Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus.

I.

Und das Jahr lebte 365 Tage und sah seine Kinder und Kindeskinder in jeder Stunde. Und das Jahr starb alt und lebenssatt. Wäre das Jahr ein Buch in der Bibel, es endete wohl mit diesen Worten. Vorher lebte es durch 42 Kapitel hindurch. Es erlebte die Widerlichkeiten und die Sonnenseiten eines Lebens. Es ließ sich beschimpfen, aufbauen, ermuntern, pushen und ging in Sack und Asche. Es hatte einen Anfang. Der Anfang klingt biblisch in etwa so: Es war ein Jahr in dieser Welt, das hieß 2019. Es war fromm, rechtschaffen und mied das Böse. Und es zeugte Leben, Menschen, Geschichten und Erlebnisse, Kriege, Unglücke, Glücksmomente und Freudentaumel, die kein Mensch alleine fassen konnte, und es besaß siebentausend Schafe, dreitausend Kamele, fünfhundert Joch Rinder und fünfhundert Eselinnen und sehr viel Gesinde, und es war reicher als jedes andere Jahr, das die Menschen kannten. Wäre das Jahr ein Buch in der Bibel, es könnte mit diesen Worten beginnen, bevor es 42 Kapitel lang davon erzählt, was ihm widerfährt. Und ein jeder und eine jede, die dieses Buch aufschlagen, würde darin die eigene Geschichte auf einzigartige Weise erzählt wiederfinden. Das erste Kapitel liegt 363 Tage zurück. Das letzte wird in 61 Stunden abgeschlossen. Das Ende ist der Anfang. Das Ende braucht ein Bewusstsein und Aufmerksamkeit, um gelingen zu können. Wie aufhören, wenn das Gefühl des Endes aufkommt?Wie aufhören, wenn ich noch gar kein Ende sehe, aber alle von Schluss reden? Das Ende ist der Anfang.

II.

Das Ende ist der Anfang. So auch beim Menschen Hiob. Aus dem Menschen Hiob ist ein Buch mit 42 Kapiteln geworden, das glaubende, leidende und zweifelnde Menschen so treu und lange begleitet, wie der Mond die Erde umkreist. Es endet mit diesen Worten: Und Hiob lebte danach hundertvierzig Jahre und sah seine Kinder und Kindeskinder bis in das vierte Glied. Und Hiob starb alt und lebenssatt. Ein Leben wird vom Ende her gedacht. Das Ende ist der Anfang. Viel mehr Anfang, als ich mir jetzt vorstellen kann.Ein guter Name ist besser als das beste Öl, und der Tag des Todes ist besser als der Tag der Geburt, sagt der Prediger Salomo und erlebt das Ende als Anfang. Hiobs Anfang klang so: Es war ein Mann im Lande Uz, der hieß Hiob. Der war fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und mied das Böse. Und er zeugte sieben Söhne und drei Töchter, und er besaß siebentausend Schafe, dreitausend Kamele, fünfhundert Joch Rinder und fünfhundert Eselinnen und sehr viel Gesinde, und er war reicher als alle, die im Osten wohnten.

III.

Vielversprechend war Hiobs Anfang. Kein leerer, versiffter Stall am Rande der Wüste.Kein durch göttliches Eingreifen von Herrn Geist geschwängertes Teenie-Mädchen mit einem greisen Opa als Ehemann. Keine drei verklärten Rockstars mit Krönchen, die ihr Gold, ihren Dampf und ihr Gras in Bethlehem vergessen. Nein, Hiobs Anfang hat die Gnade der Sonnenseite des Lebens. Voll männlicher Zeugungskraft. Mehr Schafe als seine Bande jemals essen könnte.Mehr Kamele, als dass ein Mensch auf jedem von ihnen einmal dem Sonnenuntergang entgegenreiten könnte. Mehr Geld als in die beiden Koffer passt, die ein Mensch hinter sich herziehen kann. Vom Anfang her gelesen geht es schnell bergab, das Leben Hiobs. Es folgen die Widerlichkeiten. Er darf sich beschimpfen, pushen, verlachen lassen. Er geht in Sack und Asche und hat mittendrin nicht einmal mehr einen leeren, siffigen Stall, in den er alle seine Nöte verschließen kann. Nackend, elend, blutend liegt er da und niemand bringt ihm mehr Blumen. Keine Rosen, keine Nelken und kein Rosmarin.

