„Die Steine aus dem Weg räumen“

Dialogische Predigt über Jesaja 62,6-12

 

Rabbiner Andreas Nachama:

Das Buch Jesaja zerfällt nach der herkömmlichen wissenschaftlichen Meinung in mehrere Komplexe. Den Grundstock bilden die großen Reden des Propheten Jeshajahu ben Amoz, der vom Todesjahr des Königs Usia von Juda im Jahr 740 bis zur Belagerung Jerusalems durch Sanherib im Jahr 701 geweissagt hat. Der zweite Teil wird einem Deuterojesaja zugesagt, in anderen Worten, einem anonymen zweiten Autor, der von den Radaktoren des Buches Jesaja eben diesem Werk zugeschlagen wurde. Diese historischen Kapitel wiederum unterscheiden sich deutlich von den Kapiteln 40-66, die man die Überschrift: „Trostverkündigungen“ geben könnte. Sie werden einem anderen Anonymus, dem sogenannten Tritojesaja zugeschrieben. Wissenschaftlich umstritten ist, ob dieser Tritojesaja zum Zeitpunkt seiner Tröstungen bereits zurückgekehrt ist, oder dieser Rückkehr unmittelbar bevorsteht.

Führt dieser Prophet im 62. Kapitel seiner Weissagung ein Selbstgespräch über seine Absicht, unablässig für Zion zu arbeiten? Oder sind diese Kapitel bereits eine Reflexion über die aus dem Babylonischen Exil zurückkehrenden?

Welche Bedeutung hat ein solcher Text heute?

Was heißt es denn, die Steine aus dem Weg zu Räumen auf dem Weg nach Jerusalem? Heißt das eine Autobahn bauen?

Aber grundsätzlicher gefragt?

Sind nicht alle Synagogen und auch viele Kirchen nach Jerusalem ausgerichtet, also geostet?

Wenn ich denn jetzt ostwärts gehe, wo komme ich denn dann an?

Doch eher in  St. Petersburg oder in Moskau als in Jerusalem. Also ist wohl nicht eine geographische Bedeutung dieser biblischen Texte gemeint, sondern eine inhaltliche.

Was also bedeutet die Ostung?

Die Ostung schließt an, an das Jesja Wort „Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem“ (Jesaja 2,2f).

Das Wort Gottes wird in der jüdischen Tradition als „Erleuchtung“ bezeichnet – Erleuchtung – das Licht – die Sonne – kommt vom Osten – also sind Synagogen nicht nach dem Jerusalem auf der Landkarte, sondern zum Jerusalem des Himmels ausgerichtet – und das eben ist die himmlische Erleuchtung, die von Osten kommt. Wir sollen uns also fragen, wie kann ich mehr Licht, mehr Erleuchtung, mehr Wissen in diese Welt bringen.

 

Pfarrerin Corinna Zisselsberger:

„O Jerusalem!“: Mit diesem Seufzer, diesem Ausruf, beginnt der Predigttext.

„O Jerusalem!“: Kein anderer Ort auf der Welt enthält wohl dichter und konzentrierter so viele Erinnerungen, Sehnsüchte, Schmerzen und Träume. Heilig ist diese Stadt und identitätsstiftend, schwer beladen, umkämpft und konfliktreich. Und faszinierend, lieblich und wunderschön – wie sich auf dem Titelbild des Gottesdienstheftes erkennen lässt. Jerusalem, eine Stadt, die starke Gefühle hervorruft; eine Stadt, die ans Herz geht.

„O Jerusalem!“, beides bist Du: Aus Steinen gebauter konkreter Ort auf der Landkarte und sehnsuchtsvolle Verheißung einer neuen Erde und eines neuen Himmels, wie es in der Offenbarung heißt: „Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, […] und Gott wird bei den Menschen wohnen, und sie werden seine Völker sein.“ (Offb 21,2f)

In der christlichen Tradition spielt das irdische Jerusalem eine wichtige Rolle als religiöses und politisches Machtzentrum, schließlich wurde dort Jesus von Nazareth gekreuzigt und ist von den Toten auferstanden, wie es die Evangelien berichten. Schon früh wurde die Stadt zu einer sehnsüchtigen Pilgerstätte und zu einem Spielball politischer Auseinandersetzungen, die religiös aufgeladen wurden. Erinnert sei an die schreckliche Geschichte der Kreuzzüge ins Heilige Land. Und erinnert sei auch an die antijudaistische Auslegung des heutigen Evangeliums nach Lukas, in dem Jesus über die Zerstörung Jerusalems weint. Viel zu lange wurde das Weinen Jesu und die Zerstörung der Stadt als Strafe Gottes für das jüdische Volk gedeutet, weil es Jesus nicht als Messias anerkennen wollen würde.

