Predigt_Buß- und Bettag 2019_Römer 2,1-11_St. Marien_mit Gedenken an Verkehrsopfer

1Deshalb hast du keine Entschuldigung, Mensch, wer auch immer du bist, wenn du über andere urteilst. Mit deinem Urteil verurteilst du dich selbst. Denn du tust doch genau dasselbe, auch wenn du es verurteilst. 2Wir wissen doch, dass sich Gottes Urteil über diejenigen, die so handeln, allein an der Wahrheit misst. 3Bildest du dir etwa ein, Mensch, dass ausgerechnet du Gottes Urteil entgehen kannst, wenn du dasselbe tust wie die, deren Handeln du verurteilst? 4Oder nimmst du die Fülle der göttlichen Güte nicht ernst, die Geduld und Großherzigkeit? Weißt du nicht, dass es allein die Freundlichkeit Gottes ist, die dich dazu bewegen kann, dein Leben zu verändern? 5Doch weil du so starrsinnig bist und dein Herz sich nicht zur Umkehr bewegen lässt, sorgst du selbst dafür, dass sich reichlich Zorn anhäuft bis zum Tag des Zorns, der Offenbarung des gerechten Gerichts Gottes. 6Gott gibt allen zurück, wie es ihrer Lebenspraxis entspricht: 7Ewig lebendiges Leben denen, die mit ausdauerndem Mut daran festhalten, das Gute zu tun – ein Leben im göttlichen Lichte zu führen, sich an der Wertschätzung und Unvergänglichkeit Gottes auszurichten. 8Leidenschaftlicher Zorn richtet sich gegen die, die aus Eigennutz und weil sie die Wahrheit nicht gelten lassen, dem Unrecht gehorchen. 9Schrecken und Angst wird alle Menschen erfassen, die in ihrem Leben Bösem Gestalt geben, die jüdischen zuerst und dann auch die griechischen. 10Die Klarheit Gottes, Wertschätzung und Frieden umfangen alle, die das Gute verwirklichen, jüdische Menschen zuerst und dann auch griechische. 11Denn bei Gott gibt es keine Privilegien.

(I. Das menschliche Maß)
Zwei Beine, fest auf der Erde stehend, und gleichzeitig breit und gebogen nach außen gespreizt, in Bewegung.
Zwei Arme, seitlich akkurat ausgestreckt und gleichzeitig nach oben gehoben, Richtung Himmel.
„Der vitruvianische Mensch“ ist eine der bekanntesten Zeichnungen Leonardo da Vincis.
Zu finden auf den italienischen 1-Euro-Münzen und auf den Versicherungskarten der gesetzlichen Krankenkassen.
Mensch, wer auch immer du bist:
Menschliche Proportionen haben Leonardo fasziniert.
Und über 500 Jahre später habe ich Leonardos Zeichnung vor Augen, wenn ich an das „Maß des Menschen“ denke.
Nackt, aber nicht bloß, sondern stark – so steht der Mensch im Mittelpunkt eines Kreises und Quadrates.
Der Mensch im Mittelpunkt der Pfade, Straßen und Quartiere,
im Mittelpunkt der Verkehrswege und der sich entwickelnden Stadt.
Das menschliche Maß der Dörfer und Städte,
das war lange Zeit der Takt der Fußgängerinnen.
Die Füße: das einfachste Fortbewegungsmittel der Welt.

