Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

(I. Faden verloren)
Ich habe den Faden verloren, liebe Gemeinde.
Es tut mir so leid!
Irgendwo ist er mir abhandengekommen zwischen dem Horeb und Syrien,
zwischen „Du sollst nicht töten“ und dem vielen Blutvergießen.
Ich muss ihn verloren haben in meiner Wut über die hilflos stammelnden Reaktionen auf den antisemitischen Anschlag von Halle.
Da ist er mir wohl gerissen, der Geduldsfaden der Beschwichtigung und des Erstaunens darüber, dass ‚so etwas‘ möglich wäre,
wo wir doch immer und immer wieder von Beschimpfungen, Bedrohungen, tätlichen Angriffen auf jüdische (und auch muslimische) Menschen erfahren und sie unmittelbar erleben, hier mitten in Berlin und an vielen anderen Orten.
Seit ich hier in St. Petri-St. Marien Pfarrerin bin, haben wir viele multireligiöse Friedensgebete organisiert und gefeiert, genau anlässlich solcher Vorfälle.
Mitten in unserer Gesellschaft, auch mitten in unserer Kirche, wachsen wieder Abneigung, Vorurteile, Überheblichkeiten, Hass, Wahn,
ist entsetzliches Gedankengut wieder tolerabel geworden,
breiten sich ein Vergessen der historischen Katastrophe des Holocausts,
und eine dumpfe Taubheit gegenüber Gedenkkultur, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechten und jeglichem Anstand aus.
Ich habe das Gefühl, wir hängen am seidenen Faden der Zivilisiertheit,
die Verbindung wird dünner und dünner.
Sind diese 10 Gebote wirklich so schwer einzuhalten?
Oder eigentlich nur dieses eine – das Doppelgebot der Liebe,
darin ist doch alles zusammengefasst:
„Liebe Gott und liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du!“?

(II. Glaube und Werke)
Wo ist er nur, der rote Faden,
der den Glauben an Gott und die Taten, die Lebensführung, miteinander verbindet,
der nicht das eine vom anderen trennt?
Lange hab ich ihn gesucht, im Brief des Jakobus,
der mir mehr wie eine knallende Ohrfeige vorkommt als ein Schreiben, das ich gerne lesen möchte.
Voll von harten, irritierenden Worten, die meine protestantische Seele erschüttern.
Ermahnung und Prüfung und Bewährungsprobe.
Und: Glaube ohne Werke ist tot, schreibt Jakobus. Der macht dich nicht gerecht vor Gott!
Aber in 11 Tagen, lieber Jakobus, da feiern wir genau das, hier in St. Marien und drüben in St. Nikolai:
Dass der Glaube allein gerecht macht – sola fide!
Keine Tat, kein Werk, kein eigener Beitrag führt zum Heil.
Nur das Vertrauen in Gott.
Daran hängt alles, Himmel und Erde.
Der eine Punkt, auf dem ich stehen kann, der die ganze Welt aus den Angeln hebt.
Was für eine Befreiung!
Evangelische Errungenschaft, von Paulus formuliert vor fast 2000 Jahren,
bekräftigt von Martin Luther vor 500 Jahren.

Und dann, hab ich ihn endlich gefunden.
Den roten Faden.
Ganz am Ende.
Zart und fast zu übersehen.
Kein Wunder, so wie die Frau vorgestellt wird:
Die Hure Rahab ist Jakobus‘ Beispiel dafür, dass Werke gerecht machen sollen.
Das Buch Josua erzählt ihre Geschichte.
Und mitten im Durcheinander der Landnahme, des Krieges, des Eroberns und Blutvergießens, der Frage, wer eigentlich die Guten und die Bösen sind, wo schwarz und weiß ist, da ist auf einmal der rote Faden.

(III. Rahab)
Dort, am Rande von Jericho, hatte Rahab ihr Haus.
Sie hatte sich eingerichtet, in ihrer Ordnung und ihrer Freiheit.
Selbstbestimmt lebte sie – so wie viele andere Frauen es nicht konnten.
Dass sie mit unterschiedlichen Männern schlief, war eben der Preis.
Und dass keiner sie heiraten wollte.
Manchmal, da kämmte sie Flachs und sponn ihn zu Fäden.
Und vielleicht verkaufte sie auch Faden und Seile.
Auf dem Markt tuschelten die anderen über sie.
Auch mit dem Finger wurde auf Rahab gezeigt.
Am schlimmsten war, dass ihre Familie auch mitmachte:
„Rahab, du Hure“, sagten sie. Das tat echt weh.
Aber auch damit hatte sie sich irgendwie arrangiert.
Und auch die anderen hatten sich mit ihr eingerichtet,
mit „so einer“, die am Rande der Stadt lebte,
die die Waren der Marktfrauen nicht berühren durfte.
Zum Glück war man selbst nicht „so eine“!