„O Jerusalem!“ Für mich ist diese Stadt auch ein Mahnmal, eine bleibende Erinnerung an die verwobene Geschichte von Jüdinnen und Christen. Eine Erinnerung an die Schutthäufen, die sich im Verhältnis zwischen den beiden Religionen gebildet haben, und die größtenteils von christlicher Seite aus entstanden sind. Eine Erinnerung an die Schmerzen und das Leid, die das jüdische Volk erleiden musste.

 

Rabbiner Andreas Nachama:

Unsere Verse des 62 Kapitels des Propheten Jesaja werden am Sabbat vor Rosch Haschana, dem jüdischen Neujahrsfest, gelesen: es ist eine letzte Prophetenlesung der „Tröstung“ bevor das Jahr zu Ende geht.

In der jüdischen Tradition ist dieser tröstende Propetenabschnitt vor dem Rosch Haschana im unmittelbaren Kontext mit dem Sabbat während des Pessachtage zu sehen. Pessach fällt in den ersten Monat des hebräischen Kalenders, der so aufgebaut ist, daß Neujahr im siebenten Monat gefeiert wird.

Genau in der Mitte diesen Halbjahres ist der 9. Av, der Tag an dem der Tempel zerstört wurde. Wir haben es bei den Lesungstexten im April und dann im September also mit dem Anfang und dem Ende eines Tröstungszyklus zu tun.

Der erste Tröstungstext ist von Ezechiel, im Tal des Todes, und tröstet die Menschen im Angesicht des Todes mit der Vision, der Wiederauferstehung:

Da heißt es:

13 Dann werdet ihr erkennen, dass ich der Ewige bin, wenn ich eure Gräber öffne und euch aus euren Grabstätten als mein Volk heraushole.

14 Ich lege meinen Geist in euch, dass ihr lebendig werdet, und versetze euch in euer Heimatland. Dann werdet ihr erkennen, daß ich, der Ewige, gesprochen und gehandelt habe. (Ez 36)

Am Ende jener großen Tröstungsperiode nun lesen wir in Jesaja 62:

10 Zieht ein, zieht ein durch die Tore, bahnt des Volkes Weg, baut, ja baut die Straße, macht von Steinen sie frei, hebt über die Völker ein Panier!“

Die jüdische Geschichte war voll von Vertreibugnen, wie der nach Babylon und voller Rückkehrende – die die Steine hinwegräumen mußten, um neu anfangen zu können.

Geht es unmittelbar nach der damaligen Katastrophe, dem babylonischen Exil, um die Menschen, um das wiederbeleben der Untergegangenen, so geht es am Ende der Tröstungsperiode um das Rückführen dieser in die Gesellschaft, ja um das Wegräumen der Steine der verfallenen oder zerstörten Wege und Häuser.

Ein leider in der jüdischen Geschichte immer wieder aktuelles Thema.

Heinz Galinski, der langjährige Vorsitzende der jüdischen Gemeinde zu Berlin, antwortete 1982 auf die Frage, ob er – nachdem sich die Tore des Konzentrationslagers hinter ihm geschlossen hatten – eine Vorstellung, eine Vision hatte von dem, was passieren könnte, wenn dieses mörderische Regime zusammenbrechen würde?

Er antwortete:

»Selbstverständlich habe ich mir gedacht, dass eine Welt entstehen würde, in der nicht nur Frieden und Freiheit herrschen würden, sondern ich habe mir eine Welt vorgestellt, in der die Menschheit aus dieser schrecklichen Situation, aus diesem schrecklichen Erleben nicht nur einiges, sondern viel lernen würde. Dass der Krieg, dass die Auseinandersetzung mit Waffen abgelöst werden würde durch die Liebe unter den Menschen: das war eine Selbstverständlichkeit in unserem Denken. Wie konnte man etwas anderes annehmen?! Wenn man in einer solchen Situation lebt und doch die vage Hoffnung hat, eines Tages herauszukommen, dann glaubt man, es wird sich eine Welt auftun, in der Menschenliebe und das Verständnis unter den Menschen das erstrangige Gebot sein würden. Dass Verständnis unter den Völkern herrschen würde, daß die Welteinsehen würde, dass nach diesen Millionen von Opfern jetzt eine Zeit anbrechen würde, in der Krieg nicht das geeignete Mittel sei, um Differenzen aus der Welt zu schaffen.“

Heinz Galinski war kein Prophet, aber er drückte das aus, was sicherlich viele jüdische Menschen seiner Generation glaubten, ja ein Stück jener Situation, die Leo Baeck einmal das »ewige dennoch« beschrieben hat. Die zerstörten Synagogen wurden wieder aufgebaut, die gebrochenen Menschen versuchten ein neues Leben – und heute gibt es das – hier und in jenem Jerusalem, das auf der Landkarte ist.

