Predigt im Gottesdienst am Erntedankfest in der St. Marienkirche Berlin 7. Oktober 2018

1. Timotheus 4,4-5: Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.

Liebe Gemeinde, Danken verwandelt. Der Kürbis da vorne, ich hatte darauf gehofft, dass da ein Kürbis liegen würde. Mit dem Oktober beginnt ja auch diese orange Zeit – Kürbis-Zeit. Kürbis-Suppe. Mit Ingwer versetzt. Oder mit Kokos. Oder beides. Dazu ein bisschen grüne Kräuter in die Mitte gestreut. Und ein paar rote Chilitupfer. Und ein kleiner Sahneblubb. Und dann steht sie da und dampft aus der Schüssel: Heiße Kürbissuppe. So heiß, dass der Löffel beschlägt, selbst der Stil kaum anzufassen. Danken verwandelt – nicht nur mit einer schönen Gebetszeit die Suppe und den Löffel von heiß in etwas kälter. Wie „meine“ Konfirmanden früher bisweilen frech-fröhlich auf der Freizeit beim Mittag gerufen haben: Herr Stäblein, wir brauchen nicht beten, das Essen ist schon kalt. Danken verwandelt – weil im Moment des Dankens aus etwas scheinbar Selbstverständlichem, etwas, was man so hinnimmt oder meint, man hätte einen Anspruch drauf – na, Kürbissuppe, gib schon her –, weil in diesem Moment daraus das wird, was es ist: eine Gabe, die uns – auch wenn selbst angebaut, auch wenn selbst gekauft, auch wenn selbst gekocht – in diesem Moment gegeben ist, etwas, das wir empfangen. Danke. Danke, Gott – weil, wir haben das nicht gemacht, dass in dieser Schöpfung etwas wächst. Danke, Gott, wir haben dieses Orange des Kürbisses und die Milch der Kokosnuss und diese scharfen Chilipaprika nicht erfunden, nicht, dass sie wachsen, nicht, dass das eine so pikant, das andere so süß und das Dritte so sämig wird. Ja, danke, Gott, dass da etwas in den Bauch kommt, was wärmt. Was satt macht. Ist ein Glück, ein Segen, ist zum Staunen. Ja, Danken verwandelt das, was wir für selbstverständlich halten, zurück in das, was es ist: Gabe zum Staunen. Also: Kürbissuppe. Nach Art des Hauses. Und ein Dankgebet nach Art des Hauses. Komm, Herr Jesu, sei du unser Gast. Oder: Alle gute Gabe. Oder: Aller Augen warten auf dich, Herre. Oder – wenn‘s schnell sein soll, noch mal eine mir lieb gewordene Konfirmandenmethode: Jesus. Essen. Amen. Oder nur ein leises Innehalten. Kurz die Augen geschlossen. Nach Art des Hauses und nach Passigkeit zur Situation und jedenfalls im Sinne der Worte an Timotheus: Was Gott geschaffen hat, ist gut, wenn und weil es mit Dank empfangen wird, geheiligt durch Wort und Gebet.

Gut. Und dann der erste Löffel. Dieser feine Geschmack. Das leicht Süßliche des Kürbisses. Diese ganz eigene Note. Dazu der Chili. Und die Sahne. Hebt sich nicht gegenseitig auf, wirkt je für sich. Ein wenig wie die Pole des Lebens. Chili und Süße. Mitten im sättigenden Kürbis. Der erste Löffel also, ich freue mich darauf. Zu romantisch? Zu schön jetzt? Richtig – geht Ihnen vielleicht auch wie mir: beim ersten Löffel verbrennt man sich schnell, zack, einmal die Zungenspitze betäubt. Wirklich zu heiß. Also den Löffel noch mal hingelegt. Einmal kurz den Mund abgeputzt. In die Runde geschaut. Na klar, war ja auch etwas vergessen bis hier. Dank an Gott – gesagt. Aber auch Dank an die Landwirte?! Das gehört unbedingt zu diesem Fest heute und wird so schnell vergessen. Dank an all die Menschen, die ihr Leben damit verbringen, für Nahrung für uns zu sorgen. Auf dem Hof. Auf dem Feld. Mit Maschinen. Mit modernster Technik. Landwirtschaft 4.0, aber sicher – mit genauester Bodentemperaturberechnung, mit Geräten, die es Kühen leicht machen beim Gemolkenwerden. Und doch bleibt es immer auch Mühe und Schweiß und Unwägbarkeiten. Und wenn es nicht regnet, ist Landwirtschaft 4.0 irgendwie nicht so ganz anders dran als Menschen zu allen Zeiten und auch zur Zeit der Bibel. Ja, die Ernte in diesem Jahr war in Sachen Früchte des Feldes nicht gut. In Brandenburg dieser Sommer eine schwere Hypothek für die Landwirtinnen und Landwirte, auf Pilzsuche brauchen wir dieses Jahr nicht zu gehen, Wein wird durch die Decke gehen, immerhin, aber ja, der Sommer war außergewöhnlich und für die, die als Landwirte für uns damit leben, war er schwer. Danken kommt ja von dran denken: und so denken wir auch daran und danken umso mehr. Danken gehört zur schweren Ernte erst recht. Die großen Volksfeste, die Herbstfeste, die Erntefeste, sie leben nicht nur von der Süße des Glücks, auch von der Schärfe der Realität: Leben in der Schöpfung ist abhängig, im Guten wie im Schweren. Sahne und Chili heben sich nicht auf, sie machen die Kürbissuppe erst rund. Denk mal. Und Dank mal. Auch wenn möglicherweise selbst die Kürbisse nicht so groß sind in diesem Jahr. Vielleicht fällt Halloween dann ja auch kleiner aus.

Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird. Nach dieser kleinen Schleife von verbrannter Zunge und fast schon wieder vergessenem Dank an die Bäuerinnen und Bauern, dieses Denkmal im Dankmahl, nach dieser kleinen Schleife ist die schöne Kürbissuppe, die ich heute so im Mund habe, wirklich auf Essenstemperatur und wir können löffeln und dabei gut ins Gespräch kommen. Danken verwandelt: das scheinbar Selbstverständliche in bewusste Gabe. Und das Schwere in Annehmbares, ja Danken verwandelt, so dass das Wort stimmt: Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut. Das war ja durchaus umstritten, damals, als diese Worte an Timotheus geschrieben wurden. Andere waren der Meinung: die Welt ist erst mal nicht gut, man muss ihr entkommen, mit Askese, mit Entsagung, mit strengen Vorschriften über Lebensstil und Lebensleistung. Der Mensch ist, was er isst, und achte also sehr, was er isst. Diese Einsicht ist alt und doch sehr modern: Fleisch macht aggressiv, sagen die einen, vegan macht engstirnig ideologisch, sagen die anderen. Der Mensch isst, was er ist, der Satz geht so rum und so rum, warum nicht. Um die rechte Lebensweise darf gerungen werden und Vielfalt ist gestattet, ja erwünscht, von Paleo bis Veggie. Wenn nur zwei Sachen klar bleiben: es ist nicht unsere Leistung, dass das Leben vor Gott angenommen ist oder sein Sinn sich entfaltet. Und: was ist, ist gut, nicht durch uns. Durch Gott, dem wir danken. Der Mensch ist, wie er dankt. Denn Danken verwandelt. Schöpfung in Gabe. Und, ja, Hartes in Annehmbares. Es gibt ja auch jenseits unseres christlichen Glaubens die Überzeugung, dass Dank der Schlüssel zu gutem, gelassenem Leben sein kann. Was auch kommt: Danke – auch für den blöden Schnupfen etwa als vielleicht gerade mal wieder notwendige Verlangsamung, danke. Für das bescheuerte Verlassenwerden womöglich als Aufgehen von neuen Wegen und neuer Liebe, danke. Für die undurchsichtige Sinnkrise etwa als Durchgang, aus dem heraus Leben noch mal tiefer, anders wird, danke. – Na, danke, jetzt machst Du‘s Dir aber einfach, höre ich das Gegenüber beim Kürbissuppe Löffeln sagen. Danke für diese Beschwichtigungs- und Beschönigungsformeln. Ist ja eine schöne Soße über allem Schlechten mit Deinem Danke. Wenn Du jetzt noch anfügst, dass auch das Schlechte alles gottgewollt ist, damit wir dafür danken und so annehmen und lernen, dann wird mir bei der schönsten Suppe schlecht. – Ok, der Protest von meinem Suppennachbarn kommt an, ich will meinen Löffel hinlegen, denke dann aber: na, die Suppe musst Du jetzt selbst auslöffeln. Entgegne: Ja, verordneter Dank funktioniert nie. Verordnetes „Krisenglücks-Gedanke“ ist schnell womöglich zynisch – Protest muss auch sein. Danke, dass wir das vor Gott nicht verschweigen müssen. Denn genau das, das Sinnlose, das Verschlossene, trägt er auch mit uns. Ich versuche meinem Suppennachbarn zuzulächeln. Aber das Lächeln verrutscht zu einem schiefen Grinsen. Jetzt siehst Du aus wie ein Kürbis, sagt er mir über den Löffel rüber. Ich stocke. Na, so ein Kürbis, wie sie demnächst wieder überall zu sehen sind, ausgehöhlt und mit zackigem Mund versehen, man weiß nicht, ob zum Freuen oder zum Erschrecken. Soll ja wohl beides sein. Das Dunkle verjagen mit einem leicht schiefen, grusligen Breitmaul. Ach ja, Kürbis. Erntesymbol – hübsch hergerichtet für die Ambivalenz des Lebens. Warum nicht. Danken verwandelt. Nicht bittersüß gleich in süß. Aber bittersüß in: bist auch da dabei, Gott. Fürchte mich nicht. Kann schief lächeln. Danke.

