Predigt_5. Sonntag nach Trinitatis_21. Juli 2019_Matthäus 9,35-10,1.5-10

(I. Mein Radius)
CZ:
Mein Radius an einem durchschnittlichen Tag ist 8,5 Kilometer.
So weit ist es von mir Zuhause in die St. Marienkirche mit dem Fahrrad.
Als Radius wird der Abstand zwischen einem Mittelpunkt M eines Kreises und der Kreislinie bezeichnet.
r = 8,5 km.
Mein Radius an einem normalen Tag ist 8,5 Kilometer in alle Richtungen, rund um den Mittelpunkt M: diese Kirche.
An einem nicht-durchschnittlichen Tag ist mein Radius schon mal größer.
Brandenburg an der Havel: 73 km
Baden-Württemberg, wo meine Familie lebt: 617 km.
Mein Radius verändert sich. Aber immer kreise ich um meinen Mittelpunkt.
„Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker“, sagt Jesus ganz am Ende des Matthäus-Evangeliums zu seinen Nachfolgerinnen und Nachfolgern. Sein letzter großer Auftrag.
Der sogenannte Taufbefehl, wir haben ihn vorhin gehört bei der Taufe von Anouk.
Alle Völker, weite Welt – großer Radius.
EH:
Groß ist bei der Rede Jesu, die uns Matthäus im 9. und 10. Kapitel überliefert, allerdings nur die Ernte.
Der Radius des Auftrags an seine Nachfolger*innen ist sehr viel kleiner.
Hören wir hin:
Und er rief seine zwölf Jünger zu sich […] und sprach: Geht nicht den Weg zu den Heiden und zieht nicht in eine Stadt der Samariter, sondern geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel.
[…] Ihr sollt weder Gold noch Silber noch Kupfer in euren Gürteln haben, auch keine Tasche für den Weg, auch nicht zwei Hemden, keine Schuhe, auch keinen Stecken. Denn ein Arbeiter ist seiner Speise wert.

CZ:
Großer Auftrag, kleiner Radius.
Nicht zu den Heiden und nicht zu den Samaritanern sollen die Nachfolger*innen Jesu ziehen, sondern zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel. Der eigenen Herde sozusagen. Alles zu Fuß erreichbar in kleinen Etappen.
Da braucht es auch kein großes Gepäck, keine Reiseutensilien, kein Necessaire, nicht einmal eine Tasche und Geld. Barfuss geht’s auch.
Denn die gefunden werden sollen, die sind direkt vor der Nase.
Haustüre auf, schon da.
Mein Radius: 8,5 Schritte.
Wie groß ist dein Radius?

(II. Dein Mittelpunkt)
EH:
Mein Radius hat sich verändert.
Ich bin mit Kosmonauten aufgewachsen.
Das Land, in dem ich geboren wurde, gibt es nicht mehr.
Die Grenzen, die mir auferlegt wurden, haben sich aufgelöst, dafür wurden neue gezogen. Und ich lege mir selbst vielleicht auch welche auf.
Mein Kosmos, die Gesamtheit von Raum, Zeit, Materie und Energie, ist wandelbar und dynamisch.
Mein geographischer Radius an einem durchschnittlichen Tag ist klein: Berlin-Mitte. Alexanderplatz. 1,3 Kilometer von meinem Zuhause.
Aber mein Wahrnehmungsradius ist enorm erweitert: Ein Blick in meinen smartes Phone bringt mir das Schicksal von Menschen auf der anderen Seite der Erde nahe.
Es ist, als würde ich mich in zwei Welten bewegen.
Mein Radius verändert sich.
Mal möchte ich nach den Sternen greifen, mal den Menschen berühren, der direkt vor mir steht.
Ich kreise um meinen Mittelpunkt wie der Mond um die Erde.
Unbeirrbar, aber nicht gleichmäßig, sondern schwankend, hin- und herbewegt von den Anziehungskräften.
Ich suche nach meiner inneren Mitte und bin nicht immer ausbalanciert, sondern manchmal auch schief und schlingernd.
Meine Welt verändert sich.
Mein Radius: Flexibel.