10 Zieht ein, zieht ein durch die Tore, bahnt des Volkes Weg, baut, ja baut die Straße, macht von Steinen sie frei, hebt über die Völker ein Panier!“

Wo immer Juden nun dieses Jerusalem sehen, auf der Landkarte, also auf Erden, oder im Himmel, sie räumen die Steine hinweg, um durch die Tore der Stadt hindurchschreiten zu können, und wenn das Babylon, das Exil, in dem sie sich befinden, auch noch so fern von der wunderbaren Stadt ist, die wir alle vor Augen haben. Das ist das, was Leo Baeck, der große Berliner Rabbiner des 20. Jahrhunderts meinte, als er sagte, es gib in der jüdischen Geschichte ein ewiges Dennoch. Nach der Zerstörung, kommt der Wiederaufbau: Räumt die Stein hinweg! Und so hat sich nach der Schoa zum ersten Mal seit 2000 Jahren ein christlich-jüdischer Dialog entwickelt – und lassen wir uns jetzt an, die Steine hinwegzuräumen, den es im Tri-Dialog mit Muslimen gibt und bauen hier in Berlin gemeinsam ein haus – das House of One an der Stelle, wo Berlins älteste Kirche stand – ja und räumen die Steine hinweg.

und vielleicht erfüllen sich dann die Worte des letzten Verses unders heutigen Textes:

12 Man wird sie nennen »Heiliges Volk«, »Erlöste des HERRN«,
und dich, Jerusalem,  wird man nennen »Gesuchte«
und »Nicht mehr verlassene Stadt«.

 

Pfarrerin Corinna Zisselsberger:

„O Jerusalem!“ Was uns der heutige Predigttext und unser jüdisch-christliche Dialog lehren, sind ein genaues Hinsehen und ein behutsames Hören auf Gottes Wort, das Erleuchtung und Wissen schenkt.

Wir Christinnen und Christen sollten uns daher beim Lesen der Verheißungen des Jesaja nicht automatisch und vorschnell mit Israel identifizieren. „Gehet ein, gehet ein durch die Tore! […] Machet Bahn!“, diese Worte gelten in erster Linie Gottes geliebtem Volk. Wir spielen zwar nicht die Hauptrolle im Text, aber auch wir kommen darin vor: „Richtet ein Zeichen auf für die Völker!“, heißt es in V. 10. „Die Völker“ – das sind wir. Die Völker, wohnend bis an die Enden der Welt, kommen zur Verheißung Gottes hinzu. In diesem Sinne heißt es bei Jesaja einige Kapitel zuvor: „[…] denn mein Haus wird ein Bethaus heißen für alle Völker“(Jes 56,7).

Jesajas Worte machen mir Mut, dass auch wir Christinnen und Christen mit hinein genommen sind in Gottes Weg mit den Menschen; den Weg, den Israel uns vorausgegangen ist und immer noch vorausgeht. Auf dem es uns mühevoll und ausdauernd Steine weggeräumt hat und weiter wegräumt. Ich fühle dafür große Dankbarkeit und Verbundenheit.

Und ich finde, wir Christenmenschen sollten beim Steine wegräumen beherzt mit anpacken – nicht tonangebend und herrisch, sondern demütig und von Herzen dankbar für Israels Dienst. Damit die Schutthäufen dieser Welt nicht dauerhaft bestehen.

„Räumt die Steine weg!“ – diese Aufforderung bedeutet für mich, mich dafür einzusetzen, dass Vorurteile und Berührungsängste zwischen den Religionen abgebaut werden. Dass das, was uns belastet in unserer langen Geschichte, nicht unversöhnlich zwischen uns steht. Dass Dialog und friedliches Miteinander, sogar gemeinsames Gebet möglich sind. Ich bin dankbar und froh, dass ein Rabbi und eine Pfarrerin heute in einer evangelischen Kirche gemeinsam Gottesdienst feiern können.

Und ich vertraue auf die Kraft des Gebets, unseres gemeinsamen multireligiösen Friedensgebetes, wie wir es heute hier und regelmäßig im House of One Pavillon praktizieren. Wir liegen gemeinsam Gott in den Ohren, erinnern ihn an seine Verheißungen und bitten ihn um seinen Frieden. Wie es bei Jesaja heißt:

„O Jerusalem, ich habe Wächter über deine Mauern bestellt,

die den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht  mehr schweigen sollen.

Die ihr den HERRN erinnern sollt, ohne euch Ruhe zu gönnen,

lasst ihn keine Ruhe, bis er Jerusalem wieder aufrichte

und setze zum Lobpreis auf Erden.“

Amen.