Predigt in St. Marien Berlin am 10. November 2019 zu Lukas 6, 27-38 / Prof. Dr. Thomas Klie, Theologische Fakultät Rostock

Gnade sei mit Euch und Frieden – von Gott, unserm Vater und von Jesus Christus unserm Herrn. Amen

Liebe Gemeinde –

„Das endzeitliche Büro hat heute zumeist geschlossen“, so sagte es der Theologe Ernst Troeltsch vor gut 100 Jahren in seiner Vorlesung. Er brachte damit auf den Punkt, dass die Vorstellung von einem zukünftigen Reich Gottes seiner Zeit den meisten Evangelischen nicht mehr einleuchtete. Das Reich Gottes, das Jesus einst verkündete und von dem die Bibel in vielen Lesarten und Bildworten spricht, schien ihm doch eher etwas zu sein, für das man selbst zuständig sei. Durch sein eigenes sittlich-religiöses Handeln, seine tätige Nächstenliebe. Also nicht irgendwann in ferner Zukunft: Der „jüngste Tag“ ist immer heute. Da, wo ich mich ordentlich verhalte und Nächstenliebe übe, da passiert das Reich Gottes. Dass die göttliche Wohnwelt irgendwann einmal über uns hereinbrechen wird – der Himmel auf Erden – wer glaubte das zu Beginn des 20. Jh. schon noch?
Und wer glaubt das heute noch? Wenn wir heute den drittletzten Sonntag des Kirchenjahres begehen, dann nähern wir uns mit den Themen und Texten genau diesem wunden Punkt der Glaubenslehre („Glaubenslehre“ wahlweise mit „eh“ oder „ee“ geschrieben): Wenn sich in den Kaufhäusern längst schon die Weihnachtsmänner stapeln, werden wir in der Kirche eingestimmt auf die „letzten Dingen“, die uns erwarten, den Tag Gottes, der dann nur noch eine ewige Morgenröte kennt, den Tag, an dem „Schwerter zu Pflugscharen“ werden, den Tag, an dem die heilige Stadt Gottes auf uns herabschweben wird, den Tag, an dem himmlische Blechbläser die Toten aus ihren Gräbern herausposaunen.
Um mich hier gleich unmissverständlich zu outen – ich bin weit davon entfernt, diese grandiose Verheißung einfach nur kampflos den Zeugen Jehovas zu überlassen. Denn dort ist sie in denkbar schlechter Gesellschaft. Nein – ich nehme es ernst, dass unser Herr Jesus Christus dieser unserer Lebenswelt ein Ende angesagt hat. Und zwar von Gott her. Nicht als ein allmählicher Entwicklungs- und Wandlungsprozess, den wir selbst in der Hand haben, sondern als der unvorherseh­bare Anbruch einer von Gott heraufgeführten neuen Wirklichkeit.
Jesus und mit ihm ausnahmslos alle Autoren des Neuen Testaments waren sich sicher, dass der „Tag des Herrn“ schon recht bald über die ganze Welt hereinbrechen würde: „Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. – darum: Tut Buße!“ Dies ist der Grundton ihrer Botschaft, wenn man so will: das Vorzeichen vor der Klammer. Alles was sonst noch an wichtigen Glaubensdingen benannt wird, in Gleichnissen und Wundern, in Erzählungen und Reden, steht hier in der Klammer. Muss von diesem Grundton her gehört und dann am besten auch: verstanden werden.
Dieser Glaube war so fest verankert in der ersten christlichen Generation, dass man sich Gedanken darüber machte, wie man sich denn in der kurzen Zeit, die einem noch blieb, überhaupt noch verhalten solle. Was lohnt sich denn noch groß anzufangen, wenn Gott eh bald alles neu ordnet?
