Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

I.

Was sieht sie wohl, wenn sie sonntags um zehn am Alex aus der U8 steigt?
Ihre Statur ist ein wenig zarter als die der meisten Menschen um sie herum, ihr Teint ein wenig dunkler, die Augen groß und tief. Manchmal zieht sie ein Bein hinter sich her und manchmal huscht sie wie ein Wiesel die Treppen hinauf zum Ausgang. Der kommt genau dort auf dem Platz raus, wo die gelbe Schotterschnecke Nummer zwei abfährt, dort, wo es Tag und Nacht nach Frittenfett duftet und wo der Mann im Rollstuhl sitzt, der immer bunte bunte Schals strickt.

Reno, Tamaris, Deichmann oder Lloyd? Hilfiger, Boss, Carhartt oder Primark? Kurz, lang oder sieben Achtel? Was sieht sie wohl, wenn sie sonntags um zehn nach zehn an dem schönen engen Tor zur Kirche auf dem Boden gleich neben dem Schaukasten hockt? Schaut Sie auf die Schuhgröße oder die Hosenmarke? Manche vermuten ja, dass jemand sie immer dahinschickt, sie quasi vor der Tür ablädt. Andere haben es auch schon gesehen, wie sie ihr Geld bei einem Mann ablieferte. Das ist jetzt aber nicht so wichtig. Solange, wie sie da sitzt, schaut sie auf ihren Becher, dass ihn niemand umstößt. Sie kennt die Menschen von unten her aus dem Hocksitz. Sie hat sie lange angeschaut und beobachtet. Sie weiß, wer sie anzischt, vor wem sie wegrennen muss und wer ihr etwas gibt. Sie hat viel Zeit zum Schauen, auch wenn ihr Blick oft ins Leere läuft. Tagein, tagaus, bis sie abgeholt wird oder wieder zur U8 zurückläuft am Mann vorbei, der immer noch bunte Schals strickt vor’m Tor des Bahnhofs, über die Gleise der M2 hinunter in den Tunnel.

II.

Petrus und Johannes gingen hinaus in den Tempel um die neunte Stunde zur Gebetszeit. Und es wurde ein Mann herbeigetragen, der war gelähmt von Mutterleibe an; den setzte man vor das Tor des Tempels, das da heißt das Schöne, damit er um Almosen bettelte bei denen, die in den Tempel gingen. Als er nun Petrus und Johannes sah, wie sie in den Tempel hineingehen wollten, bat er um Almosen. Petrus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach: Sieh uns an! Und er sah sie an und wartete darauf, dass er etwas von ihnen empfinge. Petrus aber sprach: Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!vUnd er ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich wurden seine Füße und Knöchel fest, er sprang auf, konnte stehen und gehen und ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott.vUnd es sah ihn alles Volk umhergehen und Gott loben. Sie erkannten ihn auch, dass er es war, der vor dem Schönen Tor des Tempels gesessen und um Almosen gebettelt hatte; und Verwunderung und Entsetzen erfüllte sie über das, was ihm widerfahren war.

III.

Es geht nicht um Mitleid. Es geht auch nicht um schnelle Urteile oder gut begründete Vorurteile. Es geht auch nicht darum, ob man das unterstützen sollte oder wie man am besten dagegen vorgeht. Es geht nicht um Mitleid. Es geht nur ums Schauen. Sechsmal wird hingeschaut: Erst sieht er Johannes und Petrus, dann blicken sie ihn an, dann sagen sie, dass er endlich mal hochschauen soll und dann sieht er ihnen in die Augen. Zum Schluss schauen auch noch alle anderen hin und sie erkennen etwas, sie sehen etwas, was ihnen vorher entgangen war. Sechsmal wird hingeschaut und nicht einmal weniger. Und mittendrin geschieht ein Wunder. Danach – danach ruhen sich alle aus, wie am siebenten Tag der Schöpfung. Wie gesagt, es geht heute nicht ums Mitleid, sondern ums Sehen. Nicht um mehr und nicht um weniger. Auch Sehen braucht seine Zeit. Das Hinsehen und auch das Wegsehen. Vielleicht wirst Du sogar gerade beobachtet von irgendeinem Menschen in dieser Kirche, der Dich heimlich anschaut oder Dir zuschaut bei dem, was Du tust und Du Dich eigentlich ganz unbeobachtet wähnst. Vielleicht hat Dich heute auch schon jemand angestarrt auf dem Weg hierher und Du hast es gar nicht bemerkt.
Was hat dieser Mensch dann gesehen, als er Dich anschaute? Hast Du tief blicken lassen oder war Dein Außenpanzer in Schuss und Dein Gesicht kein Spiegel Deiner selbst? Willst Du unsichtbar sein oder endlich einmal nicht übersehen werden, sondern erkannt, wer Du wirklich bist, wie Du wirklich bist?
„Der Mensch sieht, was vor Augen ist, der Herr aber sieht das Herz an,“ heißt es hübsch und fromm in der Bibel. Wenn Du und ich aber zu seinem Ebenbild geschaffen sind – und das sind wir – können auch WIR den anderen ins Herz schauen, wenn Sie es uns erlauben. Und auch die anderen können uns ins Herz schauen, wenn wir nicht nur an der Fassade bauen und werkeln. Was ist dahinter? Zeig es doch einfach und sieh was passiert. Was soll Dir passieren „mit all Deinen Farben, mit all Deinen Narben, ob Du lachst oder weinst.“ Was soll Dir passieren „mit all deinen Farben mit all denen Narben, weißt Du denn nicht, wie schön Du bist.“ Wie schön Du gemacht bist. Du kannst es selbst sehen, aufstehen, gehen und umherspringen und die anderen werden es sehen, es erkennen und sich wundern über dieses Wunder. Das bist Du!

Schau sechs Mal länger hin morgens im Spiegel, wenn Du Dir selbst in die Augen schaust. Schau sechs Mal länger hin, wenn Du über irgendeinen Platz dieser Stadt huschst. Warte sechs Mal länger, wenn Dir jemand kurz in die Augen schaut. Schau sechs Mal länger hin und auf Dich selbst und Du wirst viel mehr sehen, vielleicht alles! Vielleicht soviel wie nach sechs Tagen, als Gott ALLES ansah, was er gemacht hatte…und siehe es war gut! Dann siehst Du Dich selbst, einen wunderbaren Menschen und am Ende ein Wunder. Amen