(II. Aus dem Maß geraten)
Heute, am Buß- und Bettag, blicken wir in der St. Marienkirche auf 22 weiße Figuren,
die ein anderes Bild als Leonardos perfekte Proportionen vor Augen führen.
Die 22 Figuren stehen für 22 Menschen, die im bisher vergangenen Jahr 2019 auf Berlins Straßen getötet wurden. Als Fußgängerinnen und Fußgänger.
Erst vergangenen Abend gab es den letzten Todesfall, leider sehr typisch: Dämmerung im Herbst, innerstädtisch, Beteiligung von PKWs.
Eine 70-jährige Frau, angefahren beim Überqueren der Heerstraße in Spandau.
Die weißen Gedenkfiguren, aufstellt von FUSS e.V. und Changing Cities, erinnern an tödliche Zusammenstöße mitten in unserer Stadt.
Sie sind kleiner als ein menschliches Normalmaß, gestaucht,
und erinnern dadurch besonders daran, dass hier etwas aus dem Maß geraten, verschoben ist:
Hier ist jemand gestorben, ein Mensch mit zwei Beinen und zwei Armen.
Der, die schwächste Verkehrsteilnehmende.
Angefahren, gerammt, überrollt.
Der Mensch zu Fuß, nicht stark wie auf Leonardos Zeichnung, sondern schutzbedürftig und empfindlich.
Zusammengruppiert im Altarraum lassen sie mich zusammenzucken, die 22 Gedenkfiguren, denn auch ich könnte eine von ihnen sein.
21 Minuten am Tag ist im Durchschnitt jede und jeder in Deutschland zu Fuß unterwegs. Und damit länger als mit jedem anderen Verkehrsmittel.
Und: Das Zufußgehen ist die riskanteste Fortbewegungsweise überhaupt – zumindest wenn man es mit der zurückgelegten Strecke vergleicht.
2018 sind in Deutschland 457 Fußgängerinnen und Fußgänger tödlich verunglückt, 15 Prozent aller Verkehrstoten.

(III. Maß nehmen)
Zeit, um Maß zu nehmen, heute am Buß- und Bettag.
Und zuerst, so gebietet es das Maß des Menschlichen: Um inne zu halten und den Toten zu gedenken, die aus unserer Mitte gerissen wurden.
Denn alle 22 Gestorbenen waren ja Menschen aus Fleisch und Blut, mit Familie, Freundinnen und Freunden, mit einer eigenen Geschichte.
Sie wollten nur eben mal kurz über die Straße oder liefen auf dem Gehweg.
Und dann, einen kurzen Augenblick später, ist alles anders.
Und nicht nur diese 22 sind Opfer geworden, nein, viele mehr sind betroffen: Hinterbliebene und Angehörige, Augenzeuginnen, Helfer, Rettungskräfte. Und auch die, die am Steuer saßen oder auf dem Rad.
Mehr als 22 sind betroffen, mehr als 44 Füße, größere Kreise:
Es geht dabei auch um die Schuldfrage und den Verursacher des Unfalls,
um bewusstes Fehlverhalten, Regelbruch oder Unaufmerksamkeit.
Es geht um immer vollere Straßen und Gehwege in unseren Städten, auch hier in Berlin,
um immer enger werdenden Raum in der Mitte, den sich immer mehr Menschen auf immer mehr und größeren Verkehrsmitteln teilen, immer heftiger teilen, immer lauter, immer auch unaufmerksamer, Smartphone in der Hand, Stöpsel im Ohr.
Es geht um Auto-Schneisen in der historischen Stadtmitte, um den verloren gehenden Schutzraum Gehweg, um zu kurze Ampelphasen, um fehlende Radwege, um die letzte Meile… Ach.
Zeit, um Maß zu nehmen, heute am Buß- und Bettag.
Aber die menschlichen Maßstäbe, die erschöpfen sich schnell, angesichts der Fülle von Fragen, von Leid, Trauer und Schuld.
Verlockend erscheint es dabei, Schuldige zu finden und Entschuldigungen,
die SUVs und die Radfahrer-Rowdys und die betrunkenen Touristen auf den Elektrorollern und die LKWs ohne Abbiegeassistenten.
Nicht richtig geguckt, zu viel getrunken, zu langsam, zu schnell…
Ach, was bilde ich mir eigentlich ein?!
Halt! Sagt Paulus, heute am Bußtag:
Deshalb hast du keine Entschuldigung, Mensch, wer auch immer du bist, wenn du über andere urteilst. Mit deinem Urteil verurteilst du dich selbst.
Zeit, um Maß zu nehmen, heute am Buß- und Bettag.
Was sind meine Entschuldigungen?
Wo sind meine blinden Flecken, meine Starrsinnigkeit?
Was ist es, das mich gefangen hält und quält?
Weißt du nicht, dass es allein die Freundlichkeit Gottes ist, die dich dazu bewegen kann, dein Leben zu verändern?
So sagt es uns Paulus.
Hör auf, Maß zu nehmen, Ausflüchte zu suchen, dich selbst gerecht zu sprechen.
Glaube nicht, dass du allein dein Leben vermessen kannst – wie vermessen! Das kann nur Gott!
Also: Lass dein Herz zur Umkehr bewegen!

