Gestern ist morgen und morgen ist heute und heute ist lang schon vorbei.

Das kleine Geheimnis erwacht schweißgebadet in seinem Bett. Es schläft schon lange mehr schlecht als recht. Vor dem Schlafengehen am Abend beginnt das Kino in seinem Kopf, fast so als würden tausende Engel zugleich auf der Himmelsleiter das Gloria auf und ab stampfen.

[Fleisch]

Das Geheimnis wird schier wahnsinnig in seinem Körper. Es will raus. Es will weg. Es will nicht mehr geheim sein, nicht mehr klein sein. Nie wieder im eigenen Schweiße erwachen, zittern und sich fragen wohin. Das Geheimnis will verstehen, sehen und verstanden werden. Mehr als Kopfkino voller Sehnsucht will es sein.

[Geist]

Noch bevor der Morgen graut, schnappt sich das Geheimnis seinen Parka, schließt hinter sich die Himmelstür und rutscht die Himmelsleiter hinab. Autsch. Unten angekommen fällt es hart vor die Füße einer alten Frau. „Endlich bist Du da!“ sagte sie mit weicher Stimme zum kleinen geheimen Geheimnis, das zum Glück heile auf diese Erde gelandet war. „Endlich bist Du da, es wird Zeit!“
„Du hast gewartet?“ fragt das Geheimnis. „Mein Warten hat kein Ende und keinen Anfang,“ entgegnet die Alte, „es beginnt schon, bevor es überhaupt geendet hat.“
„Ich warte auch!“ sagt das Geheimnis. „Ich warte darauf, gesehen und verstanden zu werden und sehe und verstehe selbst doch nichts.“
Die Frau schaut und schweigt, wiegt den Kopf von links nach rechts und wieder zurück: „Also, je einsichtiger du weißt, dass du nichts weißt, umso mehr wirst du verstehen. Umso mehr wirst du verstehen, dass das, was du verstehst nie alles ist. Dein Wissen ist vielmehr ein ständiges Forschen und Suchen. Du forscht und suchst. Im selben Moment weißt Du, dass du noch nicht bei der Wahrheit angekommen bist. Denn niemals kann dein Wissen, dem, was überhaupt gewusst werden kann, in irgendeiner Form gleich sein.“ Das sagt die weise Frau, verschwindet im Nu und mit einmal öffnet sich wieder die Himmelstür und mit leisem sanftem Wummern rutschen Engel voller Licht die Leiter hinunter zum Geheimnis in der Nacht.

[Engel]

„Lasst mich in Ruh!“ schreit das Geheimnis. „Lasst mich in Ruh!“
„Wir sind nicht die, von denen Du sooft träumtest. Wir sind die Engel, die Dir den Weg bereiten heraus aus deiner langen Nacht. Sehen und verstehen willst Du und wir haben dich schon gesehen und verstanden, bevor Du wurdest, was du bist – eine Hoffnung voller Licht. Zieh weiter, du wirst erwartet.“ Da weint das Geheimnis, war aber nicht traurig. Es ist das erste Mal, dass jemand so etwas sagt. Dem Geheimnis laufen die Tränen, es ist aber nicht traurig, sondern erfüllt vom Glück. Es fühlt alles. Es fühlt nichts. „Du wirst erwartet!“

[Völker]

„Du wirst erwartet!“ Mit diesen Worten wummern die Engel die Leiter hinauf zurück in den Himmel und schließen die Tür hinter sich zu. Das kleine geheime Geheimnis sieht in der Dunkelheit plötzlich ein großes Licht. Es läuft hinüber zu dem Licht. Es ist eine Stadt. Menschen quillen heraus und herein zu ihren Toren. Das Geheimnis quetscht sich zwischen den Menschen hindurch in die Mitte. Dort in der Mitte, wo sonst getanzt wird, haben die Menschen einen Holztrog hingestellt mit Stroh und dazu Puppen. Eine Frau mit blauem Mantel schaut leicht verstrahlt in den Holztrog hinein. Der Mann, bestimmt ihr Mann, tut es ihr gleich. Dazu gesellen sich noch viele andere. Und das Geheimnis sieht etwas, was es noch nie geschaut hatte. In der Krippe lag ein Puppenkind und aus den Lautsprechern der Stadt tönte es süß und heimelig. Die Menschen konnten sich kaum sattsehen, fast so als sprudelte aus dieser Szene so etwas wie ein göttliches Texas der Glückseligkeit. Das kleine geheime Geheimnis sieht viel und versteht nichts.

[Kosmos]

Und es läuft weiter, wieder hinaus aus dieser Stadt zur nächsten und schaut erneut das Bild. Und wieder weiter und wieder das Bild. Es läuft und läuft und läuft und sieht viel und versteht es nicht. Sagten die Engel nicht, dass es erwartet wird? Sagte nicht die weise Frau, dass es umso mehr versteht, desto weniger es weiß? Wollte es nicht weg aus diesem Himmel, der es nicht mehr schlafen lies? Hatte es nicht sogar geweint vor Glück?

[Herrlichkeit]

Es läuft und läuft und kommt wieder zum Ort der Himmelsleiter zurück. Der Ort ist leer, die Leiter, sie ist weg. Die alte Frau vom Anfang wartet schon und lacht. Und mit einmal – mit einmal öffnet sich der Himmel, große Lichter malen eine nie gesehene Weite in die Nacht. Alles, was ist, hebt sich auf. Die Welt, sie weitet sich in einem Moment. Die Zeit bleibt stehen. Aus dem kleinen Geheimnis wird ein großes, das die Welt durchströmt, die für einen Moment vergisst zu atmen. Sie hält an. Sie löst sich auf und sieht nur Licht. Anfang und Ende sind eins. Das Denken, das Suchen, die Sehnsucht  – sie schalten sich ab. Die Menschen schauen einander in die Augen und sehen und verstehen und lieben.
Die Krippe ist nicht mehr und auch die Enge der Finsternis hat sich geweitet hinein in nie gekannte Freiheit. Das große Geheimnis durchströmt die Welt und die Armut der Seelen ist dem Glanz gewichen für diesen Moment. Haltet ihn fest, so gut ihr könnt!
Das Große bleibt groß nicht und das Kleine nicht klein. Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag. Gestern ist morgen und morgen ist heute und heute ist lang schon vorbei.

Und groß ist,
wie jedermann bekennen muss,
das Geheimnis des Glaubens:
Er ist offenbart im Fleisch,
gerechtfertigt im Geist,
erschienen den Engeln,
gepredigt den Völkern,
geglaubt dem Kosmos,
aufgenommen in alle Herrlichkeit.

Frohe Weihnacht, Ihr Lieben!

Amen