Der Schrei nach Milch war die erste Predigt
Predigt am 6. Sonntag nach Trinitatis
1. Brief des Petrus Kapitel 2, Verse 2-10

Sie tut das, was ganz am Anfang steht. Noch vor allem Verstehen. Als sie ihre Bluse aufknöpft und ihr hungrig schreiendes Baby an die Brust legt. In einer Mischung aus Erleichterung und Stolz spürt sie, dass es sich beruhigt. Still wird.
So dass es auch in ihr still werden kann. Nur wenige Minuten später wird sie aus dem Café geworfen. Die junge Frau mit ihrem Baby. Hier, vor wenigen Tagen, mitten in Berlin. Von ihrem Anblick fühlen sich Gäste gestört. Sie finden, das Stillen in der Öffentlichkeit gehört sich nicht. Ein Blick in die Kunstgeschichte zeigt, dass der Ärger, die Irritation, das Gefühl der Peinlichkeit beim Anblick stillender Mütter noch nicht alt ist. Da gibt es unzählige Bilder von Jesus, der lustvoll nach der Brust seiner Mutter greift und genüsslich an ihr saugt. Im Mittelalter erlebt das Motiv einen regelrechten Boom. „Maria lactans“, die stillende Muttergottes, wird zu einem eigenen Genre. Maria wird auf diese Weise zugleich als himmlische Mutter und als irdische Ernährerin dargestellt.
Ihrer Milch werden gar heilende Kräfte zugesprochen.

Und nun: Worte aus dem Predigttext für den heutigen Sonntag:

So legt nun ab alle Bosheit und allen Betrug und Heuchelei und Neid und alle üble Nachrede und seid begierig nach der vernünftigen lauteren Milch wie die neugeborenen Kindlein, auf dass ihr durch sie wachset zum Heil, da ihr schon geschmeckt habt, dass der Herr freundlich ist.