(IV. Das Maß des Menschlichen)
Gottes Maß ist Entlastung: Nach menschlichen Maßstäben gibt es keine Entschuldigung,
aber nach göttlichen Maßstäben ist da Geduld, Güte, Großzügigkeit, Erbarmen.
Unser menschliches Maß ist nicht das Ende, Gott sei Dank.
Sonst kämen wir ja nie raus aus den Schuldzuweisungen, aus dem Ableisten der Strafen, aus der andauernden Wiederholung, aus dem Kreisen um uns selbst.
Gottes Freundlichkeit bewirkt die Wende:
Ausdauernder Mut, ein Leben im göttlichen Lichte zu führen,
sich an der Wertschätzung und Unvergänglichkeit Gottes auszurichten.
Dort hat die Sehnsucht ihren Platz, ein Leben ohne Schrammen zu führen.
Dort hat die Klage ihren Platz, Trauer um die Getöteten, Wut, Zorn.
Dort hat die Hoffnung ihren Platz, dass Gott am Ende richten und alles, alles ins rechte, in sein Maß, bringen wird.
Gottes Vergebung lehrt uns das Maß der Menschlichkeit:
Schafft eure bösen Taten aus meinen Augen; lasst das Böse!
Lernt Gutes zu tun! Sucht das Recht! Kontrolliert die Gewalttäter!
Verhelft dem Waisenkind zum Recht! Prozessiert für die Witwe!
Den Ärmsten und Schwächsten Recht zu verschaffen, das ist Gottes Maßstab der Menschlichkeit.
Gott hat uns als Menschen geschaffen, die ihren Verstand und ihr Herz einsetzen können, um für andere einzutreten.
Mit Mut und Kreativität an einer menschenfreundlichen Stadt zu arbeiten.
Du kannst dein Leben verändern und damit das der anderen!
Wie sieht unser menschliches Maß aus, 500 Jahre nach Leonardo?
Der dänische Stadtplaner Jan Gehl sagt: „Eine Stadt ist nach meiner Definition lebenswert, wenn sie das menschliche Maß respektiert. Wenn sie also nicht im Tempo des Automobils, sondern in jenem der Fußgänger und Fahrradfahrer tickt. Wenn sich auf ihren überschaubaren Plätzen und Gassen wieder Menschen begegnen können.“ (edition brandeins: Urbane Innovationen, 3.2019, 10.)
Etwas kommt ins Rollen, auf Leonardos Zeichnung vom vitruvianischen Menschen.
Der Mensch, dieser Quadratschädel, kann sich bewegen.
Die Klarheit Gottes erkennen.
Fester Stand und gleichzeitig bereit, loszugehen, die Richtung zu ändern, umzukehren, neu anzufangen.
Einen Fuß vor den anderen setzen, angstfrei, sorgenlos.
Im Takt der Menschlichkeit.
Eine Armlänge Sicherheitsabstand, Respekt vor den anderen,
aber offene Hände und Arme, griffbereit, um zu helfen,
abzusteigen und zu schieben,
Autofahrer anzuhalten,
zu winken,
Petitionen zu schreiben,
ein neues Bild zu zeichnen vom Miteinander:
Auf Berlins Straßen zu Fuß unterwegs,
im Takt der Mitmenschlichkeit.
Amen.