Noch heiraten oder lieber lassen? – Paulus rät: Bleibt einfach so wie ich jetzt gerade: unverheiratet. Aber wer partout nicht enthaltsam sein kann, der soll halt heiraten. Besser verheiratet und entspannt vor Gott treten als voll ungestillten Verlangens. Ja und wer jetzt schon gestorben ist, bevor Christus wiederkommt? Was ist mit denen? – Auch kein Problem: Die bereits Verstorbenen verpassen überhaupt nichts. Sie werden natürlich auferstehen. Und die Schwerhörigen unter den Leichen wird der endzeitliche Posaunenchor schon rechtzeitig wecken. Und die noch Lebenden können auch ganz entspannt bleiben – sie werden einfach in den Himmel „entrückt“, wie einst Elia. Der Apostel Paulus rechnete ganz fest damit, dass Christus noch zu seinen Lebzeiten wiederkehren würde. Dies galt ihm als das schlechthinnige Ziel aller irdischen Zeitläufte. Auch wenn sich in seinen späteren Briefen eine gewisse Skepsis zeigt, ob er – inzwischen schon ein älterer Herr – den jüngsten Tag auch wirklich noch persönlich erleben würde, so war er sich doch völlig sicher, dass dann halt kurz nach seinem Tod all das passieren würde, was bereits Jesus weissagte.
Dies war allen Christen in der ersten Generation völlig klar. Ihre Frage war eher: Wie sollte man sich in der Zwischenzeit gegenüber seinen Mitmenschen verhalten? Für die kurze Zeit, die allen noch bleiben würde. Gegenüber den Mitchristen, die ja denselben Glauben an das Ende der Zukunft teilten, war das ja moralisch ganz eindeutig. „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst!“ – Aber auch all die anderen lieben? Die Juden, die einem zu Leibe rückten, z.B. in Gestalt eines Saulus. Oder noch vertrackter: die Römer? Die verhassten Feinde, die den Herren gekreuzigt hatten? Etwa auch seine Feinde lieben? Nächstenliebe unter Extrembedingungen? Diejenigen, die einem nach dem Leben trachten, einfach lieben?
Die Bergpredigt ist hier ganz schnörkellos: ‘Ja, liebt die, die Euch verfolgen! Ja, liebt eure Feinde!’ Sie sagt nicht, woher man die Kraft nehmen soll für diese schier unglaubliche Zumutung. Die Bergpredigt sagt nur: „Liebet eure Feinde! Segnet, die euch fluchen. Tut wohl denen, die euch hassen. Bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen.“ Jesus konnte diese krassen Weisungen so formulieren, weil sie Weisungen für eine kurze Zwischenzeit waren: Für die überschaubare Frist bis zum Reich Gottes gilt auch ein außergewöhnliches Verhalten. Denn das eine ist so unnatürlich wie das andere. Das Ende der Wirklichkeit zu erwarten, liegt völlig quer zu jedem Zeitgefühl. Und seine Feinde zu lieben, liegt völlig quer zu jedem Gerechtigkeitsgefühl. Und doch hat beides direkt miteinander zu tun. Die „Ruhe vor dem Sturm“ ist eben eine ganz besondere Ruhe. Eine Ruhe, die nach hinten begrenzt ist. Eine Ruhe, die die Entladung ahnt. Und übertragen auf die Feindesliebe: eine Anweisung Jesu für die zu Ende gehende Zeit. Übergangsgebote für die Übergangszeit.

