2. Weihnachtsfeiertag – Brief des Paulus an die Gemeinde in Rom 1, 1-7

Paulus, ein Knecht Christi Jesu, berufen zum Apostel, ausgesondert zu predigen das Evangelium Gottes, das er zuvor verheißen hat durch seine Propheten in der Heiligen Schrift, von seinem Sohn, der geboren ist aus dem Geschlecht Davids nach dem Fleisch, der eingesetzt ist als Sohn Gottes in Kraft nach dem Geist, der da heiligt, durch die Auferstehung von den Toten – Jesus Christus, unserm Herrn.
Durch ihn haben wir empfangen Gnade und Apostelamt, den Gehorsam des Glaubens um seines Namens willen aufzurichten unter allen Heiden, zu denen auch ihr gehört, die ihr berufen seid von Jesus Christus. An alle Geliebten Gottes und berufenen Heiligen in Rom:Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

Alles ist getan. Die familiären Rituale sind bewältigt. Die Gaben getauscht, die Lieben besucht, das üppige Essen verdaut. Schwer verdaulich hingegen ist die Kost, die uns Paulus heute auftischt. Der Tisch – gedanklich und begrifflich überladen, das Angebot, selbst nach mehrfachem Probieren schwer zugänglich. Gelegenheit zur ruhigen Betrachtung: Was wird uns da aufgetischt? Bzw. was  ist uns denn da nun zu Weihnachten in die Wiege gelegt?
Der Anlass ist schnell erzählt. Paulus bereitet seinen Besuch der römischen Gemeinde vor. Für seinen Drang, aller Welt das Evangelium zu verkündigen, ist das Machtzentrum der damaligen Welt eine entscheidende Station auf seinem Weg bis an die Enden der Erde. Mit dieser Strategie der konsequenten Umsetzung seines Glaubens wird Paulus zum Pionier der Globalisierung. Er steht für den Aufbruch der Menschen aus einzelnen Traditionen. Aber auch dafür, dass Menschen sich allen Völkern öffnen können. Ohne Angst, ihren eigenen Traditionen untreu zu werden. Paulus ist ein begnadeter Netzwerker. Er macht das Christentum zur ersten globalisierten Religion der Menschheitsgeschichte. Für ihn ist klar, dass alles mit allem zusammenhängt. Aber er empfindet das nicht als Bedrohung.

Alles hängt mit allem zusammen. Diese Erkenntnis teilt der Mensch der Gegenwart mit Paulus. Aber das ist eher eine anstrengende Erkenntnis. Vielfach mit Angst und Überforderung besetzt. Die Menge der Zusammenhänge erscheint unüberschaubar. Die Zahl der Perspektiven verwirrend. Wer soll sich da noch auskennen? Wer weiß noch verlässlich Bescheid? Was kann ich als Einzelner überhaupt noch ausrichten? Für Paulus ist die Welt nicht überbordend komplex und wirr. Vielmehr sieht er überall Verbindungen und Zusammenhänge. Und in all diesen Verbindungen und Zusammenhängen sieht er Gott m Werk.

Alle singen Ich steh an deiner Krippen hier (Evangelisches Gesangbuch Nr. 37,4-7 )

In all den Verbindungen und Zusammenhängen der Welt sieht Paulus Gott am Werk. Das gibt ihm Kraft für seine Arbeit und Vertrauen, Krisen und Niederlagen zu überstehen. Der Gabentisch, den Paul Gerhardt im eben gesungenen Choral mit lieblichen Gewürzen wie Rosen, Nelken und Rosmarin würzt, biegt sich bei Paulus unter schwerer Kost. Er sieht überall Zusammenhänge und will sie am liebsten alle auf einmal kredenzen.
Zunächst die Wichtigste: Jesus ist geboren aus dem Geschlecht Davids. Er ist Jude, so wie auch Paulus Jude ist und sich nie als etwas Anderes verstand. An erster Stelle steht für beide die Kontinuität. Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ist auch der Gott Jesu. Es ist eine Heilsgeschichte, ein Gott, ein Glaube, bei allem was an Unterscheidendem weiter zu sagen wäre.
Und dann diese Kost: Jesus ist geboren aus dem Geschlecht Davids nach dem Fleisch, und er ist zugleich nach dem Geist eingesetzt als Sohn Gottes in Kraft durch die Auferstehung von den Toten. Jesus ist Mensch, geboren von einer Frau, großgezogen in einer Familie, geschult in der Heiligen Schrift, ausgebildet zum Zimmermann, getauft von Johannes, im Leben da und unterwegs für Viele, am Ende getötet in Jerusalem.
Und Jesus ist Kind Gottes, bedroht und doch bewahrt, von vielen unbeachtet, aber von Hirten und Magiern als König erkannt. Begabt mit Geist, wirkt er mit göttlicher Macht, was Menschen nicht zu tun vermögen. Er widersteht Sünde und Teufel, überwindet den Tod, weil das göttliche Leben in ihm stärker ist als jede todbringende Macht. So wird im Leben Jesu die Erde zur Bühne für den Himmel. Das Unendliche erscheint in der Endlichkeit, das Ewige im Zeitlichen, das Letzte im Vorletzten. Was kommen wird ist schon jetzt. Durch ihn.
Und zuletzt sollen wir davon kosten: Jesus spricht uns an.
An alle Geliebten Gottes und berufenen Heiligen in Rom: Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!
Zugegeben, dieser Gruß richtet sich zunächst an die Gemeinde in Rom. Aber Paulus denkt immer global, nicht nur für die eine Stadt, sondern immer für den ganzen Erdkreis.
Das ist der Kern des Evangeliums, das ist der Kern der Weihnachtsbotschaft, das ist das, was alle und alles miteinander verbindet: Die ganze Welt lebt aus Gottes Gnade.  In allem, was lebt, soll Gott so lebendig sein, wie er in Jesus lebendig war und ist: als Hoffnung, als Glaube, als Liebe. Diese Weihnachtsbotschaft, sichtbar geworden in dem Kind in der Krippe, bezeugt, was immer am Anfang steht und gilt: Kein Leben muss und kann sich selbst rechtfertigen. Kinder kommen zur Welt. Menschen werden neu geboren. Ein Anfang war und wird immer wieder, auch aus Schwäche und Scheitern heraus. All das ist nicht begründbar und muss auch nicht begründet werden. Durch Gottes Gnade sind wir, was wir sind. Sie lässt uns ahnen und staunen. Sie verbindet uns in der globalisierten Welt mit China genauso wie mit Bethlehem, Indonesien und Mexiko. Sie verbindet uns untereinander, verbindet uns mit Jesus und Paulus, verbindet uns mit Gott: Gottes Gnade und Frieden gilt allen Menschen.
Es ist noch lange nicht alles getan. Die Gaben sind längst nicht alle getauscht, die Lieben mitnichten alle besucht. Die Einladung zum Mahl gilt auch heute. Kommt an seinen Gabentisch. Schmeckt, wie freundlich der Herr ist. Tretet zur Krippe. Seht, was uns in die Wiege gelegt ist.

Gottes Gnade und Frieden, höher als alle unsere Vernunft, für alle Menschen, für den ganzen Erdkreis.

Amen