Predigttext: Lukas 3,3-18

(I. Johanna im Dunkel)
Ihre Finger hat sie tief in den Taschen ihres Mantels vergraben.
Kalt ist es an diesem Abend, an dem das Dunkel schon ewig zu dauern scheint.
Überall leuchten helle Lichter und spiegeln sich auf den Gesichtern der fröhlichen Menschen um sie herum. Vorboten, Vorfreuden der kommenden Zeit: Musik, Gelächter, Düfte…
In ihr ist es finster. Sie kommt sich vor wie ein schwarzes Loch, das die positive Energie und das Licht um sie herum schluckt.
Sie fühlt sich krumm und uneben, so unpassend für diese Welt, falsch in ihrem Körper, einsam wie in der Wüste.
Das Herz gebrochen, leer die Krippe und der Kopf platzt vor lauter hämmernden Fragen.
Johanna im Dunkel.

(II. Der Finger)
Am Finger ist er meistens zu erkennen. Er ist schließlich der Zeiger.
So lang, so spitz, so übernatürlich gestreckt wie auf dem Isenheimer Altar.
„Siehe, Gottes Lamm! Hier, guckt, da ist er: der, der stärker ist als ich, er kommt!“
Ein ganzer Mensch, reduziert auf einen Finger, der ihn überragt.
Hocherhoben ist er, der Finger: „Ihr Otterngezücht! […] Seht zu, bringt rechtschaffene Früchte der Buße!“
Und schön pulend in der Wunde: „…jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.“
Johannes, der heuschreckenessende Eremit in der Wüste: mahnend, fordernd, kündigend von dem, der nach ihm kommt.
Johannes, heiß ersehnt und geliebt von seinen alten Eltern Elisabeth und Zacharias – den staunenden Lobgesang des werdenden Vaters über die Geburt seines Sohnes haben wir im Eingang zusammen gebetet.
Johannes, dessen kurzes Leben grausam endet, der Kopf abgeschlagen von Herodes, weil ihm nicht gefiel, was Johannes predigte: Nämlich Umkehr, Neuanfang, Aufräumen.
Der Finger zeigt in die dunklen Ecken und holt ins Licht, was lieber unangetastet wäre: Die halbgaren, lauwarmen Bemühungen, die faulen Kompromisse, die zwielichtigen Machenschaften.
Und auch den Schmerz. Über nicht-Gelebtes, über das eigene Versagen und über das, was nicht in unserer Hand liegt.

(III. Fingerzeig)
Ach, Johannes. Dein Finger lenkt meinen Blick in diesen Tagen, die so erfüllt sind vom nahenden Glanz, quasi überfüllt: Ein Fingerzeig für mich, ins Dunkel, in mein Dunkel, zu schauen, wo Licht und Klarheit fehlen.
Denn unsere Lebenszeit ist begrenzt, auch und gerade der Advent, wir spüren es.
Die Axt liegt schon am Baum, also am Christbaum: Da rollt noch was Gewaltiges auf uns zu! Kind in der Krippe, ja, aber siehe, der HERR kommt auch gewaltig! Stärker und umfassender als der Predigende in der Wüste. Wo Johannes uns schon den Kopf wäscht mit seiner Bußpredigt, da wird es noch heißer hergehen mit Jesus. Feuerteufe mit Gottes Liebe! Brennende Wälder kennen wir, auch brennende Herzen, brennend vor Angst, vor Scham. Gewaltig und groß, ja, so muss Gott doch kommen, angesichts unserer drängenden Lage! Der Finger sagt: Denkt dran! Rechnet ihr noch damit?

Jetzt ist die Zeit des Heils und der Rettung. So singt es Zacharias im Benedictus, im Lobgesang. Mein Leben, so sagt es mir der Finger des Johannes, liegt ja auch, zumindest ein kleines Stück, in meiner Hand.
Ein Fingerzeig für mich, wenn ich mit den Zöllnern und Soldaten, ja mit der ganzen Menge frage: „Was soll ich nur tun?“ Es ist nicht alles schon verwirkt, verloren, verflogen, zu spät und zu voll! Einfach und konkret ist Johannes‘ Antwort: Miteinander teilen, ans Abgemachte halten und niemanden über den Tisch ziehen, kein Unrecht und keine Gewalt.
Also: rechtes Tun, kein krummes; ebener Weg, nicht zu hoch und nicht zu tief.
Maßvoll, angemessen.
Keine Gleichmacherei, sondern eine Angleichung, Annäherung.
Die Lebenstiefen werden überbrückt, die Hindernisse und Schwierigkeiten werden überwunden.
So wird Gott der Weg bereitet.
Festgelegt, nachkontrollierbar, auf zwischenmenschlich gerechte Standards.
Ein Fingerbreit Klarheit.

(IV. Johannes im Licht)
Und: Kein Licht ohne Schatten, kein Schatten ohne Licht. „Chiaroscuro“ wird die Methode genannt, „Hell-dunkel“. Beides ist da, beides darf sein.
Nicht Mann, nicht Frau – oder vielmehr: ganz Mann und ganz Frau.
Verwirrend, sinnlich und anziehend. Jenseits aller Festlegungen.
Ein strahlender Glanz liegt auf Johannes, wie ihn Leonardo da Vinci gemalt hat.
Sein letztes Ölgemälde, bevor er vor genau 500 Jahren gestorben ist.
Kein Leben im Schatten, auch nicht im Schatten des Stärkeren, der da noch kommt. Sondern warmes Licht, selig-wissendes Lächeln, fließende Bewegung.
Die Hand am Herz und der Finger ist zur Geste des ganzen Körpers, des ganzen Seins geworden.
Johannes ist Teil der Lichtwerdung Gottes. Er oder sie lächelt mit dem ganzen Körper, in wissender Einsicht, weil er Teil von etwas geworden ist, das unendlich ist: Gottes heiße Liebe, die ohne Festlegungen existiert, grenzüberschreitend, lebensfördernd, menschenfreundlich.
Johannes blickt die Betrachterin an und schaut gleichzeitig nach oben, wohin der Finger zeigt. Gen Himmel. Und ganz unscheinbar, fast unsichtbar, zeichnen sich hinter seinem Finger die Konturen eines Kreuzes heraus.
Hand aufs Herz: Du weißt doch, was zu tun ist im Miteinander: Aufrecht sein, teilen. Das ist klar und deutlich. Gott gießt sein Feuer der Läuterung und Verständigung aus. Es flutet unsere dunklen Machenschaften mit Licht und Klarheit.
Und Johannes Finger sagt mir heute im Bild des Leonardo: Es gibt viele Farbschattierungen in der eigenen Identität. Nichts davon ist krumm oder uneben. Sondern alles ist richtig und recht. Alles darf sein.
Und Johannes und Johanna und du und ich werden leuchten, mag auch so viel Dunkel um uns her sein. Erfüllt und umhüllt vom Glanz dessen, der uns mit der warmen heiligen Geistkraft tauft.
Amen.

Es gilt das gesprochene Wort!

Leonardo da Vinci: Johannes der Täufer (wikimedia commons)