Liebe Gemeinde,
Sie ahnen es vielleicht: Wenn man das „endzeitliche Büro“ schließt, dann verändert das die theologische Geschäftsgrundlage in erheblichem Umfang. Dann wird aus einem Übergangsgebot für eine Übergangszeit eine absolute, eine zeitlose Norm. Aus der Ehelosigkeit auf Zeit wird das eherne Gesetz des Zölibats. Lebenslang und ausnahmslos. Und aus dem zwischenzeitlichen Extremgebot der Feindesliebe wird ein allgemeines Christengesetz. Viele von uns haben das ja in der friedenserweckten Zeit nach 1983 auch so erfahren und für richtig empfunden. Natürlich kann man mit der Bergpredigt Politik machen – so die fast einhellige Meinung. Man muss sie nur beim Wort nehmen und umsetzen …
Aber die Feindesliebe und genauso das Zölibat sind natürlich krasse Überforderungen, wenn die Vorläufigkeit, die Geltungsdauer hier nicht mit eingepreist wird. Es macht einfach einen Unterschied, ob jetzt etwas so sein soll oder ob es immer so sein soll. Wer Kinder erzieht, der kennt diesen Unterschied.

Ich möchte also das endzeitlicher Büro wieder öffnen und fragen, welchen Reim können wir uns heute darauf machen können.

Ich sehe drei redliche Möglichkeiten:

  1. Vielleicht ein wenig banal, aber für unseren religiösen Gefühlshaushalt ist die Dramaturgie des Kirchenjahres nicht das schlechteste Vorspiel für ethische Entscheidungen. Wer bewusst im Kirchenjahr lebt, der sieht sich immer auch mit Themen und Texten konfrontiert, die heilsam querstehen zur allfälligen Berieselungsbereitschaft. „Der Himmel der ist, ist eben nicht der Himmel, der kommt.“ So setzt uns z.B. der existenzielle Ernst des Novembers, der schlussendlich im Ewigkeitssonntag mündet, die Demut auf die Jahresordnung. Und Demut bleibt nie untätig.
  2. Wir sollten misstrauisch bleiben gegenüber der Faszination der Zwänge. Nur Evangelikale nehmen die Bergpredigt wörtlich. Aber genau dadurch nehmen sie sie nicht beim Wort. Wir können uns und anderen die Spannung zwischen dem Schon-Jetzt des Glaubens und dem Noch-Nicht der Erlösung nicht ersparen. Wohl keiner von uns ist in der Lage, die radikalen Übergangsgebote der Bergpredigt zu leben. Was uns jeweils gerecht und angemessen erscheint, das bewegt sich eben im Vorletzten. Aber: „Der Himmel der kommt, grüßt schon die Erde, die ist.“ Wenn wir uns also ein ums andre Mal verfehlen, dann können wir gewiss sein, dass uns Gott schon jetzt zu den Seinen zählt.
  3. Wir sollten all die großen und kleinen Entscheidungen des Alltags von seinem Ende – nein: von unserem Ende her in den Blick nehmen. In der Weisheit des Jesus Sirach heißt es: „Was du auch tust, denke an dein Ende, dann wirst du nie etwas Böses tun“. (Sir 7,36) Ich empfehle uns nachdrücklich diese kritische Rück-Sicht. Nicht nur auf etwas hin entscheiden, sondern immer auch von etwas her.

Ich möchte Ihnen nun abschließend die biblischen Wortlaute verlesen, die diese meine Kanzelrede motiviert haben:

 Aber ich sage euch, die ihr zuhört: Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen.
Segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen.
Und wer dich auf die eine Backe schlägt, dem biete auch die andere dar.
Und wer dir den Mantel nimmt, dem verweigere auch den Rock nicht.
Wer dich bittet, dem gib.
Und wer dir das Deine nimmt, von dem fordere es nicht zurück.
Und wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch!
Und wenn ihr liebt, die euch lieben, welchen Dank habt ihr davon? Denn auch die Sünder lieben die, die ihnen Liebe erweisen.
Und wenn ihr euren Wohltätern wohltut, welchen Dank habt ihr davon? Das tun die Sünder auch.
Und wenn ihr denen leiht, von denen ihr etwas zu bekommen hofft, welchen Dank habt ihr davon? Auch Sünder leihen Sündern, damit sie das Gleiche zurück­bekommen.
Vielmehr liebt eure Feinde und tut Gutes und leiht, ohne etwas dafür zu erhoffen. So wird euer Lohn groß sein, und ihr werdet Kinder des Höchsten sein. Denn er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen.
Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.
Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet.
Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt.
Vergebt, so wird euch vergeben.
Gebt, so wird euch gegeben: Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben. Denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch zumessen.

Amen