Da klopft auf einmal das Leben an die Türe und alles ändert sich.
Zwei Männer klopfen an Rahabs Türe und die lässt sie herein.
Versteckt die beiden Kundschafter auf ihrem Dach und rettet ihnen so das Leben.
Am roten Seil lässt sie die beiden hinabsteigen, in die Freiheit.
Rahab rettet zwei. Zwei Fremde, zwei Feinde.
Lässt ihnen ein Seil die Mauer runter und lügt die Wachen an.
Rahab rettet zwei. Am Rande der Stadt, wo sie lebt.
Rahab, die Hure und Spinnerin.
Lässt sich nicht ein auf schwarz-weiß-Denken. Oder „wir“ gegen „die“.
Ein Akt der Menschlichkeit, am Rande des Krieges, am roten Faden.
Im Talmud heißt es: „Wer ein Menschenleben rettet, rettet die ganze Welt.“
Rahab zeigt, wie das geht, Menschenleben retten:
Man macht Türen auf.
Hängt ein Seil aus dem Fenster.
Öffnet Stadtmauern, Grenzen und Herzen.
Und ich glaube, dass Rahab dies tat, weil sie Gott vertraut hat.
Weil sie ihren Lebensfaden in Gottes Hand wusste.
Und so frei wurde, gerecht zu handeln.
Am Anfang ist der Glaube.
Sola fide.
Und aus dem Vertrauen in Gott wächst ein rotes Band der Liebe.
Als „Gerechte unter den Völkern“, so werden mutige Menschen in Yad Vashem geehrt,
die sich für Jüdinnen und Juden eingesetzt haben.
Die Rahabs roten Faden der Liebe weitergewickelt haben.
Gerechtes Handeln ist untrennbar mit dem Glauben verknüpft,
es geht aus ihm hervor.

(IV. Gott spinnt)
Und Gott? Gott spinnt.
Nimmt den Faden auf, den ich verloren habe,
all die losen Enden, die nirgends hinführen und nicht recht zusammenpassen wollen.
Bei Gott sind sie auf einer Spule.
Gott dreht und wickelt.
Beständig, geduldig, mit Ruhe.
Gott spinnt.
Nimmt den Faden auf.
Den von Rahab. Vom Rand der Zeit.
Und all die blutgetränkten Fäden der Menschen, die ihr Leben verloren haben.
Und auch derer, sie sich dafür verantworten müssen.
Gott dreht und wickelt.
Und wickelt dein Leben mit rein.
Und meins.
Macht einen Faden draus.
Und dann ein buntes Seil mit allen Farben drin.
Knüpft mit aller Ruhe ein Netz um die ganze Welt.
Amen.

Es gilt das gesprochene Wort!

 

Predigttext: Brief des Jakobus, 2. Kapitel, 14-26

14 Was hilft’s, Brüder und Schwestern, wenn jemand sagt, er habe Glauben, und hat doch keine Werke? Kann denn der Glaube ihn selig machen? 15 Wenn ein Bruder oder eine Schwester nackt ist und Mangel hat an täglicher Nahrung 16 und jemand unter euch spricht zu ihnen: Geht hin in Frieden, wärmt euch und sättigt euch!, ihr gebt ihnen aber nicht, was der Leib nötig hat – was hilft ihnen das? 17 So ist auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, tot in sich selber. 18 Aber es könnte jemand sagen: Du hast Glauben, und ich habe Werke. Zeige mir deinen Glauben ohne die Werke, so will ich dir meinen Glauben zeigen aus meinen Werken. 19 Du glaubst, dass nur einer Gott ist? Du tust recht daran; die Teufel glauben’s auch und zittern. 20 Willst du nun einsehen, du törichter Mensch, dass der Glaube ohne Werke nutzlos ist? 21 Ist nicht Abraham, unser Vater, durch Werke gerecht geworden, als er seinen Sohn Isaak auf dem Altar opferte? 22 Da siehst du, dass der Glaube zusammengewirkt hat mit seinen Werken, und durch die Werke ist der Glaube vollkommen geworden. 23 So ist die Schrift erfüllt, die da spricht (1. Mose 15,6): »Abraham hat Gott geglaubt und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet worden«, und er wurde »ein Freund Gottes« genannt (Jesaja 41,8). 24 So seht ihr nun, dass der Mensch durch Werke gerecht wird, nicht durch Glauben allein. 25 Desgleichen die Hure Rahab: Ist sie nicht durch Werke gerecht geworden, als sie die Boten aufnahm und sie auf einem andern Weg hinausließ? 26 Denn wie der Leib ohne Geist tot ist, so ist auch der Glaube ohne Werke tot.