(III. In die Nachfolge berufen)
CZ:
Berufen in die Nachfolge.
Wer die Aussendungsrede Jesu hört, darf schon mal kurz Angst bekommen und sich fragen:
Sollen wir etwa alle radikale Wanderpredigende werden, auf der Straße lebend, von der Hand in den Mund, ohne Tasche, ohne Schuhe?
Keine Angst, Ihr Lieben!
Der Knackpunkt liegt im Auftrag sowie im Radius, meine ich.
Der Auftrag lautet:
Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus. Umsonst habt ihr’s empfangen, umsonst gebt es auch.
Das Himmelreich ist nahe. Und damit Linderung und Heilung von Leiden und Gebrechen. Inklusion. Freiheit von Besessenheit, Wahn und Angst. Und Gottvertrauen.
Die innere Mitte suchen.
Kreisen um meinen Mittelpunkt.
Und auf dieser Suche andere einladen und ihnen davon erzählen. Hoffnung bringen und Licht. Und tatkräftige Hilfe.
Umsonst. Freigebig.
Im kleinen Radius. 8,5 Kilometer. Wem begegne ich auf meinem Weg?

(IV. Die Ernte vor der Türe)
EH:
Die Ernte ist groß und das Himmelreich wächst genau vor unserer Türe.
Gott beruft uns zu Erntehelfer*innen.
Die Zeit des Ausruhens geht vorbei, jeder Urlaub endet einmal.
Frisch erholt nun ans Werk!
Sommer ist es und damit Zeit, das zu sammeln und einzubringen, was Gott gepflanzt hat.
Wir haben dazu alle Möglichkeiten, innerhalb unseres je kleinen oder großen eigenen Radius.
Wahrnehmung hat Gott uns geschenkt und seine Kraft.
Daraus erwächst eine innere Haltung, von meiner Mitte her.
Mit dieser Haltung gehe ich aufmerksam durch meinen kleinen Radius.
Um da, wo die Zeit reif ist, zu ernten: Also zuzupacken, mich zu engagieren, zu handeln.
Meine Hände greifen nach den Sternen und sie greifen nach dem Menschen vor meinen Augen, um ihn zu stützen.
Vollenden wird unser Werk der Vater im Himmel, aber bis es soweit ist, schickt er uns vor in seine Ernte.
Mit unserer geschärften Wahrnehmung und dem Blick der Mitleidenden und Händen, die nicht im Schoß liegen, sondern sich liebevoll und sorgsam um Gottes Ernte kümmern.

(V. Konzentrische Kreise)
CZ:
Mit meinen Händen male ich konzentrische Kreise, um meinen Mittelpunkt.
Mein Leben lebe ich in wachsenden Ringen,
in wechselnden Radien,
im Ringen um meine Mitte.
Ich kreise um Gott, jahrtausendelang,
mal bin ich näher an ihm dran und mal weiter weg.
Ich bin die Erde und Gott ist meine Sonne.
Mein Auftrag bleibt gleich: Das Himmelreich verkünden.
Aber der Radius ändert sich, die Reichweite nimmt zu und ab und die Zahl der Erntehelfer*innen wird größer und kleiner.
Mal liegt die größte Herausforderung im kleinstmöglichen Radius direkt vor meiner Türe,
und mal sind die Fragen und Aufgaben so unendlich weit und dunkel wie das Universum.
Tyrannenmord? Vor 75 Jahren.
Mondlandung? Vor 50 Jahren.
Und heute?
Eines glückt, eines glückt nicht.
Der Mittelpunkt bleibt. Und unser Auftrag.
Ich ziehe konzentrische Kreise.

(VI. Anziehungskraft)
EH:
Berufen in die Nachfolge Jesu.
Wir sind nicht allein auf unserer Umlaufbahn um unseren Mittelpunkt, so schief sie auch manchmal sein mag.
Keine Angst, wir finden uns, so zerstreut wir auch sein mögen.
Unsere Anziehungskräfte bewegen uns aufeinander zu.
Wir gehören zusammen.
Und finden uns im kleinsten Radius: 1,3 Kilometer, 1300 Meter, ein einziger Schritt.
Ein kleiner Schritt für mich, ein großer für die Menschlichkeit.
Wir finden uns im größtmöglichen Radius: In Gottes Ewigkeit.
Denn wir haben einen gemeinsamen Mittelpunkt.
Und so kreisen wir weiter um unsere innere Mitte,
gehen unsere Wege barfuß oder in Moonboots,
und laden unterwegs alle ein, sich uns anzuschließen.
Gottes Kosmos ist grenzenlos.
Amen.

Es gilt das gesprochene Wort.