VORHER GELESEN

Dann wird das Himmelreich gleichen zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und gingen hinaus, dem Bräutigam entgegen. Aber fünf von ihnen waren töricht und fünf waren klug. Die törichten nahmen ihre Lampen, aber sie nahmen kein Öl mit. Die klugen aber nahmen Öl mit in ihren Gefäßen, samt ihren Lampen. Als nun der Bräutigam lange ausblieb, wurden sie alle schläfrig und schliefen ein. Um Mitternacht aber erhob sich lautes Rufen: Siehe, der Bräutigam kommt! Geht hinaus, ihm entgegen! Da standen diese Jungfrauen alle auf und machten ihre Lampen fertig. Die törichten aber sprachen zu den klugen: Gebt uns von eurem Öl, denn unsre Lampen verlöschen. Da antworteten die klugen und sprachen: Nein, sonst würde es für uns und euch nicht genug sein; geht aber zu den Händlern und kauft für euch selbst. Und als sie hingingen zu kaufen, kam der Bräutigam; und die bereit waren, gingen mit ihm hinein zur Hochzeit, und die Tür wurde verschlossen. Später kamen auch die andern Jungfrauen und sprachen: Herr, Herr, tu uns auf! Er antwortete aber und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Ich kenne euch nicht. Darum wachet! Denn ihr wisst weder Tag noch Stunde.
Evangelium nach Matthäus Kapitel 25, Verse 1-13

Und wieder fällt die Tür krachend ins Schloss.
Die Tür zwischen den Lebenden und den Toten. Sie zerreißt das Band zwischen Menschen. Unterbricht Beziehungen, nimmt Kinder weg, reißt Liebende auseinander. Nie mehr werde ich das Gesicht meiner Frau sehen. Nie mehr den Duft des Essens atmen, das mein Partner gekocht hat, wenn ich von der Arbeit komme. Nie wird das Zimmer bezogen werden, das für mein Baby bereitet war. Nie mehr erklingt das ansteckende Lachen meiner Freundin mit dem kleinen Juchzer in der Mitte.

Und wieder fällt die Tür krachend ins Schloss.
Und drinnen sind jene, die genug Öl haben für ihre Lampen und feiern ein Fest mit dem Bräutigam. Und die ohne Licht stehen draußen vor der Tür, und ich mit ihnen. Klug die drinnen. Töricht die draußen.
Die einen clever und zielorientiert, die anderen vertrottelt, arglos und ineffektiv. Sie betteln vergeblich um Einlass. „Herr, tu uns auf“, rufen sie. Und durch die Tür nach draußen sagt jemand: Ich kenne euch nicht.

Und wieder fällt die Tür krachend ins Schloss.
Und ich frage mich, warum brauchen eigentlich alle jungen Frauen Lampen? Warum tragen alle das gleiche Festkleid und das gleiche Leben und haben das gleiche Ziel? Könnten nicht die Dummen ein paar Sträuße pflücken? Bunte Sträuße aus Herbstblättern und aus den letzten blassroten Rosen, die sich im Schutz der Häuserzeilen vor dem Frost gerettet haben? Und könnten sie nicht ihre Sträuße in die Luft halten, so dass sie leuchten im Licht der Lampen der Anderen?
Oder sie könnten Girlanden basteln aus dem, was sie auf der Straße finden; aus Pappbechern, Tüten und Scherben. Girlanden, die im nächtlichen Wind rascheln und glitzern.Und dann haken alle jungen Frauen sich unter. Sie bilden eine bunte Reihe quer über die Straße. Kleine und Große. Dünne und Dicke. Schillernde. Blasse. Kluge. Törichte. Keine wie die Andere. Sie rennen und lachen und singen:
You are beautiful in every single way
no matter what they say
words can’t bring you down.
Und es ist nicht wichtig, wenn Eine die Töne nicht trifft.

