Evangelium nach Markus, Kapitel 4

Und am Abend desselben Tages sprach er zu ihnen: Lasst uns ans andre Ufer fahren. Und sie ließen das Volk gehen und nahmen ihn mit, wie er im Boot war, und es waren noch andere Boote bei ihm. Und es erhob sich ein großer Windwirbel, und die Wellen schlugen in das Boot, sodass das Boot schon voll wurde. Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen. Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen? Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig! Verstumme! Und der Wind legte sich und es ward eine große Stille. Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben? Und sie fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der, dass ihm Wind und Meer gehorsam sind!

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

Wenn sich das Blauschwarz auf die Stadt herabsenkt, bleibt es für einen Moment finster. Ein paar Minuten lang schlagen die Tageslichtsensoren der Stadtlichter noch nicht an. Es ist noch hell, aber auch schon dunkel. Es fühlt sich leise an und doch lärmt alles unverändert weiter. Oft zieht dieser Moment unbemerkt wie eine Schwalbe am Himmel an mir vorbei. Weht mir dieser blauschwarze Moment jedoch dennoch merklich durch die Haare, dann senkt sich kurzzeitig der Puls. Die Muskeln werden für eine Sekunde schlaff, als merkten sie ganz automatisch, dass sie den Tageslichtsensoren der Straßenlampen zuvorgekommen sind. Sie machen sich schon auf den Weg in den Abend. Der Tag ist vorbei. Viele sind unterwegs und streifen zum letzten oder vorletzten Ufer des Tages, der nun Abend wird und bald Nacht. Das, was war, wird in der Ferne des Rückblicks kleiner und ist schon bald nicht mehr da. Ist das wirklich so?Tageslichtsensoren schlafen jedoch nicht. Als mehr schwarz als blau am Himmel ist, legen sie wie dämmerungsaktive Luchse die Schalter der Stadt um und das Blauschwarz verwandelt sich wie durch einen Wirbelwind in ein neues Gefühl aus orangenüchtern und silberkühl. Noch keine Nacht, erst Abend. Nur kleine Götter schlafen jetzt schon. Jetzt im Dunkeln wird vieles klarer als im Licht des Tages.
In den hohen Häusern der Stadt erwachen die vielen übereinandergesetzten Vierecke zum Leben und malen Lichtmuster auf die Fassaden. Wie ein Sturm knipst sich die Stadt selbst das Licht an. Die Straßen, Räume, Plätze und Zimmer füllen sich wieder mit Tag. Noch keine Nacht. Das Licht geht später aus oder nie. Nur kleine Götter schlafen jetzt schon zusammengerollt in ihren Ecken. Alle anderen navigieren noch über den See des Tages für ein paar Stunden. So etwas wie Abendruhe in der Hauptstadt mit den vielen Brücken über das Wasser, die niemand sieht. Abendruhe kann trügerisch sein.

Hinter einem dieser erleuchteten Vierecke in den hohen Häusern liegt ein Handy auf dem Tisch. Daneben ein Glas Wasser. Das Handy piepst und vibriert. Die Oberfläche im Wasserglas kommt kurz in Wallung und legt sich gleich wieder.
„Kannst Du telefonieren? Ist wichtig.“ Blinkerts auf dem Bildschirmchen.
„Ja, ja kann ich! Ich ruf gleich an.“ Tippt es sich schnell zurück.
Er nimmt noch einen Schluck aus dem Wasserglas. Der Schluck war zu groß und schon läuft es links und rechts am Mund vorbei die Wange herunter. „Mist, naja, ist ja nur Wasser.“
Er wählt die Nummer. Es tutet einmal. Es tutet zweimal.
„Danke, dass du gleich anrufst.“
„Ja, kein Problem. Wie geht’s?“
„Ist jetzt egal. Die Werte spielen verrückt. Leukozythen rauf. Der ganze Rest, wie auch immer der heißt, im Keller. Es sieht nicht gut aus. Die Ärztin hat einen anderen Ton als sonst. Komm bitte schnell.“

Zwei Stockwerke tiefer fällt zur selben Stunde die Tür ins Schloss. Der Relaisschalter klackert kurz. Es wird hell.  Die Einkaufstüte aus Papier reißt oben am Griff, wo sie eigentlich verstärkt ist. Die zwei Bierflaschen und der Rest darin knallen auf den Boden. Ein See aus Feierabendbier verläuft sich im Flur. Der Rest verschwimmt darin. Der gelbe Brief in der anderen Hand. „Förmliche Zustellung“ steht drauf. Sie schaut schon gar nicht auf den Absender: Hausverwaltung, Beitragsservice, Ratenkredit. Das Fass ist eh schon übergelaufen und sie will nur noch schlafen, weil alle anderen ihr auch nicht mehr helfen. Wenn sie nur schlafen könnte wie ein kleiner Gott. Aber das Kopfkino stürmt und lärmt die ganze Nacht und die Auslegware im Flur stinkt nach Bier.