Das verwandelt. Macht auch satt, so wie die Suppe. War aber auch ein großer Teller und eine große Kelle, die mir da aufgetan wurde. Gut gemeint. Aber doch viel zu viel. So guter Kokos. So sanfte Sahne. So piksender Chili. So viel. Und so viele andere ohne das. Danken verwandelt, einfach gesprochen: die Angst, zu kurz zu kommen, in Teilen, Aufteilen, was allein nur verstopft. Danken verwandelt Gier in Gemeinschaftsglück. Was Gott geschaffen hat, ist gut, alles, wenn wir es allen dankbar zu Nutze machen. Mit modernster Technik des Anbaus und Erntens. Mit modernster Technik des Teilens. Das fängt beim Produzieren an. Gerecht wirtschaften. Fair. Und das hört beim Verteilen nicht auf. Fünf sind geladen, zehn sind gekommen, gieß Wasser zur Suppe, heiß alle willkommen. Das ist ein Lebensmotto, das mit Kürbissuppe schon deshalb so gut geht, weil die ja oft viel zu dick ist. Und es ist ein gutes Lebensmotto, weil eine Gesellschaft mit Schlankheitswahn und Übergewichtigkeit froh werden mag, wenn sie ihre Mitte im Teilen wiederfindet. Danken erinnert, dass Gier sonderbarer Weise zerfrisst und aufbläht zugleich. Danken macht ein Stück davon frei. Danken verwandelt. Heiligt all das, was schon längst gut ist und von uns wieder als gut entdeckt wird. Also: der virtuelle Topf Kürbissuppe, von dem ich die ganze Zeit rede, der ist ganz real hier unter der Woche in der Suppenküche in dieser Kirche und rundherum in dieser Stadt. Gut so. Danken verteilt, verbindet. Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut. Und es ist genug für alle da.

Ah, das war jetzt fast der letzte Löffel – und nun habe ich noch gekleckert. Kürbissuppe auf weißem Hemd. Geht das raus? Mein Gegenüber kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. He, was soll das, frage ich ärgerlich. Na, geht doch nicht alles so glatt auf mit Ihnen und Ihrem Danken und Verwandeln und alles hübsch, was? Nein, sage ich, geht alles nicht so glatt auf. Weil: ich bin doch trotzdem oft so undankbar. Dem Leben gegenüber. Den anderen. Gott. Will nur mehr. Nehme trotzdem alles Gute einfach hin, vergesse allen Dank. So bin ich. Zack, ich bin einer, der kleckert. Auch beim Danken. Auch beim Gott Danken. Misslingt mir oft. Bin so undankbar zwischendurch. Etwas überrascht von so viel Offenheit schaut der andere ebenfalls offen. Kann er mir was empfehlen? Er nimmt den Löffel, kratzt einen Rest aus der Schüssel, kleckert ihn sich absichtlich aufs Hemd. Ja spinnen Sie? Er beruhigt mich. Machen Sie Kürbisöl vor dem Waschen drauf, sagt er leise, oder besser Weißwein. Das hilft bei Kürbisflecken. Weißwein? Naja. Und plötzlich flüstert er hinterher: wie im Glauben. Eine Runde Stärken beim Abendmahl, Dankmahl ja in Wahrheit, Eucharistie heißt ja Dank, wörtlich – Jesus hat die da rausgemacht, diese quälende Undankbarkeit. Selbst die. Und alles andere Quälende auch. Nur so‘n Tipp, sagt er und zwinkert mir zu und ist dann auch schon weg. Die Suppe war ja ausgelöffelt. Mein letztes Danke verhallt also im eigenen Mund. Da soll es jetzt auch sein, denn ich danke Ihnen, dass Sie die Sache mitgemacht, mitgeschlemmt haben. Im nächsten Monat gibt es bestimmt irgendwo Kürbissuppe für Sie, nach Art des Hauses. Hier gibt es jetzt gleich Abendmahl. Nach Gottes Art. Mit Dank für alles. Verwandelnd für alle Zeit. Weil: vergeben uns. Das teilen wir.

Reicht für alle? Reicht. Reicht jetzt. Danke.

Amen.

Es gilt das gesprochene Wort!