Und wieder fällt die Tür krachend ins Schloss.
Und ich frage: Wo ist eigentlich die Braut?
Die Braut in ihrem wunderschönen Kleid, mit den ins Haar gebundenen Blüten und mit dem zarten Schleier. Wo ist sie in dieser Nacht und in dieser Geschichte? Hat sie es sich etwa anders überlegt? Sind ihr angesichts der gleich stattfindenden Vermählung etwa Zweifel gekommen, wem sie sich da verspricht? Einem, der womöglich ihre Schwestern vor der Tür stehen lässt? Einem, der den Kellner im Restaurant beschimpft, wenn beim Eingießen ein wenig Rotwein auf der schneeweißen Decke landet…?Vielleicht läuft sie ziellos durch die Stadt. Oder balanciert über die Dächer. Und ihr Kleid leuchtet im Dunkel wie der Mond. Womöglich steigt sie gerade ins Riesenrad auf dem Weihnachtsmarkt am Alexanderplatz, das am Ewigkeitssonntag noch still steht und ohne hell leuchtende Lampen. Oder sie verschwindet im Park dahinter. Tanzt mit dem Fuchs und mit den Hasen, die dort zusammen wohnen. Und dann baut sie eine Hütte. Aus Kartons und alten Planen. Eine Hütte ganz ohne Tür und ohne Schloss. Nur mit dem Schleier als Vorhang. So dass alle eintreten dürfen. Auch die Tiere und die törichten jungen Frauen – und sogar der Bräutigam.

Und wieder fällt die Tür krachend ins Schloss.
Und ich frage: Wer ist eigentlich dieser Bräutigam?
Und möchte ich ihn überhaupt kennen?
Möchte ich überhaupt mit ihm eintreten zu seinem Fest?
Er kommt unhöflicherweise viel zu spät. Und fordert dann noch große Aufmerksamkeit. Um am Ende den geduldig Wartenden die Tür vor der Nase zuzuschlagen. Ach, soll er da drinnen doch Kaviar essen und Champagner trinken! Wir tanzen stattdessen auf der Straße. Die Törichten und ich. Und die, die immer auf der Straße sind. Die sich damit abgefunden haben, dass niemand sie kennt. Und auch nicht kennenlernen will. Irgendjemand von ihnen hat immer Musik dabei. Und Bier. Die Braut kommt dazu. Samt Fuchs und Hasen und Schleier. Wir singen und tanzen und trinken. Küssen und heiraten uns. Und Jesus ist dabei. Draußen auf der Straße. Er war schließlich fast immer irgendwo vor der Tür. Auf der Straße. Bei den Kranken, bei den Übersehenen, bei den Törichten. Bei den Sünderinnen. Er sagt: Klopft und ich tue euch auf. Er sagt: Die Geringsten – das bin ich. Er lobt die Frau, die das kostbare Öl verschwendet, um seine Füße zu salben. Und hat nie das Öl für sich behalten. Und nicht das Licht. Und nicht einmal sich selbst. Bis zu seinem Tod am Kreuz. Draußen vor den Türen der Stadt.

„Darum wachet“, sagt Jesus, „denn ihr kennt weder den Tag noch die Stunde“.
Denkt und fühlt selbst. Heute. Am Ewigkeitssonntag. An dem Tag, an dem wir wie jeden Tag unsere Toten betrauern. Wir werden gleich ihre Namen hören. Können weitere Namen hinzufügen. Werden sie innerlich mitsprechen. Tote, die wir vermissen, deren Namen nicht genannt werden. Tote, um die wir trauern, obwohl sie schon längere Zeit nicht mehr da sind.
Haltet für möglich, dass die Tür offen bleibt. Dass ihr eintreten dürft. Und er euch erwartet. In Gestalt der Liebe, die über den Tod hinaus reicht. Haltet für möglich, dass in einem Wort, in einer Geste, in einer Melodie, die diese Liebe weiter erzählt, der geschmückte Festsaal hinter der Tür sichtbar wird. In den alle treten dürfen.
Ein Vorgeschmack ist das Abendmahl, das wir gleich zusammen feiern. Es ist das Festmahl, an dessen Tisch alle geladen sind.  Alle. Auch die uns voran gegangen sind. Wir singen ja ihre Lieder. Und lassen uns durch sie erinnern, was wir so dringend brauchen und was uns dazu verhilft, zu leben, ohne Furcht vor der Stunde, da der Herr kommt: Das stärke dich, das bewahre dich, das halte dich fest in der Liebe zu allem was lebt. Ich will mich nicht damit abfinden lassen, dass das Himmelreich gleiche den zehn jungen Frauen, von denen fünf aus den benannten Gründen vor der Tür bleiben müssen. Ich stelle mir das Himmelreich mit den zehn jungen Frauen vor. Von denen keine wie die Andere ist. Davon möchte ich träumen. Und ermutigen, selbst zu denken und zu fühlen, um einander dann davon zu erzählen: Wie ist es, das Himmelreich? Was glaubst Du?
Amen.

Es gilt das gesprochene Wort.