Am Anfang steht ein neu geborenes Kind. Jesus Christus. Seine erste Predigt sind die hungrigen Schreie nach der Milch seiner Mutter. Noch vor allem Verstehen steht das Urbedürfnis, angenommen, angelegt zu werden. Gehört zu werden in der Sehnsucht danach, satt zu werden. Still, im Strom fließender Liebe. Am Anfang sind weder Bosheit und Betrug noch Heuchelei, Neid und üble Nachrede. Am Anfang steht der hungrige Schrei nach Milch. Nach Liebe. Als das Volk Israel noch unterwegs ist, wird ihm ein Land versprochen, in dem Milch und Honig fließt. Am 1. Sonntag nach Ostern, Quasimodogeniti werden wir als neugeborene Kinder angesprochen, die noch keine feste Nahrung vertragen. Die durch die Osterbotschaft von der Macht des Todes befreit und darum wie neugeboren werden. Das Abendmahl erinnert ebenfalls daran, dass das Evangelium etwas Nahrhaftes ist, das Hunger und Durst nach Leben stillt und etwas von der Freundlichkeit des Herrn schmecken lässt.
Und wir erinnern heute an die Taufe. An den Anfang mit Wasser, aus dem Menschen neu geboren hervorgehen wie aus dem Fruchtwasser der Mutter. Ganz sinnlich ist dieses Geschehen. Und leiblich. Wasser auf dem Kopf, das Kreuzzeichen auf der Stirn. Hände, die den Segen spenden. Die Taufe geschieht an unserem Körper. Die getauft sind haben gespürt, wie die Arme der Eltern oder Paten sie über das Taufbecken halten. Wie Hände umfangen und berühren. Wer als kleines Kind getauft wurde, wird keine bewusste Erinnerung daran haben. Aber irgendwo, in der Tiefe unserer Erfahrung, liegt sie verborgen. Die Urerfahrung. Dass unser Körper berührt, gehalten, mit Wasser begossen wurden. Wir hineingetauft wurden in einen größeren Körper. In eine Gemeinschaft. Leiblich ist die Taufe, leiblich ist unser ganzes Leben. Leiblich wie der Schrei nach Milch. Alles, was wir sind basiert auf körperlichen Vorgängen. Glück, Krankheit, Lust, Schmerz, Tod – alle existentiellen Dimensionen unseres Lebens sind mit dem Körper verbunden. Einen Körper zu haben ist die elementare Bedingung, unter der wir leben. Ist unsere Weise, in der Welt zu sein. Ist unsere Möglichkeit, mit Gott in Beziehung zu sein, zu kommunizieren, zu lieben und zu leiden. Den Körper hat Gott in der Taufe zum Tempel des Heiligen Geistes gemacht. Zu seiner Wohnung.
Am Anfang steht ein neu geborenes Kind. Seine erste Predigt sind die hungrigen Schreie nach der Milch seiner Mutter. Mit den Adressaten des ersten Petrusbriefes werden wir an den Anfang gestellt. An den Anfang und das Wachsen neuen Verstehens und Glaubens.
„Eine Christin steht nicht im Worden Sein, sondern im Werden“, sagt Martin Luther „denn Christus spricht zu ihm: bittet, sucht, klopft an. Es heißt nicht: ihr habt’s, ihr habt’s gefunden, ihr seid hereingekommen, sondern: bittet, sucht, klopft an… Wachsen und zunehmen muss man, nicht stehen bleiben und in Sicherheit erschlaffen…Weh dem, der schon ganz erneuert ist, denn bei dem hat die Erneuerung ohne Zweifel noch gar nicht angefangen, und er hat noch nie geschmeckt, was es heißt, Christ zu sein.“
Die Erinnerung an das Kind an der Brust seiner Mutter. Das ist die Rückkehr an den Anfang, da weder Bosheit und Betrug, noch Heuchelei, Neid und üble Nachrede sind. Es ist die Rückkehr in den kindlichen Anfängerstatus des Glaubens, der so frei ist von Gewohnheiten, Sichtweisen und Überzeugungen. Den kindlichen Anfängerstatus des Glaubenden, dem Irritation oder das Gefühl von Peinlichkeit fremd sind.
Und wenn ich einmal so anfange, dann werden die Augen groß wie bei einem Kind, das die Welt betrachtet. Dann kann ich danken, dass trotz der Hitzewelle niemand von uns hungern und dursten muss. Dass ich bewahrt wurde auf Reisen und meine Lieben auch. Dass immer wieder neu Musik in meinen Ohren klingt und mein Herz erreicht.
Danken, dass es Menschen gibt, die mich aushalten, die mich anlächeln und sagen, „es ist gut“. Die an meiner Seite bleiben, auch wenn es kaum etwas gibt, das ich kann. Die mit mir lachen und weinen und sagen: Du bist nicht allein.
Und wenn ich einmal so anfange, werden die Augen noch größer und auch das kindliche Bedürfnis nach Trost. Und wie eine Mutter ihr Kind an die Brust legt, so lege ich mein Leben vor Gott, auch das, was schwer ist und wo ich falsch lag und wo ich schuldig geworden bin oder voller Angst und Traurigkeit. Und ich bitte, dass er sagt: Du darfst leben. Trotzdem.
Geschaffen durch mich. Geheiligt durch mein Wort, das Fleisch geworden ist wie Du in Jesus Christus. Dessen erste Predigt der Schrei nach Milch war. Der Freiheit geschenkt hat durch sein Leben und Sterben. Anteil an seiner Gemeinschaft durch die Taufe.
Und immer wieder an den Anfang lockt im Abendmahl. Im Staunen über seine Freundlichkeit. Schmeckt sie, begierig wie ein Kind nach der Milch seiner Mutter, auf dass ihr wachst. Hin zu ihm. Zu ihm, der Anfang ist und Ende und Anfang und Ende und Anfang… Unaufhörlich.
Gelobt sei sein Name.
Amen

Es gilt das gesprochene Wort.