Ganz oben links im Haus mit den erleuchteten Rechtecken läuft der Fernseher. Es ist zwanzig Uhr. „Hier ist das erste deutsche Fernsehen mit der Tagesschau. Heute im Studio: Jens Riwa.“
„Guten Abend, meine Damen und Herren, ich begrüße Sie zu Tagesschau. In Venezuela spitzt sich der Machtkampf zwischen dem selbsternannten Übergangspräsidenten Guaidó und Präsident Maduro weiter zu. Guaidó sagte in einem Interview, er schließe eine Militärintervention nicht mehr aus.“ Kurz darauf geht beim Präsidenten das Licht aus. Menschen in gelben Westen werden verletzt und ein Sturm fegt durch eine andere Stadt, die auch viele Brücken hat. Werkstattgespräche und Workshops zu Ein- und Ausreisen. Diesel, Bürgergeld, falsche Arzenei und der Tod des Erfinders des Kamasutras der Frösche und Herthas Wunden heilen langsam nach dem Mittwoch.
Wirbelstürme im Wasserglas oder stürmisches Regenwetter, das das Fass zum Überlaufen bringt? Vielleicht sind keine Nachrichten die besseren Nachrichten.

Wohl dem, der trotzdem schläft, wie ein kleiner Gott.
Wohl dem, der sich hinlegt, während den anderen das Wasser bis zum Halse steht.
Wohl dem, der dann noch fragt: „Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?“

Ja, wohl dem, der sich im wankenden Boot hingelegt hat und vor sich hin schlummert und am Ende blöde Fragen stellt, wenn alles vorbei ist. Der spinnt doch wohl, bin ich versucht, zu sagen. Und ich sage es und glaube meinen eigenen Worten nicht. Denn so blöd ist das gar nicht.
Ich will keine allgemeingültige Wahrheit formulieren und mir fallen auch gleich liebe Menschen ein, die sagten, dem sei eh nicht so. Auch kann so vermeintlich Allgemeingültiges sehr verletzend sein. Ich teile aber mit euch eine persönliche Erfahrung, die uns vielleicht verbindet. Die Erfahrung gerettet worden zu sein.
Ich gebe zu: Ich musste nie in einem unzureichenden Boot über ein Meer fahren. Auch kenne ich Krankenhäuser nur von Besuchen und förmliche Zustellungen bedrohten noch nie meine Existenz. Bin nie verhaftet und nur einmal verprügelt worden.
Aber ich hatte Angst. Ich habe mich gefürchtet, so dass mir die Stimme wegblieb und meine Körpertemperatur nach oben ging. Ich war innerlich gelähmt, weil ich keinen Ausweg sah. Ich bin weiß Gott kein abgebrühter Typ und deshalb ist mir dieses Gefühl der Jünger im Boot nicht fremd: festzustecken, am Ende zu sein, kein Licht, nur noch Schatten, einfach nur Angst, dass es nicht mehr gut wird für mich oder für jemanden anderes. Und das Gefühl jemanden finden zu müssen, der doch alles gut macht, der mich rettet, der mich bewahrt und der dann noch nicht mal da ist oder eben schläft wie ein Stein, während mein innerer Pegelstand schon jenseits von gut und böse ist.
Ich kann heute nur meine wiederholte Erfahrung mit euch teilen.
Jesus fragt am Ende, nach dem Sturm, nach der Panik, nach der Gefahr: Was seid ihr so furchtsam? Und ich wundere mich, dass ihm für diese Frage niemand von den Jüngern eine geknallt hat. Ich stelle mir sogar vor, wie er so ein unverständliches Pokerface dabei aufsetzt, das die Angst der Jünger weglächelt und sie alt aussehen lässt. Und diese Frage jemand anderem oder einem oder einer von Euch zu stellen, hielte ich für vermessen, aber ich stellte sie mir und stelle sie mir immer wieder selbst: Warum bist du so furchtsam gewesen? Hast du noch keinen Glauben gehabt?
Und ich stelle mir diese Frage sooft, nachdem wieder ein Lüftchen oder ein Sturm durch meine Seele gefegt ist, die mich aus der Spur gerissen haben.
Und ich stelle mir diese Frage immer wieder, weil ich in aller Angst meistens auch mein persönliches Wunder erlebe: Dieser schlafende Gott wird mir nicht fremd. Ich zweifle an ihm, aber verlasse ihn nicht. Ich zürne ihm, aber er steht irgendwann auf und bedroht den Wind, der mich hinwegzufegen droht. Mir versagt die Stimme und später wird mir klar: Er war da und ich rücke näher an ihn heran. Bis heute bleibt mir dieser Gott ein Geheimnis und finde ich ihn immer wieder schlafend, dort, wo der Wind am heftigsten weht. Sein Platz bleibt nie leer, auch wenn er gerade träumt. Und ich glaube, dass es so bleibt.

Der schlafende Gott im Boot meines Lebens bewahrt mich nicht vor der Diagnose. Er bewahrt mich nicht von der förmlichen Zustellung. Er bewahrt mich nicht vor der Tagesschau. Ich fände es vermessen, das zu behaupten, bei allen Wundern, die ich erleben durfte. Und zugleich erwacht er im rechten Moment, bedroht und bespricht den Wind und dann, dann wird es ruhig wie in dem Moment kurz bevor die Lichter angehen  in der Stadt, der Puls sich senkt und die Muskeln für eine Sekunde erschlaffen, und ich bin still und frage mich.

Amen