges erwachsen kann. Vertrauen wir auf Gott! Er wird’s wohl machen…

(VII. Gott gibt sich in uns zu erkennen)

Gott hat mich so gewollt. So sieht er mich an. Mehr noch. Er ist selbst einer geworden, der sich sehen lässt. Mensch geworden in Jesus. Er gibt sich zu erkennen, lässt sich berühren. Aber er macht sich auch verwechselbar. Mit dem Blick auf Jesus Gott zu erkennen heißt, damit zu rechnen, dass er sich in jedem Menschen erkennen lässt. Mich selbst und Andere durch Gottes liebevolle Augen zu sehen heißt, alte Sichtweisen zu hinterfragen. Aufmerksam zu sein für Situationen und Begegnungen. Und das Staunen darüber nicht zu verlernen, auf wieviele Arten Gott sich sehen lässt. Und dafür nicht angewiesen zu sein auf Augen, die sehen.

Jeremia tut das. Er vertraut Gott. Und das hilft ihm zum Leben. Wie es die Überschrift dieses Sonntags sagt: Okuli. Meine Augen sehen stets auf den Herrn. Und dafür braucht es keine Augen, die sehen…

Amen.

Es gilt das gesprochene Wort!