IV.

So geht es dahin – Hiobs Leben – vom Anfang gelesen 41 Kapitel lang und immer wieder frag ich mich, warum.Warum dies Leid, warum der Zorn, warum die Verzweiflung und warum nehmen ihn seine Freunde auf’s Korn? Ist Hiob, ist nicht jeder Mensch nicht genug schon geplagt im Lebenslauf? Die einen mehr, die andern weniger und wie erleichternd ist es doch, wenn Hiobs Botschaften an mir vorüberziehen und bei den anderen wie Schatten vorüberfliehen? Nicht aus Schadensfreude sollen sie woanders wohnen. Es ist vielmehr das Leiden selbst, das ich nicht tragen kann. Auch wenn mir so viele Leidensmenschen vor Augen gestellt, wenn bei meiner Friseurin die Bauspeicheldrüse krebst, wenn Mutti mit 59 doch noch ihre Arbeit verliert, wenn Oma sich schon längst vergessen hat, wenn nichts mehr ist, wie es früher war und die Zukunft mir mehr droht mit allen ihren Fluten, Krisen und wandernden Menschen auf Suche nach Schutz und Glück. Ja auch Glück. Glücklich werden ist nicht nur mein Menschenrecht und Menschen ersaufen lassen, ist einfach zur frech.
Auch wenn mir so viele Leidensmenschen vor Augen gestellt, ich will’s nicht annehmen, aufnehmen, hinnehmen, vergessen. Und doch bin ich froh, wenn es vorüberzieht. Hiob ist zum Glück schon lange tot. Wäre ich Hiob, ich sehe in Kapitel eins schon rot. Gott, das Leben, mein Glück – sie haben mich bewahrt. Sie bewahren mich in einer Tour. Nur sicher bin ich mir nicht, es fühlt sich an, als gibt es im Leben schon Gericht. Nein, den Gedanken verbiete ich mir, ich denke an Hase und Igel und höre Gott rufen: „Ich bin allhier!“
Ich sehe Dich zwar nicht, doch will ich es mit Simeon halten, dem Alten, der versöhnt, befriedet und beseelt von dannen zieht, weil er Dich gesehen hat im Ende und das sein Anfang war. Ich sehe Dich zwar nicht, du alter, großer Gott „Ich bin allhier!“. Doch will ich es mit Hiob, dem reichen armen Leidensmann halten, der im Ende den Anfang bekennt und du ihm einen Anfang schenkst. Ich sehe Dich zwar nicht, du kleiner, gekreuzigter Gott und doch will ich mit Hiob vom Ende her rufen und dem neuen Anfang entgegenschauen, der auf mich und auf uns und auf die ganze Welt noch wartet:

Ich weiß, dass du alles vermagst,
und kein Vorhaben ist dir verwehrt.
Wer ist es, der den Plan verfinstert ohne Wissen?
So habe ich erzählt – und erkannte nichts –
zu wunderbar für mich und unbegreiflich.
Höre doch und ich will reden,
ich will dich fragen, lehre du mich!
Vom Hörensagen hatte ich von dir gehört,
jetzt aber hat mein Auge dich geschaut.
Darum verwerfe und revidiere ich meine Einstellung
– auf Staub und Asche.

Auf Staub und Asche! So leben wir hin dem Ende entgegen, um ganz am Anfang zu sein. Es ist ein weites Feld, das vor dir liegt. Viel Mut zum tapferen Ende und zum noch viel schöneren Anfang! Es ist allhier! Amen.